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Kritis(ch): Iraks größe Ölraffinerie nach Anschlag geschlossen

Laut Reuters wurde die größte irakische Ölraffinerie heute bei einem Bombenanschlag beschädigt. Die Produktion wurde stillgelegt. Auch eine zweite kleinere Raffinerie brannte - offenbar aufgrund eines technischen Defekts. Nach Angaben der Nachrichtenagentur exportiert der Irak bislang noch keine Erdölprodukte, weil jegliche Produktion für den Eigenverbrauch im Land benötigt wird. Die Lagervorräte "reichen für mindestens sieben Tage". Zum Vergleich: In allen Mitgliedsländern der Internationalen Energieagentur (IEA), so auch Deutschland, lagern 90-Tage-Reserven.

In Deutschland gehört die Energieinfrastruktur zur "Kritischen Infrastruktur" (KRITIS):

Kritische Infrastrukturen sind Organisationen und Einrichtungen mit wichtiger Bedeutung für das staatliche Gemeinwesen, bei deren Ausfall oder Beeinträchtigung nachhaltig wirkende Versorgungsengpässe, erhebliche Störungen der öffentlichen Sicherheit oder andere dramatische Folgen eintreten
würden.

Quelle: Nationale Strategie zum Schutz Kritischer Infrastrukturen

Diese Einordnung hat den Hintergrund, dass Störungen der KRITIS zu systemischen Störungen werden können, die das gesellschaftliche Gesamtsystem erschüttern können. Problematisch ist, dass es für Lieferungen aus dem Ausland wenig nationale Einflussmöglichkeiten gibt. Diese Erkenntnis lag sicherlich der Aussage des ehemaligen Bundespräsidenten Köhler zugrunde, über die er letztlich von seinem Amt zurücktrat. Er sagte damals sinngemäß, dass darüber diskutiert werden müsse, ob auch ökonomische Zielstellungen Auslandseinsätze der Bundeswehr nötig machen könnten:

Meine Einschätzung ist aber, dass insgesamt wir auf dem Wege sind, doch auch in der Breite der Gesellschaft zu verstehen, dass ein Land unserer Größe mit dieser Außenhandelsorientierung und damit auch Außenhandelsabhängigkeit auch wissen muss, dass im Zweifel, im Notfall auch militärischer Einsatz notwendig ist, um unsere Interessen zu wahren, zum Beispiel freie Handelswege, zum Beispiel ganze regionale Instabilitäten zu verhindern, die mit Sicherheit dann auch auf unsere Chancen zurückschlagen negativ, bei uns durch Handel Arbeitsplätze und Einkommen zu sichern. Alles das soll diskutiert werden, und ich glaube, wir sind auf einem nicht so schlechten Weg.

Quelle: Interview im Deutschlandradio

Aus Sicht der Sicherung der Ölversorgung sind solche Gedankenspiele verständlich, wenngleich auch kritisch. Aus dem Weg gehen ließen sich Ressourcen-Konflikten eher, wenn es keine Abhängigkeiten in jenen Größenordnungen gäbe, wie es die Öl-Abhängigkeit Deutschlands und der meisten industrialisierten Länder darstellt. Im Rahmen von Peak Oil, das spricht ja auch die Bundeswehr-Studie an, sind Konflikte um Ressourcen wahrscheinlicher.

Konfliktreich ist weiterhin die Entwicklung in Nordafrika. Die Ölförderung in Libyen ist (ebenfalls laut Reuters) in einigen Feldern um die Hälfte zurückgegangen, die Exporte wurden offenbar ganz eingestellt. Damit dürften dem Weltmarkt eine durchaus marktwirksame Menge Öl fehlen, denn Libyen produziert 2% der globalen Menge. Der größte Teil der Felder liegt im Osten des Landes, dort hat die Zentralregierung ihren Einfluss verloren. Zugleich wird über die Spaltung des Landes spekuliert, wodurch ölreiche und ölarme Regionen entstehen könnten und möglicherweise Konzessionen und Verträge völlig neu ausgehandelt werden müssten. Im Hinblick auf die globale Ölversorgung eine destabilisierende Situation.

Insbesondere in englischsprachigen Online-Medien ist das Stichwort Peak Oil inzwischen wieder vermehrt präsent...

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