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„Verbrecherische“ Energiewende: Zwischen Stromkosten und Humusbildung

Ein Bürgermeister der Dresdner Region sagte uns letztens klar ins Gesicht: Er hält den eingeschlagenen Weg der Energiewende für "verbrecherisch", insbesondere weil er nicht in eine Gesamtrechnung eingebettet ist und von Arm zu Reich umverteilt. Mit Verweis auf die Endlichkeit der fossilen Energierohstoffe wurden wir uns einig, dass eine Energiewende nötig ist und auch, dass alternative Energiequellen angezapft werden müssen. Doch der bisherige Weg ist für ihn ein Irrweg, insbesondere weil die Kosten für den Strom weiter steigen und dafür auch kleinere Stadtwerke als Sündenböcke herhalten. Heute schreibt SPIEGEL ONLINE: Erneuerbare Energien - Ökostrom kostet Verbraucher so viel wie nie. 20 Milliarden Euro wurden 2012 umverteilt: Von (kleinen) Stromverbrauchern zu Erzeugern von Strom aus erneuerbaren Quellen - insbesondere Photovoltaik-Anlagen-Betreibern.

Auf's Jahr gerechnet sind das 250 Euro pro Kopf in Deutschland, also etwa 20 Euro pro Kopf und Monat. Das ist viel für Geringverdiener, wenig für Großverdiener und etwa 1% des Bruttoinlandsprodukts. 1% des BIP für die Umstellung auf neue Energiequellen scheint angesichts der Endlichkeit fossiler Energierohstoffe nicht besonders viel. Und angesichts der Kostensteigerungen für den Import fossiler Energieträger auch nicht übermäßig massig: Rechnet man die Importkosten für Öl, Gas und Kohle von Juli 2012 auf das Jahr hoch, so ist man bei etwa 100 Milliarden Euro, die die deutschen Energie-Nutzer ins Ausland überwiesen. Ein Fünftel davon wurde also im Land zum Zweck des Ausbaus der hiesigen Energieerzeugung umverteilt - kein kleiner Betrag, aber eben auch keiner, über den man sich mehr aufregen muss als über die Importkosten. Wann regt sich Stammtisch, Politik und Presse schon über den dauerhaften Kaufkraftabfluss für steigende Öl-, Gas- und Kohlepreise auf? Zumal die Importmengen dank überschrittenem Peak Oil & Gas ständig ansteigen.

Unter dem Titel "Aus Gras wird Kohle" stellte SPIEGEL ONLINE dieser Tage auch ein Karbonisierungsverfahren vor, an dem auch das Karlsruher Institut für Technologie KIT forscht. Während in der NDR-Doku "Bis zum letzten Tropfen" noch von Sunfuel als Autotreibstoff die Rede ist, ist nun von Coalfuel die Rede, als Treibstoff für den bestehenden Kraftwerkspark. "Biokohle" soll aus "organischen Reststoffen wie Gras, Laub oder Rasenschnitt" gewonnen werden. Die Biomasse wird ausgekocht, getrocknet und das Endprodukt ist dann kohlekraftwerkkompatibel. 10 bis 15% der Biomasseenergie wird in einer Pilotanlage in Ludwigsfelde für diesen Prozess benötigt. Ein Projekt der Bundeswehr-Universität München in Kooperation mit der Firma Florafuel braucht für einen ähnlichen Prozess 30% der reingesteckten Energie. Multipliziert man die übriggebliebene Biomasseenergie mit dem Wirkungsgrad heutiger Kohlekraftwerke von etwa 40%, so kommt am Kraftwerksende etwa ein Viertel bis ein Drittel der reingesteckten Biomasse-Energie als Strom heraus (Transportprozesse der Biomasse vom Acker in die Aufbereitungsanlage sind da noch nicht mitbetrachtet). Die Nutzenergie liegt dann natürlich noch darunter, denn jede Lampe, jeder Elektromotor, jede Heizspirale und jeder Kilometer Übertragungsleitungen bringen weitere Verluste mit sich. Das akute Problem der Technik sind jedoch ihre Kosten. Mit ostdeutscher Braunkohle, so der Artikel, ist die "Biokohle" nicht wettbewerbsfähig. Das allerdings könnte sie werden, wenn die weltweiten Kohlepreise weiter steigen oder die Sachsen auf die die Idee kommen, von Vattenfall und Co. endlich mal eine Konzessionsabgabe auf die Kohleförderung zu erheben - bisher erfreut man sich nämlich nur an Arbeitsplätzen in Tagebauen und Kraftwerken, läßt den kostbaren Rohstoff aber ansonsten kostenfrei fördern. (Stattdessen will man Wasserkraftwerke mit einer Wasserentnahmeabgabe belasten und EEG-Gelder auf diesem Wege in den Landeshaushalt umleiten.)

Unbeachtet bleibt bei der "Gras-Kohle" jedoch der Aspekt der Kompostbildung. Denn bislang landen Gras, Laub oder Rasenschnitt im Kompost und - wie der SPON-Artikel bedauernd feststellt - ihre Energie bleibt ungenutzt. Was passiert jedoch, wenn wir große Mengen Biomasse aus der Humusbildung in die Energienutzung umlenken? In einer extremen Ausprägung würden alle pflanzlichen Bereiche nach Zwischenverwertung in die energetische Nutzung eingespeist, ohne dass Nährstoffe zurück auf Wiesen und Äcker finden und natürlicher Humusbildungsprozess kaum noch stattfindet. Bereits heute beanspruchen wir in Deutschland 75% der oberirdischen Biomasseproduktion, greifen also extrem in die Humusbildung und damit in die Böden und unsere künftige Nahrungsmittelversorgung ein. So interessant die Biomasseenergienutzung also klingt, sie wird gefährlich, wenn sie entkoppelt von anderen Prozessen in der Natur betrachtet und angewendet wird. Risiken und Nutzen stehen angesichts des geringen energetischen Outputs in einem seltsamen Verhältnis. Aus bislang "ungenutzten organischen Reststoffen" ließe sich Strom für 2,5 Millionen Haushalte gewinnen. Angesichts 40 Millionen Haushalte (Tendenz dank Vereinzelung steigend), die alle mehr brauchen als nur Strom (nämlich: Wärme, Transportenergie, graue Energie), kein besonders großes Potential.

Aus solchen Blickwinkeln läßt sich die Distanzierung des Bürgermeisters durchaus nachvollziehen. Wir probieren derzeit viele Sachen aus, um vom fossilen Pfad zu einem postfossilen Pfad zu kommen. Wer aber beleuchtet die Wechselwirkungen zwischen Biomasseenergie und künftiger Bodenfruchtbarkeit? Wer bewertet sie und entscheidet dann im Sinne enkeltauglicher Gesellschaft? Wer hat ein konsistentes Gesamtziel vor Augen? Die Energiewende in Deutschland wird weiterhin zu stark von einer Diskussion um Strom, um Stromkosten, um Atomenergie und um technische Machbarkeit dominiert. Dass die Energiewende auch als Kulturwende verstanden werden muss, wenn sie nicht "verbrecherisch" werden soll, muss erst noch bei Politik, Technikern, Investoren und Energieverbrauchern ankommen.

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18 Kommentare to “„Verbrecherische“ Energiewende: Zwischen Stromkosten und Humusbildung”

  1. Dieter Osler sagt:

    Verbrecherisch ? Ja, was denn sonst ?!
    Ich „darf“ ab dem 1. Januar d.J. JEDEN MONAT 100(einhundert !)Euro mehr für die elektrische Versorgung in meinem Einfamilienhaus bezahlen: das ist eine Erhöhung um 25 (fünfundzwanzig !) Prozent !
    Ich heize mit ehemals heftig beworbenen Nachtspeicheröfen, die heute -nicht zuletzt von der SPD- übel angefeindet werden, nur als Rentner habe ich finanziell keine Chance, eine andere Heizung einzubauen: eine derartige Investition wäre nur noch sinnvoll für meine Erben… Energiewende: klar, gerne, richtig und wichtig, aber nicht nur auf dem Rücken der Kleinen – aber eine Regierung, die nur noch die Umverteilung von Arm zu Reich im Auge hat, wird wohl kaum jemals irgendwie in eine andere Richtung zu denken beginnen. Kulturwende ? Ach ja, gerne, aber das dürfte mit unseren Politamateuren (oder muss man sagen: Ungelernten und zudem Lernunfähigen) wohl kaum zu machen sein !

  2. Genial wie komplexe Zusammenhänge dargestellt werden, dass es nicht nur um die Energie-Wende geht sondern um unseren gesamten Lebensbereich.
    noch immer glauben viele, alleine mit der Biomasse die Welt zu retten, wir brauchen verbrennungslose Energiegewinnung um die Humusbilanzen auf unseren Ackerböden wieder hin zu bringen.
    zum Ökostrompreis:
    würden die Strompreisverbilligungen durch EE an den Strombörsen den priv. Verbrauchern zu gute kommen, würde dies die heutigen Kosten erheblich reduzieren. Industrie und Großverbraucher drücken sich von der EEG Umlage und genießen die günstigeren Tarife bereits heute, der deutsche „Michl“ soll die Rechnung zahlen. Wehrt euch !!! Erneuerbare Energien sind nicht alles, aber alles ist nichts ohne den EE -Hermann Scheer +2010
    Besser PV am Dach als Aktien im Keller
    WL, erster Energieautarker bauernhof österreichs (seit 2002)

  3. Marcus Kracht sagt:

    Über die massiven finanziellen Hilfen für die Atomkraft redet von Seiten der Regierung niemand. Was die „Renaissance“ der Kernkraft verhindert, sind vermutlich die immensen Kosten (siehe Olkiluoto oder Flamanville). Wäre das aber ein Thema, ließe sich etwas nüchterner über die angeblich so teuren erneuerbaren Energien reden. So aber werden die Mehrkosten wie heiße Kartoffeln herumgereicht, bis sie bei denen landen, die sich nicht gegem sie wehren können. Als Begründung dient dann die Einheitslitanei: die neuen, dh erneuerbaren, Energien sind schuld, nicht die alten.

    • Norbert Rost sagt:

      Lassen sich die Atomsubventionen eigentlich beziffern?
      Ich denke die Atomliebhaber können heute schon fast argumentieren: Ob nun 1000 Fässer Atommüll in der Asse lagern oder 2000 macht kostenseitig nicht mehr soviel Unterschied. Hunderttausend Jahre Pflege braucht es so oder so. Das Kind liegt im Brunnen, es gibt keinen Grund, nicht noch mehr Wasser hinterherzuschütten.

      • KAOS sagt:

        1992 wurde im Auftrag der damaligen Regierung eine Studie durchgeführt zu den Kosten, die im Falle eines GAUs für Deutschland entstehen würden. Diese Studie ergab, daß selbst wenn ein GAU als extrem unwahrscheinlich angenommen wird, Atomstrom nach damaligen Preisen 3,60DM mehr pro kWh hätte kosten müssen, um dieses Risiko mit einzupreisen. Die Studie wurde von der atomkraftfreundlichen Regierung natürlich nicht veröffentlicht, sondern stillschweigend unter den Teppich gekehrt. ^ ^
        https://de.wikipedia.org/wiki/Kernenergie#Unfallgefahr_.28Risiko_einer_Kernschmelze.29
        Hier gibt es den Original-Text der Studie (auch wenn die Seite, die ihn veröffentlicht, fragwürdig scheint – die Studie selbst stammt von einem seriösen Institut): http://www.zukunftslobby.de/Tacheles/prognstu.html

        Und wie gesagt, diese Studie preist „nur“ das Risiko eines GAUs mit ein, nicht die Kosten, die durch den Atommüll entstehen oder durch etwaige weitere versteckte Subventionierung.

  4. Marcus Kracht sagt:

    Lieber Norbert,

    man rechnet mit 200 Milliarden bis jetzt und noch einmal 100 Milliarden in der Zukunft … siehe diese Studie http://www.greenpeace.de/themen/atomkraft/nachrichten/artikel/atomkraft_mit_304_milliarden_euro_subventioniert/. Inzwischen ist der neue Block in Flamanville so teuer, dass sich Windräder gelohnt hätten. Und da reden wir nur über den Bau der Anlage, nicht über Endlager etc.

    Der Atomstrom wird halt über Steuermittel finanziert. Würde man auch dafür ein Umlageverfahren einführen, würden die Entscheidungen wohl ganz anders ausfallen.

    Liebe Grüße,

    Marcus

    • Tom Schülke sagt:

      frohes neues Jahr alle zusammen. Und Peak Oil wünsche ich natürlich 40 Millionen Besucher… pro Woche..

      Bei Zeit Online habe ich gerade einen Link auf eine Studie von Greenpeace zu den wahren Stromkosten gefunden, die die Summe aller verdeckten Subventionen für Fossile Energieträger mit einbezieht.. Zur qualität der Studie kann ich nichts sagen.. doch wenn es stimmt, wäre die EE natürlich bei umschlag der verdeckten Kosten auf die Fossilen Energieträger deutlich günstiger..

      Was das Thema oben weiter betrifft… dass natürlich niemand über die Folgewirkungen für den Humus nachdenkt, so ist dieses ein typischer Fall linearer Problemlösungsstrategien..

      Dazu habe ich einen hervorragenden Artikel Prof William E. Rees (des mitbegründers des ökkologischen Fußabdrucks) gelesen den man im englischen auf der Seite des Post Carbon Readers findet.. „thinking Resilience“.

      http://www.postcarbon.org/report/284699-foundation-concepts-thinking-resilience

      Solange wir nicht lernen in Systemen zu denken, werden wir noch vieles verschlimmbessern..Der Artikel würde sich auch gut auf Peak-oil.com machen..

      gruß
      Tom Schülke

  5. Ert sagt:

    Die „Soil-degradation“ wird auch in dieser BBC Doku thematisiert: https://www.youtube.com/watch?v=_3sxMByA1R0

    Ich habe dazu auch meinen Vater gefragt – und er hat mir nach einigem Nachdenken bestätigt, da die Bodenqualität in Punkto Regenwürmer & Co. vor 50 Jahren „krass“ anders war.

    Den letzten „Mutterboden“ den ich mir vom Feld geholt hatte war so auch komplett ohne Regenwürmer. Das ganze ist oft nur noch Pflanzsubstrat und ohne Düngung nicht zu gebrauchen.

    Der Raps & Maisanbau, der auch bei uns immer stärker wird, tut ein übriges. Die Bienen liegen dann nur Tod neben dem Rapsfeld – kein Scheiss.

    Ein Freund von uns ist Imker.. und hat immer mehr Probleme mit Varoa sowie totalem Kollaps der Völker. Ist ja auch ein problem wenn die Bienen nur noch ein oder zwei Sorten von Pollen zu essen bekommen – Monokulturernährung + Spritzmittel.

    Da hilft auch kein Biogarten mehr – da die Bienen einen zu großen Radius haben.

    Den Ungemach haben viele einfach gar nicht auf dem Schirm…. und der ist VOR DER HAUSTÜR!

  6. Flin sagt:

    http://www.spiegel.de/panorama/australien-buschfeuer-koennten-sich-zu-katastrophalen-braenden-ausweiten-a-876262.html

    Das ist dann die andere Seite zu unserem fossilen Energiezeitalter,man könnte meinen das ist doch nicht mehr im normalen Rahmen.

  7. M.U. sagt:

    Die wahren Kosten des „unsichtbaren Lichtes“ werden nirgend richtig beziffert. Eine Wette die wir auf unbestimmte Zeit absolut verloren hat. Schon auf Grund der Zeiträume über die dort geredet wird.

    Die Amerikaner räumen seit 20 Jahren Hanford Site auf. Irgendwo habe ich mal eine Zahl von 9 Billionen Dollar gelesen. Material dazu findet man hier: http://www.hanford.gov/page.cfm/HanfordSiteCleanupCompletionFramework

    Das finnische Atommüll-Endlager Onkalo ist mit einer Fertigstellung 2100 geplant. Und ich würde wetten das solche Ereignisse wie Peak-Oi und GDW(2050) in keiner dieser Rechnungen auftauchen. Die Kosten werden sich im laufe der Zeit ver-x-fachen. Und wenn das alles Umgesetzt ist haben wir gerade mal einen ganz minimalen Bruchteil des vorhanden Materials „sicher“ verwahrt.

    Ich denke, die realistische Betrachtung der Entsorgungs.- und Folgekosten würde jede Volkswirtschaft ruinieren. Unser Kinder und Enkel werden begeistert sein.

  8. M.U. sagt:

    Zu Onkalo gibt es zwei interessante Dokus:
    Into Eternity:
    http://www.intoeternitythemovie.com
    http://www.youtube.com/watch?v=sgtUxGCWIfg

    Zu Deutschland gibt es die Doku:
    Unter Kontrolle
    http://www.unterkontrolle-film.de

    Der Bau des Atomkraftwerks Stendal wurde nach der Einheit eingestellt und mit dem Abriss begonnen. Bis heute hämmern dort täglich Maschinen den Beton klein. 20 Jahre. Mich würden einmal die Treibstoffmenge und die Treibstoffkosten dafür interessieren.

    Das sicherste Endlager hat Mensch zerstört. Es war die absolute Gleichverteilung die der Entstehungsprozess unseres Planeten dafür vorgesehen und vorgenommen hat.

  9. M.U. sagt:

    Und hier noch eine sehr aufschlussreiche Dokumentation zum Thema Atom:
    Yellow Cake
    http://www.yellowcake-derfilm.de

    Geht um die weltweite Uranförderung und deren Folgekosten. Die Beseitigung der offensichtlichsten Hinterlassenschaften des Wismut-Wahnsinns (abtragen der Abraumberge sowie die grundlegende Sicherung und Trockenlegung der Tailings) wird darin mit 6 Milliarden beziffert (wenn ich mich recht entsinne)

  10. M.U. sagt:

    Habe mal noch die Links zu den Filmen gesucht.
    Into Eternity
    Yellow Cake
    Unter Kontrolle

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