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Russland-Krise: Wieso eine Energiewende der einzige Ausweg ist

Die Krise zwischen der EU, der Ukraine und Russland lenkt (endlich, aber viel zu spät!) die Aufmerksamkeit auf die Versorgungsfrage mit Öl und Gas. Kaum ist ein Konflikt zwischen dem Hauptlieferanten von Öl und Gas nach Europa sichtbar an die Oberfläche getreten, wird die Abhängigkeit sichtbar. In der WELT führt dies zu einem Artikel von Florian Eder und Daniel Wetzel, die unter dem Titel "Warum weltweit keine Energiequelle sicher ist" die Frage stellen:

Auf Basis von Daten der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe ist da erstmals in einem deutschen Mainstreammedium eine Karte zu sehen, die die wichtigsten deutschen Lieferländer von Erdöl und Erdgas zeigt und sogenannte "Krisenstaaten" hervorhebt. Erstmals besteht damit die Chance, dass hierzulande klarer darüber debattiert wird, wie eng Öl- und Gasversorgung heute bereits mit kriselnden Ländern verbunden sind. Die Diversifizierungsstrategie des EU-Energiekommissars Günther Oettinger, die auf Flüssiggastanker aus neuen Weltregionen und Fracking in Europa setzt, kritisieren die Autoren denn auch mit einem besonderem Zitat aus einer ganz besonderen Studie:

Für eine weitere Diversifizierung kämen als zusätzliche potenzielle Lieferanten für Deutschland vor allem Tunesien, die Republik Kongo, Äquatorialguinea, Turkmenistan sowie Usbekistan und der Sudan infrage, da diese Staaten noch erhebliche Ressourcen besitzen.

Dieser Satz, entnommen der berühmten Bundeswehr-Studie "Peak Oil - Sicherheitspolitische Implikationen knapper Ressourcen" (S. 66), dient als Beleg dafür, dass es eigentlich überall kriselt. Einen Ausweg aus dem Problem zeigen die Autoren nicht. "Die" Energiewende bräuchte "ein neues Rechtfertigungsmuster" schreiben sie und der Leser weiß nicht genau, ob dies nun tatsächlich die Meinung der Autoren ist oder eine subtile Schmähung - weil "die" Energiewende nun ja schon seit längerem von verschiedener Seite unter Beschuss ist. "Die" Energiewende begann für die meisten mit dem Super-GAU von Fukushima, dabei war das damals in den Fokus gerückte Energiekonzept der Bundesregierung bereits ein halbes Jahr alt. Dass ein Umbau der Energieversorgung so extrem mit Atomkraft, Klimawandel und "neuen grünen Jobs" verbunden wird, ist nicht allein dem EEG anzulasten, sondern auch der Interpretation der Medien. Zeitungen wie DIE WELT haben es in den Jahren seit Fukushima nicht geschafft, über den Tellerrand zu blicken und diese "Wende" einzuordnen in den großen Kontext: Dass die Zeit der fossilen Energieträger zuende geht, dass Peak Oil und Peak Gas und Peak Energy eine Frage der Zeit sind, dass Konflikte um die letzten Rohstoffe nicht auf die leichte Schulter genommen werden sollten, dass ein Umbau der Energieversorgung dringlich ist. Das war nicht zuletzt zu lesen in eben jener Bundeswehr-Studie, die bereits 4 Jahre alt ist. Jetzt, angesichts der zu einer Energiekrise kippenden Krim-Krise ist es Zeit, diese Studie erneut auszugraben und zu lernen. Leider vergißt die aus dem analogen Universum kommende WELT, einen Link zu eben diesem Papier zu legen und seine Leser sich ein eigenes Bild machen zu lassen.

Die Einordung der Energiewende in den großen historischen Kontext muss lauten: Weg von der Versorgung mit stark schrumpfenden Energiequellen kommt man nur, indem man ein System baut, welches andere Energiequellen nutzen kann. Dieser Um-Bau von einem System zum anderen bedarf Investitionen. Jeder Unternehmer weiß das. Investitionen haben den Nachteil, dass ihr Erfolg unsicher ist, ihre Rendite erst im Nachhinein glaubwürdig berechnet werden kann und: Dass sie Parallelbelastungen bedeutet. Denn so lange das neue System nicht steht, muss parallel zu seinem Aufbau das alte System weiterbetrieben werden. Die Energiewende kostet also über 20 Milliarden Euro jährlich, allein durch die EEG-Umlagen? Das stimmt, und das EEG gehört nachjustiert. Aber wer legt im Gegenzug die 100 Milliarden Euro auf die Geld-Waage, die die deutschen Haushalte und Unternehmen inzwischen jährlich für fossile Energieimporte ausgeben? Und da sind Subventionen, wie die Steuerbefreiung für Kerosin, noch nichtmal mitgerechnet.

Alle schreien nach Gas, welches als speicherbarer Energierohstoff die schwankenden Solar- und Winderträge abpuffern soll. Und im fossilen Denken verhaftete Menschen können Gas natürlich nur als Erd-Gas denken, als einen dieser magischen Ströme, die aus der Erdkruste zu uns heraufwabern. Dass wir heutzutage die Technologie haben, Methan auch selbst herzustellen, statt es uns über Pipelines liefern zu lassen, muss offenbar erst noch in den Medien breitgetreten werden. Wenn also Methan-Gas der Schlüssel zu einer erfolgreichen Energiewende ist, und wenn die Krisenhaftigkeit der globalen Öl- und Gasströme zunehmend erkannt wird, warum das Zeug also nicht mit deutscher Ingenieurskunst selbst erzeugen und Überschusstrom aus PV und Windkraft zwischenspeichern. Mag sein, dass diese Technologie kurzfristig teurer ist, aber langfristig hilft sie uns, Konfliktpotential abzuwerfen. Mag sein, dass diese Technologie nicht ausreicht, um unser heutiges Energieverbrauchsniveau aufrecht zu erhalten, aber niemand sagt, dass es kein gutes Leben mit weniger Energie gibt.

Das Festhalten an den fossilen Quellen wird uns weiterhin in Krisen führen. Eine "Oettingische Diversifizierung" mag die Konflikte ein klein wenig in die Zukunft verschieben, aber Abhängigkeit bleibt Abhängigkeit, Herr Energiekommissar! Peak Oil und Peak Gas holen jede Diversifizierung ein, Sie können diesen Phänomenen nicht entkommen. Auch eine 30-Tage-auch-im-Winter-Gas-Reserve, wie von Oettinger vorgeschlagen, ist keineswegs eine Problem-Lösung, sondern allenfalls ein Stabilisierungsbaustein. Das einzige, was langfristig wirklich hilft, ist ein Umbau des Energiesystems und die Anpassung der mit ihm verbundenen Systeme, wie das Transportsystem. Auch Fracking wäre hier kein Umbau, sondern ein Strohfeuer, eine Abschiedsparty, wie so mancher Geologe sagt.

Wäre schön, wenn DIE WELT sich diesen Blickwinkeln künftig öfter nähert. Damit die Energiewende nicht nur als Stromverkaufsprogramm für Solarinvestoren missverstanden wird, sondern als notwendiger und gangbarer Weg einer Industriekultur, die sich dem Ende ihrer energetischen Basis nähert.

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17 Kommentare to “Russland-Krise: Wieso eine Energiewende der einzige Ausweg ist”

  1. deedl sagt:

    Dieser Artikel hier schafft noch eine weitere Verbindung zwischen der Krise in der Ukraine und der Ölversorgung: http://www.commondreams.org/view/2014/03/08

    Im Prinzip sagt er aus, dass der größte Gegenspiler der Öl-Achse Washington/Riad im nahen Osten der Iran ist. Dessen wichtigster lokaler Verbündeter heißt Syrien und steht unter russischem Schutz. Diese Verbindung erst schafft überhaupt das Interesse der USA, Russland durch prowestliche Revolutionen in den Satellitenstaaten zu schwächen.

  2. Florian Hoppe sagt:

    *Sich die Autoren des WELT Artikels ansschaut*

    *Gähn* Der Wetzel mal wieder.
    LANNNNNGWEILLLIGGGG!!!!!!

  3. Frank Bell sagt:

    Meine Bekannten halten mich für paranoid, da sie einfach sagen, das Leben geht doch einfach weiter, schau nach draussen.

    Niedrige Arbeitslosigkeit, keine Wirtschaftscrash, Benzin ist auch wieder günstiger als vor ein paar Jahren, etc.

    Wie reagiert ihr auf so etwas, wenn überhaupt?

    Übrigens: Es würde mich nicht wundern, wenn bald aus allen Rohren „gefeuert“ wird und man vehement eine Rückkehr zur Atomkraft verlangt.

    Ein Hinweis ist ja, dass man den Unfall in Fukushima zur Zeit verharmlost und behauptet, es hätte dort keinen einzigen Toten gegeben.

    • Norbert Rost sagt:

      @Frank: Das stimmt ja auch: Das Leben geht doch einfach weiter.

      Doch nicht überall. Diskutiere Griechenland:
      http://www.wsj.de/article/SB10001424127887324235104578241112919601922.html
      Wie schnell aus einem Boomland im europäischen Verbund eine absolute Krisenwirtschaft mit Massenarbeitslosigkeit und Elend werden kann, zeigt sich da.

      Es gilt, RISIKEN zu thematisieren:

      Wie aus heiterem Himmel standen 2008 plötzlich Steinmeier und Merkel vor den Kameras und mussten zur Abwehr eines Bankrun verkünden, die Einlagen sind sicher. Schau nach Zypern: Waren sie sicher?

      Wie aus heiterem Himmel stehen 2014 plötzlich russische Truppen auf der Krim. Wie aus heiterem Himmel kann uns unsere Öl- und Gasabhängigkeit morgen sehr schmerzhaft vor Augen stehen. Wollen wir uns alle der Truthahn-Illusion (http://www.heise.de/tp/artikel/40/40939/1.html) hingeben, gilt es zu fragen

    • Stephan sagt:

      Ich glaube inzwischen daran, dass wir in 20 Jahren ähnliche Verhältnisse haben wie heute. Obwohl ich hoffe, dass der Nahverkehr deutlich ausgebaut werden wird, allein schon wegen dem Lärm, den Abgasen und den vielen Verkehrstoten, und nicht wie derzeit z.B. bei der Bahn ständig Verbindungen gestrichen werden, weil die Politik in Verbund mit der Bahn das anscheinend so will.

      Schon erstaunlich auch, dass ein Großflughafen quasi in allerletzter Minute ein Eröffnungsverbot verpasst bekam, weil ganz plötzlich irgendwelche Leute aus irgendwelchen Kontrollbehörden aus dem Schlaf erwacht sind. In der Nähe von Istanbul entsteht derzeit quasi die Konkurrenz zum Großflughafen in Berlin, man schaue sich mal dessen geplanten Eröffnungstermin an.

      Auch wenn hier schon mehrfach große Bedenken hinsichtlich der Möglichkeiten der weltweiten Bioenergie-Versorgung aufgetreten sind, möchte ich nochmal betonen, dass dessen Potential noch überhaupt nicht erkannt wurde. In Australien, Nordafrika und Saudi-Arabien stehen noch jede Menge Landflächen ungenutzt zur Verfügung, die derzeit halt nur Wüstenboden sind, mit Betonung auf derzeit.

      In schätzungsweise fünf Jahren wird wahrscheinlich dieses Szenario als deutlich wahrscheinlicher eingeschätzt werden. Mehr verrate ich hier nicht.

  4. Michael Egloff sagt:

    „Das Leben geht weiter“
    Völlig richtig. Und zwar nach wie vor in einer geradezu paradiesischen Weise, materiell-energetisch gesehen.
    Wie nie vorher in der Meschheitsgeschichte -und, jetzt kommt das Entscheidende: wie vermutlich nie wieder in der Menschheitsgeschichte. Die nächsten 10…15 Jahre mal ausgeklammert.
    Ich mag mich irren mit meiner Annahme. Aber für mich weisen sehr viele Indizien auf eine sukzessive Vertreibung aus dem materiell-energetischen Paradies hin.

    Und für mehrere Milliarden Menschen hat dieses Paradies nie begonnen und wird nie beginnen. Ca. 2 bis 4 Milliarden (je nach Definition) haben mehr oder weniger Anteil an diesem Paradies. Die anderen 3 bis 5 Milliarden nicht.
    Und was die These angeht: „das Leben geht weiter“.
    Für ca. 15000 Kinder PRO TAG (!) geht es eben nicht weiter. Die sterben täglich an Hunger und Unterernährung. Wir betrachten die Verhältnisse aus unserem mitteleuropäischen Paradies heraus und ignorieren das Anti-Paradies. Und glauben tatsächlich, E-Cars könnten die kommenden Probleme der Menschheit lösen….
    Wie blind kann man eigentlich sein?

    Übrigens: die Menschen, die in diesem Anti-Paradies leben müssen, sind die oft die Hauptbetroffenen der von den Paradiesbewohnern angerichteten Schäden: Klimawandel, Zersiedelung, Einbuße an individuellen Handlungsoptionen durch die „smarte“ Versklavung durch die Begüterten, Opfer einer durch und durch ungerechten Weltwirtschaftsordnung, ausgesetzt den Emissionen der Paradies-Bewohner.

    Aber wir kümmern uns nur um uns. Da ist es ja schon fast gerecht, dass auch uns mit einiger Wahrscheinlichkeit eine Vetreibung aus dem Paradies bevorsteht. Auch wenn ich es für meine Kinder und Enkel natürlich anders wünschen würde.

    • Stephan sagt:

      Ich weiß inzwischen, dass z.B. in Pakistan oder Bangladesh die Menschen nachts schreien vor Hunger und das in Nachbarschaft bzw. in Hörweite von Menschen, die sehr gut leben.

      Deutschland hat auch seinen Anteil an der Bewahrung der „Verhältnisse“ z.B. mit Hilfe einer milliardenschweren Rüstungsexporte. Die ganze EU sorgt mit Hilfe von subventionierten Agrarexporte für das Elend viele Kleinbauern in Afrika. Schwimmende Fischfabriken nehmen den Ärmsten der Armen noch vor der Nase an vielen Küstengebieten der „Dritten Welt“ das Essen vor der Nase weg. Man könnte zumindestens selber den Kauf von Fisch verringern. Dazu kommen dann so philantropisch angehauchte Abkommen wie das NAFTA (North American Free Trade Association), also das was uns eventuell in zwei Jahren mit dem TTIP bzw. dem TAFTA auch bevorsteht, wenn uns u.a. so viele leckere Gentechnik-Produkte jenseits des großen Teichs angeboten werden, die dann wahrscheinlich sogar billiger sein werden als gesunde Lebensmittel.
      Steigende Nahrungsmittelpreise z.B. bei Getreide sind ein zweischneidiges Schwert: Einerseits verteuern sie z.B. das im wahrsten Sinne des Wortes täglich Brot, andererseits ermöglichen sie Kleinbauern einen höheren Erlös zu erzielen sofern höhere Weltmarktpreise überhaupt auf der untersten Ebene der Produzenten ankommen.

      • Eulenspiegel sagt:

        Und solange nicht mit der chinesischen Methode (zwangsweise 1-Kind Politik) oder durch Wohlstand die Geburtenrate unter 2 Kinder / Paar fällt wird sich das auch nicht ändern.

        Wenn wir wie in den 50er Jahren weiterhin 5 Kinder / Famlie hätten wäre auch längst wieder Krieg in Mitteleuropa.

        PS: Alle diese Argumente „Wir können ja noch 4 Milliarden mehr füttern wenn wir alles gleich verteilen“ scheitern an der Exponentialkurve, es dauert nicht allzu lange die 100-Milliarden-Marke zu erreichen wenn nichts passiert.
        Die Rate bei nur verdopplung pro Generation (20 Jahre), viele Länder erreichen höhere Fruchtbarkeit ist:
        8 Milliarden(jetzt), 16, 32, 64, 128.

        Also noch dieses Jahrhundert wird rein theoretisch die 100 Milliarden-Marke erreicht, im 22. Jahrhunder ist dann die Billion fällig. Dann muß überall wo heute ein Dorf mit 1000 Einwohnern ist eine 100.000 Einwohner-Stadt stehen.

        • Michael Egloff sagt:

          Naja, Eulenspiegel,
          das war eine astreine Eulenspiegelei, Dein Beitrag.

          Der prozentuale Zuwachs der Weltbevölkerung nimmt seit den 1960er Jahren kontinuierlich ab.
          Nur beim nominalen Zuwachs sieht es noch anders aus. Um 1990 wurden die höchsten nominalen Zuwächse registriert mit etwa 84 Mio pro Jahr. Bis zum Jahr 2000 sank dann der nominale Zuwachs auf 78 Mio pro Jahr und Bevölkerungsexperten mutmaßten, dass nun auch dieser Zuwachs ständig vermindern würde. Das hat sich allerdings nicht bestätigt. In den letzten Jahren ist der nominale Zuwachs wieder auf 82 Mio pro Jahr geklettert, so dass die Prognosen für 2050 durch die Uno tendenziell wieder angehoben werden mussten.

          Wenn es keine Engpässe bei der Ernährung geben würde, könnte man von einem Peak Mensch um 2070 von gut 10 Milliarden ausgehen.
          Ich vermute allerdings, dass es ab den 30er…40er Jahren in einigen bevölkerungsreichen Ländern insbesondere des Südens zu massiven Bevölkerungsreduzierungen infolge des Zusammenbruchs der grünen Revolution in diesen Ländern kommen wird. Hauptsächlich durch das Schwinden von Wasserressourcen, aber indirekt auch durch den dann rasanten Verfügbarkeitsrückgang bei Importöl, was die Mechanisierung der Landwirtschaft in Teilen in Frage stellt.
          Der Weltmarkt für Agrargüter wird den dann stark ansteigenden Importbedarf der Lebensmittelimporteure nicht mehr abdecken können.

        • Frank Bell sagt:

          @ Eulenspiegel

          Keine Sorge, das mit den vielen Kindern kommt jetzt auch bei uns. Es gibt da bestimmte Einwanderer aus dem Osten und Südosten Europas, die so viele Kinder (und noch mehr) haben.

        • Stephan sagt:

          „PS: Alle diese Argumente “Wir können ja noch 4 Milliarden mehr füttern wenn wir alles gleich verteilen” scheitern an der Exponentialkurve,“

          Das ist auch eines der Themen in Dan Browns neuestem Roman „Inferno“.

  5. Marcus Kracht sagt:

    Ich empfehle Ortwin Renn: Das Risikoparadox. Er beschreibt ganz ausführlich, warum wir uns vor dem falschen fürchten (zB Lebensmittelzusätze), während wir andere Risiken (zB Artensterben) einfach nicht sehen. Der wichtigste Faktor: die großen Risiken der heutigen Zeit kommen sehr langsam, die Lage verschlechtert sich beinahe unbemerkt. Auf der anderen Faktoren gehe ich jetzt nicht ein.

    Aber nehmen wir mal die Frage von @Frank. Wer die 1960er oder 1970er erlebt hat und sie mit heute vergleicht, sollte vielleicht zu dem Schluss kommen, dass es nicht gut aussieht. Früher gab es Stellen zuhauf und Geld. Wer irgendwie motiviert war, der konnte was werden. Die Löhne stiegen, die Arbeitszeit wurde gesenkt. Und heute?

    Heute geht es umkehrt. Die Löhne stagnieren, die Arbeitszeit geht nach oben. Studieren will finanziert sein, und ob am Ende eine Stelle winkt, die das rechtfertigt, ist nicht mehr so klar.

    Klar ist das nicht existenzbedrohend. Aber die Frage war ja, ob es uns immer besser geht. Und da muss man sagen: eigentlich nicht. Nicht schlecht, aber immer schlechter (um es mit der Werbung zu sagen).

    — Marcus

    • Ert sagt:

      @Markus

      Ich habe Renn nicht gelesen – klingt aber interessant.

      Die Problematik bei Deinem Beispiel ist aber: Was kann ich hier und jetzt machen – und was kann ich direkt oder „greifbar“ beeinflussen.

      Das Artensterben spielt auf einer ganz anderen Ebene ab. Produkte mit ungewünschten Lebensmittelzusätze kann ich aber recht einfach vermeiden – und das trifft mich bzw. einen) ja auch direkt.

      Ich denke aber eines der größten aktuellen Risiken ist die Atomkraft. Wenn ein Block in FR, UK oder DE hoch gehen sollte… na dann mal viel Spaß. Alternativ wohnt man gleich um die Asse.

    • Stephan sagt:

      Michael Crichton, gest. 2008, hat in seinem Roman „Welt in Angst“ von 2004 eine ganz andere Meinung zum Artensterben gehabt, nämlich dass wir gar nicht wissen wieviele Arten es überhaupt gibt und ob die Zahl der Arten zu oder abnimmt. Zudem wird seine sehr kritische Haltung zu den CO2-Treibhaus-Propheten deutlich. Ungewöhnlich für einen Roman sind die vielen wissenschaftlichen(!) Fussnoten im Anhang, die das Buch quasi zu einem Wissenschaftsroman machen, noch mehr als z.B. der Roman „Der Schwarm“ von Frank Schätzing.

  6. Frank Bell sagt:

    @ Marcus Kracht

    Du kannst ruhig motiviert und fleissig sein.

    Wenn du nicht Beziehungen oder einen unkündbaren Posten hast, dann wirst du gnadenlos entlassen (ab ca. 50) und mit Hartz IV finanziell ruiniert.

    Da nützt keine Vorsorge für das Alter, die die Politik immer propagiert.

    Das Schonvermögen für einen 50jährigen beträgt gerade einmal 7500 Euro (150 EUR pro Lebensjahr).

    • Stephan sagt:

      Ein Tipp, falls es Dir möglich ist irgendwo ein Stück Garten zu bewirtschaften: Die Arbeitsweise von Masanobu Fukuoka kennenlernen und anwenden. Er hat die Natur quasi für sich arbeiten lassen. Wenn man Bescheid weiss, muss man nicht mehr hacken, Unkraut jäten, gießen etc. Z.T. kann man auch in der Wohnung Gemüse anbauen (Stichwort Kartoffelturm).
      Ich weiß, dass das nur Behelfslösungen sind, aber trotzdem besser als gar nichts.

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