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Ölpreis im Sinkflug – Wirtschaftskrise voraus?

Nachher ist man immer schlauer.

Seit Juni 2014 schrumpfen die Ölpreise. Während sich sowohl der nordamerikanische WTI-Preis wie auch der europäische BRENT-Preis fast 4 Jahre lang in einem Korridor zwischen 100 und 120 US$ bewegten, sind sie nun seit 4 Monaten am Abtauchen. WTI kostet 87 US$ und auch Brent strebt rasant der 90-Dollar-Grenze zu. Die Entwicklung scheint Peak Oil zu widerlegen, doch muss man klar festhalten: 4 Monate sind kein Zeitrahmen, mit dem sich ein globales Ölfördermaximum leugnen läßt.

Es ist dennoch schwierig, einen klaren Grund zu finden, warum nun ausgerechnet seit Juni das vierjährige Preisplateau verlassen wird. Man könnte auf das Überangebot durch us-amerikanisches Fracking tippen, gepaart mit einem schrumpfenden Ölbedarf der US-Wirtschaft, in der sich zunehmend spritsparende Fahrzeuge bewegen. Man könnte auch unken, dass der Ölpreis (wie auch immer) bewusst gedrosselt wird, um im geopolitischen Spiel um Einflusssphären der russischen Abwärtsspirale einen noch schnelleren Drall zu verpassen. Wie auch immer dieser drückende Einfluss auf den Ölpreis zustande kommen soll, Russland, welches einen Ölpreis von über 100 US$ braucht um seinen Staatshaushalt im Gleichgewicht zu halten, dürfte vom Preisabschwung nicht beglückt sein.

Vielleicht aber ist der Ölpreisabschwung ein Vorbote. Ein Vorbote für eine schrumpfende Ökonomie. Wie 2008, als die legendäre 147-US-Dollar-Marke gerissen wurde und der Ölpreis binnen 6 Monaten auf ein kurzzeitiges Tief von 35 US$ krachte, sind auch heute die Meldungen hörbar, die einen Abschwung der globalen Ökonomie andeuten:

Die fossile Industriekultur benötigt Öl zu ihrem Betrieb. Schrumpft die industrielle Basis, schrumpft auch der Bedarf nach Öl. Wie 2008/2009 könnte der sinkende Ölpreis ein starkes Signal dafür sein, dass "der Aufschwung" mal wieder an die Decke stößt - an die Grenzen des Wachstums.

Krisenzone im Peak-Oil-Umfeld: Ende des Wachstums

Was den Tankstellenbesucher auf den ersten Blick freut, könnte sich zugleich als Problem für seinen Arbeitsplatz herausstellen. Noch ärger allerdings trifft es die langfristige Ölversorgung, wenn der Preis die 90-US$-Schwelle für längere Zeit unterschreiten sollte. Dann nämlich platzen bei den Ölkonzernen reihenweise die Bilanzen. Die exorbitant angestiegenen Investitionsausgaben der vergangenen Jahre wurden sicherlich nicht in Vorausschau eines Ölpreises von 35 US$ geplant. Sie rechnen sich nur, wenn hohe Fördermengen zu hohen Ölpreisen verkauft werden können. Hält die Ölpreisschwäche länger an, werden wir von Projekten lesen, die auf Eis gelegt werden. Dann allerdings steht die Ölversorgung der Zukunft infrage.

Die Wechselwirkungen zwischen Ölversorgungssystem und Weltwirtschaftssystem können sich beunruhigend aufschaukeln. Planungsunsicherheit für die Ölkonzerne wird einer künftigen Ölversorgung sicherlich nicht zuträglich sein. Zwischenzeitliche Preisrückgänge an den Tankstellen könnten dazu führen, dass Unternehmen die Ölfrage als wenig relevant einschätzen und Investitionen in eine Umstellung des Fuhrparks zurückstellen. Umso überraschter könnten sie angesichts einer künftigen Ölknappheit sein.

Die Wechselwirkungen mit dem seit 2007 sehr labilen Finanzsystem lassen sich kaum überblicken. Die EZB-Geldpolitik ist bereits ein eine "neue Phase" eingetreten, wie der EZB-Vize Vitor Constancio neulich sagte. Im Rahmen des Unter-Null-Zinsniveaus werden bereits die ersten Unternehmen mit Geldhaltegebühren auf ihre kurzfristigen Guthaben konfrontiert, nachdem seit August der Interbankenmarkt immer öfter mit negativen Zinsen operiert. Es ist schwer zu übersehen: Das Wirtschafts- und Finanz-System geht in einen neuen Zustand, ein bislang unbekanntes Fluidum über. Zweifellos sind wir auf dem Weg in eine Postwachstumsökonomie, ob allerdings bewusst und steuernd oder unbewusst und torkelnd wird sich zeigen. Das Risiko chaotischer Aufschaukelungen ist jedoch nicht nur gegeben, sondern möglicherweise demnächst auch in der Realität beobachtbar: Sollte der jetzige Ölpreissturz weitergehen und in einer Wirtschaftskrise münden, wäre dies eine Wiederholung des Musters von 2007 bis 2009.

Wie gesagt:

Nachher ist man immer schlauer.

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32 Kommentare to “Ölpreis im Sinkflug – Wirtschaftskrise voraus?”

  1. Tom Schülke sagt:

    Schöner Artikel, insbesondere wenn man auch Gail Tverbergs letzten Beitrag zu eben diesem Thema ließt.

    http://ourfiniteworld.com/2014/10/06/wsj-gets-it-wrong-on-why-peak-oil-predictions-havent-come-true/

    ICh glaube das die Wechselwirkungen mit dem Finanzsystem der Bereich der gesamten Peak Oil theorie ist, bei der zuletzt die wichtigsten Verständnisfortschritte gemacht wurden. Einen exorbitanten Ölpreis werden wir vielleicht garnicht sehen. Sondern stattdessen den Kollaps der Geschäftsmodelle der Ölgiganten. Angedeutet haben sich die Probleme ja jetzt schon eine weile. (steven Kopits / Kapex index oder auch hier Norberts Artikel

    http://www.peak-oil.com/2014/09/2013-oelfoerderrueckgang-bei-den-majors-erzwingt-das-zurueckfahren-von-investitionen/ )

    Es droht eine Entwicklung die sich selbst verstärken könnte. geringere Kaufkraft, implodierende Geschäftsmodelle der Ölindustrie, gefolgt von einer weiteren Rezession gefolgt von noch weiterem Rückgang der Kaufkraft.

    Wenn das so eintreten sollte, haben wir eine sich selbst verstärkende Rückckopplung in deren Folge das Finazsystem wohl kaum dauerhaft überstehen kann.

    Immerhin könnten wir die notwendigen reduktionen der Treibhausgase so realisieren die wir benötigen um den Temperaturanstieg über die 2 Grad Grenze zu vermeiden.

    Nur wäre mir eine gezielte geplante degrowth aktion lieber gewesen. Für die meisten wirds ein schmerzhafter Ritt.

    Aber ob dieses nun tatsächlich der Beginn einer solchen Entwicklung ist oder nicht.. sagt uns dann das licht…

    • Stefan Wietzke sagt:

      Ich geh ja auch davon aus, das uns die Puste vor erreichen physikalischer Grenzen ausgeht. Oder anders ausgedrückt, sie uns bereits ausgegangen ist.

      Bei den armutsbedingten massiven Verbrauchsrückgängen in Südeuropa und den USA hätte Ölpreis eigentlich kollabieren müssen. Vor allem auch wegen des hinzugekommenen Fracking Öls. Vor zwei Jahren hätte ich da eher mit 40$ für heute gerechnet. Inzwischen ist der Preis nach unten also ziemlich unelastisch. Das ist ein Hinweis darauf, dass immer gerade soviel Öl verbraucht wird, wie sich die Weltwirtschaft so gerade leisten kann.

      Dem Klima hilft das aber nicht. Denn Kohle ist kurz davor wieder die Pol-Position zu übernehmen. Oder man versuchts erst mal mit Gas.

      Aber das ist ohnehin eine Schattendebatte. Nie hat auch nur irgendjemand überlegt, was das wirklich bedeutet, den fossilen Brennstoffverbrauch bis 2050 nahe 0 zu fahren. Ich schätze das 20% heute technisch überhaupt nicht ersetzbar sind. Dazu kommen 10% Anteil für nichtenergetische Nutzung. Da bleiben schon mal 30% Verbrauch bei sonst vollständiger Umstellung. Die Wirtschaftsleistung hängt direkt am Energietropf.

      Wir schaffen es seit 40 Jahren ja nicht mal unser Gesellschaftssystem so umzubauen das es auch ohne weiteres Wachstum funktioniert.

      • Barack Merkel sagt:

        Diese Rechnung stimmt leider nicht ganz.
        Wir verbrauchen gerade eben so 100% der Öl Förderung um unsere Wirtschaft nicht schrumpfen zu lassen, was unbedingt nötig ist. Sollten wir jetzt dazu noch irgendwas umbauen wollen, müssen wir zusätzliche Resourcen verfügbar machen. Das bedeutet, das müsste woanders eingespart werden.
        Wir können aber nix einsparen, weil unser gesamtes Wirtschaftssystem bereits auf Lean production ausgerichtet ist. Ergo müssen wir mehr verbrauchen.
        Da geht nix mit umstellen bis 2050, dazu müssten wir sofort den Verbrauch verdoppeln und die Nutzungszeit halbieren und das gibt unser Wirtschaftssystem nicht mehr her.

        • Stefan Wietzke sagt:

          Das stimmt so nicht. Denn das BIP enthält auch immer die Bruttoinvestitionen, also nicht nur den Konsum. Die kannst du umlenken und über einen Invstitionszyklus dann sehr wohl die Technologie wechseln. Dafür brauchst du keinen zzsätzlichen Überschuss. Das Problem ist nur das bisher keine Quelle zur Verfügung steht, die das mit gleichem Aufwand leistet.

          sihe Kommentar @Michael Egloff

      • Hendrik Altmann sagt:

        Ich denke die fossilen sind nicht zu ersetzen, womit auch? Erneuerbare? no way, die sind schwer anhängig von den fossilen, da hat ja fracking real noch eine bessere ERoEI. Die post fossile Zivilisation wird sich wieder von Biomasse( Nahrung ), Holz und althergebrachter Wind und Wasser Energie bedienen, wie Windmühlen und Wassermühlen.
        Die Bevölkerung wird bis zum Ende dieses Jahrhunderts stark schrumpfen, und das ist auch gut so. Besser weniger Menschen leben glücklich in einer gesunden Welt, als sehr viele unglücklich in einer kaputten sterbenden Welt…

        • Michael Egloff sagt:

          Die „neuen“ Erneuerbaren, also Wind, Solar und Geothermie, zeichnen sich bis heute in Charts des globalen Gesamtenergiemixes praktisch nicht ab – eine Linie knapp über der Null-Linie bei der prozentualen Verteilung der verschiedenen Energieträger.
          Bei Wasserkraft ist in den meisten Ländern ein Großteil des Potenzials ausgeschöpft und sogar zahlreiche Dämme in ungeeigneten Flussystemen mit hoher Schlammfracht wurden errichtet.
          Und Biomasse wird nicht sehr viel weiter wachsen können, ohne zu sehr in Konkurrenz zur Ernährung zu treten und mit zu großen Konsequenzen für die Wasser- und Bodenverfügbarkeit in sensiblen Regionen verbunden zu sein.
          Eine Kubikmeile billiger, stets verfübgarer, dicht gepackter und leicht zu transportierender Energie por Jahr in Flüssigkeitsform, Energieträger, Energiespeicher und stoffliche Grundlage zahlreicher Produktionsanteile in Einem, lässt sich in dieser Form und Menge schlicht nicht ersetzen.
          Punkt.

          • fliegen sagt:

            Was Hendrik meint ist: Biomasse – keine Biogasanlage, sondern Mensch- und Tierkraft, erzeugt durch FUTTER; Holz – einfach Holzofen bzw. Lagerfeuer, wie die letzten ähm 100.000 Jahre; Wind und Wasserenergie – Wind- und Wassermühlen, keine Dämmer und keine Kraftwerke. Also in alten, ganz alten Kategorien denken. Das Missverständnis kommt daher, dass „Biomasse“ ein ganz modernes Wort ist, und man dabei auch automatisch sich so ne Anlage vorstellt…

            Ich hab Angst dass wenn jetzt alle anfangen Holz zu verfeuern, und die Weltbevölkerung schrumpft noch nicht (sowas dauert), dass dann ganz schnell alle Wälder abgeholzt sind. Siehe Griechenland und Ukraine, die sind grad dabei. Weiter will ich gar nicht denken, denn ich will ja auch meinen schönen bescheidenen Ofen im Winter haben…

            • Michael Egloff sagt:

              Ist mir schon klar, fliegen,
              ich meinte auch alle Arten der energetischen Biomassenutzung.

              Positiv erstaunlich übrigens, dass der in dieser Woche erschienene deutsche Waldinventurbericht zu einer sehr positiven Aussage bezüglich des deutschen Waldbestands kam: mehr Waldfläche, mehr ältere Waldbestände, mehr Laubwaldanteil.

              Das war doch mal eine Nachricht, die mich richtig gefreut hat. Obwohl sie sich mit meiner eigenen Beobachtung dessen, was im Wald in der Umgebung meines Wohnortes getrieben wird, nicht unbedingt deckt.
              Nur habe ich keine repräsentative Übersicht, die bundesweite Waldinvetur hingegen sehr wohl.

              Es geht also nicht alles und überall in die falsche Richtung.

              • Stefan Wietzke sagt:

                Ja, aber jetzt seh dir mal die Wälder in den Regionen an wo die Masse der Energieversorgung aus Biomasse kommt.
                Hier hilft auch ein kleiner Vergleich mit dem Waldbestand im ausgehenden 16. Jahrhundert, als in Europa das Bevölkerungswachstum anzog. Da lag die Waldfläche noch gerade bei 10%. Und das waren sehr lichte Wälder, da man die Schweine zum Mästen in den Wald getrieben hat. Viele Bauprojekte gingen nicht, weil es kein ausreichendes Bauholz gab. Insbesondere mächtige Stämme waren so gut wir gar nicht mehr vorhanden. Wir schonen unsere Wälder, weil wir Öl, Kohle und Gas verfeuern.

          • Hendrik Altmann sagt:

            Ich meine mit Biomasse Nahrung für Mensch und Tier (komische Unterteilung), nicht die Vergärung zu Biogas. Biomasse als Nahrung wird wieder zum bedeutensten Energieträger, für viele Produktions Abläufe.

  2. Markus Knoll sagt:

    Das regelt sich schon:

    Billions in U.S. Shale Assets Are Reportedly up for Sale

    http://www.fool.com/investing/general/2014/10/09/oil-news-billions-in-us-shale-assets-are-reportedl.aspx

    Die gute alte Reagan’sche Ölwaffe habe ich auch schon vermutet – die Saudis sind den Amis seit Nineeleven ja noch was schuldig ;-)

  3. Hendrik Altmann sagt:

    Sehr guter Artikel, der präzise beschreibt das unser System bereits in einem bedenklichem Niedergang ist, und die Frage stellt wird es sehr schlimm werden?

    • Stefan Wietzke sagt:

      Ganser hat mit seinen grundsätzlichen Argumenten sicherlich recht. Aber er argumentiert mir zu eindimensional und auch schlicht zu trivial. Und das für einen Historiker allema.

      Natürlich geht es in Kriegen auch um ganz handfeste Vorteilssicherung. Und das Ressoucenengpässe nicht gerade friedensfördernd sind, kann man an jeder Viehtränke beobachten.

      Aber schon die ersten Großreiche wusten, dass einfach ausplündern keine nachhaltige Strategie ist.

      Wenn der Kriegsaufwand den Nutzen übersteigt, hilft das eben auch nicht weiter. Deswegen haben alle Großreiche immer dann prosperiert, wenn sie in der Lage waren eben genau keine Kriege anzuzetteln (oder höchstens kleinere), sondern das anders zu regeln. Deswegen sind mir kühl kalkulierende Machtstrategen an der Spitze von Staaten auch viel lieber, als Typen, die dabei von irgendeiner inneren Mission getrieben werden.

      Im Machiavelistischen Sinn sind Kriege daher eher ein Zeichen der Schwäche.

      Daher kommt ja auch die große Fracking-Hoffnung der US-Regierung. Da geht es gar nicht so sehr um die tatsächlichen Kosten. Denn die USA können auch bei sehr hohen Förderpreisen eine Gesamtrendite für ihre Nation einfahren. Bei heute 3 Mb/d entlastet das die Aussenhandelsbilanz um aktuell 300 Mio.$/d. Außerdem haben die USA gehofft ihr Militär runterfahren zu können. Das ist fast 1/3 des US-Bundeshaushaltes den sie schon seit langem nicht mehr wirklich finanzieren können.

      • Hendrik Altmann sagt:

        Sie werden Ihr Militär so oder so runterfahren müssen, große Kriege werden sie in Zukunft allein aus Kostengründen nicht führen können, wie du schon erwähnt hast. Das sieht man aktuell sehr gut an dem Krieg gegen den IS, Flugzeugträger nebst Begleitschutz, Aufklärung plus Nebenkosten, das kostet sehr viel Ressourcen und Geld. Auf der anderen Seite fahren Jeeps und wenige gepanzerte Fahrzeuge, also eine im Verhältniss Ressourcen sparende Armee. fracking ist nur eine kurze Nummer und hat so auf die langfristige militärische Planung kaum Auswirkungen, ich denke die strategischen Köpfe im US Militär wissen das auch sehr genau, das sind ja keine Idioten. Die im Intervall kommenden Wirtschaftskriesen, bzw. irgendwann der komplett Kollaps, sind für die weitere militärische Planung ehr wichtig. Ich gehe von einer starken Schrumpfung von mechanischen Militäreinheiten aus, dafür wird wahrscheinlich wieder auf reine Mannstärke gesetzt, das heisst mehr Menschen werden in die Armeen eingezogen.

  4. Michael Egloff sagt:

    Zu den aktuellen Ölpreisen:
    ich bin mir längst nicht mehr sicher, dass eine für die Ölimportstaaten allmählich zurückgehende Ölverfügbarkeit (pro Kopf gerechnet ist dies schon jetzt der Fall) überhaupt mit steigenden Weltmarkt-Ölpreisen einher gehen muss.
    Vor 10 Jahren hatte ja Matt Simmons, diesem Gedankenmodell verhaftet, einen Ölpreis von 250 Dollar pro Fass für 2012 vorausgesagt. Und wir wissen, wie stark er daneben lag.
    Obwohl nun seit Jahren die Weltölexportmenge stagniert (bei natürlich noch wachsender Gesamt-all-liquids-Menge) nun also dieser mittlerweile markante Preisrückgang.
    Meine Theorie: einerseits mag die abnehmende weltwirtschaftliche Dynamik ein Grund dafür sein.
    Aber nicht weniger bedeutsam scheint mir die schwindende Kaufkraft relativ breiter Bevölkerungsschichten in einer ganzen Reihe von Öl-Hochverbrauchsländern (vorrangig aus dem OECD-Raum) zu sein.
    Während die soziale Oberklasse in diesen Ländern auch noch Spritpreise von 3 Euro und mehr pro Liter locker bezahlen könnte und die obere Mittelklasse auch noch bestens mit den aktuellen Preisniveaus zurecht kommt, kann sich die untere Mittelklasse und die soziale „Unterschicht“ immer weniger individuelle Mobilität leisten.
    Ein beachtlicher Teil der Massenkaufkraft schwindet also, auch durch die im Finanzsystem angelegte ständige Umverteilung von unten nach oben.
    Wenn also auch zukünftig nach Abzug lebensnotwendiger Ausgaben immer mehr Massenkaufkraft für Ölprodukte schwindet, könnte es gut sein, dass wir in 10 Jahren immer noch bei heutigen Preislevels für Öl sind, wegen wegbrechender kaufkräftiger Nachfrage.
    Und wenn eine starke globale Finanz- und Wirtschaftskrise eintreten sollte, könnten durchaus vorübergehend (!) sogar heute kaum vorstellbare Preise für Öl das Ergebnis sein – vielleich um 50 Dollar.

    Das hätte natürlich gravierende Auswirkungen auf neue, unkonventionelle und teure Ölförderprojekte, die mit solchen Preisen dann kaum noch realisierbar sind.

    Mittel- und langfristig haben also dauerhaft niedrige Ölpreise (auf heutigem oder noch niedrigerem Preisniveau) erhebliche Folgen für die Ölförderung.
    Keine geologische, sondern wirtschaftlich induzierte Verknappung. Dies dürfte zum längerfristigen Haupttrend werden.

    Soweit meine Theorie.

    • Stefan Wietzke sagt:

      Es wird mit Sicherheit (außer kurzfristige Spitzen) keinen REALpreis von 250$ für Öl geben.

      Ökonomen machen immer folgenden Fehler: Sie gehen davon aus, dass der Aufwand für die Herstellung eines Produktes über die Zeit entweder fällt oder aber zumindest gleich bleibt. Ohne Berücksichtigung des Ressourceninputs ist das ja auch so. Dann bildet sich ein stabiler Markt aus, bei der die Grenzkosten den Preis bestimmen.

      Wenn jetzt aber, wie beim Öl, der Aufwand (und damit die Kosten) steigt, dann passiert was anderes. Ab einer gewissen Preishöhe steigen die ersten bisherigen Kunden aus dem Markt aus, weil sie die Kosten nicht tragen können. Sie versuchen dann irgendwie mit weniger Öl auszukommen. Dann entspannt sich der Preis wieder, da ja Nachfrage weg fällt. Ist die tief genug gefallen, dann steigt der Verbrauch bis das Ganze wieder gegen den Deckel knallt. Bei jedem Durchgang geht der Fall aber weniger tief runter, denn der Anteil teuerer geförderten Öls nimmt zu. Dabei kann die Gesamtmenge sogar weiter steigen, Hauptsache der Mischpreis über alles bleibt unter dem Deckel. Das ist genau der Effekt, der sich aus meinem Modell ergibt.

      Wenn wir uns also noch mal die REALpreise für Öl in den letzten 60 Jahren ansehen, dann ist dieser Deckel bei etwa 120$ zu heutigen Preisen.

      Erst wenn nahezu kein Öl mehr zu diesen Preisen gefördert werden kann, steigt der Preis wieder. Dann ist das alledings nur noch ein Luxusgut.

    • Stefan Wietzke sagt:

      P.S. Vorhersagen kannst du die Entwicklung trotzdem nicht, denn die Interdependenzen mit anderen Energieträgern und den resultierenden Verhaltensänderungen sind nicht vorhersehbar.

    • Michael Egloff sagt:

      Zitat aus dem link:

      „U.S. output is rising as companies are now getting more wells out of each rig and more oil out of each well, said Eads, whose team includes 26 technical experts. In the Permian basin of west Texas, the country’s largest onshore field, there are twice as many rigs but five times as many wells, according to Eads.

      Each rig in the Permian added a record 171 barrels of new oil a day in October, up 21 percent from a year ago, EIA data show. In the Texas’ Eagle Ford, each rig is getting 536 new barrels a day, up 20 percent, according to the agency.“

      Ich will nicht verhehlen, dass ich die Wirkung des technologischen Fortschritts beim Fracking etwas unterschätzt habe.
      Wobei natürlich die Frage ist, ob dadurch auch die recovery rate deutlich erhöht wird, oder einfach das Öl nur schneller gefördert wird.
      In jedem Fall konnte offensichtlich der Aufwand pro Barrel gesenkt werden.
      Was für die Zukunft interessant sein wird: werden die technologischen Verbesserungen weiter beachtlich sein, oder ist man bereits nahe an der Grenze des technologisch und physikalisch Möglichen?
      Und wird die technologisch bedingte Verringerung des Förderaufwands pro Barrel und eine gewisse Erhöhung der RR ausreichen, um die Tatsache zu kompensieren, dass man zukünftig in zunehmend minderwertigeren Bereichen der Shales bohren muss?

      Für mich als Nicht-Fachmann nicht seriös einzuschätzen…

      • Ted sagt:

        Hallo Michael,

        dem schließe ich mich an.
        Beim Fracking handelt es sich um eine neue Technologie, anfangs sind die Effizienzgewinne größer.
        Ob und wie lange das „best first“ kompensiert, kann ich nicht einschätzen.

        Aber auch relevant in dem Link:

        “If prices go to $80 or lower, which I think is possible, then we are going to see a reduction in drilling activity,”

        „Saudi Arabia needs $87.63 a barrel to balance its budget“
        „$92.96 for Iraq, the International Monetary Fund estimates.“

        Sowie:

        „the IEA said in a Sept. 11 report. It attributed the decline to slowing economic growth in China and Europe. Higher U.S. production and Libyan exports are contributing to ample supply, the agency said.“

        „U.S. demand is down because Americans are driving less and using more fuel-efficient cars, according to the EIA.“

        Und:

        „Prices in domestic fields such as North Dakota’s Bakken shale are several dollars lower because transportation bottlenecks raise the cost of reaching refiners.“

        Also wie meistens ein gemischtes Bild:

        Einerseits technische Innovationen + Einsparungen (USA), gleichzeitig aber auch sinkende Nachfrage (erodierende Kaufkraft) und Probleme für die Exportländer (Budget) sowie die Konzerne (zu niedriger Preis).

        Schwer vorherzusehen, was sich aus dieser Gemengelage kurzfristig entwickelt.

        • Stefan Wietzke sagt:

          Völlig korrekt. Du fährst immer eine Lernkurve ab. Und am Anfang ist die steil, dann flacht sie ab. Es ist sozusagen die gespiegelte Grenznuztenfunktion. Für eine spezielle Technologie kann man die zu Beginn auch nicht vohersagen. Dazu braucht man jeweils einige Jahre an Erfahrung. Für gesamte Volkswirtschaften liegt aber genug Material vor. Da ist eine Rate von 1% realistisch. Aber wie gesagt: Bei einzelnen Technologien kann das auch dramatisch mehr sein (oder eben viel weniger).

          Und auch ich bin der Meinung, dass das im Detail nicht vorhersagbar ist. Dazu kommen ja auch noch sonstige gesellschaftliche und kulturelle Entwicklungen. Und all das beinflusst sich gegenseitig. Plus der Zufall, der in jedem dynamischen System eine Rolle spielt.

    • Markus Knoll sagt:

      Schöner Artikel, wie die Schieferpotentiale aufgeblasen werden:

      „We’re Sitting on 10 Billion Barrels of Oil! OK, Two…“

      http://www.bloomberg.com/news/2014-10-09/ceos-tout-reserves-of-oil-gas-revealed-to-be-less-to-sec.html

      Hab‘ heute jedenfalls (schon) Öl bestellt- das reicht dann bis Sommer 2018.

  5. Stefan Wietzke sagt:

    Ein kleiner Hinweis zur Übersetzung: 1 Billion in Englisch sind 1 Millarde in Deutsch.
    Also 10 Millarden Barrel. Reicht dann für ca. 3 Monate (aktueller Jahresverbrauch 32 Milliarden Barrel).

  6. Michael Egloff sagt:

    Nicht nur beim finnischen AKW, das schon vor Jahren in Betrieb gehen sollte, explodieren die Kosten, auch das britische Doppel-AKW spreng koatenseitig alle Grenzen:

    http://www.iwr.de/news.php?id=27328

  7. Dieter Meyer sagt:

    Die Wachstumsideologie wird man nicht so schnell begraben!

    Warum?

    Weil der Staat die unglaublich harte Sanktionen gegen Hartz IV-Bezieher dann nicht mehr rechtfertigen kann.

    Heute wird ja immer noch behauptet, dass es genügend Arbeit gäbe, wenn man arbeiten wolle.

    • Stefan Wietzke sagt:

      Das ist einer der großen Irtümer. Es gibt genug Arbeit. Vieles, was dringend nötig wäre (z.B. der Erhalt der Infratruktur), wird nicht gemacht.
      Nur Herr Meyer, sie meinen nicht „Arbeit“, sondern „ausreichend bezahlte Arbeit“. Und die gibt es nicht ausreichend, weil mit dem weitgehenden Ende des Produktivwachstums die westlichen „Produktivwettbewerbsgesellschaften“ spätestens in den 90er Jahren in „Lohnwettbewerbsgesellschaften“ gekippt sind. Und in einer Welt, in der die meißten Handelsschranken weg sind, setzen dann eben Bangladesch und Burkina Faso die unteren Lohgrenzen (China ist schon viel zu teuer).

  8. Norbert Rost sagt:

    Nachtrag:

    Bei Telepolis gibt es zwei weitere, recht verschiedene Blickwinkel auf die Preisentwicklung:

    Rainer Sommer weist darauf hin, dass die Saudis signalisieren, mit 80 US$ Ölpreis 2 Jahre gut rumzukommen und dieses Signal die sinkenden Ölpreise unterstützt:
    http://www.heise.de/tp/artikel/43/43043/1.html

    Heiner Flassbeck interpretiert den sinkenden Ölpreis vor allem als Finanzmarktreaktion, weniger durch Fundamentaldaten unterfüttert:
    http://www.heise.de/tp/artikel/43/43048/1.html

  9. Barack Merkel sagt:

    Heute stehen wir bei 86 US$
    In einem der Telepolis Artikel steht, der Preis werde nicht unter 76 US$ fallen, weil es dann ein Problem mit den Kosten des Fracking in den USA gibt.
    Wenn Fracking schon bei 76 US$ ist, dann sind aber schon sehr viele low hanging fruits abgegrast….
    Wir werdens ja sehen, wie es sich entwickelt.
    Es könnte auch nur eine kleine Stufe sein im cascading collapse. Dann werden wir jetzt erfahren, wie „gross“ so eine Treppenstufe ist…

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