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Kommentarlos, Teil 62

In unserer Krise ist es vielleicht tröstlich, wenn wir uns daran erinnern, dass Krisen die Zukunftslabore der Geschichte sind.

Yanis Varoufakis (inzwischen: Finanzminister Griechenlands) in seinem Buch "Der Globale Minotaurus - Amerika und die Zukunft der Weltwirtschaft"; abschließender Satz eines Kapitels über die Entwicklung des Wirtschaftens seit der Entstehung des Ackerbaus.

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12 Kommentare to “Kommentarlos, Teil 62”

  1. Paul Weidmann sagt:

    Ein wirklich lesenswertes Buch!
    Den Neoliberalen in der EU und in Deutschland passt es nicht, einen Fachmann als Finanzminister in Gr
    zu haben.

  2. Matthias Schlegel sagt:

    Der Titel ist mir zu amerikazentriert. Nicht Amerika ist das Problem, sondern der regellose internationale Konzernkapitalismus. Da spielen die Europäer genau so mit.

    • Norbert Rost sagt:

      Varoufakis skizziert in einem historischen Rückblick, wie sich das Weltfinanzsystem im 20. Jahrhundert entwickelt hat. Eine zentrale Rolle, die er gut verständlich ausführt, spielt nunmal der US$ mit Bretton Woods und danach. Seine Überlegungen sind einleuchtend, hatte Bretton-Woods doch ein zentrales Manko, wie J.M.Keynes bereits bei den Vertragsverhandlungen feststellte: Es fehlte ein Mechanismus der Überschussverarbeitung der teilnehmenden Nationen. Was für das System spaltend war, war letztlich Ausgangspunkt für eine us-amerikanische Hegemonie auf Basis von Finanzwerkzeugen.

      Diese Überlegungen sind gut lesbar und nachvollziehbar und sie lassen erahnen, welches Spiel Varoufakis Team in Europa spielt…

      • Stefan Wietzke sagt:

        Hier gebe ich ihm nicht recht, denn Varoufakis fokusiert sich wie viele Ökonomen vor allem auf das Geldsystem und verwechselt Ursache und Wirkung. Nicht Leitwährungen werden durchgesetzt um Macht zu gewinnen, sondern man hat die Macht und kann Leitwährungen durchsetzen.

        Auch hier kommt die in der europäischen Linken gerne auftretende Furcht vor (kapitalistischen) Imperien zum Vorschein. Die Geschichte zeigt aber was anderes. Imperien sind keine grundsätzliche Katastrophe sondern in den allermeisten Fällen Garanten für Prosperität.

        Imperien entstehen nicht weil das jemand so plant, sondern sind die Folge langer historischer Entwicklungen. Das (im Endefekt zufällige) Zusammentreffen verschiedener soziokultureller Bedingungen lässt Gebilde entstehen die politisch und wirtschaftlich effizienter sind als andere. Wachsen diese Gebilfe über eine gewisse Größe so bilden sie alleine durch ihre Größe eine Art politisches, kulturelles und wirtschaftliches Gravitationszentrum aus. Das war bei den Maya nicht anders als bei den Römern, den Chinesen oder dem britischen Empire.

        Dieses Kraftzentrum alleine zieht dann wirtschaftlich eine „Imperialrendite“ auf sich. Ist das Imperium gut aufgestellt, teilt es diese Gewinne mit seiner Perepherie und es entwickelt sich ein stabiles System aus.

        Bretton Woods war schlicht die fiskalische Machtübergabe vom britischen Empire an die USA (und das sogar friedlich). Und das war zuum Vorteil aller in das System eingebundenen Staaten. (Leben des Brian: „Was haben die Römer uns denn schon gebracht?“).

        Kann das Imperium aber seine Aufgaben nicht mehr ausreichend erfüllen, weil es in die „imperiale Überdehnung“ läuft wird das System instabil.
        Die USA sind mit dem Vietnamkrieg in diese Falle gelaufen. Die Wirtschaft wuchs nicht mehr schnell genug und der vor allem als Materialschlacht geführte Krieg (hält die eigenen Verluste an Soldaten klein) überforderte die eigene Wirtschaftskraft. Es kam nicht von ungefähr, das Bretton Woods jetzt zusammen brach. Trotzdem blieb der Dollar Leitwährung. Und das vor allem, da die USA ihren Verbündeten die Verteidigungslasten abnahmen und weiterhin für einen uneingeschränkten Zugang zu den globalen Rohstoff- und Absatzmärkten auch für ihre Verbündeten sorgten.

        Der Mitteleinschuss über die Leitwährung ist da sozusagen das „Dienstleistungsentgeld“.

        Eine sich abzeichenende Multipolare Welt (passiert einfach durch eine Umverteilung wirtschaftlicher Potenz) wird eine Welt mit deutlich mehr Konflikten sein. Europa wird dann seine Außen- und Sicherheitspolitik synchronsieren müssen. Und ich bin mal gespannt wie das bei den Europäern ankommt, wenn sie ihren Verteidigungshaushalt mal eben verdreifachen müssen.

        Die Aufgabe der Finanmarktregulierungen hat damit aber nichts zu tun. Sie ist einfach die Folge fehlenden Wachstums. Und die Finanzleute haben es geschafft der amerikanischen (und europäischen, vor allem britischen) Politik einzureden, dass das Wachstum wieder einsetzt, wenn man den Finanzmarkt frei gibt.

        In Folge dieser Entwicklung hat sich ein internationaler Geldadel gebildet, der überhaupt nicht mehr an Staaten gebunden ist. Diese Gruppe ist längst über das Prinzip des Nationalstaates hinausgewachsen. Und das gilt auch für multinationale Konzerne. Während der verängstigte Kleinbürger sein Heil in Rückbesinnung auf den Nationalstaat sucht hat er gar nicht gemerkt das dessen Ära längst vorbei ist.

        Es stellen sich daher inzwischen wieder andere Fragen. Nämlich die nach der Verteilung von Einkommen und Vermögen. Und bisher sieht es nicht so aus, als wenn der Zugriff auf die oberen 0,1% so einfach gelingt.

  3. Ernst T. sagt:

    Der Mann hat Recht dem was er schreibt und darum wird er im gesamten deutschen Medienmainstreem so verteufelt.Es wäre doch nicht auszudenken für diese kapitalistisch /neoliberale system wenn Tsipras auch nur ansatzweise erfolg hätte…da wird mit allen mitteln wohl verhindert dass es soweit kommt.

  4. Marcus Kracht sagt:

    Ich kenne das Buch von Varoufakis leider noch nicht. Dafür habe ich kürzlich gelesen: Pierre Dardot und Christian Laval: La nouvelle raison du monde. Essai sur la société neolibérale. La Decouverte (2009). (Englisch unter dem Titel „The New Way of the World. On Neoliberal Society.“) Sehr lesenswerte Analysen über die Genese der (neo)liberalen Doktrin. Dort wird der Neoliberalismus auf die Mont Pelerin Gesellschaft zurückgeführt, in welcher vor allem F. von Hayek und auch Milton Friedman aktiv waren. Diese war zunächst gar nicht amerikanisch dominiert.

    Hayek ging recht bald nach Chicago, wo ja auch Friedman war. Von da aus wurde dann das Evangelium in alle Welt getragen. Was da an undemokratischem Geist zusammenkam, ist unvorstellbar. Die jetzigen Verhältnisse in Europa (und anderswo) sind eine unmittelbare Folge davon. Es gilt, die ganzen „Selbstverständlichkeiten“ dieser Weltordnung neu aufzurollen. Und ich gehe mal davon aus, dass Varoufakis dies tun will.

    Hat jemand eigentlich das Buch von Varoufakis mit James K. Galbraith (dem Sohn von John K. Galbraith) gelesen? Dort könnte man vielleicht mehr erfahren.

    • Stefan Wietzke sagt:

      Hayek und Friedmann haben den Kapitalismus nie verstanden (nicht mal im Ansatz). Sie gehen beiden von einem äußerst primitiven sozialdarwinistischen Menschenbild aus. Bei Hayek ist das nicht verwunderlich da er seine wissenschaftliche Laufbahn in einer Zeit begann, als das dieses Bild in der intellektuellen Debatte dominierte.

      Spannend finde ich an der Geschichte, dass Hayeks Modell eigentlich schon auf de Abfallhaufen der Geschichte lag, als die Wirtschaftskrisen Ende der 70er einsetzten. Jetzt erst kamen die beiden zum Zuge. Denn sie versprachen eine einfache Lösung für das Wirtschaftsproblem. Nämlich Staat weg. Damit stießen sie insbesondere bei Thather (Hayek) und Reagan (Friedmann) auf offene Ohren, denn die beiden waren schon in der Wolle gefärbte Staatsgegner.

      Die große Ironie der Geschichte ist dass sich Hayek und Friedmann als die effizientesten Zerstörer des Kapitalismus erwiesen haben. „Finanzkapitalismus“ hat nämlich nichts mit Kapitalismus, sondern eher etwas mit traditionellen Feudalsystemen zu tun.

  5. Ernst T. sagt:

    Ja ja… die chicago boys .Eine schlimme gemengelage traf dort aufeinander. Und siehe ein blick züruck : Man lese einmal das sogenannte Lambsdorfpapier
    (Graf Otto von…) von 1982
    Dort wurde schon frühzeitig die gesamte folterpalette neoliberalen schreckens aufgeführt… eben der sogenannten chicago boy…

  6. Ernst T. sagt:

    http://www.nachdenkseiten.de/?p=14397

    Für diejenigen die es etwas genauer interessier

  7. Stefan Wietzke sagt:

    Ein zentrales Erkenntnisproblem zum Kapitalismus taucht schon bei Marx auf. Er ist bis in die Nähe einer korrekten Erklärung gekommen, aber nicht bis ins Zentrum. Marx vertritt zwei Grundthesen die sich wiedersprechen. Für ihn ist der Kapitallismus eine völlig neue menschliche Epoche und beginnt mit der Industralisierung (korrekt!). Der Kern des kapitalistischen Systems ist für ihn die Kapitalakumulation (falsch!). Kapitalakumulation, also der Versuch möglichst viele Produktionsgüter unter die eigene Kontrolle zu bringen um sein Einkommen zu steigern ist ein Prozess der seit der neolitihsichen Revolution zum Standardreportoir menschlichen Verhaltens gehört. Das kann also nichts neues sein.

    Der Kern des Kapitalismus ist aber nicht Akumulation sondern Wachstum. Und zwar Wachstum das durch den systematischen Ersatz von menschlicher Arbeit durch Kapital (sprich Maschinen) erfolgt. Was dabei auch Marx vernachlässigt hat ist das es sich um einen zweistufigen Prozess handelt. Denn um Wachstum zu erzeugen muss man nicht nur Arbeitskraft frei schaufeln (rationaliseren), sondern man muss die frei gewordene Arbeitskraft unbedingt wieder aktivieren. Funktioniert das nicht und das Kapital bleibt in den Händen weniger so wächst die Wirtschaft nicht und die Ungleichheit von Vermögen und Einkommen nimmt zu. Damit hat sich gesellschaftlich aber nichts verändert. Das absolut neue ist erst der zweite Schritt.
    Damit die freigesetzten Arbeitskräfte wieder in Arbeit kommen müssen die Rationalisierungsgewinne unbedingt in den Markt zurück fließen. Die Gewinner im System müssen dazu ihren Konsum erhöhen, also ihren Verdienst wieder ausgeben.

    Trotzdem ist die Reaktivierung der Arbeitskräfte nicht einfach. Denn ein verelendeter Weber hat gar nicht die Ressourcen eventuell eine neue Ausbildung zu machen oder vielleicht ein eigenes kleines Unternehmen zu gründen. Es entstehen also gesellschaftliche „Veränderungsaufwände“. Und hier beginnt die Rolle des Staates (verstanden als Solidargemeinschaft der Bürger). Wenn er diesen Vorgang unterstützt (durch allgemeine Schulbildung, soziale Unterstützung des ÜBergangs und so weiter) dann wird dieser Prozess optimiert und das Wachstum maximiert. Genau das haben die „sozialdemokratisierten Staaten“ optimal gemacht (zu denen bis zu Reagan auch die USA gehörten). Keynes hatte das verstanden.

    Es ist natürlich immer schwierig das gesellschaftliche Optimum zur Unterstützung des Prozesses zu finden. Als Thatcher an die Macht kam waren in GB Reformen notwendig, aber eben nicht die Abschaffung des Systems.

    Damit ist auch klar das es Kapitalismus nur mit Wachstum gibt. Anders ausgedrückt ist eine kapitalistische Gesellschaftsordnung eine deren zentrales gesellschaftliches Ziel das Wachstum ist. Deshalb sind Aufklärung, Demokratie und emanzipatorische Bewegungen auch eine Symbiose eingegangen. Denn um so flexibler und konfliktärmer eine Gesellschaft ist um so effizienter ist auch ihr kapitalistischer Wachstumsprozess. Deshalb hat der „Kapitalismus“ den „Sozialismus“ überflügelt. Die Sozialisten waren einfach die schlechteren Kapitalisten. Und das System hat noch einen gesellschaftlichen Vorteil. Es stellt nämlich tatsächlich ein Leistungsanreizsystem da. Belohnt wird der der für den materiellen Wohlstandsgwinn sorgt und nicht einfach der der über die größte Machtbasis verfügt. Deswegen ist es auch völlig unnsinnig davon zu reden, der Kapitalismus ist besonders Krisenanfällig. Nein, er ist das einzige in sich dynamische Gesellschaftssystem das je funktioniert hat. Ihm verdanken wir die enormen Fortschritte der letzten 200 Jahre auf allen Gebieten. Das wir heute Status an Einkommen und Konsum knüpfen ist da nur konsquent. Ein auf maximales Wachstum getrimmtes Gesellschaftssystem sollte nämlich genau das tun.

    Aber das Grundproblem bleibt: In einer endlichen Welt kann nichts unendlich wachsen. Und hier beginnt das Problem:

    Bleibt ausreichendes Wachstum aus, so kann man nicht mehr von einer kapitalistischen Gesellschaft reden. Damit fallen aber auch die positiven zivilisatorischen Rückkopplungseffekte weg. Das hat üble Folgen, wenn man die nicht aktiv politisch angeht.

    Finanztechnisch ist Wachstum nichts anderes als die Kapitalrendite. Ohne Wachstum gibt es aber keine Kapitalrendite mehr.

    Renditen, also Einkommen das nicht aus Arbeit stammt, kann auch aus anderen Quellen als dem Produktivitätswachstum kommen. Nämlich aus unterschiedlichen Wertpräferenzen für Güter und insbesondere aus Machtgefällen innerhalb einer Gesellschaft. Das einfachste Beispiel hierfür ist eine Pacht auf Grund und Boden. Hier wird der Gewinn ausschließlich aus der Verfügungsgewalt über den Boden gezogen. Wie bei klassischen Schuldzinsen steht dem Einkommen hier keinerlei Arbeitsleistung gegenüber.

    Und was wir aus meiner Sicht in den letzten 20 Jahren sehen, ist genau dieser Rückfallprozess in ein vorkapitalistisches Renditesystem.

    Hayeks und Friedmanns Ansatz ist nichts anderes als der Legitimationsversuch für diese Renditequelle. Es erinnert dabei sehr an die „gottgewollte“ Gesellschaftsordung des Mittelalters.

    Die Herausforderung der Zukunft ist daher nicht so sehr mit weniger Ressourcen und ohne Wachstum auszukommen, sondern die zivilisatorischen Errungenschaften der letzten 200 Jahre in die Zukunft zu retten.

  8. Ernst T. sagt:

    Wir leben in spannenden zeiten…manchmal denke ich mir , es wäre besser wenn ich etwas weniger von dem ganzen kram hier wüsste. Ich glaub die comedian harmonists haben das mal in den 30er jahren mal mit
    „Ich wollt ich wär‘ ein huhn “
    besungen…

  9. Hansi sagt:

    Der folgende Link soll keine Werbung sein! Nur das Cover ist zu schön, um es der Peak Oil Community vorzuenthalten. :-)
    http://eulenspiegel-laden.de/reizende-bilder-2
    Das Cover geht auch anzuklicken und zu vergrößern, falls jemand schlechte Augen hat.

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