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Kommentarlos, Teil 54

Wir betonen, dass die Lebensweise der Menschen früher grundsätzlich anders war. Was wir heute für normal halten, ist eine historische Ausnahmesituation. Über viele Jahrtausende der Menschheitsentwicklung war die energetische Basis der Gesellschaften die Sonnenenergie. Direkt steckte diese Energie in der Biomasse, die Nahrung und Brennstoff lieferte. Indirekt steckte sie in den Segeln der Schiffe und Windmühlen. Wasserkraft und Windkraft entstehen ja nur, weil die Atmosphäre sich durch die Sonneneinstrahlung bewegt.

Eine Gesellschaft auf Grundlage von Solarenergie kann Energie kaum konzentrieren und transportieren. Die Energie fällt zwar überall an, aber sie ist räumlich weit gestreut, ungleichmäßig und kaum vorhersehbar. Unsere heutige Gesellschaft beruht dagegen auf fossiler Energie und die lässt sich billig transportieren. So wurde es möglich, riesige Mengen Material in Bewegung zu versetzen. Dadurch sind unsere Möglichkeiten enorm gewachsen - und damit eben auch unsere Möglichkeiten, Schaden anzurichten. Daher hat die industrielle Produktionsweise einen ganzen Rattenschwanz von neuen, bis dahin undenkbaren Umweltfolgen.

Verena Winiwarter im Telepolis-Interview: "Wir müssen die ökonomische Grundlage der Welt neu denken"

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Gazprom drosselt Gaslieferungen in die EU. Rianovosti spricht von “Sanktionskrieg”

Heute sollen neue EU/US-Sanktionen gegen Russland in Kraft treten und seit Wochenbeginn sind die Gaszuflüsse nach Polen geschrumpft. Inzwischen melden auch die Slowakei und Österreich einen Abfall des Drucks in den Gasleitungen aus Osten. Bislang war unklar, an welcher Stelle die Gaslieferungen geschrumpft werden: Gazprom meldet "Der Export nach Polen läuft ohne irgendwelche Änderungen – in den gleichen Mengen wie auch an den vorangegangenen Tagen – 23 Millionen Kubikmeter pro Tag". Diese Formulierung vom gestrigen 11.09.2014 läßt im Unklaren, auf welche "vorangegangenen Tage" sich die Aussage zitiert. Der RIANOVOSTI-Artikel bemerkt zugleich eine vertragliche Spitzfindigkeit: Nicht die Vertragsmenge, sondern die "angefragte Liefermenge" sei unterschritten worden, so Gazprom. Möglicherweise gibt es vertraglich vereinbarte Mindestmengen, die zur Lieferung anstehen und eine Klausel, die darüber hinausgehende Lieferungen erlaubt. Gazproms Formulierung belegt nun, dass der Konzern die von polnischer Seite angefragten Liefermengen schrumpft. "Dienst nach Vorschrift" nennt man das hierzulande, wenn sich jemand streng an die Vorgaben seines Auftraggebers hält - in diesem Fall an die vertraglich vereinbarten Mengen.

Wahrscheinlich ist, dass die russische Politik den Gaskonzern zur psychologischen Kriegsführung nutzt und die heute von EU/USA erweiterten Sanktionen durch diese mehrfach angekündigte Gasdrosselung entgegentritt. Kurzfristig wird diese Entwicklung nicht zu Engpässen bei der europäischen Gasversorgung führen: Laut GIE sind die europäischen Speicher zu 89,98% gefüllt (Deutschland: 91,5%, Österreich: 94,5%), nur die ebenfalls aufgeführten ukrainischen Speicher sind nur zur Hälfte voll. Das SPIEGEL-ONLINE-Krisenszenario (unten im Artikel) erwartet im Fall eines vollstädigen Gasboykotts sofortige Engpässe in Finnland, nach 3 Monaten auch in Polen und der Türkei und nach 6 Monaten auch im Baltikum, im deutschsprachigen Europa und auf dem Balkan. Von dieser Entwicklung sind wir noch weit entfernt, aber die Sanktionsspirale dreht sich weiter.

eskalationsspirale-reziprozitaet

RIANOVOSTI hat dieser Spirale einen griffigen Namen gegeben: Die Rede ist nun von einem Sanktionskrieg. Diverse Artikel auf der Plattform lassen Akteure zu Wort kommen, die die EU/US-Sanktionen als gesetzwidrig und unwirksam darstellen. Und die Grundlagen für eine weitere Verschärfung werden bereits angedeutet: Zitiert wird ein EU-Beamter, der Journalisten gegenüber sagte, der Gassektor werde nicht von weiteren Sanktionen betroffen sein, sondern: "Im Energiebereich wird der Erdölsektor von diesen Maßnahmen betroffen".

Weitere Informationen:

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Steffen Bukold: Verknappungsrisiken statt Hubbert-Peak thematisieren

Das aktuelle Peak-Oil-Barometer stellt die von der Internationalen Energieagentur (IEA) erwartete Entwicklung der Ölförderung und der Ölnachfrage gegenüber und erweitert die Erwartungen der IEA um ein Risikoszenario. Risiken für die Ölversorgung und den Ölpreis ergeben sich insbesondere dann, wenn das Angebot niedriger ausfällt als erwartet oder die Nachfrage höher. Ich sprach dazu mit Dr. Steffen Bukold von EnergyComment, der das Barometer erstellt.

Norbert Rost: Im Szenario der IEA wachsen Ölangebot und Ölnachfrage nahezu im Gleichklang. Wenn sich die Versorgung so entwickelt, wie dargestellt, sind mindestens bis 2019 keine Probleme zu erwarten. Halten Sie die grundsätzliche Herangehensweise der IEA bei der Szenarienerstellung für realistisch?

Steffen Bukold: Die IEA hat in ihren Ölmarktprognosen zwei sehr unterschiedliche Herangehensweisen. Im World Energy Outlook, der die Jahre bis 2035 abdeckt, wird das Ölangebot vor allem aus dem Nachfragetrend abgeleitet, der seinerseits aus dem erwarteten Wirtschaftswachstum, den Kosten und strukturellen Veränderungen errechnet wird. Die Plausibilitätsprüfung stützt sich dabei vor allem auf Reservedaten und Ressourcenschätzungen.

Das wäre für eine kurzfristige Risikoanalyse natürlich zu grob. In der aktuellen mittelfristigen Prognose der IEA, die auch im Peak-Oil-Barometer zum Einsatz kommt, wird dagegen auf einer detaillierten Analyse der Projektebene aufgebaut. Da die meisten Ölfeldprojekte langfristiger Natur sind, kann man auf dieser Basis plausibel argumentieren. Auch auf der Nachfrageseite sind große Verwerfungen bis 2019 eher unwahrscheinlich, da Trends wie die Motorisierung in China oder der Rückgang der Ölheizungen in Deutschland eher langfristiger Natur sind. Die „Visibility“ ist also bei diesem Ansatz weitaus besser. (mehr …)

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Schweizer Bundesamt für Energie legt Risikobewertung für die Erdgasversorgung der Schweiz vor, Öl medial kein Thema

Das Schweizer Bundesamt für Energie, welches dem Ministerium für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation untersteht, hat eine Risikobewertung für die Erdgasversorgung der Schweiz vorlegt. Das 32seitige Papier soll dazu dienen, die Schweiz näher an die "Gas-Koordinierungs-Gruppe" der EU heranzuführen. Dieses Gremium wurde von der EU in Folge der russisch-ukrainischen Gaskrise von 2009 eingesetzt.

Allerdings läßt ein Papier zu diesem Thema in diesen Zeiten mehr erwarten, als es letztlich liefert. Das Papier untersucht genaugenommen nur, "ob die Gasinfrastruktur technisch in der Lage ist, die gesamte Gasnachfrage in einem berechneten Gebiet bei Ausfall der größten einzelnen Gasinfrastruktur während eines Tages mit außergewöhnlich hoher Gasnachfrage [..] zu decken". Diese Anforderung an das Versorgungsnetz, solch einen Störfall auszuhalten, wird durch eine EU-Verordnung Nr. 994/2010 formuliert - und da die Schweiz sich stärker in die Aktivitäten der EU zur sicheren Gasversorgung einbringen will, testet die vorliegende Studie das Erfüllen dieser Verordnung. Den genannten "Ausfall der größten einzelnen Gasinfrastruktur" hält die Schweizer Gasversorgung laut Risikobewertung aus.

Das Papier thematisiert auch weitergehende Störszenarien. Ein Ausfall des größten Gaseinspeisepunktes Wallbach wäre laut der Untersuchung handhabbar, genau wie es die Unterbrechung einer Transitgasleitung von Juni bis Dezember 2010 war. Der kurze Abschnitt zur Ukraine-Russland-Gaskrise von 2009 hält lapidar fest, dass es damals keine Versorgungsprobleme gab, weil Gasleitungen durch Weißrussland und Polen verstärkt genutzt und zusätzliche Lieferungen aus Norwegen, den Niederlanden und als LNG erfolgten.

Das Umweltamt bat diverse Institutionen um Beurteilung der Risikobewertung. Von economiesuisse wurde angeregt, die aktuelle Ukraine-Krise im Papier zu berücksichtigen. Die Autoren der Studie lehnten dies jedoch mit dem Zweck des Papiers, nämlich der EU-Verordnung zu genügen, ab. (mehr …)

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Peak Oil: Der Stand der Dinge 2014

Ziemlich genau vor einem Jahr habe ich ein Zwischenfazit gezogen: Wo stehen wir hinsichtlich des globalen Ölfördermaximums? Damals lagen Daten der EIA bis April 2013 vor. Heute liegen Daten für 12 weitere Monate vor: Bis April 2014. Die folgende tabellarische Darstellung unterteilt die Welt in jene Ölförderregionen, wie sie die EIA vorgibt. Dabei fällt auf:

  • Die Weltölförderung hat auch in den vergangenen 12 Monaten zugenommen. Die Ölförderung steht an einem Allzeithoch - nie zuvor wurde auf dem Planeten mehr Öl gefördert als heute. Ein globaler Peak Oil ist nicht erreicht.
  • Europa ist die Weltregion, deren Ölförderung weiterhin am stärksten zurückgeht. 60% weniger Rohöl und Kondensate werden heute gefördert als zum Zeitpunkt des europäischen Ölfördermaximums anno 1999. Biokraftstoffe und Co. haben dafür gesorgt, dass die Gesamtmenge am "Flüssigenergie" leicht gegenüber dem Vorjahr zunahm, aber die Veränderungen sind marginal.
  • Afrika hat seinen Peak überschritten. Von 2012 zu 2013 schrumpfte die Ölbereitstellung um 6,7%, gegenüber dem Allzeithoch im Dezember 2007 wurde im April 2014 fast ein Viertel weniger Öl gefördert.
  • Zentral- und Südamerika, Eurasien und der Nahe Osten verlieren auf Monatsbasis gesehen zwar von Sommer 2013 bis April 2014 ein paar Prozente Ölförderung, aber die Zahlen sind nicht eindeutig, um das Überschreiten des Peaks für diese Weltregionen eindeutig festzustellen.
  • Nordamerika ist die einzige Weltregion, die ihre Ölförderung weiter steigert - und dies sehr beachtlich! Um 7,55% hat die Ölförderung von 2012 zu 2013 zugenommen und damit den entscheidenden Beitrag zur Steigerung der weltweiten Ölförderung geliefert.
Weltregion Crude+Condensate all liquids
bisheriges Fördermaximum
(in Mio Barrel pro Tag)
Zeitpunkt Veränderung seitdem bisheriges Fördermaximum
(in Mio Barrel pro Tag)
Zeitpunkt Veränderung seitdem
Nordamerika 14,370 April 2014 20,749  April 2014
Zentral- und Südamerika 6,942 Dezember 2000 -3,31%
2013: -4,74%
8,327 August 2013 -5,86%
2013: -7,55%
Europa 6,909 November 1999 -60,02%
2013: -56,77%
7,744 November 1999 -49,3%
2013: -50,15%
Eurasien 13,147 Juni 2013 13,855 Juni 2013 -1,51%
2013: -0,09%
Naher Osten 24,812 August 2013 -3,34%
2013: -4,72%
27,945 August 2013 -1,41%
2013: -3,68%
Afrika 10,168 Dezember 2007 -13,9%
2013: -10,73%
10,963 Dezember 2007 -23,02%
2013: -8,83%
Asien und Ozeanien 8,034 September 2010 -4,33%
2013: -4,66%
9,337 September 2010 -5,48%
2013: -3,55%
Die Welt 77,136 Februar 2014 90,998 Februar 2014
Welt abzüglich USA & Kanada 67,022 Januar 2011 -2,11% 74,974 Januar 2011 -2,51%

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Saudi-Aramco-Chef fordert Ölbranche zu Investitionen auf

40 Milliarden US$ investiert der saudische Ölkonzern Saudi Aramco jährlich in den kommenden 10 Jahren, um die Förderkapazitäten des wichtigsten "Swing-Producers" der Welt aufrecht zu erhalten. Diese Zahl nannte der CEO Khalid Al-Falih auf der Offshore Northern Seas-Konferenz (ONS), die seit Montag bis Donnerstag im norwegischen Stavanger stattfindet. Saudi Aramco ist Hauptsponsor der Tagung. Bei aktuellen Ölpreisen entspricht die Investitionssumme den Erlösen aus dem Verkauf von 1 Million Barrel Öl pro Tag. Zum Vergleich: Die EIA gibt den Rohöl-Export Saudi Arabiens für 2010 mit 7 Millionen Barrel und den Export von Raffinerie-Produkten mit 1,5 Millionen Barrel pro Tag an. Ein Siebtel seines Rohölexports will die Firma also über die kommenden 10 Jahre in die Aufrechterhaltung der Ölförderung investieren. (mehr …)

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Lesertreffen in Leipzig

Am 5. September ab 19:30 Uhr findet in Leipzig ein kleines Peak-Oil.com-Lesertreffen statt. Reserviert ist dafür ein Tisch bei Don Camillo & Peppone im Barfußgäßchen. Das Restaurant ist 7 Minuten Fußweg vom Hauptgebäude der Uni Leipzig entfernt, wo kommende Woche die Degrowth-Konferenz stattfindet. Im Rahmen des OpenSpace ab 17 Uhr werde ich das Thema Peak Oil ansetzen, so dass bereits dort getroffen und miteinander gesprochen werden kann. Von 11 Uhr bis 13 Uhr lade ich zum Workshop "Deine Stadt auf Öl-Entzug". Dieser Freitag, der bei der Degrowth unter dem Titel "Visionen und Strategien für die Transformation" steht, sollte also Peak-Oil-Interessierten allerlei Gelegenheit bieten, zusammenzukommen.

Ich bin bereits am 4.9. in Leipzig und würde mich über Gespräche auch an diesem Tag freuen. Vorschläge sind willkommen.

 

Nachtrag: Mitfahrgelegenheit von Bremen (eventuell über Hamburg) nach Leipzig am Donnerstag und Rückfahrt am Samstag anzubieten sowie Übernachtungsplatz in einem Zelt für die Nächte von Donnerstag zu Samstag.

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Peak Oil, Peak Sand, Peak Güterwaggon

Fracking hebt die Nachfrage nach Sand in den USA: Da in jedes Bohrloch tonnenweise Sand gespült wird, um die aufgesprengten Risse offen zu halten. Das Wall Street Journal berichtet, dass der Sandbedarf für Fracking von 2011 bis 2014 sich auf über 40 Millionen Tonnen verdoppelt haben dürfte und 2015 50 Millionen Tonnen betragen soll. Das freut die Sandverkäufer, die allein bis zum Jahresende nochmal mit Preissteigerungen zwischen 5 und 10% rechnen.

Die Firma Pioneer Natural Ressources hat seit einigen Wochen die Erlaubnis, leichtes Fracking-Öl erstmals seit 30 Jahren wieder aus den USA zu exportieren. Die Firma will herausgefunden haben, dass mit mehr Sand im Bohrloch die Ausbeute um bis zu 30% steigen läßt. Die Technik mit noch mehr Sand soll nun bei noch mehr Bohrlöchern eingesetzt werden.

Dieser vom Öl-Boom ausgelöste Sand-Boom zeigt jedoch bereits seine Grenzen. Angeblich liegt die Nachfrage um ein Viertel höher als das Sand-Angebot. Neue Sand-Gruben sollen den Bedarf decken, doch zeigt der WSJ-Artikel die Nebenwirkungen: Sand wird bekanntlich auch zur Glasherstellung benutzt und die Glaser müssen höhere Preise akzeptieren, was letztlich Glasprodukte verteuern wird. Die Gegenbewegungen zum Peak Oil in den USA sorgen also für steigende Preise in vernetzten Branchen. Steigende Preise sind auch im Gütertransport zu erwarten. Der Chef der Firma Preferred Sands meint es könnte schwierig werden, ausreichend viele Güterwaggons für den Transport verfügbar zu machen.

Die Gegenbewegung zum Peak Oil zeigt also seine Nebenwirkungen in der Glasindustrie und im Gütertransport. Steigende Preise freuen zwar die Aktienspekulanten, für die das Wall Street Journal den einen oder anderen Tip bereithält, wer allerdings Glas zukauft oder mit den Sand- und Öltransporteuren um Waggonkapazitäten konkurrieren muss, bekommt die steigenden Kosten ebenfalls zu spüren.

Anderes:

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Die Fallhöhe und das Netz

Mit Vollgas in die Mauer

Im Zusammenhang mit den Auswirkungen des Peak Oil wurde schon mehrfach darüber spekuliert welche Folgen eine erzwungene, krisenhafte Kontraktion der Wirtschaft haben könnte. Bekanntlich erfordert unser Wirtschaftssystem ununterbrochenes Wachstum; schon bei zu kleinen Wachstumsraten kommt es in Schwierigkeiten, Stagnation bedeutet massive Krise, ein Schrumpfungsprozess gilt als existentielle Bedrohung des ganzen Systems. So gut wie alle Menschen, die bislang versucht haben, sich ein realistisches Bild davon zu machen, welche Entwicklungen in der Energieversorgung möglich und wahrscheinlich sind, sind zum Schluss gekommen, dass ein Schrumpfungsprozess der zur Verfügung stehenden Energie unvermeidlich ist und unsere Gesellschaft daher gut beraten wäre, ihren Energiekonsum freiwillig und geplant zu verringern, da jede Strategie des «business as usual» unweigerlich in eine umfassende Krise und in einen ungeplanten, chaotischen und krisenhaften Schrumpfungsprozess münden dürfte. Gleichzeitig kann niemand, der die politischen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte aufmerksam verfolgt hat, es für realistisch halten, dass es in absehbarer Zeit (oder überhaupt jemals) möglich sein könnte, eine freiwillige und gezielte Reduktion des Energiekonsums politisch durchzusetzen. Eine solche Politik würde eine radikale Abkehr vom Prinzip des ewigen Wirtschaftswachstums voraussetzen und benötigte schon im Vorfeld den Entwurf eines neuen Wirtschaftssystems; das würde dem Entwurf eines neuen Zivilastionsmodells gleichkommen. Ein solches ist aber bislang allenfalls skizzenhaft vorhanden und wird bestenfalls nur von einer winzigen Minderheit der Bevölkerung gewünscht, oder besser, erträumt.

Es wird also weiterhin mit grösster Wahrscheinlichkeit am bisherigen System festgehalten werden solange es irgend möglich ist.

Damit ist das wahrscheinlichste Zukunftsszenario jenes einer ungebremsten Fahrt in die unüberwindlichen physikalischen, insbesondere die geologischen Grenzen der Grundlagen des Systems bis zum ungeplanten, erzwungenen und krisenhaften, und vor allem langfristigen Schrumpfungsprozess. Wir haben Interesse uns die Frage zu stellen, wie sich ein solcher krisenhafter Schrumpfungsprozess abspielen könnte, welche Risken er mit sich bringen und welche Möglichkeiten es gibt, seine negativen Folgen zumindest mildern zu können.

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Gemeinsam stärker

Vor dreieinhalb Jahren hat ein Referat meines Sohnes in der vierten Klasse mein Weltbild auf den Kopf gestellt. Tills Lehrerin sprach mich an, wie er denn darauf gekommen sei, in der vierten Klasse über Atomkraft referieren zu wollen. So ergab es sich, dass ich mit meinem Sohn gemeinsam anschauliche Bilder und Beispiele (wie groß ist ein Atom) und Youtubefilme zusammensuchte, um für 10jährige Kinder verständlich zu machen, worum es geht. Spät abends stieß ich bei der Suche nach einem Film zum Thema Kettenreaktion auf den wunderbaren Vortrag Prof. Dr. Albert Bartletts, der vor Studenten einen Vortrag über exponentielles Wachstum hielt.

Mitreißend, faszinierend, erschreckend. Es war als würden die Puzzleteile plötzlich auf erschreckende und beeindruckende Weise zusammenpassen. Und zugleich verwandelte sich der Boden meiner Zukunftserwartungen in tückischen Treibsand.

An diesem Abend hörte ich das erste mal den Begriff "Peak Oil". Eineinhalb Stunden später und nach einem weiteren Film "Peak Oil, ein böses Erwachen", saß ich erschöpft und geschockt auf dem Bürostuhl und mußte zunächst sehr tief durchathmen.

Monatelang hab ich recherchiert, versucht nachzuprüfen, gelesen und weitere Vorträge gehortet. Bücher, "the party is over", "Grenzen des Wachstums", End of Growth. Ich habe diese Bücher verschlungen. Und natürlich wurde Peak-oil.com zu einer der ständigen Anlaufstellen.

Die Kollegen im Büro reagierten gemischt. Skeptisch, Interessiert, ablehnend. Mein Chef reagierte mit der Bemerkung es mache ihm Angst, ohne dann weiter auf das Thema einzugehen. Ein Brief an den geschäftsführenden Gesellschafter des großen Architekturbüros in dem ich arbeite, prallte in eine ernüchternde Wattewand des Schweigens.

In einem Punkt haben meine Kollegen recht.

Tom, Du hast so viel darüber gelesen, gelernt. Wenn Du davon überzeugt bist, dann musst Du handeln.

Sie haben recht. Zu verstehen was auf uns zukommen kann, genügt nicht. Darüber zu reden reicht nicht aus. Sich mit der Situation zu arrangieren und den ersten Schrecken zu verarbeiten ist zu wenig.

Was wir benötigen sind Menschen, die handeln. Die sich von den alten trügerischen Träumen verabschieden und Vorreiter werden in einer Lebensrealität mit der die wenigsten von uns gerechnet haben. Mir ist noch nicht klar, was genau ich für mich und meine Familie tun kann. Ich möchte mithelfen bei den Herausforderungen, die vor uns liegen. Mir kommt es so vor, als stünde ich am Strand und nur wenige ausser mir erkennen die erste Gischt des heranrollenden Tsunamis, der unsere Welt verändern wird. Die Wenigen die es sehen sind die Vorreiter der Umweltbewegung, Energieexperten, Ökologen, Transitiontownmitglieder, wenige fortschrittliche Ökonomen, Ökodorfbewohner und Menschen wie Ihr hier auf diesem Blog.

Ich freue mich auf die degrowth-Konfernz am 05.09.2014 in Leipzig. Ich bin gespannt auf die Gesichter hinter den Namen, die ich hier so oft lese, und darauf wie ihr persönlich auf das Thema Peak Oil gestossen seid und wie Ihr damit umgeht.

Vor allem aber hoffe ich das wir gemeinsam Ideen finden, wie wir unser Anliegen besser verbreiten können und vielleicht den einen oder anderen am Strand warnen können, bevor der Tsunami anrollt.

Ich bin gespannt wer alles in Leipzig dabei sein wird und freu mich über jeden einzelnen der dort erscheint. Es tut gut aktiv zu werden.

Lieben Gruß,

Tom

Peak-Oil.com-Lesertreffen: 5. September, 17 bis 19 Uhr im Rahmen des OpenSpace auf der Degrowth-Konferenz

Die Konferenz-Organisatoren nehmen noch 100 Anmeldungen bis zum kommenden Montag, 11. August entgegen. Nicht-Konferenzteilnehmer sind ebenfalls willkommen, müssen aber mit möglichen Einschränkungen rechnen. Für den Abend werden wir uns einen Restaurant-Platz suchen.

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