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Die Fracking-Verschwörung

Während der Irak-Krieg sich neu entzündet und sämtliche Planungen bezüglich der Ölförderung aus dem arabischen Raum erneut infrage stellt, zieht in Europa die Paranoia in die Amtsstuben ein. Laut Daily Telegraph hat der NATO-Generalsekretär und frühere dänische Ministerpräsident Anders Fogh Rasmussen von einem "Plot" gesprochen, den russische Behörden gemeinsam mit europäischen Umweltschutzorganisationen gesponnen hätten, um Europa energieabhängig von Russland zu halten. Rasmussen wird damit zitiert, dass er Verbündete getroffen habe (NSA?), die ihm sagten, dass Russland im Rahmen einer Desinformationskampagne gegen die Nutzung von Schiefergas in Europa vorgehe. Überspitzt gesagt: Greenpeace und Russland haben sich gegen den Einsatz von Fracking in Europa verschworen, um Europa abhängig von russischen Energielieferungen zu halten.

Diese Groteske entbehrt jeglichen Fakten. Die Schätzungen europäischer Behörden und Institute zeigen nicht ansatzweise, dass durch den Einsatz der Fracking-Technologie eine Energieunabhängigkeit von Russland erreicht werden kann. Dazu ist der Verbrauch von Öl und Gas in Europa im Vergleich zu der zu erwartenden Ausbeute durch Fracking viel zu hoch. Die bestehende Abhängigkeit wird also in jedem Fall dadurch aufrecht erhalten, dass Europa viel mehr Öl und Gas verbraucht, als es - durch welche Technologie auch immer - im eigenen geografischen Raum fördern könne. Leider gab es vor der Ukraine-Krise kaum Diskussionen und Aktivitäten in Europa, die die steigende Energieabhängigkeit thematisierten oder ihr etwas entgegensetzten.

Greenpeace-Mitarbeiter kommentieren den Vorwurf lakonisch mit der Rückfrage, was wohl im Nato-Hauptquartier neuerdings geraucht würde.

Siehe auch:

 

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Energiewende: Künftig zwei Preiszonen für deutsche Stromverbraucher?

Die Transformation vom fossilen Energieversorgungssystem hin zu einem auf erneubaren Energiequellen basierenden Energieversorgungssystem nennen wir hierzulande seit dem Super-Gau in Fukushima "Energiewende". Naive Geister nehmen an, dass diese Energiewende nur durch den Austausch der Energiequellen vollzogen wird: Statt Kohle, Gas und Öl zu verbrennen werden Exergie-Potentiale durch Sonne, Wind, Biomasse, Erdwärme und Gezeiten genutzt. Wie bereits für Telepolis beschrieben sind diese Energiequellen jedoch ganz anders nutzbar. So sind Gas, Kohle und Öl bereits inhärent SPEICHER ihrer selbst, während alle erneuerbaren Energiequellen Exergie bereitstellen, die gesondert gespeichert werden muss. Sofern also nicht sämtliche Energieüberschüsse bequem weggespeichert werden können und diese Speichermengen ausreichend sind um in exergiearmen Zeiten jegliche Fehlmengen auszugleichen, wird das Energieversorgungssystem also größeren Schwankungen unterliegen.

Nun wird ein Phänomen diskutiert, was weitere Besonderheiten eines erneuerbarbasierten Energieversorgungssystems deutlich macht: Es könnte sein, dass Deutschland in zwei Preiszonen geteilt wird, in denen Exergie - im ersten Schritt elektrische Energie ("Strom") - unterschiedlich teuer ist. Im österreichischen Standard ist diese Überlegung überschrieben mit "Fliehkraft auf deutschem Strommarkt wächst" überschrieben und geteasert mit

Deutschland soll bei Strom in eine (billige) nördliche und eine (teure) südliche Preiszone geteilt werden. Österreich ist dagegen.

Hinter diesen Überlegungen steckt die Situation, dass im Norden Deutschlands vergleichsweise viel Strom verfügbar ist, weil im windreichen Norden viele Windkraftanlagen Strom ins Netz einspeisen. Im Süden Deutschlands ziehen nicht nur die industrieintensiven Branchen Bayerns und Baden-Würtembergs viel Elektroenergie aus den Netzen, offenbar bedient sich auch das österreichische Stromnetz aus dem deutschem Netz. Würden marktwirtschaftliche Prinzipien kleinräumig überall im Stromnetz gelten, so müßten im industriearmen Norden die Strompreise viel tiefer liegen, weil ein Überangebot vorhanden ist, während in Süddeutschland höhere Preise zu zahlen wären, weil mehr Strom verbraucht werden könnte, als aus lokalen Quellen gewonnen werden kann.

Technisch wäre dieses Ungleichgewicht behebbar durch mehr Stromleitungen, die den Strom von Nord nach Süd leiten. Doch gegen neue Stromtrassen wehren sich bereits heute zahlreiche Bürgerinitiativen und die lokale Politik. Gerade zwischen Thüringen und Bayern gibt es eine Allianz der Trassengegner, was angesichts der Leitungsästhetik verständlich ist. Mangels Leitungen wird jedoch das Überangebot im Norden und der Nachfrageüberhang im Süden nicht ausgeglichen. In einem marktwirtschaftlichen System würde das Ungleichgewicht durch unterschiedliche Preise reflektiert werden, doch in Deutschland gibt es nur eine Strombörse und die Regulatoren des "Marktes" halten eine einheitliche Preiszone aufrecht.

Die Diskussion rührt an einem Tabu. Es stellt die Gesellschaft vor das Dilemma: Entweder man besteht auf gleichen Lebensbedingungen für alle, und akzeptiert die sich daraus ergebenden Marktverzerrungen (und/oder baut Stromleitungen) oder man läßt den Marktdynamiken mehr Raum und läßt verschiedene Preiszonen zu. Ich denke, die Kräfte der Physik sind stärker als jene der Ökonomie und des Rechts, so dass Marktverzerrungen nur zeitweise und räumlich begrenzt widerstanden werden kann. Logisch klingt das allemal: Da an Nord- und Ostsee der Wind als Energiequelle stark und stetig verfügbar ist, ist das Energieangebot im Norden größer. Nutzbare Exergie sollte demnach billiger zu haben sein als im Süden, wo zwar die solare Einstrahlung größer, aber stärker schwankend ist, während zugleich die industriellen Stromverbraucher im Süden sehr stark sind. Marktwirtschaftliche Konsequenz wäre daher, dass schrumpfende Energiepreise im Norden für eine Wanderung der Verbraucher sorgen: Tendenziell könnten energieintensive Unternehmen an die Küste umsiedeln.

Das Beispiel zeigt, dass die Energiewende nicht damit zuende ist, Solarpanele und Windräder in die Welt zu stellen. Das Energieaufkommen sowohl räumlich/geografisch wie auch zeitlich verändert sich und schwankt, die Dynamik der Energieverteilung verändert sich. Die Transformationsschmerzen, die die Diskussion um mehrere Preiszonen sichtbar macht, werden nicht die letzten sein. Die Energiewende ist nicht allein eine Umstellung technischer Systeme. Die Energiewende ist eine Kulturwende.

Siehe auch:

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Irak, Ukraine, DEA und Tesla

Der Einfluss von Öl und Gas aufs Weltgeschehen und der Einfluss des Weltgeschehens auf Öl und Gas zeigen sich dieser Tage vielfältig:

Die strategische Ellipse kommt nicht zur Ruhe. In der Weltregion mit den größten Öl- und Gasreserven kochts. Im Irak hat eine Organisation namens ISIS den "Geist von Saddam" wiedererweckt, was zu neuen Allianzen führt: Iran und USA verhandeln angeblich über Zusammenarbeit gegen die sunnitisch dominierte ISIS - es bleibt zu hoffen, dass sich diese Entwicklung nicht zu einem innerislamischen Glaubenskrieg ausweitet.

Währenddessen zieht Putin seine Energiestrategie gegenüber der Ukraine durch. Gespräche über ausstehende Zahlungen wurden abgebrochen, auch über einen Gaspreis für Lieferungen aus Russland in die Ukraine konnte man sich nicht einigen. Das Abdrehen des Gashahns droht, wodurch einerseits Lieferungen Richtung Europa bedroht wären und andererseits die Ukraine das Angebot der Europäer hervorkramt, Gas aus Westen über die Slovakei beziehen zu dürfen.

Die Bundesregierung ist inzwischen aufgewacht und prüft den DEA-Deal von RWE. Der Konzern hat vor, seine Öl- und Gas-Tochter an das Firmenkonglomerat des russischen Milliardärs Michail Fridman zu verkaufen. Pikanterweise gehören zu den Strukturen von DEA auch Gasspeicher in Deutschland, was angesichts des Gas-Streits zwischen Russland und der Ukraine ein wenig heikel ist. Immerhin könnte das Vorhaben "strategische Interessen Deutschlands" verletzen, was nach dem Außenwirtschaftsgesetz problematisch wäre.

Auf der anderen Seite des Atlantik werden dagegen ganz neue Karten gemischt. Tesla kündigt an, seine Patente zur Nutzung durch andere freizugeben und könnte damit Schwung in den Elektro-Mobilitätsmarkt bringen. Mancher vermutet, Tesla tut dies, um seine neue Giga-Speicher-Fabrik ordentlich auslasten zu können: Denn wenn es mehr Hersteller von E-Fahrzeugen gäbe, würde natürlich auch der Bedarf nach Batterien steigen. Wie die "Freigabe" aber im Detail zu verstehen ist und ob daraus so etwas wie eine "Offene Patentkultur" entstehen könnte, ist fraglich. Ein interessanter Schritt ist es allemal.

Weiteres:

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Kommentarlos, Teil 49

Noch vor sechs Monaten hatten die Energieanalysten vorhergesagt, dass die Förderung der Opec-Länder zulegen wird und sich Saudi-Arabien deswegen zurückhalten muss. Mittlerweile haben sie ihre Meinung aber geändert – denn die Förderung in Libyen, Iran und Irak hat sich nicht im erhofften Ausmaß erholt.

[...]

„Jetzt geht es nicht mehr darum, ob die Saudis mehr Raum geben, sondern darum, ob sie weitermachen und über ausreichende freie Kapazitäten verfügen”, sagte Jamie Webster, Analyst von IHS in Washington. „Der Opec fällt es zunehmend schwerer, ihre Arbeit zu machen und alle notwendigen Barrel zu liefern.”

Zu lesen: Im Handelsblatt (Dank an Mario)

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Kommentarlos, Teil 48

Sowohl die oekologische Bewegung wie auch viele Kritiker im Peak-Oil Bereich machen immer wieder den gleichen Fehler, der es der anderen Seite unglaublich einfach macht die Argumente auszuhebeln. Es wird gerne eine unterschwellige Technik - und Veränderungsangst bedient. Dabei gehen die eigentlichen Argumente komplett unter.

Zwei Beispiele:
Bei Fracking wird vor allem auf die möglichen Gefahren für das Grundwasser hingewiesen. Die sind aber im Verhältnis zu anderen Lebensrisiken marginal. Und wenn man mal die Luftbilder von gefrackten Regionen anschaut, sieht das auch nicht schlimmer aus wie die verspargelten Landschaften in der Uckermark. Und genau hier hackt Fleischhauer (übrigens zu Recht) ein.

Das eigentlichen Problem bei Fracking ist doch:

- Es ist keine Lösung für unser Energieproblem (keine ausreichenden Fördermengen)
- Es fördert die Illusionen, dass wir kein Energieproblem haben
- Es führt zu einer enormen Fehlallokation wirtschaftlicher Mittel
- Es geht wertvolle Zeit für den Umbau des Energiesystems verloren.

Den gleichen Fehler hat man bei der Kernenergie gemacht. Das grundlegende Problem ist doch nicht, dass da alle 20 Jahre ein Reaktor hoch geht (in der gleichen Zeit werden auf deutschen Straßen ca. 120.000 Leute totgefahren und die Amis erschießen etwa 600.000 Personen durch privaten Schusswaffengebrauch).

Die eigentlichen Probleme sind doch:

- Das ungelöste Abfallproblem (keine Lösung in Sicht)
- Uran ist ein äußerst knapper Rohstoff
- Kernenergie ist eine extrem teure Energiequelle (wenn man Vollkosten korrekt ansetzt)

Stefans Kommentar zur Diskussion: Fracking für die Freiheit?

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Pressemitteilung: Kurzstudie: Dresden hochgradig verletzlich gegenüber Gas- und Ölkrisen

Anläßlich der Ukraine-Krise ergab eine Kurzstudie des Büro für postfossile Regionalentwicklung eine hohe Anfälligkeit Dresdens für Krisen in der Öl- und Gasversorgung. Die Energieversorgung Dresdens beruht zu 80% auf Öl und Gas, davon kommt der Großteil aus russischen Quellen. Die Ukraine-Krise zeigt, dass dieser hohe Anteil die Stadt verletzlich macht. Letztlich stammt etwa ein Drittel der Dresdner Energiezuflüsse aus Russland. Dabei ist der überregionale LKW- und Flugverkehr, der für die Versorgung und wirtschaftliche Prosperität der Stadt wichtig ist, noch nicht einmal einbezogen, weil diese Bereiche bei der Erstellung des Dresdner Energiekonzepts ausgeblendet wurden. Eine akute Öl- oder Gaskrise, die Preissteigerungen oder Lieferverzögerungen zur Folge hätte, würde die Stadtgesellschaft hart treffen.

Eine Anfrage des Grünen Stadtrats Dr. Wolfgang Daniels an die Stadtverwaltung bestätigt die groben Zahlen der Studie. Demzufolge fließen aus den Brieftaschen der Dresdner jährlich bis zu 500 Millionen Euro für den Import von Öl und Gas aus den regionalen Wirtschaftskreisläufen ab. "Diese Kaufkraft ließe sich umlenken, wenn Dresden den Anteil der regionalen Selbstversorgung mit Energie erhöhen würde" sagt Norbert Rost, Autor der Studie und Leiter des Büros. Dies hätte starke regionalwirtschaftliche Effekte. Der örtlich produzierte erneuerbare Stromanteil von gerade einmal 4,1% ist für eine prosperierende Stadt wie Dresden unwürdig und zeigt zugleich das noch brachliegende lokale Potential.

Rost empfiehlt, das Energiekonzept der Stadt unter dem Blickwinkel der Versorgungssicherheit erneut zu überarbeiten. Angesichts der schrumpfenden europäischen Öl- und Gasförderung sollten alle Ämter der Dresdner Stadtverwaltung ihre Arbeit unter Energiegesichtspunkten beleuchten. Er begrüßt die derzeit laufende Zukunftsdebatte in der Stadt und fordert die Bewohner Dresdens auf, ihre Meinungen und Fragen an die Stadtverwaltung und den neu gewählten Stadtrat zu richten. Gelegenheit dafür bietet die Woche zur "Ressourcenschonenden Stadt" im Rahmen der "Dresdner Debatte".

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IEA: Welt-Energie-Investment-Ausblick

Die 1974 nach der ersten Ölkrise gegründete Internationale Energieagentur IEA legte am 3. Juni 2014 einen "Welt-Energie-Investment-Ausblick" vor (World Energy Investment Outlook). Darin werden notwendige Investitionen von 48 Billionen US$ bis 2035 kalkuliert, um das planetare Energieversorgungssystem entsprechend des IEA-Haupt-Szenarios lauffähig zu halten. Von heute etwa 130 Milliarden US$ jährlich müssen die Investitionen auf 550 Milliarden US$ jährlich in 2035 steigen. Korrektur Dank Ert Von heute etwa 1600 Milliarden US$ jährlich müssen die Investitionen auf 2000 Milliarden US$ jährlich steigen. (Im Effizienzbereich von 130 Milliarden US$ jährlich auf 550 Milliarden US$ jährlich in 2035).

Kapitel 2 des Berichts befasst sich mit den voraussichtlichen bzw. notwendigen Investitionen in fossile Energieträger und hier insbesondere mit Investitionen in den Ölbereich. Bis 2035 sollen in die Öl- und Gasversorgung 17,5 Billionen US$ fließen, also mehr als ein Drittel der Gesamtinvestitionen. 80% dieser 17,5 Billionen US$ seien  notwendig, den Rückgang bestehender Öl- und Gasfelder auszugleichen. Nur 20% der Investitionen in diesen Bereich sollen also zu einem wachsendem Öl- und Gasangebot beitragen. Da die leicht zu fördernden Öl- und Gasreserven bereits angezapft sind, wird es nötig, aufwändigere Quellen zu entwickeln. Die damit verbundenen höheren Kosten führen zu einem Ölpreis, den die IEA dennoch bei moderaten 128 US$ in 2035 sieht.

Allerdings kann der Ölpreis laut IEA auch leicht 15 US$ höher liegen und stärker schwanken, nämlich dann, wenn die Investitionen im Nahen Osten nicht so laufen, wie nötig. Für solch eine Entwicklung spricht das "unsichere Investitionsklima" in diesen Ländern. Der arabische Raum, in dem weiterhin die größten unentwickelten Öl- und Gasvorkommen der Welt liegen, muss jenen Förderabfall ausgleichen, den die IEA in den 2020ern in den Nicht-OPEC-Ländern kommen sieht. Insbesondere in den USA wächst bekanntlich die Ölförderung durch den großflächigen Fracking-Einsatz, doch die Dynamik dieses Wachstums endet absehbar.

Folgende Grafik zeigt, wie sich die Investitionen in fossile Brennstoffe von 2000 bis 2013 entwickelt haben. Insgesamt wurden 2013 fast 1 Billion US$ für die Suche und Entwicklung fossiler Energiequellen ausgegeben, was mehr als eine Verdopplung seit der Jahrtausendwende bedeutet. Der Großteil dieses Wachstums entfällt auf den Bereich Öl und Gas, wobei die IEA das "Epizentrum" dieser Investitionsralley in Nordamerika sieht: Fracking in den USA und Ölsande in Kanada waren ein investitionsintensives Geschäft:

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Nachlese: “Fracking für die Freiheit?” in Hamburg

Vergangenen Dienstag luden BUND und PFI zu einer Diskussionsrunde unter dem Titel "Fracking für die Freiheit?" ein. Wegen eines Todesfalls in der Familie und überraschenden beruflichen Verpflichtungen musste die Runde ein wenig umgestaltet werden, so dass Jo Müller für Paul Nellen als Moderator einsprang und ich statt Christoph Senz einen Einführungsvortrag hielt.

Die Ursprungsidee für den Abend ging auf eine Kolumne von SPIEGEL-ONLINE-Kolumnist Jan Fleischauer sowie meine Antwort auf dessen Artikel zurück. Er forderte angesichts der Ukraine-Krise im März "Fracking für die Freiheit" und argumentierte, man müsse sich für unabhängigere Außenpolitik unabhängiger von russischen Gaslieferungen machen. In meiner Replik darauf wollte ich darauf hinweisen, dass Fracking nur einen winzigen Teil der russischen Gasimporte ausgleichen könne und mit hohen Risiken verbunden sei. Etwa 30 Besucher wollten diese Diskussion verfolgen, allerdings...

...allerdings schien so manche Argumentation von Jan Fleischhauer zu provokant, so dass erste Zuhörer bereits zu Beginn der Diskussion wieder dem Ausgang zustrebten. Er vertrat die Ansicht, dass in der Fracking-Diskussion sehr viel Irrationales in der Diskussion sei und warf den Fracking-Gegnern vor, diffuse Ängste zu pflegen, unter anderem vor dem, was da "aus der Erde kommen könne". Als Beleg führte er an, dass Fracking bereits seit den 1960ern auch in Deutschland praktiziert würde und erst jetzt - nachdem der Atomstreit gewonnen sei - sich das grüne Milieu neuen Schlachtfeldern zuwende. Die psychologische Dimension des Streits um Fracking bzw. hinsichtlich der Ausrichtung unserer Energieversorgung finde ich sehr spannend. Allerdings schien nicht jeder an dem Abend auf solch eine Debatte eingestellt.

Einigkeit auf dem Podium kam - in meiner Wahrnehmung - darüber zustande, dass über die Konsequenzen des Umbaus der Energieversorgung und des Verzichts auf Schiefergas und "Schieferöl" kaum diskutiert wird. Die Grünen, die Jan Fleischhauer als Lieblingsfeind erkoren hat (eine auf Gegenseitigkeit beruhende Verbindung), führen eine wachstumskritische Diskussion kaum noch, weil kaum Antworten da seien, die kompatibel zum gängigen Wählerwillen seien: Wie wolle man denn steigende Staatsausgaben und hohen materiellen Lebensstandard in Einklang bringen mit einer schrumpfenden Energiezufuhr und schrumpfender Wirtschaft? Mutige Systemdiskussionen, die aus dem Mantra "Egal wie wir Energieversorgung und Wirtschaft ausrichten, der Lebensstandard steigt" ausberechen, gibt es in der politischen Arena kaum noch.

Obwohl diese Überlegungen durchaus provokant daherkommen, empfand ich den Abend als lehrreich. Auch wenn das nicht alle so sahen, muss festgehalten werden: Es war der Versuch eine überfällige Diskussion zu führen. Eine Diskussion über die Widersprüchlichkeiten dieser Zeit, festgemacht an Fracking und Windrädern.

Dank an Paul Nellen und BUND für Organisation, Dank an Jo Müller für recht spontane Moderation, Dank an Jan Fleischhauer für interessante Diskussion. Dank an Zuhörer für kritische und konstruktive Fragen und Diskussionsbeiträge!

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EIA: Schieferöl-Schätzung im Monterey Shale um 96% gekürzt

EnergyComment verweist auf einen Artikel der Los Angeles Times, nach welcher die US-Energiebehörde EIA ihre Schätzungen für ein großes Tight-Oil-Gebiet in Kalifornien um 96% nach unten korrigiert hat. Dem sogenannten "Monterey Shale" wurde in einer Studie der Ingenieur-Firma Intek Inc. 2011 ein mögliches Ölfördervolumen von 13,6 Milliarden Barrel zugesprochen. Eine darauf aufsetzende Studie zu den ökonomischen Segnungen dieser Tatsache führte zu den Hoffnungen, Kaliforniens Bruttoinlandsprodukt könne bis 2020 um 14% steigen und dabei 24,6 Milliarden US$ zusätzliche Steuereinnahmen bei 2,8 Millionen neuen Jobs hervorbringen. J. David Hughes vom PostCarbonInstitut kritisierte in seiner Untersuchung der Intek-Studie von Dezember 2013, ihre "überoptimistischen Schätzungen". Seiner Einschätzung hat sich die EIA nun offenbar angeschlossen. Die Förderung der vorhandenen Mengen ist mit der Fracking-Technologie offenbar nicht machbar. Der versprochene Boom wird wohl ausbleiben.

J. David Hughes hatte Anfang 2013 für das Fachmagazin NATURE die Schätzungen für unkonventionelle Öl- und Gasvorkommen in den USA allgemein als zu optimistisch bezeichnet und es "unklug" genannt, die Energieunabhängigkeit für die USA auszurufen (siehe auch: Fracking-Blase: Höhere Kosten und weniger Erträge als erhofft). Auch seiner damaligen Analyse, dass das Bakken-Areal in den USA sein Fördermaximum 2017 erreichen könnte, hat die EIA inzwischen mehr oder minder übernommen: Das neue Fördermaximum der USA sieht die Energiebehörde 2016/2017 kommen:

US-Oelfoerdung 2014-2040

Außerdem:

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Portugal nach dem Peak Oil

"Portugals soziale Krise: Millionenfaches Elend" überschrieb SPIEGEL ONLINE einen Artikel von Stefan Schultz aus Lissabon, den dieser anläßlich des Austritts Portugals aus dem "Euro-Rettungsschirm" schrieb. 2,5 Millionen Portugiesen leben demnach in Armut oder an der Armutsgrenze, viele Menschen sind entmutigt und frustriert.

Mich interessiert: Wie sieht die Krise in Portugal aus, wenn man sie in Zusammenhang sieht mit

  • einer seit 2002 schrumpfenden europäischen Ölförderung,
  • einer seit 2005 stagnierenden konventionellen Welt-Ölförderung,
  • einem seit 2003 steigenden Ölpreis?

Zur Erinnerung: Seit 2003 stiegen die Ölpreise von etwa 25 US$ auf heute 100 bis 120 US$. Der bisherige Spitzenwert wurde kurz vor Ausbruch der europäischen Finanzkrise im Sommer 2008 erreicht: 147 US$ kostete damals ein Barrel Erdöl (159 Liter). Die Öl-Förderkurve Europas zeigt seit 2002 einen unaufhaltsamen Abwärtstrend, bei dem sie bis zum Jahr 2013 fast auf die Hälfte des Ölfördermaximums verloren hat:

erdoelforderung_europa_bis_2013_peak_oil

Die weiterhin anhaltende Krise in Europa, die insbesondere die südeuropäischen Länder betrifft, wird bislang nicht mit einer schrumpfenden Energiezufuhr in Zusammenhang gebracht. Sie wird als reine Finanzkrise interpretiert, überwiegend als Staatsschuldenkrise, nicht jedoch als Energie- oder Ölkrise.

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