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Russland: Öl und Gas nur noch gegen Rubel?

Wie vor allem die österreichische (Die Presse, Wirtschaftsblatt.at) und Schweizer Presse (Handelszeitung) meldet, arbeiten die russischen Behörden daran, den Verkauf von Öl und Gas ins Ausland zunehmend in Rubel statt Dollar abzuwickeln. Diese Vorgabe soll nicht für privat geführte Firmen gelten, demnach für alle Unternehmen in überwiegendem Staatseigentum, zu welchem die großen Öl- und Gaskonzerne, insbesondere Gazprom gehören. Laut Presse besagt die Vorgabe, dass (zumindest im ersten Schritt) nicht zwingend der Kunde mit Rubel bezahlen muss, aber bei den Unternehmen Rubel eingehen sollen. Daraus folgt, dass bei einer Zahlung in Dollar oder Euro eine Bank als Zwischenhändler eintritt.

Der russische Staat kann somit zwei Stoßrichtungen verfolgen:

  1. Die öl- und gasexportierenden Staatsunternehmen müssen ihre Ausgaben primär in Rubel tätigen und treten somit im heimischen Markt als Nachfrager auf. Die so umgelenkte Kaufkraft dürfte mittelfristig dafür sorgen, dass mehr Kaufkraft im Land bleibt und damit Lieferanten mit entsprechendem KnowHow in Russland entstehen bzw. wachsen. Die Nachfrage nach Rubel steigt, was insbesondere der aktuell anhaltenden Rubel-Flucht entgegenwirken dürfte: Mussten Rubel-Besitzer Ende 2013 noch 32 bis 33 Rubel für einen Dollar zahlen, waren jüngst 35 bis 36 Rubel zu zahlen.
  2. Da offenbar ein Währungsgeschäft zwischen der Ausgabe des Öl- und Gaskäufers und der Einnahme auf Seiten des Öl- und Gaslieferanten liegt, kann die dazwischengeschaltete (Staats-?)Bank Devisen-Einnahmen verzeichnen. Angesichts des aktuellen Abflusses von Devisenreserven der russischen Zentralbank kann dieses Manöver für frischen Devisen-Zufluss sorgen.

Man kann diese Entwicklung als Zeichen der Schwäche werten, bei dem die russischen Behörden versuchen, den europäisch-amerikanischen Sanktionen zu begegnen. Man kann sie aber auch in Zusammenhang mit einer grundlegenden Neuorientierung im Bereich der Energie- und Wirtschaftspolitik sehen, zu der folgende Entwicklungen dazugehören:

Die Verknüpfung zu China ist insofern bedeutsam, als dass China seit längerem Öl- und Gasgeschäfte auf Basis der eigenen Währung abwickelt. Daher ist schon hin und wieder vom "Petro-Yuan" als Gegenspieler des "Petro-Dollar" die Rede. FinancialSense.com verwies darauf, dass neben China auch Russland und Iran bereits Ölgeschäfte mittels der chinesischen Währung abgewickelt haben. Venezuela, Angola und der Sudan könnten folgen. Da China inzwischen die USA als größter Ölabnehmer Saudi Arabiens abgelöst hat, könnte diese Entwicklung auf Dauer auch die Wahl der Währung beeinflussen, die für solche Geschäfte genutzt wird und damit die Bedeutung des US-Dollars beeinflussen.

Kritiker dieser Entwicklung warnen vor den Risiken: So zeigte die 2007/2008 ausgelöste Finanzkrise, dass kleine Erschütterungen im Finanzsystem große Schockwellen auslösen können. Und aus Sicht Chinas gilt es die riesigen Dollar-Investitionen zu beachten, die im Laufe der letzten 25 Jahre angehäuft wurden und die bei einer Abwertung des US-Dollars dahinschmelzen würden.

Russland hat zumindest letzteres Problem nicht.

 

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Political Peaking – Wenn Putin am Ölhahn dreht.

Peak Oil diskutiert die Frage, wie und wann Ölförderbegrenzungen erreicht werden und wie sich diese auf Wirtschaft und Gesellschaft auswirken. In dieser Diskussion taucht gelegentlich der Begriff des "political peaking" auf. "political peaking" meint dabei das Erreichen eines Fördermaximums nicht aus geologischen Gründen, sondern aus politischen. Es tritt dann auf, wenn politische Entwicklungen dazu führen, dass die Fördermengen bewusst gedrosselt werden, um politische Ziele zu erreichen. Vor dieser Gefahr steht Europa angesichts der Krim-Krise.

Die folgende Grafik zeigt, von welchen Seiten der Ölpreis unter preissteigerndem Druck steht. Einerseits sind es steigende Förderkosten, die letztlich den Ölpreis treiben, andererseits ist es steigende Nachfrage oder unterlassene Investitionen, die den Preis treiben. Als drittes zeigt die Grafik politische Treiber, die letztlich auf den Ölpreis wirken:

Einwirkungen auf den Ölpreis

Bündnis zwischen China und Russland in Arbeit

Das Risiko eines "political peaking" steigt für Europa derzeit stark an. Der SPIEGEL berichtet, dass Russland und China zu ähnlichen Positionen bei der Krim-Krise gefunden haben und über neue Bündnisse verhandeln. Dem Block aus EU und USA attestieren die Chinesen entweder nicht die Kapazität, das in der Ukraine aufscheinende Chaos zu handhaben oder nicht die dafür nötige Weisheit. In der Konsequenz rücken China und Russland näher zusammen und bereiten ein Abkommen über militärpolitische Zusammenarbeit vor. Solch ein Abkommen könnte zu einem Militärbündnis führen, das die Alleinstellung der NATO aufhebt. Die geopolitischen Gewichte würden sich massiv verschieben - ausgelöst durch (unüberlegte) EU-Aktivitäten in der Ukraine.

Die chinesisch-russische Zusammenarbeit im Bereich der Energieversorgung ist nicht neu. Zuletzt im Juni 2013 wurde ein größerer Deal zwischen chinesischen Abnehmern und Rosneft vereinbart, der Reuters zu folgender Bemerkung brachte:

Mit welcher Geschwindigkeit sich Russland beim Ölexport umorientiert, hat viele Branchenexperten überrascht. Binnen fünf Jahren hat das Land riesige Volumina nach Asien umgelenkt, die ursprünglich für Europa bestimmt waren.

Allgemein geht China einen sehr strategisch erscheinenden Weg, wenn es darum geht, den Einfluss auf künftige Ölquellen und Ölströme zu sichern. Diese Entwicklung scheint sich nun nochmal zu beschleunigen. Eine solche Strategie ist auf Seiten Europas nicht auszumachen. Hierzulande gilt der Glaube, der Markt würde das alles schon regeln. Damit wird die Energieversorgung nahezu allein den "Marktteilnehmern" überlassen, also überwiegend großen, profitorientierten Konzernen. Eine dahinterstehene Strategie ist nicht zu erkennen und Diskussionen darüber wurden zuletzt im Keim erstickt, als der ehemalige Bundespräsident Köhler einen politischen Diskurs forderte und über sein öffentliches Nachdenken letztlich zurücktrat.

Political Peaking schon in der Bundeswehr-Studie thematisiert

In der aktuellen Version der Bundeswehr-Studie zu Peak Oil lesen wir:

So könnte es im Bewusstsein der Überschreitung des Peak Oil und angesichts des Strebens von Staaten nach eigenen, möglichst nachhaltigen Vorteilen zu einer gezielten Einschränkung des Angebots kommen („Political Peaking“), beispielsweise um das nicht geförderte Erdöl nachfolgenden Generationen des eigenen Landes zu erhalten. Je klarer würde, wie knapp Erdöl tatsächlich ist, desto mehr würden die Preise des Erdöls und damit die Gewinne der Förderländer steigen. Das Kalkül des „Political Peaking“ würde umso nachvollziehbarer werden. Ein Political Peaking würde die Peak Oil-induzierte Verknappung des Angebots und die damit zusammenhängende Preissteigerung noch weiter verschärfen.

Die Autoren bemerken hier: Da die konventionelle Ölförderung seit 2005 nicht mehr steigt und Europas Ölförderung seit 2002 Jahr für Jahr schrumpft, entsteht eine ausnutzbare Situation: Wenn Russland bewusst den Ölfluss nach Europa verringert, das Angebot also aus politischen Gründen verknappt, hat Europa kaum Möglichkeiten, alternative Lieferanten zu finden. Denn die Tatsache des globalen Ölfördermaximums erlaubt keine Umlenkung von Ölströmen in den Größenordungen, wie Russland sie derzeit liefert.

Die Bundeswehr-Studie nennt im Zusammenhang der Öllieferungen konkret: Russland:

Ob und unter welchen Bedingungen es vor dem Hintergrund des Peak Oil zusätzlich zu einem „Political Peaking“ kommen könnte, ist nicht vorherzusagen.[..] Damit könnte Russland mit seinen derzeitig bereits beträchtlichen Liefermengen in den Fokus rücken. Zwar könnte es einen Ausfall anderer Lieferanten Deutschlands durch seine immensen Vorräte grundsätzlich decken, eine weitere Erhöhung der Liefermengen könnte jedoch das bestehende, derzeit noch weitgehend als beidseitig betontes Abhängigkeitsverhältnis zugunsten Russlands verändern und das Verhältnis zu anderen Abnehmern entlang der Pipeline belasten.

Die Studie diskutiert an dieser Stelle also vielmehr, ob Russland als Ersatz-Lieferland für Ausfälle anderer Lieferanten herhalten könnte. Dabei tritt nun genau das Gegenteil ein: Das mit "immensen Vorräten" gesegnete Russland könnte die Lieferungen verknappen, in diese Lücke müßten andere Länder treten.

Die im folgenden genannten alternativen Lieferländer wie Tunesien, die Republik Kongo, Äquatorialguinea, Turkmenistan sowie Usbekistan und der Sudan können nur begrenzt die russischen Liefermengen ersetzen und gelten zudem nicht gerade als die stabilsten Eckpfeiler der globalen Weltordnung.

Grotesk anmutende Außenpolitik Europas

Bedauerlich ist, dass erst eine akute Krise im europäisch-russischen Grenzraum dazu führt, dass solche Fragen in den Medien, in der Wirtschaft und der Politik intensiver diskutiert werden. Die Bundeswehr-Studie, die all diese Szenarien vorausschauend ansprach, ist bereits seit 2008 öffentlich, doch die Politik muss sich dem Vorwurf stellen, bislang weitgehend untätig geblieben zu sein.

Wie absurd der Streit "um" die Ukraine inzwischen ist, offenbart die Forderung des neuen ukrainischen Präsidenten Arsenij Jazenjuk, die EU möge Energie in die Ukraine liefern. Hierzulande nennt man dies, "einem nackten Mann in die Tasche greifen". Wie bereits im Dezember 2013 diskutiert, ist Europa wegen schrumpfender Öl- und Gasförderung überhaupt nicht in der Lage, Energie an die Ukraine zu liefern, sondern kann allerhöchstens Geld bereitstellen, mit dem die Ukraine dann wieder Energierohstoffe in Russland kaufen kann. Es zeigt sich bereits das Ende der europäischen Expansionspolitik: Es werden immer neue Regionen finanziell alimentiert, doch die Finanzströme sind nicht ökonomisch unterfüttert. Die Stabilität des europäischen Finanzsystems endet ein weiteres Mal dort, wo Luftbuchungen vorgenommen werden - und genau diese Art Transaktionen werden von den EU-Beamten der ukrainischen Führung offenbar versprochen und nun von dieser eingefordert. Im Balance-Spiel zwischen dem westlichen Block und Russland (und demnächst vielleicht China) übersehen die Verantwortlichen die Bedeutung, die Energie in der Wirtschaft hat. Auf neue Maschinen und Autos, die Russland hauptsächlich aus Deutschland importiert, kann man zweifellos eher verzichten, als auf die Treibstoffe, die diese Maschinen antreiben. Zu befürchten ist, dass die Politiker auf europäischer, Bundes-, Landes- und Kommunalebene überhaupt kein Gefühl für die Bedrohung haben, die ihr Handeln auslöst. Die aktuelle Politik hinterläßt den Eindruck, die Bedeutung von Energieflüssen wird auf politischer Ebene überhaupt nicht verstanden.

Siehe auch:

  • Stichwort: Strategische Ellipse
  • Kurz vor seinem Rücktritt band Köhler seine energie- und außenpolitischen Überlegungen in seine Rede im Weltverkehrsforum in Leipzig 2010 ein und empfahl als Lokalstrategie den Transition-Ansatz: Videoausschnitt aus der Rede

Weiteres:

Zur Ukraine:

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Vankor: Russlands größtes Ölfeld schon am Peak?

Reuters meldet, dass Rosneft die die vorhergesagten Fördermengen des größten Ölfelds Russlands Vankor nach unten angepasst hat. Laut Reuters ist das Ölfeld daher wichtig, weil es sowohl gen Westen wie auch gen Osten liefern kann. Rosneft sagt gegenüber Reuters:

"In the event of possible deviations, existing agreements and the most profitable supply routes will be prioritised."

"Im Fall möglicher Abweichungen (von der Produktion) werden bestehende Verträge und die profitabelsten Lieferrouten priorisiert."

Was nichts anderes heißt wie: Wer die besten Verträge mit dem Ölförderer macht oder gemacht hat, und wer am meisten zahlt, kriegt das Öl.

Diese Entwicklung ist angesichts dessen bedeutsam, dass Russland in 2012 für 36% der Öllieferungen nach Deutschland verantwortlich war und die russischen Ölfirmen ihre Liefermöglichkeiten nach China stark ausbauen. Bereits im Juni wurden sehr überschaubare Wachstumszahlen für die Ölförderung Rosnefts gemeldet verbunden mit intensiveren Geschäftsverbindungen nach China. China macht sich dabei den strategischen Vorteil zunutze, den Reuters "Cash now, Oil later" nennt: Vorabzahlungen auf später zu lieferndes Öl. Die absehbaren Steigerungen, die Rosneft für seine Ölförderung anstrebt (von 4,2 Millionen Barrel pro Tag heute auf 4,4 Millionen Barrel pro Tag in 2020) reichen nicht ansatzweise, um das chinesische Bedarfswachstum zu decken. Reuters nennt für China einen erwarteten Bedarf von 9,2 Millionen Barrel Öl am Tag in 2020. China importierte 2012 4,7 Millionen Barrel Rohöl täglich, das sind 700.000 Barrel Tagesimporte mehr als noch ein Jahr zuvor. Russland wird einen Großteil des Bedarfswachstums decken wollen/müssen. Wenn Rosneft nun noch seine Förderaussichten kürzt, wird das Verhältnis von Ölangebot und Ölnachfrage, dem in Russland vor allem Europa und China gegenüberstehen, arg strapaziert. Rosneft und China vereinbarten auch eine gemeinsame Erkundung neuer Ölfelder in Sibirien und dem Fernen Osten. Mögliche Funde sollen laut RiaNovosti gen Asien fließen.

Im Juni kam hier die Aussicht auf, die seit 2011 existierende Lücke zwischen dem für den US-amerikanischen Markt gültigen WTI-Preis und dem für den europäischen Markt gültigen Brent-Ölpreis würde sich wieder schließen. Doch auch heute klaffen 10 US$ als Preislücke zwischen Europa (Brent: ca. 107 US$) und den USA (WTI: ca. 97 US$), was angesichts der europäisch-russisch-chinesischen Ölsituation die Frage aufbringt: Steht der Ölmarkt mit dem Erreichen der vielen lokalen Ölfördermaxima vor einer Spaltung? Wird sich wie beim Gas eine stärkere Differenzierung der nordamerikanischen und der europäisch-eurasischen Situation ergeben, die jeweils unterschiedliche Versorgungsstrukturen und unterschiedliche Preise hervorbringt? Wenn Russland sich die Importabhängigkeit der (den Peak hinter sich habenden) Europäer und der aufstrebenden chinesischen Volkswirtschaft zunutze macht, könnten zwischen diesen Handelspartnern bald ganz andere Preise akzeptabel sein, als in den USA, die dank Fracking derzeit eine (relative) lokale Überversorgung haben, auch wenn sie die Öl-Selbstversorgung (trotz anderslautender Medienberichte) nicht erreichen.

 

Weitere Infos:

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China: Ölimportweltmeister.

Felix Lee, der für DIE ZEIT ein Blog über China schreibt, hat auf der EIA-Webseite die Vorhersage entdeckt, dass China bereits in diesem Oktober die USA als Ölimportweltmeister überholten könnte. dpa meldet zur Stunde, dass die Ölimport-Weltmeisterschaft schon im September einen neuen Weltmeister hat: 6,3 Millionen Barrel Tagesimporte hat China im September gebraucht, die USA "nur" 6,1 Millionen Barrel täglich. Zusammen importieren beide Länder also etwa das Fünffache des deutschen Tagesbedarfs (2,4 Millionen Barrel täglich). Die Ölimportweltmeisterschaft hat also schon einen Monat früher als gedacht die Führungsposition gewechselt.

Leider wiederholt Lee denselben Unsinn, der auch in anderen Publikationen immer wieder aufscheint, wie beispielsweise jüngst in der WELT. In beiden Zeitungen wird suggiert, die USA könnten zum Selbstversorger mit Öl und Gas werden. DIE WELT läßt sich zu dieser Suggestion von Peter Jackson von IHS Cera hinreißen: "Die Wandlung der USA zum Selbstversorger und perspektivisch sogar Exporteur von Brennstoffen wird die Märkte verändern, sagte Jackson." Auch in der ZEIT ist es das Fracking, welches Felix Lee verleitet zu suggerieren, es könne "die USA sogar am Ende unabhängig von Ölimporten machen". Bei der WELT wird die Öl- und Gasförderung zu "Öläquivalenten" vermischt, obwohl die Fahrzeugflotte der USA mit Erdgas als Treibstoff nichts anfangen kann. Im ZEIT-Blog wird wird begründungslos wiedergekaut, was die Kollegen der WELT und anderer Publikationen schon ordentlich vorsuggeriert haben, den Spin-Doktoren im Dienste der Interessengruppen sei Dank. Entsprechend kommt Lee zu Schlußfolgerungen, deren Fundament unrealistisch ist: "Wenn die USA kein Geld mehr für Öl zahlen müssen, dann könnten sie ..." Werden sie aber weiterhin müssen, denn selbst der Fracking-Papst Leonardo Maugeri schrieb jüngst, dass allerhöchstens 75% Selbstversorgungsgrad mit Öl für die USA möglich wäre, was weiterhin 25% Importabhängigkeit bedeuten würde. Dass Maugeri den USA Effizienzmaßnahmen empfiehlt, um mit dem vorhandenen Öl sparsamer umzugehen, sind ganz neue Töne, die jedoch leider in der Fracking-Euphorie untergehen und ihren Weg noch nicht zu ZEIT und WELT gefunden haben.

Dass China Ölimportweltmeister ist, liegt am steigenden Selbstversorgungsgrad der USA und am steigenden Ölhunger Chinas. Felix Lee verweist darauf, dass in China bislang "nur" 70 PKW auf 1000 Einwohner kommen, während es im weltweiten Durchschnitt 120 sind und in Deutschland 600. Wenn die Bürger Chinas nur ansatzweise eine ähnliche PKW-Dichte anstreben, wird aus dem Ölimportweltmeister eine globale Horrorsituation: denn die dafür benötigten Ölmengen wären nicht ansatzweise lieferbar. Wo China jetzt Weltmeister ist, gibt es keinen mehr, den das Land mit seinen künftigen Importmengen überholen kann. In der Formel 1 würde man sagen: Auf dem Weg nach vorn gibt es jetzt keinen mehr, der noch im Wege ist... Gib Gas!

Die Meldung der neuen Ölimportrekorde Chinas sind insbesondere für Europäer kein Grund zur Freude. China wird voraussichtlich der künftige Haupt-Konkurrent um russisches Erdöl werden, wobei China sehr viel strategischer vorgeht, um sich Ölfördermengen schon vorab zu sichern. Die große Freude im ZEIT-Blog, das Ergebnis der chinesischen Ölimportrekorde könnte zu einer ausgeglicheneren Handelsbilanz zwischen den USA und China führen, ist nur unter völliger Ignoranz der globalen Ölfördersituation verständlich. Leider hat das Peak-Oil-Konzept seinen Weg noch nicht in jede Redaktion gefunden...

 

Nachtrag:

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China kauft Kasachstan

Nein, so weit ist es dann doch noch nicht, dass China das postsowjetische Land kauft, das fünfmal so groß wie Frankreich ist, in dem aber nur 17 Millionen Menschen leben. Aber: Chinas National Petroleum Corporation (CNPC) kauft einen Anteil von 8,33% am derzeit wichtigsten und zugleich teuersten Ölfeld der Welt: Kashagan. Der Anteil, den die US-Firma ConocoPhillips ursprünglich an die indische Oil und Natural Gas Corporation (ONGC) verkaufen wollte, wandert jetzt durch ein Vorkaufsrecht des kasachischen Staates an Indiens großen Nachbarn. Das dürfte Indien, die mit dem Deal einen Fuß in die kasachische Öltür bekommen wollten und dessen Ölbedarf rasant wächst, nicht gefallen.

Der Deal zeigt, wie strategisch China vorgeht, um seinen künftigen Bedarf an Öl zu decken. Nicht nur ein Verkaufspreis von 5 Milliarden US$ wird genannt, sondern auch 3 Milliarden Investitionszulagen für die zweite Phase der Kashagan-Erschließung sowie Kreditlinien in Höhe von 3 bis 5 Milliarden US$ von der China Development Bank und der Import-Export-Bank of China. Nicht explizit in den Presseberichten wird gesagt, ob der Deal tatsächlich auf US$ lautet oder ob die chinesische Währung oder Tauschgeschäfte darüber hinaus eine Rolle spielen (wie immer wieder zwischen Indien und Iran diskutiert).

In Kashagan sollen 35 Milliarden Barrel Öl lagern, von denen zwischen 9 und 13 Milliarden förderbar sein sollen. Außerdem werden bis zu eine Billion Kubikmeter Erdgas vermutet. In den vergangenen 13 Jahren hat ein Konsortium verschiedener Ölfirmen über 50 Milliarden US$ in die Erschließung investiert, das sind zwischen 3,8 und 5,6 US$ pro förderbarem Barrel. Dennoch gilt das Feld als finanzielle Enttäuschung, seine Erschließung als "teuer". 2011 hieß es noch, das Feld würde 2012 fördern. Heute soll nun die erste Probeförderung beginnen und die kommerzielle Ausbeutung in 3 bis 4 Wochen starten. 180.000 Barrel pro Tag kommen dann zusätzlich auf den Ölmarkt, Kasachstan selbst benötigt etwa 250.000 Barrel am Tag. Zum Vergleich: 40.000.000 Barrel Tagesförderkapazitäten müssen laut Internationaler Energieagentur bis 2035 ans Ölnetz gehen, um die durch rückläufige Förderraten der alten Felder und steigenden Ölbedarf der Schwellenländer entstehende Versorgungslücke auszugleichen. Die zweite Ausbaustufe soll zu einer Gesamtkapazität der Kashagan-Förderung von 370.000 Barrel ab 2015 führen. Um die Ölversorgungslücke bis 2035 zu schließen, müssten in den kommenden 20 Jahren also mehr als 100 Ölfelder von der Dimension Kashagans erschlossen werden. (Und die Kashagan-Erschließung hat 13 Jahre (!) gedauert!)

Zweifellos werden die Anteilseigner an Kashagan bevorzugt beliefert. Italiens ENI, die US-Firmen ExxonMobil und Shell, Frankreichs Total und der kasachische Konzern KazMunaiGas halten jeweils ganz demokratisch geteilte 16,81%. Chinas CNPC steigt jetzt mit 8,33% ein und Japans Inpex gehören 7,56%.

Pressereflektionen:

Anderes:

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Rosneft am Limit: Russland und China vereinbaren 25-Jahres-Deal

Wladimir Putin hat heute ein Geschäft mit China bekanntgegeben: In den kommenden 25 Jahren wird Russland jeweils 300.000 Barrel Öl pro Tag zusätzlich nach China liefern. Das sind pro Jahr etwas mehr als 100 Millionen Barrel zusätzlich, über den Gesamtzeitraum 2,66 Milliarden Barrel, also 365 Millionen Tonnen. Nach heutigen Preisen hat der Deal einen Wert von 270 Milliarden US$, aber scheinbar ist der heutige Ölpreis von 100 US$ pro Barrel nicht fester Teil des Deals: So zumindest liest sich die Reuters-Meldung, die von Vorab-Zahlungen in Höhe von 70 Milliarden US$ berichtet.

Lieferant des Öls ist Rosneft. Rosneft hat weitere Deals, unter anderem mit Trafigura und Vitol bekanntgegeben. Rosneft hat heute zudem eine Meldung gestreut, dass der Konzern seine Ölförderung binnen 7 Jahren auf 220 Millionen Tonnen (1,6 Milliarden Barrel) pro Jahr aufstocken will. 2012 förderte Rosneft noch 126 Millionen Tonnen, allerdings übernimmt die Firma das Joint-Venture TNK-BP. In dieser neuen Konstellation will Rosneft bereits im Jahr 2013 215 Millionen Tonnen Öl fördern, der Zuwachs seit 2012 kommt also hauptsächlich aus der Übernahme. Das jedoch bedeutet, dass Rosneft in den kommenden Jahren seine Ölförderung um gerade einmal 5 Millionen Tonnen ausbauen will, was einer Steigerung von knapp 2,3% bedeutet. Gestreckt auf 7 Jahre ist das nichts. Die frischen Einnahmen des China-Deals sollen einerseits dazu genutzt werden, die Kredite der TNK-BP-Übernahme zu tilgen, andererseits sollen damit nach neuen Ölvorkommen, insbesondere in der Arktis, gesucht werden. Offenbar rechnet der Konzern aber nicht damit, dass mit den Milliarden größere und schnell erschließbare Funde gemacht werden, sonst würden die Förderziele für die kommenden 7 Jahre nicht so bescheiden ausfallen. Neue Funde werden möglicherweise auch erstmal nur den Rückgang der alten Felder ausgleichen. 200 Milliarden US$ will Rosneft zwischen 2013 und 2022 investieren, davon 82% in die Förderung und 15% in die Ölverarbeitung und den Rest in seinen Service.

Der Deal ist an und für sich nichts besonderes, er ist die konsequente vertragliche Situation, die sich aus der Erweiterung der russischen Ölpipelines nach China ergibt. Man will sie ja nicht nur bauen, sondern auch nutzen. Allerdings ist die Meldung ein wichtiges Signal für Europa, welches sich - hochabhängig von russischem Öl - künftig im Bieterwettbewerb mit China um die stagnierenden Ölmengen Russlands befindet.

Reuters:

Mit welcher Geschwindigkeit sich Russland beim Ölexport umorientiert, hat viele Branchenexperten überrascht. Binnen fünf Jahren hat das Land riesige Volumina nach Asien umgelenkt, die ursprünglich für Europa bestimmt waren.

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Britischer Militär-Think-Tank rechnet mit 500-Dollar-Ölpreis in 2040

Aussagen über die Zukunft sind unsicher. Deswegen keine Annahmen über künftige Entwicklungen zu machen, würde bedeuten, die menschliche Fähigkeit zur Vorausschau ungenutzt zu lassen. Will man heute Entscheidungen treffen, muss man eine Ahnung von künftigen Rahmenbedingungen haben. Dabei gilt es, mit Wahrscheinlichkeiten zu rechnen, denn: Aussagen über die Zukunft sind unsicher.

Militärs scheinen heute jene Akteure zu sein, die sich die weitsichtigsten Blicke erlauben. Das mag an den Wurzeln der Strategie im Militärwesen liegen: Strategie, von altgriechisch strategós „Feldherr, Kommandant“. Neben der Bundeswehr, die das Thema Peak-Oil möglicherweise in Grundsatzüberlegungen regelmäßig beobachten will, gesellt sich nun das britische Verteidigungsministerium. Eine entsprechende Studie hat Nafeez Ahmed für den Guardian ausgegraben. Diese Studie entstand als Teil des "Strategic Trends Program" und beleuchtet hauptsächlich die Frage, wie Süd-Asien in 2040 aufgestellt sein dürfte. Um dies zu beurteilen macht die Studie gewisse Annahmen über die Bedeutung von Energie für diesen geografischen Raum und kommt dabei zu Schlüssen, die bislang selten in dieser Entschiedenheit zu lesen waren. (mehr …)

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Neuigkeiten aus der Ölwirtschaft: RWE, Hess, Rosneft

Seit Mitte Februar sinkt der Ölpreis. Die Ausgabenkürzungen im US-Haushalt, die die Konjunkturaussichten trübt sowie das anstehende Sommerhalbjahr auf der Nordhalbkugel dürften nicht unbedingt die Nachfrage nach Öl steigen lassen - daher ist über den Sommer mit einem weiteren Sinken des Ölpreises zu rechnen. (Wenn nichts unplanmäßiges dazwischenkommt.)

RWE

Im Ölgeschäft passieren kleinere, aber interessante Dinge: RWE, der große deutsche Energiekonzern, stellt seinen Öl- und Gas-Förderer RWE Dea zum Verkauf. Begründet wird dieser Schritt unter anderem damit, dass man sich von künftigen Investitionen entlasten will. Reuters zitiert unternehmensnahe Personen mit der Aussage, dass die hohen Investitionen in die Firma sich erst sehr viel später auszahlen. Anders gesagt: Um Öl zu finden und es förderbar zu machen, muss sehr viel Geld für lange Zeiträume bereitgestellt werden. Und dennoch bleibt eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass die Explorationsaktivitäten nicht jene Mengen zutage fördern, wie die Geologen errechnet haben. RWE ist unter Druck, da durch den Atomausstieg und den Einspeisevorrang der Erneuerbaren Energien in Deutschland das alte Geschäftsmodell nicht mehr richtig funktioniert ("no business as usual") und die Bilanz aufgepeppt werden soll. Doch das Beispiel macht deutlich, dass sich das Ölgeschäft vom Bäckerhandwerk grundsätzlich unterscheidet.

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ARTE: Das große Spiel um Macht und Öl

Gestern Abend liefen auf ARTE drei Sendungen mit einem Öl-Schwerpunkt. Sie sind noch 7 Tage online zu sehen und wer die Mediathek-Software der Öffentlich-Rechtlichen benutzt kann sich die ersten beiden sogar auf die Festplatte laden und später anschauen:

Vor diesen Sendungen zur Prime-Time um 20:15 Uhr brachte ARTE zudem eine Sendung über den Einfluss der US-Bank Goldman Sachs auf das Finanzsystem und damit die Welt: Goldman Sachs - Eine Bank lenkt die Welt. Da der Einfluss der steigenden Geldmengen auf die Ölpreise beachtenswert ist (wie auch Klaus Bergmann von esyoil thematisisiert), ist es nicht unwichtig, aus welchem Netzwerk der Lenker der Europäischen Zentralbank stammt.

Weitere News: (mehr …)

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Peak Oil und China

Bei TheOilDrum wurde auf einen interessanten Artikel von Lin Shi und Yuhan Zhang von der Columbia University verwiesen, die sich kritisch mit Peak Oil in Bezug auf China auseinandersetzen. Sie argumentieren, die "Peak-Oil-Theorie" beinhalte eine "statische Sichtweise" und sei deshalb nicht geeignet, die Entwicklungen zu erklären. Als Beleg führen sie an, dass die US-Produktion 2010 etwa 3,5mal höher war, als M.K. Hubbert prognostizierte. Peak-Oil-Theoretiker ignorierten angeblich Preiseffekte sowie technologische Entwicklungen. Höhere Preise, so die Autoren, würden bislang unwirtschaftliche Ressourcen förderbar machen und neue Technologien würden unkonventionelle Fördermethoden ermöglichen. Diese unkonventionellen Ressourcen würden von Peak-Oil-Theoretikern ignoriert, so Shi und Zhang. (mehr …)

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