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Kommentarlos, Teil 53

Als Konsequenz der neuen internationalen Sanktionen gegen Russland hat das russische Außenministerium höhere Energiepreise für Verbraucher in Europa angedroht. Die Strafmaßnahmen der EU seien ein "unbedachter, unverantwortlicher Schritt", der unausweichlich zu höheren Preisen auf dem europäischen Energiemarkt führen werde, teilte das Ministerium am Mittwoch mit.

SPIEGEL ONLINE, 30.07.2014: Nach EU-Sanktionen: Moskau kündigt höhere Energiepreise für Europa an

Hintergrund:

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CDU-Außenpolitiker Polenz fordert Öl-Embargo gegen Russland

Der CDU-Außenpolitiker Ruprecht Polenz wird in der WELT mit der Aussage zitiert:

"Ein Öl-Embargo, das die EU gegen Russland verhängt, wäre eine wirksame Sanktion. Ein solches Embargo würde Russland treffen."

Ein solches Embargo würde jedoch nicht nur Russland hart treffen, sondern ganz Europa. Leider hat Ruprecht Polenz nicht mitgeteilt, wie er die Mengen zu ersetzen gedenkt, die sowohl Deutschland wie auch die gesamte Europäische Union aus Russland beziehen. Etwa ein Drittel des Ölbedarfs stammen aus Russland. Russland ist zudem der zweitgrößte Ölexporteur der Welt mit etwa 4,7 Millionen Barrel täglich und mit über 10 Millionen Barrel täglich der drittgrößte Ölförderer der Welt. Oder glaubt er, Europa könne mal eben auf ein Drittel seiner Ölzuflüsse verzichten?

Öl-Lieferländer-Deutschland-2013

Ein europäisch-amerikanisches Ölembargo gegen Russland hätte extreme Auswirkungen. Kurzfristig würde der Ölpreis explodieren, weil Europa die benötigten Öl-Mengen anderswo in der Welt einkaufen müßte. Da dies praktisch unmöglich ist, würden zudem die verfügbaren Ölmengen schrumpfen, spätestens wenn die strategische Reserve von 90 Tagesrationen in Deutschland aufgebraucht ist. Langfristig würde Russland seine Exportrichtung noch drastischer umorientieren und noch stärker den asiatischen Markt zu Lasten des europäischen Markts beliefern. Europa würde seinen wichtigsten Lieferanten für Treibstoffe verlieren und müßte künftig sehr viel höhere Preise im immer engeren Ölmarkt zahlen.

Ruprecht Polenz kann diese Forderung nicht ernst meinen. Entweder hat er sich als Außenpolitiker mit den Energie-Verflechtungen des eigenen Landes, in dem er "Politik macht" nicht befasst, oder er sieht es als seine Aufgabe, extreme Positionen im USA-EU-Russland-Konflikt gucken zu lassen, anhand derer die "gegnerische Seite" ablesen kann, was im politischen Kontext in Europa noch so angedacht werden kann. Die Stimme von Polenz hat Gewicht: Er war laut wikipedia im Jahr 2000 Generalsekretär der CDU, ist Präsident der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde und von 2005 bis 2013 Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag! Der Jurist war außerdem 10 Jahre lang Präsident der Deutschen Atlantischen Gesellschaft, einem Verein, der im Sinne der NATO Öffentlichkeitsarbeit betreibt. Eigentlich würde man von solch erfahrenen Persönlichkeiten erwarten, dass sie nicht nur über Osteuropa kundig sind, sondern auch über die eigene Verletzlichkeit gegenüber einer Drosselung von Öl- und Gaszuflüssen. Ob der Außenpolitiker die Peak-Oil-Studie der Bundeswehr gelesen hat oder den Peak-Oil-Bericht von Studenten über seine Heimatstadt Münster?

(Dank an Frank)

Nachtrag:

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Kommentarlos, Teil 51

Der Gas-Krieg mit Russland droht zu eskalieren - spätestens im Herbst: Die fast bankrotte Regierung in Kiew bereitet den Notstand vor. Denn Moskau hat den Hahn bereits zugedreht. Europa drohen Engpässe.

Zu lesen bei N-TV

Außerdem interessant: FAZ: Philipp Mißfelder: Ein Mann will nach Osten

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Deutsch-Amerikanisch-Russische Freundschaft

Angela Merkel, die heimliche Präsidentin Europas, besuchte die USA. Es darf angenommen werden, dass es im Gespräch mit US-Präsident Obama nicht nur um die globale Überwachungsmaschinerie der NSA gegangen ist, sondern auch um den Ukraine-Konflikt. Ein Konflikt, in dem USA und Europa scheinbar auf derselben Seite stehen, bei dem jedoch unterschiedliche Interessen der beiden Mächte unübersehbar sind. Der Interessenskonflikt zeigt sich am deutlichsten dort, wo es um die Energieversorgung geht. Denn während die USA seit den ersten Fracking-Erfolgen ab 2005 mit steigender Öl- und Gasernte im eigenen Land rechnet, schrumpft Europas Öl- und Gasförderung seit 2004 und die Abhängigkeit gegenüber dem vermeindlichen "Gegner" Russland stieg und steigt weiter an.

Selbst auf den Ölmärkten hat sich diese Entwicklung derart niedergeschlagen, dass der Preis für Rohöl seit Anfang 2011 auseinanderklafft: In Nordamerika gilt seitdem ein dauerhaft niedriger Ölpreis als in Europa - die nordamerikanische Ölsorte WTI war zeitweise mit einem Preisabschlag von über 20 US$ im Vergleich zur europäischen Ölsorte BRENT zu kriegen:

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Deutschland, Ukraine, Russland und die drohende Energiekrise

Nahezu unbemerkt von der Öffentlichkeit hat Wikileaks gestern fast 370.000 Nachrichten aus der US-Diplomatie von 1977 veröffentlicht: Die sogenannten "Carter Cables", benannt nach dem damals regierenden US-Präsidenten Jimmy Carter. Wer die bequeme wikileaks-Suchfunktion PlusD nach "Peak Oil" durchstöbert, findet 1140 Dokumente aus den Jahren 1973 bis 1977 und 2003 bis 2010. Darunter auch einen Bericht aus Thessaloniki vom 6. November 1973, betitelt mit "Treibstoffknappheit in Nord-Griechenland". Berichte über Knappheiten gab es nach dem Oktober 1973 aus verschiedenen Ländern in die USA zu vermelden, denn die erste Ölkrise war in vollem Gange. Was für ein Fundus für Geschichtsstudenten!

Es bleibt zu hoffen, dass der Konflikt um die Ukraine nicht zu ähnlichen Entwicklungen führt, wie damals. Das Potential dazu ist (leider) gegeben. Nachdem Europa sein Ölfördermaximum 1996 erreicht hat und seit 2002 die europäische Ölförderung zwischen 4 und 6% jährlich schrumpft, ist der "Marktanteil" russischen Öls in Deutschland enorm gestiegen. Jeder dritte hierzulande vertankte Liter Treibstoff oder Heizöl hat seinen Ursprung irgendwo in Russland:

Öl-Lieferländer-Deutschland-2013

Dennoch befinden sich Russland und Deutschland derzeit irgendwie auf Konfrontationskurs. Eine Situation, die scheinbar niemand vorhersah oder vorhersehen wollte, obwohl der Selbstversorgungsgrad Deutschlands mit Öl unter 3% und jener Europas unter 30% gesunken ist und obwohl die Gas-Streits zwischen Russland und der Ukraine seit 2006 regelmäßig eskalierten: Bis hin zu Druckabfällen in den Gaspipelines.

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Kommentarlos, Teil 45

Wenn es Deutschland tatsächlich gelänge, in absehbarer Zeit unabhängig von russischem Erdgas zu werden, wäre mit einer Verschärfung der Konflikte in den deutsch-russischen Beziehungen zu rechnen. Polemisch könnte man auch sagen, der Versuch, sich von Russland auf dem Energiesektor unabhängig zu machen, ist ein Versuch, Konfliktfähigkeit gegenüber Russland zu erlangen.

Peter Nowak für Telepolis: "Wie Deutschland gegenüber Russland konfliktfähig gemacht werden soll"

 

Auch interessant:

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Zur Gasversorgung Europas

Über 1200 Leserkommentare hat ein Artikel im österreichischen STANDARD, der sagt "Europa kommt ohne russisches Gas aus". (Das Thema ist anscheinend ziemlich heiß...) Der Artikel bezieht sich auf Überlegungen des Brüsseler Think Tanks bruegel, zu denen auch die Empfehlung gehört, man könne Gas durch Öl ersetzen, insbesondere im Heiz-Bereich und in der Industrie. Zwar bemerken die Autoren, dass Öl umgerechnet auf Gasenergie ein gutes Stückchen teurer ist, was sie aber nicht bemerken ist, dass

  • die freien Ölförderkapazitäten weltweit knapper geworden sind und
  • Europa ja nicht nur an russischem Gas, sondern in gleichem Maße an russischem Öl hängt.

Sollte ein Konflikt zur Eskalation führen, scheint es aus russischer Sicht seltsam, den Gashahn abzudrehen, aber den Ölhahn weiter aufzudrehen.

Schauen wir uns Europas Gasförderung und den Gasverbrauch an (aktualisierte Daten der EIA bis 2012), so fällt auf: Europa hat seinen Peak Gas in 2004 überschritten. 8 Jahre nach dem Gasfördermaximum von 337 Milliarden Kubikmetern lag die Gasförderung um 50 Milliarden Kubikmeter niedriger - ein Minus von 17%. Noch ist das erträglich:

Europa - Peak Gas in 2004

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Was wäre, wenn Russland der EU den Gas- und Ölhahn abdreht?

Steffen Bukold von EnergyComment wurde vom SWR gefragt, welche Wirkungen eigentlich eine Eskalation des Ukraine-Konflikts auf die Energieversorgung hätte. Das interessante Gespräch, was auch die Themen Fracking und EU-Energiepolitik schrammt, ist sehr empfehlenswert.

 

Quelle: Der Süchtige am Gashahn, SWR

Dazu passend:

Weiteres:

 

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Fracking für die Freiheit: Danke, Herr Fleischhauer!

Endlich sagt mal jemand in einem großen Leitmedium die unmißverständlichen Worte:

Es ist nicht besonders klug, sich von jemandem abhängig zu machen, den man für einen Despoten hält.

Danke, Herr Fleischhauer, dass Sie die Energiesituation Europas und Deutschlands (und Dresdens) mal so auf den Punkt bringen! Wir sind abhängig von russischen Öl- und Gaslieferungen und das schränkt unsere Handlungsmöglichkeiten auf dem politischen Parkett stark ein. Jederzeit kann uns der Hahn abgedreht werden. Und wir sollten uns, sagen Sie, besser nicht darauf verlassen, dass Putin von dieser Abhängigkeit keinen Gebrauch macht:

Putins Waffe ist unsere Energieabhängigkeit. Fast 40 Prozent der Erdgas-Importe beziehen wir aus dem Land, das wir jetzt gerne mit Strafandrohungen vom Schurkenstaat in eine gemäßigte Diktatur zurückverwandeln möchten. Bislang hieß es immer, die Russen würden nie wagen, uns das Gas zu sperren, weil sie sich einen Lieferstopp nicht erlauben könnten. Darauf wird man sich in Zukunft nicht mehr verlassen wollen.

Sie sagen es! Wir sollten uns nicht mehr darauf verlassen, dass uns die Grundlage unserer Energieversorgung entzogen wird. Da sind wir uns absolut einig! (mehr …)

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Das (neue) Energieimperium: Die Ukraine zwischen Russland und Europa

Im Rahmen eines Schulprojekttages zum Thema "Mobilität global" diskutierte ich mit Schülern zweier 9. Klassen, was ein Land eigentlich braucht, um Mobilität bereitzustellen. Beispielsweise Automobilität. Die Aussagen: Fahrzeuge, Treibstoffe, Straßen und: Geld. Wozu das Geld? Na letztlich, um Fahrzeuge, Straßen und Treibstoffe zu kaufen. Ergo: Geld ist nur das Mittel zum Zweck. Was man eigentlich haben will ist das, was man für das Geld kauft - nicht das Geld selbst.

In Zeiten sich verknappender fossiler Rohstoffe laufen wir auf eine Situation zu, in der Öl und Gas weitaus wertvoller sind, als bloßes Geld. Da man Geld bekanntlich nicht essen kann und selbst sein Heizwert äußerst gering ist, haben Öl und Gas einen ganz eigenen Wert. Wer es hat, kann Mobilität ermöglichen und warme Wohnungen, kann Prozessenergie für Industriebetriebe bereitstellen und mit Gaskraftwerken elektrischen Strom erzeugen. Öl und Gas treiben unsere Welt. Im Film "Dune - Der Wüstenplanet" ist es das "Spice", das Reisen durchs Weltall ermöglicht. In unserer irdischen Welt des 21. Jahrhunderts ist es Öl und Gas, die Mobilität und industrielle Zivilisationen ermöglichen. Wohl dem, der Zugriff auf diese Energieträger hat.

An der Westgrenze des Europäischen Reiches tobt ein Kampf um Einfluss. Die Ukraine ist der Raum im Osten, den die EU gern zu ihrem Einflussbereich zählen würde. Aus Sicht von Putins Russland liegt der ukrainische Raum im Westen. Ob die Ukraine Teil der EU wird oder Teil eines Russland-Verbundes (den manche die neue Sowjetunion nennen), ist Streitpunkt. So zumindest liest man es in unseren - westlichen - Medien, in denen ein ehemaliger Boxer als politische Figur positioniert wird.

Heute wird klar, wie Putin gedenkt, diesen Richtungsstreit zu lösen: Russland hat angekündigt, Staatsanleihen der Ukraine im Umfang von 15 Milliarden US$ zu kaufen (also dem Staat Ukraine Kredit zu geben) sowie zugleich Rabatte auf Gaslieferungen einzuräumen. Welcher Ukrainer, der Interesse an einer warmen Wohnung hat wird dazu Nein! sagen? Was hat der deutsch-ukrainische Boxer zu bieten, außer sein Vorbild eines Millionär-Sportlers?

Natürlich: Die Spezialität der Europäischen Union sind Fördergelder. Milliarden über Milliarden werde jährlich ausgeschüttet. Politik per Portpokasse könnte man das nennen, was offiziell "Angleichung der Lebensverhältnisse" heißt. Ein Versprechen, was auch Putin abgegeben hat - zumindest für die Ukrainer in Russland. Was würde die Ukraine denn anderes tun, als das EU-Geld für jene Dinge auszugeben, die Russland letztlich liefert: Gas und Öl. Wer in der Ukraine strategisch an seine warme Wohnung denkt, der wird nicht umhinkommen festzustellen, dass Europa niemals jene Energie liefern wird, von der Russland noch reichlich hat. Schließlich schrumpft die Ölförderung Europas seit 2002 und die Gasförderung seit 2004. Sich von der EU mit Geld beliefern zu lassen, um dieses postwendend nach Russland zu senden, um von dort die warmen Wohnungen zu kaufen, bedeutet aus Sicht der Ukraine sich auf deine Doppel-Abhängigkeit einzulassen. Geld-Bittsteller gen Westen, Energie-Bittsteller gen Osten. Wenn einer der beiden "Partner" kein Geld mehr schickt oder sich beim Geld-gegen-Gas-Tausch querstellt, bleibt die Heizung kalt.

Öl- und Gasförderung in Europa

Peak Oil und Peak Gas zeigen auf, welche geostrategischen Veränderungen uns bevorstehen. Europäisches Geld ist nur das wert, was die industrielle Basis erschafft. Noch ist Europa im Bereich des Maschinenbaus stark, doch diese Stärke konzentriert sich zunehmend auf den deutschsprachigen Raum in Europa und der Vorsprung gegenüber den Schwellenländern schrumpft. Griechenland, Italien, Spanien und Portugal verkommen zunehmend zur deindustrialisierten Peripherie, zu abhängigen "strukturschwachen Großregionen". Man könnte meinen, die Ukraine kann sich entscheiden, selbst zu solch einer Großregion zu werden oder aber sich einem anderen Hegemon anzuschließen: Dem energiereichen Russland. Dass Russlands Politik zunehmend reaktionär wird und Minderheiten marginalisiert, kann jener Masse egal sein, die diesen Minderheiten nicht angehört und mehr Wert auf warme Behausungen legt. Die Moralkeule, Freiheit kontra Öl&Gas kann das EU-Projekt jedoch längst nicht mehr hochhalten, ist doch die Freiheit des Individuums in jenen EU-Regionen bereits stark eingeschränkt, die eben keine Exportprodukte liefern können. Wer angesichts der Wirtschaftssituation in Griechenland von "Freiheit" spricht, hat möglicherweise sein Politik-Studium gut, aber sein Wirtschaftsstudium schlecht abgeschlossen. Die Freiheit Putins ist eine andere wie die der EU.

Peak Oil & Peak Gas verschieben die Macht-Konstellationen, wie wir sie kennen. Die Abhängigkeit Europas von außenstehenden Energielieferanten nimmt von Jahr zu Jahr zu, so lange keine allumfassende Energiewende den Großteil des europäischen Energiebedarfs aus erneuerbaren Energien liefert. Noch kauft Europa sich im Tausch für deutsche Maschinen seine fossile Energie von außen ein - 100 Milliarden Euro kostet das allein die deutsche Volkswirtschaft pro Jahr. Von allen Weltregionen ist Europa jene einzigartige, deren lokaler Peak Oil nachhaltig - sprich: unumkehrbar - überschritten ist. Wenn diese Tatsache von den äußeren Mächten, von deren Lieferungen Europa abhängt, erkannt wird, wird der alte Kontinent erpressbar. Für die Ukrainer bedeutet eine Entscheidung hin zu Europa daher der schwerere Weg: In einem Sprachenkonglomerat sofort mit der Notwendigkeit einer Energiewende konfrontiert zu sein. Die Hinwendung nach Russland läßt dagegen dieselbe Sprache mit reichlich Öl und Gas verbinden.

Putins Politik setzt voll und ganz auf den Rohstoffreichtum Russlands als Instrument der Einhegung, als Werkzeug zur Machtausübung, als Pfand zum imperialen Ausbau. Lasst Chinas Wirtschaft noch ein paar Jahre wachsen und den Energiebedarf des asiatischen Riesen zunehmen und Europas Abhängigkeit von äußeren Energielieferanten noch etwas steigen, dann ist Russland das Land mit dem Energiejoker. Dieser Joker wird nicht nur Geld einbringen, mit dem die Industriegüter Europas und Chinas eingetauscht werden können, es bringt auch politische Macht mit sich, mit der sich all das eintauschen läßt, was für Geld nicht zu haben ist: Handelsverträge, Goodwill, Zugeständnisse. Russland kann mit diesem Pfund so wuchern, dass daraus ein neues russischzentriertes Imperium entsteht: Ein Energieimperium.

Für Europa ist der Kampf auf dem Schlachtfeld der fossilen Energieträger nicht nur nicht zu gewinnen, er ist bereits verloren! Das Überschreiten der lokalen Öl- und Gasförder-Peaks zeigt es. Europas einziger Weg ist die Suche nach einer neuen Form der Industriekultur, einer Kultur die nicht auf fossilen Rohstoffen basiert - denn deren Quellen liegen außerhalb Europas. Europas einziger Weg scheint in lokalen Energiequellen zu liegen, die zwangsläufig erneuerbar sind. Dieses Bild scheint für viele Europäer noch ungewohnt und aus dem fossilen Denken heraus vielleicht sogar unmöglich. Doch genauso unmöglich ist die Annahme, Russlands oder Saudi Arabiens oder Katars Öl und Gas wird auf ewig für umsonst oder "nur etwas Geld" zu haben sein. Der Umbau von den fossilen Quellen hin zu anderen Energiequellen ist mit dem bestehenden europäischen Industriesystem nur begrenzt kompatibel. Wir fahren in einem fossilgetriebenen Industriesystem, das auf diesen Energieträgern gewachsen und mit ihnen groß geworden ist. Erneuerbare Energiequellen an diesen Strukturen anschließen zu wollen erzwingt eine Wechelwirkung mit den Strukturen, in deren Fortlauf deren Umbau erzwungen wird. Die Energiewende ist eine Kulturwende. Auf wirtschaftlicher Ebene bedeutet diese Kulturwende, Industrie und Wirtschaftsstrukturen noch einmal völlig neu zu denken. Europas Wahl besteht darin, sich - wie die Ukraine - dem russischen fossilen Energieimperium anzuschließen, oder sich aufzumachen, eine neue Art der Energienutzung zu formen, für die das Wort "Imperium" nicht das richtige sein mag. Wenn es aber gelingt, bringt es möglicherweise größere Macht hervor als der Öl- und Gasreichtum Russlands: Die Macht, sich unabhängig - frei! - von fremden Energiequellen zu entfalten.

Mehr:

Nachtrag:

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