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Rebound; oder: Was mir Sorgen macht.

Meinegüte: Ein Herbst zum Glaubenverlieren.

Endlich Frühling. Gelegenheit, eine Verortung zu versuchen. Orientieren: Wo stehen wir?

Dieses Blog ist erreichbar über Peak-Oil.com. Peak Oil: Der Gipfel der Ölförderung. Und seine Auswirkungen. Knappheitsszenarien, die mit dem Gedanken spielen, irgendwann kommt die globale Ölförderung an Grenzen, die nicht überschritten werden können. So wie Moores Gesetz jetzt, 50 Jahre nach Formulierung, seine Gültigkeitsgrenzen zeigt (SPON: Moores Law: Die goldene Regel der Chiphersteller bröckelt), so dürfte es auch in der Förderung von Erdöl eine Limitierung geben. Grenzen des Wachstums. Physikalische Grenzen. Technische Grenzen. Ökonomische Grenzen. Grenzen eben.

Es wäre daher seltsam, hier über etwas anderes nachzudenken, nur weil der Ölpreis Kapriolen nach unten schlägt. Wahrhaftig: Die meisten, die jemals mit einem bedächtigen Kopfnicken oder furchtsamem Kopfschütteln in Richtung der "Peak-Oil-Theorie" geschaut haben, haben solch ein Preisniveau wohl nicht mehr für möglich gehalten - mich eingeschlossen. Die Situation hat sich durch Fracking verändert. Punkt. Eine technische Grenze wurde gesprengt. Doch ist Fracking für die Ölindustrie ein ähnlicher Paradigmenwechsel wie das Durchbrechen der 0%-Zins-Grenze durch die EZB? (TP: Der Euro auf dem Weg zur Geldhaltegebühr). Oder ist es ein Entwicklung mit überschaubarem Zeithorizont?

Wir wissen: Schon 2014 waren Europa (-49,3%) und Afrika (-23%) definitiv über ihre lokalen Ölfördermaxima drüber und Zentral- und Südamerika sowie Asien und Ozeanien (jeweils -5%) vermutlich ebenfalls. Außer Nordamerika, wo Fracking und Ölsandabbau ungeachtet besonderer ökologischer Rücksicht eingesetzt wird, konnte keine Ölförderweltregion nennenswerte Steigerungsbeiträge vorweisen (Peak Oil: Stand der Dinge 2014; will jemand mal die Zahlen updaten? Sende gern meine Tabelle!). Seitdem hat sich der Ölpreis aus einem 90-bis-110-US$-pro-Barrel-Korridor in einen 30-bis-50-US$-Korridor bewegt. Die Zahl der aktiven Ölbohranlagen in den USA hat sich gedrittelt und international ist ein Rückgang um ein Drittel aktiver Anlagen zu verzeichnen (PeakOilBarrel.com: International Rig Count Still Falling). Aktuell ist der Markt trotzdem absolut überversorgt (Lagerbestand: +9,4 Mio Barrel in einer Woche auf 532,5 Mio Barrel allein in den USA), denn was sprudelt, sprudelt - und die USA treten zunehmend als preisdrückender Öl-Exporteur auf (EIA: U.S. petroleum product exports continue to increase). Allerdings zeigt der Rückgang der Explorationsaktivitäten deutlich: Die Lagerbestände von heute könnten wir in einer noch nicht bezifferbaren Zukunft noch gebrauchen, denn wo heute nicht in die Ölförderung investiert wird, kommt morgen kein Öl.

Das Ölfördersystem ist groß - und entsprechend träge. Ob heute stillgelegte Projekte morgen ausreichend schnell wieder anfahrbar sind, um ein Überschießen des Preises oder Unterversorgung zu verhindern? (Erinnerung: Peak Oil: Chaos und Nichtlinearität) Diese Diskussion führen wir grade nicht. Zwar haben sich diverse Journalisten auf Peak Oil bezogen, als sie jüngst die Ölpreise diskutierten, aber eine fortwährende Debatte über Risikovorsorge und Risikomanagement kommt im Mediensystem nur schwer in Gang (HAZ: Wirtschaftsfaktor Öl: Der Treibstoff der Macht). Wir freuen uns darüber, dass Diesel für'n Euro zu kriegen ist und schwere Themen haben wir in den vergangenen Monaten ja genug gehabt. Aber meine Sorge ist: wir ruhen uns auf dem Stand der Dinge aus.

Erinnern wir uns: Die IEA hat noch Anfang 2015 den Rückgang der russischen Ölförderung um eine halbe Million Barrel Tagesförderung bis 2020 vorhergesagt (IEA sieht Russland am Peak, Fatih Birol wird neuer IEA-Direktor). Die größte private russische Ölfirma Lukoil und das russische Finanzministerium haben 2016/2017 als Peak-Jahr für Russland ausgerechnet. Sie taten das im Sommer 2014, noch bevor der Ölpreisverfall einsetzte - also in Zeiten, wo die zu erwartenden Erlöse und Investitionssummen viel höher lagen als jetzt. "Russland piekt." Und die USA werden auch wieder einen Peak sehen, wenngleich die Ölförderung natürlich zeitverzögert zu den Ölförderanlagen zurückgehen wird. Doch erinnern wir uns an die Decline-Kurven von Fracking-Bohrungen: die erinnern eher an Abbruchkanten als an Glockenkurven (Der Tight Oil Boom in den USA – Ein genauerer Blick! Teil 2). Der Förderrückgang könnte also irgendwann recht schnell erfolgen, während die sich aufbrauchenden Läger Sicherheit suggerieren. Und auch wenn eine halbe Milliarde Ölfässer Lagerreserve in den USA mehrere Monate den Ölförderrückgang ausgleichen könnten, bleibt doch die Frage: Und wie läufts, wenn die übervollen Läger sich der Nulllinie nähern? Wird "der Markt" vorher einen Preiskorridor finden, der Ölförderung -verbrauch in ein akzeptables Gleichgewicht bringt oder müssen wir mit überschiedenden Preisdynamiken rechnen?

Der Ölverbrauch ist unelastisch. Die Leute heizen wenn es kalt ist, nicht weil es billig ist. Die Leute fahren Auto, wenn sie zur Arbeit müssen, nicht wenn es billig ist. Wer auf Heizen und Fahren verzichtet, weil's zu teuer ist, fällt schnell aus dem sozialen Netz oder aus dem Gesundheitskorridor. Es sei denn, er ist flexibel genug, um es anderweitig warm zu kriegen oder sein Einkommen auch bei hohen Sprit-Kosten zu erzielen. Aber: Ist diese auf 44 Millionen PKW und 10,8 Millionen ölbeheizter Wohnen gestellte Gesellschaft flexibel genug?

Oder ist das noch der alte Peak-Oil-Sound, den wir nicht mehr brauchen, weil die Transformation des fossilen Industriesystems schon schneller passiert, als der Ölförderrückgang zu erwarten ist? Fließen schon genug neue Mobilitätsformen auf Straßen, Schienen und Radwegen? Sind schon genügend Investitionen in postfossile Heizungsysteme im Gange? Und hat die Chemieindustrie schon den Weg in die erneuerbar betriebene Methanisierungswirtschaft eingeschlagen?

Ich habe Sorge, dass dies alles noch nicht in ausreichender Geschwindigkeit passiert. Dass ein (wodurch auch immer ausgelöster) Rebound des Ölpreises zu Schwingungen in den Systemen führt, die eine Transformation erzwingen, statt dass sie planvoll vorhergedacht wird. Und ich habe Sorge, dass die Anreicherung mit Treibhausgasen nicht abgebremst wird, nur weil Sprit grade mal billig ist. Auch im Klimasystem gibt es Kipp-Punkte, die die Lebensbedingungen mal eben von einem Habitat-Korridor in einen anderen verschieben können: Ungeachtet dessen, ob die "Krone der Schöpfung" in einem anderen atmosphärischen Korridor noch obenauf wäre. (siehe auch: wikipedia: Habitale Zone unter Berücksichtigung des Planetaren Klimas)

Auch wenn die Mahner zahlreicher werden, dürfen wir eines nicht vergessen: Viele Systeme sind träge. Viele Menschen auch.

Sonnige Ostern!

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