Zum Textbeginn springen . Zur Navigation springen .

Kommentarlos, Teil 45

Wenn es Deutschland tatsächlich gelänge, in absehbarer Zeit unabhängig von russischem Erdgas zu werden, wäre mit einer Verschärfung der Konflikte in den deutsch-russischen Beziehungen zu rechnen. Polemisch könnte man auch sagen, der Versuch, sich von Russland auf dem Energiesektor unabhängig zu machen, ist ein Versuch, Konfliktfähigkeit gegenüber Russland zu erlangen.

Peter Nowak für Telepolis: "Wie Deutschland gegenüber Russland konfliktfähig gemacht werden soll"

 

Auch interessant:

Flattr this! Bitcoin-Adresse: 197sddH9NhoSXuQLKx6pTSSe6oEJPf9xNa

Warum die Ukraine-Krise den Ölpreis auf 150 US$ treiben wird

Seit 3 Jahren hat sich der Ölpreis in einem Preiskorridor zwischen 100 und 120 US$ für die Ölsorte BRENT eingependelt. Seltsam ruhig erscheint das angesichts einer rasanten Preisralley in der Dekade zuvor: Eine Versiebenfachung von 20 auf 140 US$ von 2002 bis 2008 haben nicht viele "Anlageklassen" hingekriegt. Nun regt selbst die Ukraine-Krise den Ölpreis nicht auf, auch wenn Europa ohne russisches Öl ziemlich mobilitätsarm wäre. Doch das könnte sich bald ändern. Die Lösung für des Rätsels Lösung ist innenpolitisch zu finden: In Russland.

Als Putin im Frühjahr 2012 zur Wiederwahl antrat, berichtete SPIEGEL ONLINE von den Wahlkampfversprechen, die Wladimir Putin machte:

Er hat ein Feuerwerk von Wahlversprechen abgebrannt: Er hat den Benzinpreis einfrieren lassen, Renten erhöht und Fußballfans Freiflüge zur EM 2012 versprochen. Setzt er allein seine Ausgabenpläne im Sozialbereich um, dürfte das Russland in den kommenden Jahren rund 120 Milliarden Euro kosten, haben Ökonomen der staatlichen Sberbank ausgerechnet. Hinzu kommen 500 Milliarden Euro für neue Waffensysteme für Flotte, Heer und Luftwaffe bis 2020.

(Muss wahrscheinlich Rubel heißen und nicht Euro?)

161 Milliarden US$ würde eine vollständige Umsetzung der Planziele des russischen Präsidenten kosten, errechnete die CitiGroup. Sie lieferte den Preis gleich mit, den Öl kosten müsse, um den russischen Staatshaushalt trotz dieses Ausgabenfeuerwerks im Gleichgewicht zu halten. Dieser break even oil price liegt bei 150 US$.

An die Staatschefs diverser Länder ergingen laut SPIEGEL ONLINE Briefe der russischen Regierung, die vor Gas-Engpässen in Europa warnen, wenn die Ukraine nicht seine Schulden für frühere Energielieferungen bezahlen würde. Denn die Leitungen durch die Ukraine müßten dann womöglich gedrosselt werden. Und diese Leitungen führen auch nach Europa. Zwar geht es in diesem Streit hauptsächlich um Gas, aber wenn die Gaslieferungen langsamer kämen, würde auch alle anderen Energieträger teurer werden.

Weitergehend:

Flattr this! Bitcoin-Adresse: 197sddH9NhoSXuQLKx6pTSSe6oEJPf9xNa

Political Peaking – Wenn Putin am Ölhahn dreht.

Peak Oil diskutiert die Frage, wie und wann Ölförderbegrenzungen erreicht werden und wie sich diese auf Wirtschaft und Gesellschaft auswirken. In dieser Diskussion taucht gelegentlich der Begriff des "political peaking" auf. "political peaking" meint dabei das Erreichen eines Fördermaximums nicht aus geologischen Gründen, sondern aus politischen. Es tritt dann auf, wenn politische Entwicklungen dazu führen, dass die Fördermengen bewusst gedrosselt werden, um politische Ziele zu erreichen. Vor dieser Gefahr steht Europa angesichts der Krim-Krise.

Die folgende Grafik zeigt, von welchen Seiten der Ölpreis unter preissteigerndem Druck steht. Einerseits sind es steigende Förderkosten, die letztlich den Ölpreis treiben, andererseits ist es steigende Nachfrage oder unterlassene Investitionen, die den Preis treiben. Als drittes zeigt die Grafik politische Treiber, die letztlich auf den Ölpreis wirken:

Einwirkungen auf den Ölpreis

Bündnis zwischen China und Russland in Arbeit

Das Risiko eines "political peaking" steigt für Europa derzeit stark an. Der SPIEGEL berichtet, dass Russland und China zu ähnlichen Positionen bei der Krim-Krise gefunden haben und über neue Bündnisse verhandeln. Dem Block aus EU und USA attestieren die Chinesen entweder nicht die Kapazität, das in der Ukraine aufscheinende Chaos zu handhaben oder nicht die dafür nötige Weisheit. In der Konsequenz rücken China und Russland näher zusammen und bereiten ein Abkommen über militärpolitische Zusammenarbeit vor. Solch ein Abkommen könnte zu einem Militärbündnis führen, das die Alleinstellung der NATO aufhebt. Die geopolitischen Gewichte würden sich massiv verschieben - ausgelöst durch (unüberlegte) EU-Aktivitäten in der Ukraine.

Die chinesisch-russische Zusammenarbeit im Bereich der Energieversorgung ist nicht neu. Zuletzt im Juni 2013 wurde ein größerer Deal zwischen chinesischen Abnehmern und Rosneft vereinbart, der Reuters zu folgender Bemerkung brachte:

Mit welcher Geschwindigkeit sich Russland beim Ölexport umorientiert, hat viele Branchenexperten überrascht. Binnen fünf Jahren hat das Land riesige Volumina nach Asien umgelenkt, die ursprünglich für Europa bestimmt waren.

Allgemein geht China einen sehr strategisch erscheinenden Weg, wenn es darum geht, den Einfluss auf künftige Ölquellen und Ölströme zu sichern. Diese Entwicklung scheint sich nun nochmal zu beschleunigen. Eine solche Strategie ist auf Seiten Europas nicht auszumachen. Hierzulande gilt der Glaube, der Markt würde das alles schon regeln. Damit wird die Energieversorgung nahezu allein den "Marktteilnehmern" überlassen, also überwiegend großen, profitorientierten Konzernen. Eine dahinterstehene Strategie ist nicht zu erkennen und Diskussionen darüber wurden zuletzt im Keim erstickt, als der ehemalige Bundespräsident Köhler einen politischen Diskurs forderte und über sein öffentliches Nachdenken letztlich zurücktrat.

Political Peaking schon in der Bundeswehr-Studie thematisiert

In der aktuellen Version der Bundeswehr-Studie zu Peak Oil lesen wir:

So könnte es im Bewusstsein der Überschreitung des Peak Oil und angesichts des Strebens von Staaten nach eigenen, möglichst nachhaltigen Vorteilen zu einer gezielten Einschränkung des Angebots kommen („Political Peaking“), beispielsweise um das nicht geförderte Erdöl nachfolgenden Generationen des eigenen Landes zu erhalten. Je klarer würde, wie knapp Erdöl tatsächlich ist, desto mehr würden die Preise des Erdöls und damit die Gewinne der Förderländer steigen. Das Kalkül des „Political Peaking“ würde umso nachvollziehbarer werden. Ein Political Peaking würde die Peak Oil-induzierte Verknappung des Angebots und die damit zusammenhängende Preissteigerung noch weiter verschärfen.

Die Autoren bemerken hier: Da die konventionelle Ölförderung seit 2005 nicht mehr steigt und Europas Ölförderung seit 2002 Jahr für Jahr schrumpft, entsteht eine ausnutzbare Situation: Wenn Russland bewusst den Ölfluss nach Europa verringert, das Angebot also aus politischen Gründen verknappt, hat Europa kaum Möglichkeiten, alternative Lieferanten zu finden. Denn die Tatsache des globalen Ölfördermaximums erlaubt keine Umlenkung von Ölströmen in den Größenordungen, wie Russland sie derzeit liefert.

Die Bundeswehr-Studie nennt im Zusammenhang der Öllieferungen konkret: Russland:

Ob und unter welchen Bedingungen es vor dem Hintergrund des Peak Oil zusätzlich zu einem „Political Peaking“ kommen könnte, ist nicht vorherzusagen.[..] Damit könnte Russland mit seinen derzeitig bereits beträchtlichen Liefermengen in den Fokus rücken. Zwar könnte es einen Ausfall anderer Lieferanten Deutschlands durch seine immensen Vorräte grundsätzlich decken, eine weitere Erhöhung der Liefermengen könnte jedoch das bestehende, derzeit noch weitgehend als beidseitig betontes Abhängigkeitsverhältnis zugunsten Russlands verändern und das Verhältnis zu anderen Abnehmern entlang der Pipeline belasten.

Die Studie diskutiert an dieser Stelle also vielmehr, ob Russland als Ersatz-Lieferland für Ausfälle anderer Lieferanten herhalten könnte. Dabei tritt nun genau das Gegenteil ein: Das mit "immensen Vorräten" gesegnete Russland könnte die Lieferungen verknappen, in diese Lücke müßten andere Länder treten.

Die im folgenden genannten alternativen Lieferländer wie Tunesien, die Republik Kongo, Äquatorialguinea, Turkmenistan sowie Usbekistan und der Sudan können nur begrenzt die russischen Liefermengen ersetzen und gelten zudem nicht gerade als die stabilsten Eckpfeiler der globalen Weltordnung.

Grotesk anmutende Außenpolitik Europas

Bedauerlich ist, dass erst eine akute Krise im europäisch-russischen Grenzraum dazu führt, dass solche Fragen in den Medien, in der Wirtschaft und der Politik intensiver diskutiert werden. Die Bundeswehr-Studie, die all diese Szenarien vorausschauend ansprach, ist bereits seit 2008 öffentlich, doch die Politik muss sich dem Vorwurf stellen, bislang weitgehend untätig geblieben zu sein.

Wie absurd der Streit "um" die Ukraine inzwischen ist, offenbart die Forderung des neuen ukrainischen Präsidenten Arsenij Jazenjuk, die EU möge Energie in die Ukraine liefern. Hierzulande nennt man dies, "einem nackten Mann in die Tasche greifen". Wie bereits im Dezember 2013 diskutiert, ist Europa wegen schrumpfender Öl- und Gasförderung überhaupt nicht in der Lage, Energie an die Ukraine zu liefern, sondern kann allerhöchstens Geld bereitstellen, mit dem die Ukraine dann wieder Energierohstoffe in Russland kaufen kann. Es zeigt sich bereits das Ende der europäischen Expansionspolitik: Es werden immer neue Regionen finanziell alimentiert, doch die Finanzströme sind nicht ökonomisch unterfüttert. Die Stabilität des europäischen Finanzsystems endet ein weiteres Mal dort, wo Luftbuchungen vorgenommen werden - und genau diese Art Transaktionen werden von den EU-Beamten der ukrainischen Führung offenbar versprochen und nun von dieser eingefordert. Im Balance-Spiel zwischen dem westlichen Block und Russland (und demnächst vielleicht China) übersehen die Verantwortlichen die Bedeutung, die Energie in der Wirtschaft hat. Auf neue Maschinen und Autos, die Russland hauptsächlich aus Deutschland importiert, kann man zweifellos eher verzichten, als auf die Treibstoffe, die diese Maschinen antreiben. Zu befürchten ist, dass die Politiker auf europäischer, Bundes-, Landes- und Kommunalebene überhaupt kein Gefühl für die Bedrohung haben, die ihr Handeln auslöst. Die aktuelle Politik hinterläßt den Eindruck, die Bedeutung von Energieflüssen wird auf politischer Ebene überhaupt nicht verstanden.

Siehe auch:

  • Stichwort: Strategische Ellipse
  • Kurz vor seinem Rücktritt band Köhler seine energie- und außenpolitischen Überlegungen in seine Rede im Weltverkehrsforum in Leipzig 2010 ein und empfahl als Lokalstrategie den Transition-Ansatz: Videoausschnitt aus der Rede

Weiteres:

Zur Ukraine:

Flattr this! Bitcoin-Adresse: 197sddH9NhoSXuQLKx6pTSSe6oEJPf9xNa

Was wäre, wenn Russland der EU den Gas- und Ölhahn abdreht?

Steffen Bukold von EnergyComment wurde vom SWR gefragt, welche Wirkungen eigentlich eine Eskalation des Ukraine-Konflikts auf die Energieversorgung hätte. Das interessante Gespräch, was auch die Themen Fracking und EU-Energiepolitik schrammt, ist sehr empfehlenswert.

 

Quelle: Der Süchtige am Gashahn, SWR

Dazu passend:

Weiteres:

 

Flattr this! Bitcoin-Adresse: 197sddH9NhoSXuQLKx6pTSSe6oEJPf9xNa

Russlands Einnahmen aus Öl- und Gasexporten

Steffen Bukold von EnergyComment hat die Exporterlöse Russlands für Öl und Gas kalkuliert. Die sichtbaren Zahlen sind ein interessanter Aspekt, um die künftige Entwicklung möglicher Sanktionen im Zuge der Krim-Krise zu diskutieren:

Zu sehen ist, dass die Einnahmen als Ölexporten ein Vielfaches der Einnahmen aus Gasexporten ausmachen. Sichtbar ist auch, wie extrem diese Einnahmen im Zuge der Preissteigerungen seit 2004 gestiegen sind: Sie haben sich analog zum Ölpreis fast vervierfacht. Diese Einnahmen stellen für die russischen Ölexporteure, die überwiegend Staatskonzerne mit Anteilen reicher Oligarchen sind, enorme wirtschaftliche Handlungsoptionen dar. Binnen weniger als 10 Jahren können über 290 Milliarden US$ statt 58 Milliarden US$ (in 2004) verfügt werden und entsprechend große Anteile der Wirtschaftsleistung jener Volkswirtschaften vereinnahmt werden, in die diese Dollars zurückfließen. Bukold zeigt in einer zweiten Grafik, dass die Rüstungsausgaben des russischen Staates ebenfalls zunahmen, wenngleich nicht in diesem Maße.

Einerseits zeigen diese imposanten Zahlen, dass Russland ein Eigeninteresse hat, den Rest der Welt zu diesen Preisen weiterhin mit Öl und Gas zu versorgen. Andererseits deutet auch Bukold an: Ein zwischenzeitlicher Ausfall der Gasversorgung könnte Russland weit weniger finanziell schädigen, so lange die Ölpreise hoch bleiben. Die Zurückhaltung so mancher europäischer Politiker bei der Forderung nach harten Sanktionen im Zuge der Ukraine-/Krim-Krise läßt vermuten, dass die Energieabhängigkeit nun so manchem deutlicher vor Augen steht.

Weiteres:

Offtopic: Für Telepolis: Neuverschuldung Null. Wer nimmt Schäubles Schulden auf?

Flattr this! Bitcoin-Adresse: 197sddH9NhoSXuQLKx6pTSSe6oEJPf9xNa

Deutschlands Öllieferländer 2013 vor dem Konflikt-Hintergrund Ukraine/Russland

Nachdem in einem russischsprachigen Forum ein User namens "pik" auf den Artikel Deutschlands Lieferländer 2012 vom Sommer 2013 verwiesen und eine Diskussion ausgelöst hat und nachdem im SPIEGEL Krimticker zu lesen ist, dass zwar die Gasversorgung in und durch die Ukraine weiterhin problemlos verläuft, aber Gazprom Preiserhöhungen für Gaslieferungen ab dem 2. Quartal prüft, habe ich die Öl- und Gaslieferländer Deutschlands anhand von BAFA-Daten nochmal angeschaut. Für die Öllieferungen hat das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle für 2013 vorerst vorläufige Daten veröffentlicht, für Erdgas liegen die Daten bislang nur bis 2012 vor:

Öl-Lieferländer-Deutschland-2013

(mehr …)

Flattr this! Bitcoin-Adresse: 197sddH9NhoSXuQLKx6pTSSe6oEJPf9xNa

Das (neue) Energieimperium: Die Ukraine zwischen Russland und Europa

Im Rahmen eines Schulprojekttages zum Thema "Mobilität global" diskutierte ich mit Schülern zweier 9. Klassen, was ein Land eigentlich braucht, um Mobilität bereitzustellen. Beispielsweise Automobilität. Die Aussagen: Fahrzeuge, Treibstoffe, Straßen und: Geld. Wozu das Geld? Na letztlich, um Fahrzeuge, Straßen und Treibstoffe zu kaufen. Ergo: Geld ist nur das Mittel zum Zweck. Was man eigentlich haben will ist das, was man für das Geld kauft - nicht das Geld selbst.

In Zeiten sich verknappender fossiler Rohstoffe laufen wir auf eine Situation zu, in der Öl und Gas weitaus wertvoller sind, als bloßes Geld. Da man Geld bekanntlich nicht essen kann und selbst sein Heizwert äußerst gering ist, haben Öl und Gas einen ganz eigenen Wert. Wer es hat, kann Mobilität ermöglichen und warme Wohnungen, kann Prozessenergie für Industriebetriebe bereitstellen und mit Gaskraftwerken elektrischen Strom erzeugen. Öl und Gas treiben unsere Welt. Im Film "Dune - Der Wüstenplanet" ist es das "Spice", das Reisen durchs Weltall ermöglicht. In unserer irdischen Welt des 21. Jahrhunderts ist es Öl und Gas, die Mobilität und industrielle Zivilisationen ermöglichen. Wohl dem, der Zugriff auf diese Energieträger hat.

An der Westgrenze des Europäischen Reiches tobt ein Kampf um Einfluss. Die Ukraine ist der Raum im Osten, den die EU gern zu ihrem Einflussbereich zählen würde. Aus Sicht von Putins Russland liegt der ukrainische Raum im Westen. Ob die Ukraine Teil der EU wird oder Teil eines Russland-Verbundes (den manche die neue Sowjetunion nennen), ist Streitpunkt. So zumindest liest man es in unseren - westlichen - Medien, in denen ein ehemaliger Boxer als politische Figur positioniert wird.

Heute wird klar, wie Putin gedenkt, diesen Richtungsstreit zu lösen: Russland hat angekündigt, Staatsanleihen der Ukraine im Umfang von 15 Milliarden US$ zu kaufen (also dem Staat Ukraine Kredit zu geben) sowie zugleich Rabatte auf Gaslieferungen einzuräumen. Welcher Ukrainer, der Interesse an einer warmen Wohnung hat wird dazu Nein! sagen? Was hat der deutsch-ukrainische Boxer zu bieten, außer sein Vorbild eines Millionär-Sportlers?

Natürlich: Die Spezialität der Europäischen Union sind Fördergelder. Milliarden über Milliarden werde jährlich ausgeschüttet. Politik per Portpokasse könnte man das nennen, was offiziell "Angleichung der Lebensverhältnisse" heißt. Ein Versprechen, was auch Putin abgegeben hat - zumindest für die Ukrainer in Russland. Was würde die Ukraine denn anderes tun, als das EU-Geld für jene Dinge auszugeben, die Russland letztlich liefert: Gas und Öl. Wer in der Ukraine strategisch an seine warme Wohnung denkt, der wird nicht umhinkommen festzustellen, dass Europa niemals jene Energie liefern wird, von der Russland noch reichlich hat. Schließlich schrumpft die Ölförderung Europas seit 2002 und die Gasförderung seit 2004. Sich von der EU mit Geld beliefern zu lassen, um dieses postwendend nach Russland zu senden, um von dort die warmen Wohnungen zu kaufen, bedeutet aus Sicht der Ukraine sich auf deine Doppel-Abhängigkeit einzulassen. Geld-Bittsteller gen Westen, Energie-Bittsteller gen Osten. Wenn einer der beiden "Partner" kein Geld mehr schickt oder sich beim Geld-gegen-Gas-Tausch querstellt, bleibt die Heizung kalt.

Öl- und Gasförderung in Europa

Peak Oil und Peak Gas zeigen auf, welche geostrategischen Veränderungen uns bevorstehen. Europäisches Geld ist nur das wert, was die industrielle Basis erschafft. Noch ist Europa im Bereich des Maschinenbaus stark, doch diese Stärke konzentriert sich zunehmend auf den deutschsprachigen Raum in Europa und der Vorsprung gegenüber den Schwellenländern schrumpft. Griechenland, Italien, Spanien und Portugal verkommen zunehmend zur deindustrialisierten Peripherie, zu abhängigen "strukturschwachen Großregionen". Man könnte meinen, die Ukraine kann sich entscheiden, selbst zu solch einer Großregion zu werden oder aber sich einem anderen Hegemon anzuschließen: Dem energiereichen Russland. Dass Russlands Politik zunehmend reaktionär wird und Minderheiten marginalisiert, kann jener Masse egal sein, die diesen Minderheiten nicht angehört und mehr Wert auf warme Behausungen legt. Die Moralkeule, Freiheit kontra Öl&Gas kann das EU-Projekt jedoch längst nicht mehr hochhalten, ist doch die Freiheit des Individuums in jenen EU-Regionen bereits stark eingeschränkt, die eben keine Exportprodukte liefern können. Wer angesichts der Wirtschaftssituation in Griechenland von "Freiheit" spricht, hat möglicherweise sein Politik-Studium gut, aber sein Wirtschaftsstudium schlecht abgeschlossen. Die Freiheit Putins ist eine andere wie die der EU.

Peak Oil & Peak Gas verschieben die Macht-Konstellationen, wie wir sie kennen. Die Abhängigkeit Europas von außenstehenden Energielieferanten nimmt von Jahr zu Jahr zu, so lange keine allumfassende Energiewende den Großteil des europäischen Energiebedarfs aus erneuerbaren Energien liefert. Noch kauft Europa sich im Tausch für deutsche Maschinen seine fossile Energie von außen ein - 100 Milliarden Euro kostet das allein die deutsche Volkswirtschaft pro Jahr. Von allen Weltregionen ist Europa jene einzigartige, deren lokaler Peak Oil nachhaltig - sprich: unumkehrbar - überschritten ist. Wenn diese Tatsache von den äußeren Mächten, von deren Lieferungen Europa abhängt, erkannt wird, wird der alte Kontinent erpressbar. Für die Ukrainer bedeutet eine Entscheidung hin zu Europa daher der schwerere Weg: In einem Sprachenkonglomerat sofort mit der Notwendigkeit einer Energiewende konfrontiert zu sein. Die Hinwendung nach Russland läßt dagegen dieselbe Sprache mit reichlich Öl und Gas verbinden.

Putins Politik setzt voll und ganz auf den Rohstoffreichtum Russlands als Instrument der Einhegung, als Werkzeug zur Machtausübung, als Pfand zum imperialen Ausbau. Lasst Chinas Wirtschaft noch ein paar Jahre wachsen und den Energiebedarf des asiatischen Riesen zunehmen und Europas Abhängigkeit von äußeren Energielieferanten noch etwas steigen, dann ist Russland das Land mit dem Energiejoker. Dieser Joker wird nicht nur Geld einbringen, mit dem die Industriegüter Europas und Chinas eingetauscht werden können, es bringt auch politische Macht mit sich, mit der sich all das eintauschen läßt, was für Geld nicht zu haben ist: Handelsverträge, Goodwill, Zugeständnisse. Russland kann mit diesem Pfund so wuchern, dass daraus ein neues russischzentriertes Imperium entsteht: Ein Energieimperium.

Für Europa ist der Kampf auf dem Schlachtfeld der fossilen Energieträger nicht nur nicht zu gewinnen, er ist bereits verloren! Das Überschreiten der lokalen Öl- und Gasförder-Peaks zeigt es. Europas einziger Weg ist die Suche nach einer neuen Form der Industriekultur, einer Kultur die nicht auf fossilen Rohstoffen basiert - denn deren Quellen liegen außerhalb Europas. Europas einziger Weg scheint in lokalen Energiequellen zu liegen, die zwangsläufig erneuerbar sind. Dieses Bild scheint für viele Europäer noch ungewohnt und aus dem fossilen Denken heraus vielleicht sogar unmöglich. Doch genauso unmöglich ist die Annahme, Russlands oder Saudi Arabiens oder Katars Öl und Gas wird auf ewig für umsonst oder "nur etwas Geld" zu haben sein. Der Umbau von den fossilen Quellen hin zu anderen Energiequellen ist mit dem bestehenden europäischen Industriesystem nur begrenzt kompatibel. Wir fahren in einem fossilgetriebenen Industriesystem, das auf diesen Energieträgern gewachsen und mit ihnen groß geworden ist. Erneuerbare Energiequellen an diesen Strukturen anschließen zu wollen erzwingt eine Wechelwirkung mit den Strukturen, in deren Fortlauf deren Umbau erzwungen wird. Die Energiewende ist eine Kulturwende. Auf wirtschaftlicher Ebene bedeutet diese Kulturwende, Industrie und Wirtschaftsstrukturen noch einmal völlig neu zu denken. Europas Wahl besteht darin, sich - wie die Ukraine - dem russischen fossilen Energieimperium anzuschließen, oder sich aufzumachen, eine neue Art der Energienutzung zu formen, für die das Wort "Imperium" nicht das richtige sein mag. Wenn es aber gelingt, bringt es möglicherweise größere Macht hervor als der Öl- und Gasreichtum Russlands: Die Macht, sich unabhängig - frei! - von fremden Energiequellen zu entfalten.

Mehr:

Nachtrag:

Flattr this! Bitcoin-Adresse: 197sddH9NhoSXuQLKx6pTSSe6oEJPf9xNa

Pages: Prev 1 2