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Vom Ölpreisverfall zum Ölmengenverfall – Überlegungen angesichts des neuen WEO

Der aktuelle Preisverfall beim Öl verwirrt, wenn man von der Überlegung herangeht, dass im Zuge von Peak Oil eine Verknappung von Öl zu steigenden Ölpreisen führt. Offenbar gibt es derzeit keine Knappheit, sondern eine relative Überversorgung, die den Preis senkt. Waren die Gazetten bis vor kurzem noch damit voll, dass der sinkende Preis mal wieder ein Beleg für die Fehlthese eines Ölfördermaximums ist, warnen nun vermehrt Stimmen, dass ein niedriger Preis bei den Ölverkäufern natürlich zu schrumpfenden Erlösen führt. Die Kosten des einen sind nunmal die Erlöse eines anderen. Aus diesen derzeit schrumpfenden Erlösen müssen die Ölförderer nicht nur ihre laufenden Kosten decken, sondern auch die Rücklagen bilden, aus denen Investitionen in künftige Ölförderprojekte finanziert werden. Schrumpfende Ölpreise heute schrumpfen demnach die Investitionen morgen. Diese Tatsache wird kritisch, wenn man sie vor dem Hintergrund des aktuellen IEA-WorldEnergyOutlook (WEO) sieht.

Dieser Vorausblick auf die Weltenergieversorgung sagt einen Anstieg des Weltenergieverbrauchs bis 2040 um 37% über das heutige Niveau voraus. Jeweils ein Viertel der Energie soll dann aus Öl, Gas, Kohle und "kohlenstoffarmen Quellen" kommen. (Die Welt ist mit diesem Szenario auf einem 3,6K-Durchschnittstemperaturanstieg unterwegs, sagt die IEA.) Von 90 Millionen Barrel Öl-Tagesverbrauch heute soll der Ölbedarf auf 104 Millionen Barrel Tagesverbrauch 2040 steigen. Allerdings warnt die IEA den aktuellen Preisverfall auf die lange Sicht fortzuschreiben und formuliert Unsicherheiten, dass die Versorgung so auch funktioniert:

Bis Beginn der 2030er-Jahre werden Investitionen in der Größenordnung von 900 Milliarden USD pro Jahr in die Öl- und Gasförderung notwendig sein, um die projezierte Nachfrage decken zu können, allerdings besteht Unsicherheit, ob diese Investitionen rechtzeitig verfügbar sein werden – insbesondere dann, wenn die Förderung von Light- Tight-Oil in den Vereinigten Staaten Anfang der 2020er-Jahre stagniert und die Gesamtproduktion zurückgeht.

Projektierte 900 Milliarden US$ müssen finanziert werden aus eben den Erlösen, die derzeit durch den sinkenden Ölpreis schrumpfen. Hält das aktuelle Ölpreisniveau an, werden diese 900 Milliarden nicht zusammenkommen, womit klar ist: Entweder lebt die Welt mittelfristig mit weniger Öl oder mit höheren Ölpreisen. (Oder mit beidem.)

Der aktuelle Ölpreisverfall birgt Risiken an anderer Stelle. So verweist DIE ZEIT gut formuliert auf die Finanzrisiken, die der sinkende Ölpreis hervorbringen kann. Da die Ölfirmen ihre Reservenschätzungen als Sicherheit für Kredite hinterlegt haben, schrumpfen diese Sicherheiten mit dem Ölpreis - denn ein sinkender Ölpreis schrumpft die förderbaren Reserven. (Als Reserve gilt Öl, welches technisch und wirtschaftlich förderbar ist. Öl, was zwar vorhanden, aber nicht förderbar ist, gilt als Ressource.) Somit werden die Kredite faul, wenn der Ölpreis zu stark sinkt. Eine Ansteckung des sowieso instabilen Finanzsystems durch Finanzprobleme des Energiesektors wird wahrscheinlicher. Die teure Förderung von Tight Oil durch Fracking und Ölsanden wird zudem unrentabel, wenn der Ölpreis schrumpft. Schon das jetzt erreichte niedrige Niveau führt dazu, dass die Überlegungen zur umstrittenen KeystoneXL-Pipeline in den USA überholt sind: Beim aktuellen Preis rechnet sich das Projekt nicht mehr, schreibt CNBC.

Somit wird deutlich: Der Ölpreis hat einen Stabilitätskorridor nach unten verlassen. Sowohl Förderprojekte wie auch die Staatshaushalte diverser Ölförderer stehen auf der Kippe, auch wenn sich der kurzfristig orientierte BiLD-Leser hierzulande über ein paar Cent Spritkostenersparnis freut.

Insgesamt müssen wir uns von der Vorstellung lösen, in einem Peak-Oil-Umfeld gingen die Preise schnurstracks nach oben. Vielmehr birgt das bereits erreichte Ölpreisniveau von zwischenzeitlich 100 US$ Platz für viel größere Schwankungsbreiten, die entsprechend größere Auswirkungen auf die Finanzlage der Ölunternehmen und Staatshaushalte haben. Darin unterscheidet sich die heutige Situation maßgeblich von der Anfang der Jahrtausendwende, als Öl noch für 25 US$/Barrel zu haben war und auch von der Situation in den 1970ern, als die Ölkrisen auf einem Niveau von 3 bis 10 US$/Barrel stattfanden. Die seit damals enorm aufgeblähten Ölmengen, die das planetare ökonomische System verschlingt, multipliziert mit dem inzwischen viel höherem Preisniveau formt letztlich eine sehr viel größere Risikoblase. Das aufgrund der sich verändernden Rahmenbedingungen die Ölversorgung von morgen keineswegs gesichert ist schreibt dann auch die IEA, fraglich ist, ob Entscheider in Unternehmen und Politik diesen Absatz lesen, verstehen und in ihre Entscheidungen angemessen einfließen lassen:

Die Komplexität und Kapitalintensität der Entwicklung der brasilianischen Tiefseevorkommen, die Schwierigkeit, die US-amerikanische Light-Tight-Oil Förderentwicklung in ähnlichm Maßstab außerhalb Nordamerikas nachzubilden, ungelöste Fragen bezüglich des Wachstumsausblicks der kanadischen Ölsandproduktion, die Sanktionen, die den Zugang Russlands zu Technologie und den Kapitalmärkten einschränken sowie – vor allem – die politischen und sicherheitstechnischen Herausforderungen im Irak könnten alle zu einem Defizit an Investitionen unterhalb der erforderlichen Niveaus beitragen. Die Situation im Nahen Osten bereitet die größte Sorge, da die Welt zunehmend von der Ölproduktion in dieser Region abhängig wird, insbesondere die asiatischen Länder, die in 2040 zwei von drei international gehandelten Barrels importieren.

Im letzten Satz steckt zudem das sogenannte Export-Land-Model (ELM) als Problem drin: Wenn Asien in 2040 zwei von drei international gehandelten Barrels importiert, bleibt entsprechend nur noch 1 von 3 für den Export bestimmten Barrels für Europa, Nord- und Südamerika, Afrika und Australien übrig. Wenn 2040 Öl dann immer noch zu heutigen Kosten zu kriegen sein soll, muss der Bedarf dieser Weltregionen ganz schön zusammenschrumpfen...

PS:

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Nachschlag: IEA WEO 2012 im Detail

690 Seiten umfasst das Papier der IEA, von dem die ASPO-Webseite als neues "Standardwerk" spricht. Um die Vorgehensweise der IEA zu verstehen, muss man sich klarmachen, dass die Agentur mit vier verschiedenen Szenarien spielt. Szenario 1 ist das Current Policies Scenario (CPS), bei dem die bisher installierten Energie-Politiken umgesetzt werden. Wenn also ein Land wie Deutschland ein EEG implementiert hat, dann fließen die Auswirkungen dieses Beschlusses in dieses Szenario mit ein. Alle bestehenden und installierten Beschlüsse finden sich in diesem Szenario ein und das Szenario schreibt also die heutige Entwicklung fort. Wenn die Europäische Union das Ziel ankündigt, bis 2020 20% weniger Kohlendioxid zu emittieren, 20% aus Erneuerbaren Energien zu nutzen und 20% höhere Energieeffizienz zu erreichen (20-20-20-Strategie), dann fällt diese Zielstellung in das "New Policies Scenario" (NPS), denn die Maßnahmen wurden noch nicht umgesetzt. Darin werden also alle Ankündigungen aufgenommen, die weltweit als zukünftige Schritte zu erwarten sind. Ob zu den Ankündigungen Beschlüsse und Umsetzungen erfolgen, wissen wir nicht, aber das New Policies Scenario geht davon aus, dass es passiert. Das 450er Szenario knüpft an dem global kommunizierten Ziel an, die Kohlendioxid-Konzentration in der Erdamosphäre nicht über 450 CO2-Teilchen pro Million Luftteilchen steigen zu lassen. Das 450er Szenario entwirft einen (aus IEA-Sicht) realistischen Entwicklungspfad unserer Energieversorgung, mit der dieses Ziel mit einer 50%igen Wahrscheinlichkeit (!) erreichbar wäre. Das "Efficient World Scenario" (EWS) untersucht die Frage, was passiert, wenn alle bekannten Effizienz-Werkzeuge, die ökonomisch machbar sind, umgesetzt werden und Politiken umgesetzt werden, die Marktbarrieren senken, die die Installation dieser Effizienzmaßnahmen verhindern. (Das könnten beispielsweise die Streichung von Subventionen sein.)

Man kann den 690-Seiten-Wälzer unter verschiedenen Blickwinkeln lesen, um sie alle abzubilden, müßte man ein 690-Seiten-Buch schreiben. Daher soll sich dieser Text auf die Frage konzentrieren: Was passiert, wenn wir mit der bisher installierten Politik einfach weitermachen? Wem die IEA-Aussagen dazu nicht passen, muss demnach für Änderung der bisher installierten Politik eintreten. Was passiert, wenn man Änderungen umsetzt, kann man dann an den weitergehenden Szenarien der IEA ablesen. Da die Diskussion um Peak Oil jedoch immer noch um die Frage geht, ob man sich überhaupt um dieses Thema kümmern muss, macht die Konzentration auf das Weiter-So-Szenario (Current Policies Scenario) Sinn. Denn sollte sich herausstellen, dass "Weiter So" nicht funktioniert, muss über Anpassungsmechanismen nachgedacht werden. (mehr …)

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IEA-World Energy Outlook 2012 – Peak Oil abgesagt?

Gestern wurde der jährliche World Energy Outlook (WEO) in London vorgestellt, heute wird der Energie-Bericht in Berlin präsentiert. Aus den bisher öffentlich zugänglichen Dokumenten läßt sich hinsichtlich Öl und Peak Oil folgendes herauslesen:

  • Die USA können bis 2030 einen Selbstversorgungsgrad mit Öl und Gas von 100% erreichen. Bis 2020 soll das Land zum größten Ölförderer werden und Saudi Arabien überholen. Der internationale Ölhandel konzentriert sich demnach in Richtung Asien, wo auch die größten Verbrauchs-Zuwächse zu finden sind. Diese Entwicklung gilt jedoch als Anomalie, denn die Tendenz weltweit geht in genau die entgegengesetzte Richtung: Die meisten anderen Länder können ihre Förderungen wenn überhaupt nur sehr begrenzt steigern oder weiten ihre Importabhängigkeit sogar aus. Dennoch erreicht die Ölförderung in den USA bereits zwischen 2020 und 2025 ihr Maximum bei etwa 10 Millionen Fass pro Tag. Öl und Gas zusammen erreichen ihren Peak um 2025.

Öl- und Gasförderung in den USA laut WEO 2012 (mehr …)

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Internationale Energieagentur warnt vor Ölkrise ab 2015

Die Internationale Energieagentur hat ihren Jahresbericht vorgelegt, der mehr Anstrengungen zum Klimawandel fordert, die PKW-Zahlen bis 2035 auf 1,7 Milliarden wachsen sieht und vor einer Ölkrise ab 2015 warnt:

Diese Krise kann entstehen, wenn nicht genügend Invesitionen im Nahen Osten und Nordafrika getätigt werden. Gemäß der IEA ist der Höhepunkt der Förderung von konventionellem Öl erreicht, seine Förderung soll weiterhin stagnieren und bis 2030 sogar auf 68 mb/d (Millionen Barrel pro Tag) leicht sinken. Um dieses leichte Sinken zu ermöglichen (und um es nicht noch größer werden zu lassen), werden jedoch zusätzliche Förderkapazitäten benötigt: Demnach sind "Brutto-Kapazitätserweiterungen im Umfang von 47 mb/d erforderlich, was dem Doppelten der derzeitigen Förderung aller OPEC‑Länder im Nahen Osten zusammen entspricht." (mehr …)

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IEA: World Energy Outlook kommt heute

Irgendwo in den Büros der Internationalen Energieagentur IEA sitzt ein Haufen schwerbeschäftigter Leute und bereitet die heutige Veröffentlichung des World Energy Outlooks vor, des Jahresberichts der IEA. Am Rande des G20-Summit in Cannes hat Fatih Birol, Chefökonom der IEA, bereits einige Themen und Daten durchblicken lassen. Zuhörer waren unter anderem die Chefs von Total, Shell, Toshiba. (mehr …)

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