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PEAK OIL (Junkie Business II)

Wir sind Junkies. Laut BP1 lag der tägliche Öl-Verbrauch in Deutschland im Jahr 2007 bei etwa 2,4 Millionen Barrel Öl pro Tag. Ein Barrel, das sind 159 Liter. 2,4 Millionen Barrel sind 382 Millionen Liter Erdöl. Das sprichwörtliche Fußballfeld müßte also auf eine Höhe von etwa 40 Metern geflutet werden, um die tagtägliche Menge an Öl zu fassen, die allein die knapp 82 Millionen Bundesbürger täglich verarbeiten und verbrennen. Die jährliche Menge ist 365 mal so hoch: 14,6 Kilometer. Von 2004 bis 2008 stieg der tägliche weltweite Ölverbrauch von 82,5 auf 86,8 Millionen Barrel2. Unser Problem: Dies läßt sich nicht wesentlich steigern.

Wir nutzen Öl, um Pflanzenschutzmittel, Plastikspielzeug und Einkaufstüten herzustellen, für Medikamente, Farben und Lacke, für Isolierungen von Elektrokabeln und natürlich, um unsere Fahrzeuge mit Hilfe kleiner Explosionen von Luft-Ölprodukt-Mischungen anzutreiben sowie um mit Ölheizungen den Winter zu überstehen. Wir Junkies brauchen Öl für fast alle Aktivitäten unseres durchindustrialisierten Lebens: Mobilität braucht offensichtlich Öl, Essen braucht Öl, um es erst per Düngemittel und Pestiziden aufzuziehen und später, um es zum Supermarkt zu karren, die meisten Konsumprodukte kommen kaum ohne Plastik aus und sei es nur für die obligatorische Verpackung. Öl ist - in mehrfacher Hinsicht - das (technische) Schmiermittel unserer Ökonomie. Ohne Öl dreht sich kein Rad, zumindest kein großes.

Die USA verbrauchen 25% des täglich geförderten Öls bei einem Bevölkerungsanteil von 5%, China hat 22% der Weltbevölkerung und verbraucht 6%3. 6 Milliarden Menschen wollen es haben und ihr Ziel ist es, einen Lebensstandard nach US-amerikanischem oder wenigstens nach europäischem Vorbild zu erreichen. 40% der vom Menschen genutzten Energie werden aus dem fossilen Energieträger gewonnen4. Doch Öl geht aus. Der Wendepunkt der ölgetriebenen Ökonomie wird als Peak Oil in die Geschichte der Menschheit eingehen. Einerseits, weil nach ca. 150 Jahren Industrialisierung, die auf diesem Rohstoff aufbaute, eine erneute Änderung der Wirtschaftsweise bevorsteht, andererseits, weil wir mit den Nachwirkungen der Ölnutzung noch Jahrhunderte lang klarkommen müssen. Die 900 Milliarden Barrel Öl, die in der Geschichte der Ölindustrie bislang gefördert wurden5, haben sich in Luft aufgelöst: Waren es zu Beginn der Industrialisierung noch 280 Kohlendioxid-Teilchen pro 1 Million Teile in der Luft, so hat sich der CO2-Anteil innerhalb von 150 Jahren auf über 380 CO2-Teilchen erhöht6. Kohlendioxid absorbiert Wärmestrahlung, die wir von unserem Zentralgestirn geschickt bekommen und dies heizt die Atmosphäre des gesamten Planeten auf. Was es langfristig bedeutet, wenn die steigenden Durchschnittstemperaturen die schützenden Eis-Schilde an den Polen abschmelzen, den Permafrostboden aufweichen und die Meere durch Ausdehnung des Wasservolumens ansteigen lassen wissen wir noch nicht wirklich. Was wir aber wissen ist, daß wir unsere Ökonomie nicht nur aufgrund klimatischer Änderungen umstellen sollten, sondern auch, um gewappnet zu sein für die Zeit nach Peak Oil.

beyond petroleum

BP, die Firma deren Statistik eingangs erwähnt wurde, fördert täglich 3,65 Millionen Barrel des schwarzen Saftes. Sie erwirtschaftete 2006 mit ihren Geschäftsfeldern einen Umsatz von 274 Milliarden US-Dollar bei einem Gewinn von 22,25 Milliarden US$7 (was einer anständigen Umsatzrendite von 8% entspricht). Etwa 100.000 Menschen sind direkt bei BP beschäftigt, doch das produzierte Öl wird in hunderten anderen Zweigen der Wirtschaft gebraucht und genutzt und gibt dort hunderttausenden Menschen Arbeit. Das Kürzel "BP" stand bis 2005 für "British Petroleum" und zeigte an, aus welcher Ecke des Planeten die Firma ursprünglich stammt. Seit 2005, so kommuniziert es BP, stehen die zwei Buchstaben für beyond petroleum, was soviel heißt wie "nach dem Öl"...

Nach dem Öl? Aber Öl hält doch noch Jahrzehnte, hat man uns vermittelt. Das stimmt auch. Erdöl ist nicht von heut auf morgen plötzlich alle. Aber die Produktion nähert sich einem kritischen Punkt aus geologischen, technischen, politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, die sich in einem Satz zusammenfassen lassen:

Die Fördergeschwindigkeit von Erdöl hält mit der Verbrauchsgeschwindigkeit nicht mehr Schritt.

Natürlich ist das nicht ganz richtig: Niemand kann mehr verbrauchen, als hergestellt wird: Das gilt auch für Öl. Damit muss der Verbrauch zwingend mit der Förderung Schritt halten - mehr als gefördert wird kann nicht verpulvert werden. Dieser Zwang birgt jedoch Sprengstoff: Die auf Wachstum ausgerichteten Industrieländer brauchen mehr Öl für mehr Wachstum und die sich teilweise rasant entwickelnden (ehemaligen?) Entwicklungsländer brauchen mehr Öl, um von der Stelle zu kommen. Doch da nicht mehr Öl verteilt werden kann, als gefördert wird, steigen im ersten Schritt die Preise und im zweiten Schritt gibt es doch einen Verlierer, der sich das Öl nicht leisten kann und eben keins bekommt. Diese Spaltung zwischen Öl-Gesegneten und Öl-Verzichtern vollzieht sich sicherlich einmal zwischen "reichen" Nationen und "armen" Nationen, sie vollzieht sich aber auch zwischen Arm und Reich innerhalb der Nationen. Und sie sorgt für eine neue Machtverteilung auf dem Planeten: Ölabhängige Länder zahlen jeden Preis für ihren Suchtstoff, während die Dealer sich mit den Erlösen Wissen, Maschinen, Material, Einfluß, Waffen und Freunde kaufen können. Nicht umsonst sind westliche Truppen im Irak einmarschiert, um eine strategisch passende Position in einer der ölreichsten Regionen der Welt aufzubauen und nicht umsonst wurde Afghanistan "militärisch umstrukturiert", um Pipelines Platz zu machen, die für die Versorgung der westlichen Welt mit Erdöl dienen sollen. Süchtige reagieren irrational oder - je nach Droge - apathisch.

Peak Oil beginnt dort, wo die Förderquoten einzelner Ölfelder sinken. Sie sinken, weil sie leergepumpt werden. Was am Anfang unter Druck stehend sprudelt muß im späteren Verlauf durch Nachschieben von Wasser herausgedrückt werden. Ein Ölfeld komplett trockenzusaugen ist etwa so einfach, wie eine Pfütze mit einer Suppenkelle trockenlegen zu wollen - der Vergleich soll anschaulich machen, daß Öl in einem Ölfeld mit zunehmender Förderdauer immer langsamer fließt. Was für ein Ölfeld gilt, gilt auch für die Summe aller Ölfelder auf dem Planeten. In den USA wurde der lokale Peak Oil bereits Anfang der 1970er erreicht. Seitdem sinkt die Eigenförderung des Landes ständig. In Europa war der lokale Peak Oil etwa zur Jahrtausendwende und im Frühjahr des Jahres 2008 hat Leonid Fedun, der Chef des zweitgrößten russischen Erdöl-Konzerns Lukoil, gesagt, Rußland habe den Höhepunkt seiner Förderkapazität erreicht.

Peak Oil
Der globale Peak Oil mag noch mehrere Jahre hin sein, vielleicht liegt er auch schon hinter uns, was bleibt ist die Frage: Wie gehen wir mit dieser fundamentalen Änderung in unserem Wirtschaftsleben um?

Umdenken im Raumschiff Erde8

Peak Oil hat mit Geld nur wenig zu tun. Wem auch immer wieviel Geld auch immer zur Verfügung steht: Er kann nicht mehr Öl damit kaufen, als wir aus dem Boden kriegen. Die Stagnation der Ölförderung auf hohem Niveau ist der erste Schritt, der zweite wird sein, dass das Ölangebot sinkt und der Verbrauch sich entsprechend anpassen muß. Eine erste Ahnung dieser Situation bekommt man bei einem Rückblick auf die 1. Ölkrise ab Oktober 1973. Damals wurden autofreie Sonntage und Geschwindigkeitsbegrenzungen eingeführt, die explodierenden Preise führten zu einer Wirtschaftskrise mit einer Verdreifachung der Arbeitslosenzahl bis 1975. In der Folge wurden auch Initiativen verstärkt, die eine Abkehr und größere Unabhängigkeit vom Öl forderten. Dies scheint auch heute wieder betonenswert. Doch einfach dürfte es nicht werden, schließlich ist Öl so intensiv in unserer Wirtschaft eingebunden, daß das Individuum selten alle Bereiche der Ölnutzung überblickt - als auch die Auswirkungen, wenn Öl nicht mehr verfügbar ist. (Die steigenden Preise in nahezu allen Branchen sind auch auf steigende Transport- und Energiepreise zurückzuführen, die ihrerseits wieder mit den explodierenden Ölpreisen zusammenhängen.) Mittelfristig führt kein Weg daran vorbei, ohne Öl auszukommen, denn irgendwann verkümmert die Ölförderung zu einem lächerlichen Rinnsal. Doch wie soll eine Wirtschaft aussehen, die damit klarkommt? Allein auf technischem Gebiet wird das Problem Peak Oil nicht lösbar sein. Weder beheben technische Verbesserungen in der Ölförderung das Problem einer Endlichkeit des Rohstoffes noch die Steigerung der CO2-Konzentration in der Atmosphäre durch weitere Ölverbrennung. Technische Weiterentwicklung ist sinnvoll, soweit sie zu dezentraler Energieversorgung auf Basis erneuerbarer Energien führt und zu Innovationen führt, die neue Fahrzeugantriebe ermöglicht und Energiesparen hilft. Doch auch das gesellschaftliche Leben/System wird sich anpassen müssen, auch in diesem Bereich sind Innovationen notwendig. Effizienter ist es sicherlich, wenn sich mehrere Menschen Mobilität teilen, sei es durch Öffentlichen Nahverkehr, Mitfahrgelegenheiten oder Carsharing - anstatt dass jeder ein Automobil sein Eigen nennt, welches mehr als 22 Stunden täglich sinnlos Platz wegnehmend in der Parknische vergammelt. Die Umstellung der Wirtschaftsversorgung auf regionale Selbstversorgung spart nicht nur Millionen Transportkilometer bei der "planetaren Arbeitsteilung", es dürfte auch der Transparenz und Einflußnahme hinsichtlich fairer Arbeits- und Produktionsbedingungen zuträglich sein. Lokal zu produzieren und lokal zu verbrauchen verkürzt die Transport- und Arbeitswege und fördert das Bewußtsein für lokale Ressourcen.

Mit großer Wahrscheinlichkeit ist unser Lebensstandard so nicht zu halten. Manche Peak-Oil-Aktivisten sehen die Versorgung der Menschen grundsätzlich bedroht und widmen sich eigener landwirtschaftlicher Arbeit, autarker Energie- und Wasserversorgung und langfristiger Vorratshaltung. Fakt ist: Wenn alle Menschen auf dem Planeten so leben würden, wie die Deutschen, bräuchten wir 3 Planeten. Da wir die nicht haben müssen wir davon ausgehen: Unsere Lebensweise ist um fast zwei Drittel überdimensioniert, unser ökologischer Fußabdruck (also die Fläche auf der Erde, die wir für unsere Lebensweise in Anspruch nehmen) ist dreimal größer, als er sein dürfte. Diese Situation könnte Verzicht einfordern, könnte uns Sparsamkeit lehren und größere Effizienz. "Energie sparen" wird sicherlich ein Motto sein, daß uns künftig öfter begegnet.

Peak Oil fordert jedoch vor allem eines: Ein Umdenken. Die Zeit des "immer weiter so" neigt sich mit den Ölvorräten dem Ende. Wir müssen lernen, unsere Lebensweise, unsere Art zu Wirtschaften und die Umwelt in der wir leben als ein vernetztes Gewebe zu begreifen, in welchem jede unsere Aktivitäten komplexe Auswirkungen hat. Wir müssen lernen, in größeren Zeiträumen zu denken. Das Quartalsdenken der Aktiengesellschaften hilft bei komplexen Phänomen wie Peak Oil nicht. Wir sind genötigt uns heute bereits Gedanken darüber zu machen, wie wir unsere Dörfer und Städte, unser gesellschaftliches und wirtschaftliches Leben sowie unsere Versorgung in 20, 50 oder 100 Jahren gestalten wollen. Der kalte Entzug, der uns mit Peak Oil droht, wird unter Umständen nicht angenehm, aber er ist notwendig, um Klarheit darüber zu kriegen: Der Ego-Trip des Menschen ist vorbei. Wenn er weiter lebend mit diesem Planeten durch das Universum reisen will, muß er sich was Neues einfallen lassen.

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