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Das globale Ölfördermaximum steht bevor: PEAK OIL.

Trifft Russland Venezuela auf dem Weg zu einer zweiten OPEC?

Am 16. Juni hielt der (aus Libyen stammende) OPEC-Generalsekretär Abdalla S. El-Badri auf dem 21. Welt-Petroleum-Kongress in Moskau eine bemerkenswerte Eröffnungsrede, in der er die Stabilität der Ölmärkte als gemeinsames Ziel aller versammelten Akteure beschwor: Ölverbraucher wie Ölproduzenten, OPEC-Mitglieder und Nicht-OPEC-Mitglieder, auch das von Gastgeber Russland. Er sagte:

Unser Augenmerk sollte darauf liegen, Marktstabilität beizubehalten. Das war zentral für die OPEC-Entscheidung der letzten Woche, die OPEC-Ölförderung auf dem Niveau von 30 Millionen Barrel täglich zu belassen. Das ist, was vom Markt benötigt wird. Wir sehen heute einen ausgeglichenen und stabilen Ölmarkt.

Und wenn wir auf die Marktindikatoren schauen, erwarten wir dies auch für den Rest von 2014. Es gibt ein gleichbleibendes Nachfragewachstum und genug Angebot es zu decken; sowohl mit Vorräten wie auch freien Förderkapazitäten auf komfortablem Niveau.

Stabilität ist zentral für alles, was wir tun. Es ist das Anliegen, das uns alle verbindet. Und dies wird am besten erreicht, wenn alle Interessentsgruppen einander besser verstehen durch verstärkten Dialog und Kooperation. Ich bin sicher, dies wird sich im Laufe der Kongresswoche zeigen.

Wenige Tage nach dieser Rede begann der jüngste Ölpreiskollaps, der den Ölpreis von damals 115 US$ binnen 5 Monaten auf unter 80 US$ fallen ließ.

Irgendwas passt nicht zusammen.

Lücken im Kartell

Der deutsche Staat hält sich ein Bundeskartellamt, zu dessen Aufgaben es gehört, das Kartellverbot hierzulande durchzusetzen:

Koordinieren Wettbewerber untereinander ihr Verhalten auf einem Markt, um dadurch den Wettbewerb einzuschränken oder auszuschalten, spricht man von einem Kartell. [...] Kartellabsprachen führen regelmäßig zu überhöhten Preisen bei sinkender Produktqualität.

Die OPEC ist ein offen geführtes Kartell: Jeder weiß, dass es existiert und dass seine Mitglieder das Ziel verfolgen, möglichst hohe Erlöse für sich durch Koordination der Ölförderung einzustreichen. Zudem hat dieses Kartell globale Bedeutung, erkennbar am gehandelten Stoff (Öl), der weltweit benötigt wird, aber auch daran, dass nicht einzelne Firmen, sondern mehrere Staaten ihre Interessen in diesem Gremium vertreten. Derzeit sind dies die Gründungsmitglieder von 1960 Irak, Iran, Saudi Arabien, Kuwait und Venezuela, sowie Katar, Libyen, Algerien, Nigeria, Angola, Equador und die Vereinigten Arabischen Emirate. Den größten Erfolg hatte das Kartell in den 1970ern, als es die ersten zwei großen Ölkrisen dadurch auslöste, dass es seinen Marktanteil von 55% zu passablen Preissteigerungen anbot.

Allerdings zeigt die Geschichte wie auch die aktuelle Situation, dass keineswegs alle OPEC-Mitglieder in jedem Fall dieselben Interessen teilen. Man erinnere sich nur an den Überfall von Saddam Husseins Irak auf den Nachbarstaat Kuwait anno 1990 oder den aktuell laufenden Stellvertreterkrieg zwischen dem sunnitisch dominierten Saudi-Arabien und dem schiitisch dominierten Iran in Syrien. Jeweils standen und stehen sich Länder feindlich gegenüber, die als OPEC-Mitglieder gemeinsame Sache machen.

Lücken in der US-Weltverschwörung

Der aktuelle Medien-Konsens besteht weitgehend darin, dass der Ölpreisverfall durch Saudi-Arabien ausgelöst wird. Wahlweise versucht das Land dadurch seine Marktanteile zu sichern oder politischen Einfluss auf andere Länder zu nehmen. Dem US-Fracking-Erfolg wird die zweite Komponente zugeschrieben, doch ist auch hier die Interessenlage alles andere als eindeutig: Einerseits bringt der niedrige Ölpreis dem ölsüchtigen US-Konsumenten Spielraum in die Brieftasche, andererseits torpediert der Ölpreis das Geschäftsmodell der Fracking-Firmen und beschädigt so auf Dauer die frisch gewonnenen Eigenversorgungsmöglichkeiten der USA. Dies gilt jedenfalls dann, wenn die oftmals berichteten Förderkosten von 60-80 US$ pro Barrel für das US-Fracking stimmen. Fraglich ist hierbei jedoch, wie das tatsächliche Interesse Saudi-Arabiens aussieht. Denn regelmäßig gilt die ultraorthodoxe Monarchie als enger Verbündeter der USA - klingt es daher logisch, dass ausgerechnet die Saudis die US-Fracking-Industrie mit einer teuren Preiskampagne angreifen wollen?

Doch der Ölpreis hat auch außerhalb von rein wirtschaftlichen Fragen Relevanz: Er wird sehr schnell politisch. Einerseits setzt der Ölpreiskollaps mindestens drei globale Konkurrenten der USA unter Druck: Venezuela, Iran und Russland. Russland läßt verlauten, dass es vermutet, dass der Ölpreiseinbruch auf eine Kooperation von Saudi-Arabien und den USA zurückgeht. Andererseits treibt dieser Druck die betroffenen Länder dazu, sich nach neuen Kooperationen umzuschauen. Was wäre denn, wenn Russland Mitglied der OPEC würde und seine Preisinteressen gemeinsam mit anderen ölexportierenden Staaten durchsetzen würde? Immerhin denkt man laut Russlands Energieminister Alexander Novak in Russland über eine Kürzung der Ölförderung nach. Oder wenn Russland eine "zweite OPEC" begründet und sich mit einzelnen Ländern über Förderquoten verständigt? Sollten solche Kooperationen gelingen, entstünde möglicherweise ein Konstrukt, das dem us-amerikanischen Lifestyle nicht gerade zuträglich ist.

Doch genau dafür gibt es Signale, die ihren vorläufigen Höhepunkt in der kommenden Woche finden könnten, denn am Donnerstag, den 27.11.2014 trifft sich erneut die OPEC in Wien - mit Russland ganz in der Nähe.

Öldiplomatie in vollem Gange

Venezuela, Russland und Iran sind aufgrund ihrer großen Abhängigkeit von Verkaufserlösen die großen Verlierer des aktuellen Ölpreiseinbruchs. Die diplomatischen Bemühungen laufen daher bereits vor dem OPEC-Treffen auf Hochtouren. Bloomberg berichtet, dass Venezuelas Präsident Nicolas Maduro sich um Kooperation mit Nicht-OPEC-Mitgliedern bemüht. Der venezuelanische Außenminister traf deshalb sechs Energieminister, darunter den russischen Energieminister Alexander Novak. Ein weiteres Treffen dieser Art ist kommenden Dienstag angesetzt, zwei Tage bevor die OPEC zu ihrem Treffen zusammenkommt. Und es wurde auf Drängen von Venezuela von Caracas nach Wien verlegt, so dass alle wichtigen Akteure sich in derselben Woche in der österreichischen Hauptstadt einfinden.

Ganz offenbar ist die Öldiplomatie in vollem Gange. Venezuela scheint nach Kooperationspartnern außerhalb der OPEC zu suchen, um beim OPEC-Treffen mit vergrößerter Macht seine Position deutlich zu machen. Und die kann aus Venezuelas Sicht nur lauten: Ölförderung drosseln, um den Ölpreis über die (inzwischen) gewohnten 100-US$-Grenze zu heben. Diesen Wunsch dürfte auch Russland teilen, welches zur Stabilisierung des Staatshaushalts eher 120 als 100 US$ braucht (siehe: Telepolis: Warum der Benzinpreis nicht sinken darf). Auch Igor Setchin, Chef von Rosneft und Vertrauter Putins, wird Wien besuchen.

Signale einer engeren Kooperation zwischen Russland und dem Kartell gab es beispielsweise auch 2011. Katars Ölminister hätte Russland gern in der OPEC gesehen, auch wenn er die Chance dafür gering einschätzte. Auch Saudi-Arabien hat über den damaligen Geheimdienstchef Bandar bin Sultan Russland im Sommer 2013 wohl eine OPEC-Mitgliedschaft angeboten. Allerdings wurde das damalige Zusammentreffen von Bandar und Putin sehr seltsam kommentiert. Von einem "Geheimdeal" war die Rede, der Preis- und Mengenabsprachen zur Ölförderung vorsah. Nichts, was die US-Politik gern sehen würde. Die Meldung wurde damals aus russischen Quellen lanciert und bekommt einen schalen Beigeschmack, wenn man sie damit verbindet, dass Bandar bin Sultan im April 2014 der Geheimdienstposten entzogen wurde. Hauptzweck des Gesprächs zwischen Bandar und Putin war zu diese Zeitpunkt wohl, die Unterstützung Russlands für den syrischen Staatschef Assad zu kappen. Zum Zeitpunkt des Treffens stellte sich Russland demonstrativ an die Seite Assads, der als letzter Verbündeter aus postsowjetischen Zeiten im arabischen Raum übriggeblieben ist. Letztlich scheiterte an Russlands Haltung ein konsequentes Vorgehen der USA gegen die syrische Staatsmacht, mit dem Effekt, dass Syrien heute in Teilen an die ISIS-Extremisten gefallen ist und sich zu einem "failed state" mit einem Flüchtlingsproblem entwickelte, das inzwischen bis nach Deutschland reicht.

Öl, Geld und Politik: Russland unter Druck

Der Preisverfall setzt Russland massiv unter Druck. Gut möglich, dass eine abgestimmte saudi-amerikanische Ölpolitik den Preisverfall hervorrief, mit dem Russland gefügig gemacht werden soll. Wenn Putin Assad fallen läßt und sich von Sanktionen und drohenden Finanz- und Wirtschaftsproblemen auch bezüglich der Ukraine verhandlungsbereit zeigt, könnte der Ölpreis sich vielleicht schneller erholen, als man denkt. Aus politischen, nicht aus wirtschaftlichen Gründen. Allerdings könnte die aktuelle Situation auch zu neuen, ungewohnten Konstellationen führen. Wenn der weltgröße Ölexporteur Saudi-Arabien mit dem weltgrößten Ölverbraucher USA gemeinsame Sache macht und die Interessen der anderen OPEC-Mitglieder hintergeht, könnte es (mal wieder) zu hitzigen Diskussionen in Wien führen. Wenn parallel Russland mit unzufriedenen OPEC-Mitgliedern Kooperationsgespräche führt, könnten neue Allianzen entstehen. Politik ist manchmal ein überraschungsreiches Geschäft.

Es wäre interessant zu wissen, was im Juni auf dem Welt-Petroleum-Kongress in Moskau hinter den Kulissen besprochen worden ist.

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Kommentarlos, Teil 57

Die neue Situation kommt nicht nur für die Opec überraschend. Noch bis ins vorige Jahr hinein wurde das Ende des Ölzeitalters propagiert. Die „Peak Oil“-Propheten beherrschten die öffentliche Debatte, durften schönste Beratungs- und Rednerhonorare für ihr Untergangsgeraune einstreichen.

Ihre düsteren Visionen hatten auch deshalb Hochkonjunktur, weil sie perfekt zu den Programmen einer ökologischen Energiepolitik passten, die Umwelt und Klima vor fossilen Brennstoffen zu bewahren trachtet: Wenn Öl und Gas knapp werden, dann werden sie teuer und erneuerbare Energiequellen relativ preiswert, war die von grünem Wunschdenken gespeiste Logik.

Heute darf man sagen: Pustekuchen.

FAZ: Sinkende Ölpreise: Die Welt schwimmt in Öl

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Lobbyismus + Kopenhagener Erklärung: Europas Geologen fordern Wissenschaftlichkeit

Bei einem Treffen der Direktoren der Europäischen Geologischen Dienste der Nordatlantikgruppe (NAG) im September in Kopenhagen entstand ein gemeinsamer Text, die "Kopenhagener Erklärung". Darin äußern die Direktoren ihre Sorge über "irreführende Medienmeldungen über die Erkundung und Gewinnung von mineralischen und Energie-Rohstoffen" und verweisen auf die Möglichkeit, dass die geologischen Dienste von den Regierungen übergangen werde und so die Chance vermindert wird, "objektiv und interessensneutral über Abschätzungen von Schiefergas- und anderen Georessourcen zu informieren".

Auf Nachfrage bei der Bundesagentur für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR), was Anlass für diese Erklärung gewesen sei, schrieb man mir:

Die Direktoren der Geologischen Dienste sind besorgt über irreführende Medienmeldungen über die Erkundung und Gewinnung von mineralischen und Energie-Rohstoffen. Häufig werden wissenschaftliche Ergebnisse und Schlussfolgerungen bei der Berichterstattung ignoriert. Dies kann, wenn verschiedene Meldungen nicht reflektiert werden, durchaus zu nachteiligen Entscheidungen für die Gesellschaft führen.

Ein Beispiel für eine „irreführende Berichterstattung“ ist der Film Gasland. In diesem preisgekrönten Dokumentarfilm von Josh Fox wird ein brennender Wasserhahn gezeigt. Dieser Wasserhahn wird in Verbindung mit der Förderung von Erdgas durch die Fracking-Technologie gesetzt. Dieser Zusammenhang besteht jedoch nicht. Das hat mittlerweile auch der Regisseur zugegeben. Unter folgendem Link finden Sie die Dokumentation „FrackNation“. Sie beleuchtet diese und andere Falschdarstellungen. Auch die NDR-Sendung „Angst vor Fracking“ (Panorama 3- Die Reporter) verdeutlicht die Problematik und zeigt, welche Folgen falsche Darstellungen und Wahrnehmungen erzeugen können.

Das BGR verweist in seiner Antwort zudem auf die Diskussion mit dem Umweltbundesamt (UBA). Im öffentlichen Diskussionsprozess um die Fracking-Frage haben beide Bundesbehörden in den vergangenen Jahren teils unterschiedliche Schlußfolgerungen aus ihren Erkenntnissprozessen gezogen.

Es ist zu begrüßen, dass die BGR und die verbundenen europäischen Geologischen Dienste auf ihre Kompetenz hinweisen und Lobby-Kampagnen Fachwissen entgegensetzen. Jüngst verwies die Organisation Lobbycontrol auf eine Veröffentlichung der New York Times, der ein Mitschnitt eines Vortrags des US-Lobbyisten Rick Berman zugespielt wurde. Dieser riet Vertretern der Öl- und Gasindustrie im Juni 2014 zu "schmutzigen" Lobbymethoden in der Bekämpfung ihrer Gegner und stellte zugleich eine Kampagne namens "Big Green Radicals” seiner PR-Agentur vor.

Lobbyismus und Einflussnahme ist im milliardenschweren Öl- und Gasgeschäft keine Seltenheit. Im Februar 2013 lobbyierten deutsche Öl- und Gasfirmen für Fracking per Briefkampagne bei den deutschen IHK. Der Matt-Damon-Film "Promised Land", der die Auseinandersetzung von Landkäufern im Auftrag einer Fracking-Firma und den Bewohnern einer US-Kleinstadt thematisiert, wurde wegen der Unterstützung durch einen Filmfonds des weltdrittgrößten Ölexporteurs Vereinigte Arabische Emirate kritisiert. Auch ihn könnte man als Lobbyarbeit ansehen, insbesondere da er nur wenig handfest das Fracking selbst thematisiert, sondern eher die durchaus fragwürdigen Geschäftsmethoden der Ölindustrie ins Licht rückt.

Lobbyarbeit im Sinne eines gezielten Einflusses auf die öffentliche Meinung und Entscheidungsträger ist in einer offenen Gesellschaft kaum vermeidbar. Für den interessierten Bürger ist die durch unlautere Methoden angerichtete Verwirrung (statt der Suche nach möglichst objektiven Abwägungen) jedoch mindestens abschreckend. Im ungleichen Kampf der Budgets haben Industrievertreter meist den längeren Arm gegenüber nichtmonetär ausgerichteten Umweltorganisationen. Unklar ist, inwieweit irreführende Medienberichterstattung durch Dummheit oder Absicht zustande kommt, so wie im heutigen Handelsblatt-Artikel zum Thema Fracking, in dem wieder zu lesen ist:

Die USA haben den Schritt gewagt und sich von Energieimporten weitgehend unabhängig gemacht.

Eine Aussage, für die die Direktoren der Europäischen Geologischen Dienste der Nordatlantikgruppe sicherlich zur Richtigstellung bereit wären: Aber danach hat das Handelsblatt den im Artikel zitierten BGR-Präsidenten Hans-Joachim Kümpel offenbar nicht gefragt. Trotz Fracking importieren die USA immer noch 4,7 Millionen Barrel Erdöl täglich. Das ist zwar fast eine Halbierung binnen 5 Jahren, und dennoch (nach China) das zweitgrößte Importvolumen eines einzelnen Landes.

 

Lesetip:

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Vom Ölpreisverfall zum Ölmengenverfall – Überlegungen angesichts des neuen WEO

Der aktuelle Preisverfall beim Öl verwirrt, wenn man von der Überlegung herangeht, dass im Zuge von Peak Oil eine Verknappung von Öl zu steigenden Ölpreisen führt. Offenbar gibt es derzeit keine Knappheit, sondern eine relative Überversorgung, die den Preis senkt. Waren die Gazetten bis vor kurzem noch damit voll, dass der sinkende Preis mal wieder ein Beleg für die Fehlthese eines Ölfördermaximums ist, warnen nun vermehrt Stimmen, dass ein niedriger Preis bei den Ölverkäufern natürlich zu schrumpfenden Erlösen führt. Die Kosten des einen sind nunmal die Erlöse eines anderen. Aus diesen derzeit schrumpfenden Erlösen müssen die Ölförderer nicht nur ihre laufenden Kosten decken, sondern auch die Rücklagen bilden, aus denen Investitionen in künftige Ölförderprojekte finanziert werden. Schrumpfende Ölpreise heute schrumpfen demnach die Investitionen morgen. Diese Tatsache wird kritisch, wenn man sie vor dem Hintergrund des aktuellen IEA-WorldEnergyOutlook (WEO) sieht.

Dieser Vorausblick auf die Weltenergieversorgung sagt einen Anstieg des Weltenergieverbrauchs bis 2040 um 37% über das heutige Niveau voraus. Jeweils ein Viertel der Energie soll dann aus Öl, Gas, Kohle und "kohlenstoffarmen Quellen" kommen. (Die Welt ist mit diesem Szenario auf einem 3,6K-Durchschnittstemperaturanstieg unterwegs, sagt die IEA.) Von 90 Millionen Barrel Öl-Tagesverbrauch heute soll der Ölbedarf auf 104 Millionen Barrel Tagesverbrauch 2040 steigen. Allerdings warnt die IEA den aktuellen Preisverfall auf die lange Sicht fortzuschreiben und formuliert Unsicherheiten, dass die Versorgung so auch funktioniert:

Bis Beginn der 2030er-Jahre werden Investitionen in der Größenordnung von 900 Milliarden USD pro Jahr in die Öl- und Gasförderung notwendig sein, um die projezierte Nachfrage decken zu können, allerdings besteht Unsicherheit, ob diese Investitionen rechtzeitig verfügbar sein werden – insbesondere dann, wenn die Förderung von Light- Tight-Oil in den Vereinigten Staaten Anfang der 2020er-Jahre stagniert und die Gesamtproduktion zurückgeht.

Projektierte 900 Milliarden US$ müssen finanziert werden aus eben den Erlösen, die derzeit durch den sinkenden Ölpreis schrumpfen. Hält das aktuelle Ölpreisniveau an, werden diese 900 Milliarden nicht zusammenkommen, womit klar ist: Entweder lebt die Welt mittelfristig mit weniger Öl oder mit höheren Ölpreisen. (Oder mit beidem.)

Der aktuelle Ölpreisverfall birgt Risiken an anderer Stelle. So verweist DIE ZEIT gut formuliert auf die Finanzrisiken, die der sinkende Ölpreis hervorbringen kann. Da die Ölfirmen ihre Reservenschätzungen als Sicherheit für Kredite hinterlegt haben, schrumpfen diese Sicherheiten mit dem Ölpreis - denn ein sinkender Ölpreis schrumpft die förderbaren Reserven. (Als Reserve gilt Öl, welches technisch und wirtschaftlich förderbar ist. Öl, was zwar vorhanden, aber nicht förderbar ist, gilt als Ressource.) Somit werden die Kredite faul, wenn der Ölpreis zu stark sinkt. Eine Ansteckung des sowieso instabilen Finanzsystems durch Finanzprobleme des Energiesektors wird wahrscheinlicher. Die teure Förderung von Tight Oil durch Fracking und Ölsanden wird zudem unrentabel, wenn der Ölpreis schrumpft. Schon das jetzt erreichte niedrige Niveau führt dazu, dass die Überlegungen zur umstrittenen KeystoneXL-Pipeline in den USA überholt sind: Beim aktuellen Preis rechnet sich das Projekt nicht mehr, schreibt CNBC.

Somit wird deutlich: Der Ölpreis hat einen Stabilitätskorridor nach unten verlassen. Sowohl Förderprojekte wie auch die Staatshaushalte diverser Ölförderer stehen auf der Kippe, auch wenn sich der kurzfristig orientierte BiLD-Leser hierzulande über ein paar Cent Spritkostenersparnis freut.

Insgesamt müssen wir uns von der Vorstellung lösen, in einem Peak-Oil-Umfeld gingen die Preise schnurstracks nach oben. Vielmehr birgt das bereits erreichte Ölpreisniveau von zwischenzeitlich 100 US$ Platz für viel größere Schwankungsbreiten, die entsprechend größere Auswirkungen auf die Finanzlage der Ölunternehmen und Staatshaushalte haben. Darin unterscheidet sich die heutige Situation maßgeblich von der Anfang der Jahrtausendwende, als Öl noch für 25 US$/Barrel zu haben war und auch von der Situation in den 1970ern, als die Ölkrisen auf einem Niveau von 3 bis 10 US$/Barrel stattfanden. Die seit damals enorm aufgeblähten Ölmengen, die das planetare ökonomische System verschlingt, multipliziert mit dem inzwischen viel höherem Preisniveau formt letztlich eine sehr viel größere Risikoblase. Das aufgrund der sich verändernden Rahmenbedingungen die Ölversorgung von morgen keineswegs gesichert ist schreibt dann auch die IEA, fraglich ist, ob Entscheider in Unternehmen und Politik diesen Absatz lesen, verstehen und in ihre Entscheidungen angemessen einfließen lassen:

Die Komplexität und Kapitalintensität der Entwicklung der brasilianischen Tiefseevorkommen, die Schwierigkeit, die US-amerikanische Light-Tight-Oil Förderentwicklung in ähnlichm Maßstab außerhalb Nordamerikas nachzubilden, ungelöste Fragen bezüglich des Wachstumsausblicks der kanadischen Ölsandproduktion, die Sanktionen, die den Zugang Russlands zu Technologie und den Kapitalmärkten einschränken sowie – vor allem – die politischen und sicherheitstechnischen Herausforderungen im Irak könnten alle zu einem Defizit an Investitionen unterhalb der erforderlichen Niveaus beitragen. Die Situation im Nahen Osten bereitet die größte Sorge, da die Welt zunehmend von der Ölproduktion in dieser Region abhängig wird, insbesondere die asiatischen Länder, die in 2040 zwei von drei international gehandelten Barrels importieren.

Im letzten Satz steckt zudem das sogenannte Export-Land-Model (ELM) als Problem drin: Wenn Asien in 2040 zwei von drei international gehandelten Barrels importiert, bleibt entsprechend nur noch 1 von 3 für den Export bestimmten Barrels für Europa, Nord- und Südamerika, Afrika und Australien übrig. Wenn 2040 Öl dann immer noch zu heutigen Kosten zu kriegen sein soll, muss der Bedarf dieser Weltregionen ganz schön zusammenschrumpfen...

PS:

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Presseschau November 2014

Lange Schreib-Pausen deuten darauf hin, dass ja eigentlich alles gesagt ist.

Neuigkeiten:

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Tesla Motors – Prototyp der elektromobilen Revolution? Teil 3 – E-Mobilität und Ressourcen

Ein Beitrag von Christoph Senz

Seit dem letzten Artikel sind schon wieder mehrere Monate vergangen. Und in dieser Zeit hat sich bei Tesla Motors viel getan. Es ist spannend zu beobachten, mit welcher Vehemenz sich Tesla Motors als ernstzunehmender Hersteller etabliert. Echte Konkurrenz ist meilenweit nicht in Sicht, auch wenn man bei Audi und Mercedes inzwischen offiziell zugibt, an Konkurrenzmodellen zu arbeiten, die vorrausichtlich aber nicht vor 2018 (Audi) bzw. 2021 (Mercedes) auf den Markt kommen sollen. Bei Mercedes heißt es, dass der E-Mercedes nicht auf eine der aktuellen Modellarchitekturen aufgesetzt werden kann. Dazu sei die erforderliche Batterie zu groß, weshalb der „Tesla-Fighter“ wohl auch nicht vor 2021 in den Handel kommen wird. Hier wird deutlich welchen Vorsprung Tesla Motors heute schon hat. Inzwischen wurde eine Allrad-Version des Model S vorgestellt, die in ihrer Top-Ausführung kurzzeitig über 500 kW (690 PS) leisten kann und den Wagen in unglaublichen 3,2 Sekunden aus dem Stand auf 100 Kilometer pro Stunde beschleunigt, wie man in diesem Video sehen kann. Damit lässt dieser Wagen auch Supersportwagen, die leicht das 5-10fache des Tesla kosten, schlicht „stehen“. Dass es hier im Wesentlichen nur um „Prestige“ geht, dürfte klar sein, denn so viel Leistung braucht eigentlich niemand. Auch ein ausgeklügeltes Assistenzsystem für das Model S wurde vorgestellt. Der Schritt zum autonom fahrenden Auto ist nicht mehr weit.

Des Weiteren nimmt die von Tesla geplante „Giga-Factory“ immer konkretere Formen an. Die grundlegende Vereinbarung mit Panasonic wurde inzwischen unterzeichnet. Auch der Standort in Nevada steht inzwischen endgültig fest und die Dimensionen der Anlage wurden von Tesla Motors genauer spezifiziert. So soll die Batterie-Zellenproduktion bei rund 50 GWh pro Jahr liegen.

Tesla_Gigafactory_new

Skizze der geplanten Giga-Factory        Quelle: Tesla Motors

Bemerkenswert sind die Flächen für die Wind- und Solarparks, die die „Gigafactory“ zu weiten Teilen mit Energie versorgen sollen. 2020 sollen in dieser Fabrik Batteriepakete für rund 500.000 Elektroautos pro Jahr entstehen. Zum Vergleich: Tesla wird im November voraussichtlich das 50.000ste Model S verkaufen. Mitte 2015 kommt dann das Model X, für das auch schon rund 21.000 mit jeweils rund 4.000 € anbezahlte Vorbestellungen vorliegen. Und wenn 2017 noch das Mittelklassenmodell in der Größe eines BMW 3er mit dem Namen Model III auf den Markt kommt, erkennt man schnell, dass Tesla Motors die „Gigafactory“ dringend braucht. Daher ist es höchste Zeit, sich mal mit der Ressourcenseite der jetzigen Batterietechnologie auseinanderzusetzen. (mehr …)

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Zum Tode des Total-Chef Christophe de Margerie

Die Spekulationen werden mal wieder ins Kraut schießen: Schließlich kommt es nicht alle Tage vor, dass ein Privatjet einen Schneepflug in dichtem Nebel rammt und der einzige Passagier (neben der Crew) der Chef eines Ölkonzerns ist. So passierte es gestern auf dem Moskauer Flughafen Wnukowo, als der Chef des französischen Total-Konzerns Christophe de Margerie starb. Der Fahrer des Schneepflugs war alkoholisiert, blieb aber offenbar unverletzt.

De Margerie gehörte zu den wenigen Managern im Ölgeschäft, die offen über das Ölfördermaximum sprachen. Auch wenn er nach dem Fracking-Boom in den USA seine Meinung zu einem nahenden Peak Oil relativierte, thematisierte er jedoch regelmäßig die Grenzen des Ölfördervolumens. 2012 positionierte er sich für Total mit der Aussage, maximal 98 Millionen Barrel Tagesförderung seien förderbar. Ein lang anhaltendes Förderplateau würde folgen.

In Russland ist Total stark investiert. Die Investitionen waren wohl auch Gesprächsinhalt seines Besuchs in Moskau. Im Mai wurde ein Joint Venture mit Lukoil gegründet, das die Tight-Oil-Förderung im Bazhenov-Gebiet in Westsibirien zum Ziel hat. Seitdem die Firma ihr eigenes Ölfördermaximum im Jahr 2004 mit 2,75 Millionen Barrel Tagesproduktion erreichte, ist Total wie alle anderen privat organisierten Ölkonzerne von dem Dilemma steigender Förderkosten bei rückläufigen Fördermengen betroffen. Man trennte sich von alten Feldern und begann die Investitionen (eben auch in Russland) hochzufahren. Die Sanktionen gegen Russland bezeichnete er als Irrweg. Totals Umsatz-Peak war bislang im Jahr 2012, das Gewinn-Maximum im Jahr 2011. Wie andere Ölfirmen auch investierte auch Total unter De Margerie in erneuerbare Energiequellen.

Die Grafik zeigt die entsprechenden Fördermengen seit 2000. Damals förderten die fünf Firmen zusammen knapp über 10 Millionen Barrel pro Tag (Mb/d) . Bis 2004 stieg die Förderung auf etwa 10,5 Mb/d, fiel dann bis 2008 auf unter 10 Mb/d, hielt sich auf diesem Niveau bis 2010, stürzte dann 2011 auf knapp über 8 Mb/d ab und rutschte in den zwei folgenden Jahren auf unter 8 Mb/d. Die deutlichsten Verluste erlitt dabei BP zwischen 2010 und 2011.

Im Herbst 2012 warnte De Margerie vor den Umweltrisiken der Ölförderung in der Arktis. 2013 wurden Aussagen von ihm durch Pressevertreter stark verzerrt interpretiert, die seine Aussage es würde noch 100 Jahe Öl geben als eine Streichung jeglichen Fördermaximums interpretierten.

Zuletzt machte Christophe de Margerie auf sich aufmerksam, als er im Sommer anmerkte, dass der Ölhandel zwar in Dollar bepreist, aber durchaus auch in Euro abgerechnet werden könnte. Der Euro solle eine größere Rolle im Ölhandel spielen. Im Zusammenhang mit der Diskussion zwischen französischen Politikern, den Euro stärker in internationalen Handelsgeschäften einzusetzen sagte er:

Es gibt keinen Grund, Öl in Dollar zu bezahlen.

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Gas-Stresstest: Schneller Energienotfall bei russischem Gasboykott

Aufgrund des europäisch-russischen Ukraine-Konflikts ließ die EU-Kommission im Rahmen eines "Stresstests" erstmals das Szenario untersuchen: Was passiert, wenn Russland Europa den Gashahn abdreht? Das nun veröffentlichte Papier entspringt einer zwiespältigen Situation: Endlich beginnen die Behörden, Untersuchungen solcher Szenarien durchzuführen. Zugleich aber steht der Vorwurf im Raum: Warum erst jetzt? Es zeugt von großer Verantwortungslosigkeit, mangelndem Gespür für die wichtigen Themen (wie z.B. Versorgungsfragen) und fehlendem Weitblick, dass erst eine Krisensituation eintreten muss, bevor die europäischen Behörden handeln. Der Vorwurf trifft allerdings nicht nur die EU-Ebene, auch die deutsche Politik wurde erst nach Fukushima wach und hat bis heute keine Risikoszenarien für Öl- und Gaskrisen veröffentlicht. Auch auf Landes- und kommunaler Ebene ruht man sich vielfach auf viel zu groben "Klimaschutzberichten" aus, die nur CO2-Moleküle zählen und den Rohstoff-Input in die lokalen Energieverbraucher gern ausblenden.

Laut SPIEGEL ONLINE hat das Bundeswirtschaftsministerium der EU-Kommission eine interne Analyse zugearbeitet, die weitaus größere Risiken für Deutschland beschreibt, als dies in öffentlichen Ruhigstellungen oftmals thematisiert wird. Demnach müßte die Bundesregierung bei einem vollen Gasboykott Russlands schon nach kurzer Zeit den Energienotfall ausrufen, woraufhin Rationierungspläne durch die Bundesnetzagentur greifen. Haushalte und Gaskraftwerke würden prioritär beliefert, aber Industrieunternehmen und Gewerbe hätten keine Liefergarantie. Steigende Energiepreise bei gleichzeitiger Störung der Industrieproduktion - das ist angesichts der hohen Gasabhängigkeit selbst beim Exportvizeweltmeister zu erwarten. Die verantwortliche politische Ebene hat dies vor Jahren nicht vorhersehen können?

Die Pressemitteilung der EU-Kommission liefert eine Kurzzusammenfassung der Ergebnisse des EU-Stresstest-Berichts. In ihr findet sich nicht nur die Aufforderung an die EU-Staaten, im Krisenfall zu kooperieren statt egoistische Strategien zu verfolgen, es findet sich auch die Ansage:

Staatliche Eingriffe sollten auf regionaler Ebene sorgfältig vorbereitet und nur vorgenommen werden, wenn dies notwendig ist.

Die "regionale Ebene", die die Kommission hier anspricht, dürfte in Deutschland den Bundesländern entsprechen: Es ist also eine Aufforderung an die hiesigen Landesregierungen, zu handeln. Ausgehend von dieser offiziellen Aussage der EU-Kommission habe ich untenstehend eine kurze Frageliste formuliert, die in den meisten deutschen Landesparlamenten in Form einer "kleinen Anfrage" durch Parlamentsfraktionen eingereicht werden könnte.

Ich möchte interessierten Lesern dieses Blogs empfehlen, sich die energiepolitischen Sprecher von ihnen nahestehenden politischen Fraktionen ihres jeweiligen Landtags herauszusuchen und mit einem freundlichen Anschreiben empfehlen, die Frageliste als "kleine Anfrage" einzureichen. Für Sachsen habe ich bereits zwei Landtagsabgeordnete angeschrieben. Möglicherweise muss der Text auf die regionalen Begebenheiten angepasst werden, so heißt die "Landesregierung" in Berlin beispielsweise "Senat". (Über Mitteilungen, wer in welchem Bundesland an dieser Aktion mitmacht, freue ich mich!)

Antworten dürften einige Wochen dauern. Aber es ist eine Gelegenheit, die Diskussion um Öl- und Gaskrisen stärker zu den lokalen Strukturen "hinzuziehen" in denen sich jeder Einzelne von uns bewegt.


Die EU-Kommission hat einen Gas-Stresstest für den Fall durchgeführt, dass ein Gaslieferboykott durch Russland erfolgt. Auf Basis des Gas-Stresstests empfiehlt die EU-Kommission, staatliche Eingriffe auf regionaler Ebene sorgfältig vorzubereiten:

http://europa.eu/rapid/press-release_IP-14-1162_de.htm

  • Welche Eingriffe bereitet die Landesregierung vor und wie erfolgt diese Vorbereitung?
  • Welche Wirkungen eines russischen Gas-Boykotts auf hiesige Unternehmen und Haushalte würde die Landesregierung im Fall eines Gasboykott-Szenarios erwarten?
  • Welche Empfehlungen an Haushalte, Unternehmen, Kraftwerksbetreiber und Kommunalverwaltungen gibt die Landesregierung auf Basis der Stresstest-Ergebnisse und der vorzubereitenden Eingriffe?
  • Ergeben sich aus dem Gas-Stresstest Änderungen an der Energiestrategie der Landesregierung?
  • Inwieweit hält die Landesregierung es angesichts der hohen Ölabhängigkeit gegenüber Russland für notwendig, Stresstests hinsichtlich eines Ölboykott-Szenarios durchzuführen?

Sonstiges:

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Ebola, ein eingestellter Flugverkehr und Peak-Oil-Analogien

Aus dem Blickwinkel der Gesundheitsvorsorge hätten die weltweiten Flughäfen vermutlich schon vor Wochen geschlossen werden müssen, um die Ebola-Ausbreitung abzubremsen. So wie es bereits Terry Gilliam in 12 Monkeys hollywoodmäßig aufbereitete, steht heute die die Welt vor dem Risiko, dass sich ein Virus weltweit ausbereitet und dazu die menschengeschaffenen Transportwege nutzt. Dem Flugverkehr kommt dabei eine zentrale Bedeutung zu, denn er transportiert Menschen (und damit Krankheiten) schnell über große Distanzen - und kann somit Krankheiten binnen weniger Stunden auf der ganzen Welt verbreiten. Und sie erreichen im Flugzeug viele Menschen auf engstem Raum, die sich nach dem gemeinsamen Flug über örtliche Verkehrsmittel verteilen oder - das ist die Natur von Flughäfen - ins nächste Flugzeug steigen, um zum nächsten Flughafen zu reisen.

Dem Risiko, dass genau dies passiert ist und fortwährend passiert, setzen wir uns derzeit aus. Der erste Ebola-Tote in den USA kam per Flugzeug und hat sein Umfeld angesteckt, heute wird über die mit leichten Ebola-Symptomen von Ohio nach Dalls flugreisende Krankenschwester berichtet, mit dem Ergebnis, dass öffentlich über eine Reisesperre für Flugzeuge aus Westafrika diskutiert wird. Solch eine Sperre ist jedoch nur wenig geeignet, wenn das Virus sich schon innerhalb der USA ausbereitet, eigentlich hätte die Sperre vor dem Erreichen des amerikanischen Kontinents eingerichtet werden müssen und ergänzt werden müssen um Maßnahmen, die die Einreise des Virus auf Umwegen - zum Beispiel über Europa - ermöglicht. Beim Stand der Dinge müßte konsequenterweise über eine Unterbrechung des Flugverkehrs auch innerhalb der USA nachgedacht werden. Und natürlich auch in anderen Ländern.

Doch vor solchen gesundheitspolitischen Überlegungen stehen wirtschaftliche Interessen. Obwohl der Flugverkehr als hochdefizitäre Branche hochsubventioniert werden muss, um überhaupt "wirtschaftlich" zu sein, hat er für einzelne Unternehmen und damit für die Weltwirtschaft eine große Bedeutung. In Dresden begann mit den Landtagswahlen eine von Wirtschaftsvertretern angestoßene und von der Wissenschaft gern aufgegriffene Diskussion, die Landesregierung möge sich um den Ausbau der Flugverbindungen vom Flughafen Dresden kümmern. In einer Zeitungsanzeige der Gruppe hieß es:

"Unsere Landeshauptstadt und die umliegende Region leiden darunter, dass es auf dem Flughafen Dresden immer dunkler wird."

Aus Sicht von Ebola gilt die umgekehrte Argumentation: Eine stärkere Einbindung des Dresdner Flughafens in die globalen Flugverkehrsrouten erhöht die Wahrscheinlichkeit ankommender Krankheiten, wodurch die Bewohner der Landeshauptstadt und der Umlandregion unter ganz anderen Sorgen leiden könnten. Natürlich läßt sich argumentieren, dass Krankheiten auch auf anderen Wegen wie dem Zug- oder PKW-Verkehr verbreitet werden. Der große Unterschied ist die Geschwindigkeit und die sich daraus ergebenden Verbreitungswahrscheinlichkeiten und -risiken. Die meisten wissenschaftlichen Analysen zur Verbreitungsvorhersage setzen auf einer Netzwerkanalyse der Flugverbindungen auf. Die Untersuchung von Brockmann, Schaade und Verbeek an der HU Berlin zeigt auf einer interaktiven Karte das relative Importrisiko nach Regionen. Dieses Risiko ist umso höher, je vielgenutzter und integrierter der jeweils örtliche Flughafen in die internationalen Flugrouten ist. Dresden liegt dort zwar weit hinter München, Frankfurt, Berlin Düsseldorf oder Hamburg, aber es ist explizit aufgeführt (im Gegensatz zu Gegenden mit winzigen Regionalflughäfen oder Städten ohne Fluganbindung).

In der Diskussion um die Gefahr von Ebola zitiert die Wirtschaftswoche Jonas Schmidt-Chanasit, den Leiter der Virusdiagnostik des Bernhard-Nocht-Instituts für Tropenmedizin, der die Gefahr einer seuchenartigen Ausbreitung in Deutschland für Null hält. Zwar sei es möglich, dass einzelne Kranke Deutschland erreichen, aber ein Ausbruch wie in Westafrika schließt er aufgrund des hiesigen Gesundheitssystem und der kulturellen Voraussetzungen aus.

An einer nun dennoch stärker werdenden Debatte um eine mögliche Entschleunigung/Sperrung des Flugverkehrs läßt sich ablesen, wie verletzlich die Wirtschaftsstrukturen gegenüber Ölkrisen sind - da auch eine Ölkrise den Luftverkehr bremsen oder sogar stoppen könnte. Die subventionslastige Luftverkehrsbranche wird durch steigende Ölpreise regelmäßig gebeutelt. Egal ob Flugreisen aus Gesundheitsvorsorge oder wegen zu hoher Betriebskosten ausfallen, das Ergebnis wirkt ganz ähnlich. All jene Unternehmen, die ihr Geschäftsmodell oder ihre Geschäftsprozesse auf die unbedingte Verfügbarkeit von Flugreisen setzen, leiden am meisten. Das betrifft insbesondere den Tourismus und dort anhängig die Hotellerie und Gastronomie. Das Beispiel der Produktionsunterbrechnung bei BMW beim Ausbruch des isländischen Vulkans Eyjafjalla erinnert daran, dass so manches Unternehmen zwecks Optimierung der just-in-time-Produktionsweise auf reibungslosen Flugverkehr angewiesen ist: Üblicherweise per Flugzeug gelieferte Elektronikbauteile für die BMW-Produktion aus Asien fehlten wegen des Flugverbots anno 2010 und unterbrachen die Just-in-Time-Logistik bis hin zur zwischenzeitlichen Werksstillegung. Die Kettenreaktion solcher Ereignisse ist vor allem dann fatal, wenn die Unterbrechnung länger anhält und keine Alternativen zur Flugverkehrsdienstleistung vorhanden sind. Im Ebola-Fall könnte eine vorsorgliche Unterbrechnung des Flugverkehrs mehrere Wochen anhalten, was von Seiten vieler Unternehmen zweifellos als inakzeptabel angesehen würde. Im Fall von Ölkrisen würde eher ein schleichender Prozess zur Ausdünnung von Flugrouten führen. Doch auch dieser würde einzelne Unternehmen oder Branchen hart treffen und beispielsweise in der Tourismuswirtschaft einen tiefgehenden Strukturwandel hervorrufen.

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Kommentarlos, Teil 56

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postfossile Evolution, angezettelt von Barbara

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