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BP Energy Outlook: Keine Ölknappheit vor 2030, aber Ölpreis größer 100 US$

"Beyond Petroleum" sollen die beiden Buchstaben BP seit einigen Jahren bedeuten, also "nach dem Erdöl". Das Unternehmen, das 2011 24 Milliarden US$ Gewinn machte, hat kürzlich seinen BP Energy Outlook 2030 veröffentlicht und sein Chefökonom Christof Brühl hat dem SPIEGEL jetzt ein Interview gegeben. Aus beiden Dokumenten ist eine interessante Sichtweise des Ölkonzerns herauszulesen (Seitenangaben beziehen sich auf Darstellungen im BP Energy Outlook 2030 booklet):

  • BP sieht den Höhepunkt der konventionellen Erdölförderung außerhalb des Nahen Ostens als überschritten an. 2010 soll es soweit gewesen sein. Als "konventionelle Ölförderung" wird das vergleichsweise aufwandsarme Fördern von flüssigem Öl verstanden.
  • Demnach hat der Nahe Osten sein Peak Oil noch nicht überschritten - dort liegt nach Ansicht BPs auch das größte Potential für eine weitere Fördersteigerung.
  • Der Energieverbrauch der entwickelten Länder, also der OECD, stagniert bis 2030. Die Steigerung des weltweiten Verbrauchs kommt allein durch die Schwellenländer zustande. (S. 10)
  • Gedeckt wird dieser Verbrauchszuwachs vor allem durch Kohle und Gas, auch wenn alle anderen Energiequellen (Erneuerbare, Uran, Öl) weiterhin zunehmen.
  • Der Energieeinsatz pro produzierter Einheit Bruttoinlandsprodukt wird stark abnehmen (müssen) (S. 18). BP erwartet also eine starke Entkopplung von Wirtschaftsoutput und Energieeinsatz.
  • "Oil is expected to be the slowest-growing fuel over the next 20 years": Öl wird der am langsamsten wachsenste Treibstoff in den kommenden 20 Jahren sein. Auch wenn BP also keinen Peak in den kommenden 20 Jahren sieht, so ist die Verlangsamung von Ölverbrauch und -förderung doch akzeptiert. Aus Sicht der Peak-Oil-Diskussion könnte man also herauslesen: Wir sind auf dem Plateau angelangt. Trotzdem erwartet BP einen weiteren Anstieg des Tagesverbrauchs (und damit der Tagesförderung von "all liquids" (allen Flüssigtreibstoffen) um 16 auf 103 Millionen Barrel pro Tag bis 2030. Auch hier wird dieser Zuwachs allein durch die Schwellenländer notwendig. (S. 23)
  • Da laut BP nur noch die Organisation der Erdölexportierenden Staaten (OPEC) Steigerungsmöglichkeiten in ihrer Produktion hat (S. 26), wird ihr Marktanteil weiter zunehmen: Auf 45% in 2030. Das bedeutet auch einen enormen Machtzuwachs der OPEC-Länder.
  • Der Höhepunkt der konventionellen Gasförderung ist in in Nordamerika und Europa selbst laut BP überschritten. Nur unkonventionelle Gasvorkommen können den Förderabfall ausgleichen - dies aber in solch großen Mengen, dass bis 2030 der Gasverbrauch weiter steigen darf. (S. 34) Allerdings wird Europa dann zu 60% seines Verbauchs auf Importe angewiesen sein - eine enorme Abhängigkeit!
  • Der Kohleverbrauch sinkt nur in den OECD-Ländern, in allen anderen Teilen der Welt nimmt er leicht oder rapide zu - insbesondere in China, wo 2030 53% des weltweiten Kohleverbrauchs auf viel höherem Niveau als heute passiert. CO2-Reduktion, wie die IEA es fordert, dürfte mit diesem Szenario nicht erreicht werden. (S. 36)
  • Der Anteil der Erneuerbaren Energien an der Stromerzeugung steigt stark, in Europa auf ca. 25%. Im Transportbereich nehmen die Erneuerbaren jedoch nur einen Anteil von 7% weltweit. Da kann man nur hoffen, dass für die restlichen 93% tatsächlich genug Treibstoffe aus anderen Quellen übrig sind. (S. 40)
  • Für Europa fast noch wichtiger als die Frage nach den globalen Peaks wichtig ist die Frage, wieviel der geförderten Energierohstoffe überhaupt kaufbar sind. Denn nur was nicht in den Förderländern selbst verbraucht, sondern zum Export angeboten wird, kann von Importeuren wie Deutschland (Ölimportquote: 98%) genutzt werden. Der Exportanteil, den der Nahe Osten bis 2030 am globalen Verbrauch halten soll, bleibt fast konstant bei etwa 25%. (S. 60). Hier zeigt sich auch eines der Risiken für Europa wie Deutschland: "Failure to develop gas resources and/or to improve oil intensity will
    weigh on the region’s ability to deliver the expected supplies to global oil markets." - Wird die Förderung von Öl und Gas im Nahen Osten nicht angemessen entwickelt oder wird der Eigenverbrauch nicht durch geeignete Effizienzmaßnahmen im Rahmen gehalten, gelangen weniger Öl- und Gasangebote auf den globalen Markt. (S. 61) Diese Risiken steigen, nur macht BP leider keine Angaben zu der Wahrscheinlichkeit ihres Eintritts.
  • Die Anzahl der Fahrzeuge soll bis 2030 von heute ca. 1 Milliarde auf 1,6 Milliarden steigen, wobei auch hier das Wachstum hauptsächlich aus China und Indien kommt. (S. 64) Doch selbst dann liegt die Fahrzeugdichte in China (140 KFZ pro 1000 Einwohner) erst bei einem Viertel der Fahrzeugdichte in Deutschland (600 KFZ/tEW). Da wäre (theoretisch) also noch eine Menge Spielraum nach oben (bzw. nach unten), wenn China und Deutschland sich im (materiellen) Lebensstandard angleichen wollen.
  • Die zunehmende Effizienz beim Verbrauch (S. 66) kann sich natürlich nur bei neuen Fahrzeugen niederschlagen. Ein kompletter Austausch der Fahrzeugflotte ist also systemimmanent - mit entsprechendem Energie- und Ressourcenbedarf sowie entsprechender Bindung menschlicher Arbeitskräfte im Automobilsektor. 2030 sollen weiterhin 87% des Transportenergieverbrauchs in Form von Mineralöl passieren, weitere 7% auf Basis von "Bio"-Treibstoffen, der Rest Gas (4%) und Strom (1%). (S. 67) 69% der Fahrzeuge weltweit werden konventionell angetrieben. (S. 68)
  • Der Energy Outlook widmet ein eigenes Kapitel den Risiken, die in den Szenarien enthalten sind (ab S. 74). Darunter fällt die Annahme, dass der Energieverbrauch Chinas sich nicht "business as usual" entwickelt, sondern sanft abfällt. Die lineare Fortschreibung des aktuellen Verbrauchstrends würde sehr viel mehr Energie im Reich der Mitte binden.
  • Für Europa besteht das Hauptrisiko in den Importabhängigkeiten, die für Gas auf 65% bis 2030 ansteigen - bei gleichzeitig steigendem Verbrauch bei den Exportpartnern, insbesondere den früheren Sowjetrepubliken (FSU). Jeder, der heute schon importiert, muss in 2030 40% mehr importieren als heute. Das geht natürlich nur, wenn die Exporteure ihre Exporte im selben Maße steigern (können) (S. 77) Nur die USA sind irgendwie fein raus, da durch die unkonventionellen Fördermethoden dort mehr Eigenversorgung möglich ist.
  • "CO2 emissions not on track" (S. 82)

Im Interview sagt Christof Rühl wenig zur Preisentwicklung und den Risiken. Zu lesen ist: "100 Dollar pro Fass sind hoch, aber viele sehen es inzwischen als so etwas wie den Normalpreis." Darin sind sich wohl inzwischen alle einig. Was zu denken geben darf sind die wenigen Worte des BP-Chefökonomen hinsichtlich der geopolischen Macht- und Interessensverschiebung. Da die USA voraussichtlich zum Selbstversorger mit Kohlenwasserstoffen werden, sinkt ihr Interesse am arabischen Raum. Dagegen steigt Europas Interesse aufgrund der zunehmenden Importabhängigkeit. Wird das Problemfeld "strategische Ellipse" damit zum europäischen Problemfeld? Europa sollte starkes Interesse an einer Verringerung seiner Import-Abhängigkeiten sowie an einer Stabilität im Nahen Osten haben. Die Konflikte im arabischen Raum können Europas Energieversorgung gefährden. Das gilt auch für Russland und die anderen postsowjetischen Staaten, von denen Europa sehr viel Öl und Gas bezieht - und laut BP soll es noch mehr werden. Somit ist für Europa weniger der globale Peak Oil interessant und relevant als vielmehr die Stabilität seiner Zulieferer, deren Macht im Zuge der Annäherung an den Peak steigt. Der Öl- und Gaspreis ist in der nahen Zukunft viel wichtiger als die physische Versorgung. Und dieser hängt insbesondere daran, wie stabil die Lieferungen auf den Weltmarkt passieren. Der sich anbahnende Konflikt mit dem Iran und der extrem wichtigen Straße von Hormuz ist Europas Achillesferse - und die aller Unternehmen und Haushalte, die auf diesem Kontinent auf Energieverbrauch angewiesen sind.

4 Kommentare to “BP Energy Outlook: Keine Ölknappheit vor 2030, aber Ölpreis größer 100 US$”

  1. Sukram sagt:

    So ist es- die wichtigste Frage im Spiegel – Interview ist für mich die letztgestellte.

    Eigentlich aber keine Frage- bis Europa in die Pötte kommt mit gemeinsamer Außenpolitik, hat China sich schon längst “bedient”…

  2. Paul Nellen sagt:

    YOUTUBE: RÜHL ON BP ENERGY OUTLOOK 2030 … mit einem indirekten Eingeständnis von Peak Oil: “By 2030, there will be no more one dominant fuel…”

    “… to outline long term trends: China/India, M.East, the future of transport fuels. … Never has been efficiency higher than today … By 2030, there will be no more one dominant fuel [as in 19th & 20th century]. We will have a fuel share that will be roughly equal between coal, gas, oil [and others incl. renewables] … China’s energy demand is bound to slow down [since] its industrial sector will come down a little bit. … India will not be another China because its industrial structure & history is different, it’s much more based on services … Oil exports from the ME will continue to grow … [Because] energy efficiency will improve also in the ME … There will be more gas production in ME than oil [= more oil can be exported insteat of being used to generate electricity] … Transport [87% worldwide] will still be based [in 2030] on oil products, rest biofuels, gas, electricity… Hybridization is the most efficient way to do transportation, we think … Efficiency will double … [Our sustainability] with regard to not damaging the environment it doesn’t very good … ”

    http://www.youtube.com/watch?v=JN1RRjaoExU&feature=uploademail

  3. […] Energieagentur und der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe, man liest es bei BP und Exxon Mobil. Auf den unkonventionellen Fördermethoden liegt die Hoffnung für eine […]

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