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Leopold Kohr und die Frage nach dem menschlichen Maß

Ein Gastbeitrag von Mag. Dr. Ewald Hiebl, Leiter des Leopold-Kohr-Archivs an der Universität Salzburg. Erstmals erschienen 2004 in "Natur und Kultur".

Zurück zum menschlichen Maß

„Schneller, höher, weiter“ lautet das olympische Motto, und lange Zeit galt es in modifizierter Form auch für die Welt der Politik und der Wirtschaft. „Größer, schneller, weiter“ hieß die unhinterfragte Parole. Als Leopold Kohr schon in den 1940er und 1950er Jahren genau das Gegenteil forderte, wurde er im besten Fall belächelt und ignoriert, teilweise sogar heftig kritisiert. Mehr als 50 Jahre später sind seine Gedanken noch immer – oder vielleicht gerade wieder – hochaktuell. Die so genannte Globalisierung der Wirtschaft und die Macht großer militärischer Zusammenschlüsse werden nicht mehr kritiklos hingenommen. Deren Gegner fordern – genau im Kohr’schen Sinne – ein „Zurück zum menschlichen Maß“. Und renommierte Wissenschafter weisen immer wieder auf die Grenzen des Wachstums hin, die Anfang der 1970er Jahre der Club of Rome so eindrucksvoll abgesteckt hat (HIEBL u. WITZANY 2003, 11).

Kohrs Plädoyer für das menschliche Maß, das zu einer Zeit entstand, in der das Streben nach Wachstum und internationalen Zusammenschlüssen dominierte, wurde häufig mit dem Slogan „Small is beautiful“ zusammengefasst. Dieses ‘geflügelte Wort’ schuf Kohrs Freund und Schüler Friedrich Schumacher, der ebenso wie viele andere von Leopold Kohr und seiner zentralen Idee maßgeblich beeinflusst wurde. Sie lautet: Kleine Staaten und soziale Einheiten seien effizienter und friedlicher als große, sie bieten eine höhere Lebensqualität sowohl im sozialen als auch im ökologischen Bereich.

Leopold Kohr gilt gemeinhin als ‘Vorreiter ökologischen Denkens’. Er beschäftigte sich nicht nur mit Problemen und deren Lösungsmöglichkeiten aus den Bereichen Verkehr, Umwelt und Tourismus, sondern auch intensiv mit den Themen Architektur, Stadtplanung und Lebensstandard. In vielen Publikationen kommen ökologische Fragen zur Sprache, einen umfassenden Beitrag zum Thema Ökologie hat Leopold Kohr jedoch nie verfasst. „Vielleicht sollte ich das demnächst tun?“, meinte er in einem Interview für die Zeitschrift „Verkehr & Umwelt“ im Herbst 1993 (STEHRER 1993, 41). Doch schon wenige Monate später starb Kohr und damit auch sein Vorhaben, sich intensiver der Ökologie zuzuwenden. Ihn als ‘Vater der Ökologiebewegung’ zu bezeichnen, ist deshalb, ohne seinen Beitrag vor allem zur Analyse der Ursachen mancher ökologischer Probleme zu schmälern, wohl etwas zu hoch gegriffen.
In einem Aufsatz mit dem Titel „In Unity With Nature“, den Leopold Kohr 1985 als Nachruf auf den Architekten Henry Klumb schrieb, definierte er sein Verständnis von Ökologie sehr breit (KOHR 1985, 7): „For 20 years I had written about the importance of approaching the problems of our times ecologically rather than ideologically. As the animal kingdom is disrupted by changes in the size-relationships among its species, so is the system of nations. Wipe out the mosquitoes, and you will kill the swallows. Exterminate small societies, and you seed the germ of destruction into the surviving big ones. Win a war, and you will discover that victory is the first step towards defeat. For nature is based on balance, not victory. This is ecology. Under one name or another, it pops up everywhere. In music, it is harmony; in biology, adaptive radiation; in physics, chain-reaction; in diplomacy, balance of power; in politics, the domino effect; in morals, moderation; in development, self-sufficiency.“
Sicherlich ist Kohrs Verständnis von Ökologie, wie er es hier präsentiert, zu essayistisch, um modernen wissenschaftlichen Definitionen und Analysen zu genügen. Dabei sollte jedoch nicht vergessen werden, dass diese Ausführungen aus den 1980er Jahren stammen und wichtige neue Sichtweisen nicht berücksichtigen können. Für Kohr ist die – nach Ansicht vieler Experten – heute veraltete Sichtweise von Ökologie als Harmonie und Gleichgewicht in der Natur zentral. Um die Kritik an Kohr zu relativieren, sei jedoch darauf hingewiesen, dass er die Frage der Ökologie – wie eingangs bereits erwähnt – nie zum Mittelpunkt seiner Forschungen machte. Vielmehr sah Kohr ökologische Probleme in fast allen Fällen als Resultat falsch organisierter Gesellschaften, die zu groß geworden sind.

Mit welcher Vehemenz Kohr den seiner Meinung nach zentralen Grund für die Probleme der modernen Massengesellschaften – auch die ökologischen – verteidigt, zeigt ein Zitat aus seinem zweiten Buch „Die überentwickelten Nationen“: „Gegen diese Geschichtsdeutung, die, von der sozialen Größe ausgehend, zu der scheinbar anachronistischen Schlußfolgerung kommt, wir brauchten eine augustinische pluralistische Kleinstaatenwelt statt eines einheitlichen, alle Völker umfassenden Weltstaates, gibt es zahlreiche Einwände. Man nennt sie allzu einfach. Aber welche Theorie, die diesen Namen verdient, wäre das nicht? Die theologische Deutung schreibt alles historische Geschehen dem Willen Gottes zu, die heroische Deutung den großen Männern, die idealistische den Ideen, Marx der Produktionsweise, Freud der Sexualität, Jung der Angst ... und ich der Größe der Gesellschaft“ (KOHR 2003, 47; Kursivsetzung im O.).

Der Weltbürger Leopold Kohr

Leopold Kohr, 1909 in Oberndorf bei Salzburg geboren, studierte nach Absolvierung des Salzburger Bundesgymnasiums an den Universitäten von Innsbruck (Dr. jur.), Wien (Dr. rer. pol.), Paris und an der London School of Economics. Als Reporter im Spanischen Bürgerkrieg lernte er unter anderem George Orwell, Ernest Hemingway und André Malraux kennen. 1938 emigrierte er nach Amerika. Dort war er unter anderem Goldbergwerks- arbeiter in der kanadischen Wildnis und Leiter eines Forschungsprojektes über Wirtschaftsgemeinschaften des Carnegie Endowment for International Peace in Washington.

Ab 1943 lehrte Kohr Verwaltungswissenschaft, Nationalökonomie und politische Philosophie an den Universitäten von New Jersey (Rutgers), Puerto Rico, Mexiko, Cambridge und Wales. Das Hauptinteresse seiner Lehrtätigkeit galt seit seinen ersten Schriften, die im Jahr 1941 erschienen, der Gefahr des über das menschliche Maß geförderten Riesenwachstums der wirtschaftlichen und politischen Einheiten unserer Zeit. Daraus ergab sich die Idee, dass die Lösung der gegenwärtigen Schwierigkeiten nicht in weiteren Zusammenschlüssen und Wachstum zu suchen sei, sondern in einer Rückkehr zu kleineren und überschaubareren menschlichen Landschaften.

Unter seinen Werken über die Größe des Kleinen, die in einer Reihe von Sprachen erschienen, befinden sich neben dem bahnbrechenden „The Breakdown of Nations“ auch „Die überentwickelten Nationen“, „Development Without Aid“, „Is Wales Viable?“, „The Inner City“ oder „Weniger Staat“, das – anders als der Titel vermuten lässt – keine Apologie des Neoliberalismus, sondern eine Forderung nach mehr Bürgerrechten beinhaltet. Ein dramatisches Experiment, Leopold Kohrs Ideen in die Praxis zu übertragen, bot im Jahre 1967 der kleine Inselstaat Anguilla in der Karibik. Dieser hatte sich von seiner von der Kolonialmacht Großbritannien befohlenen Vereinigung mit St. Kitts losgelöst. Kohr versuchte als Berater zu zeigen, dass kleine Staaten durchaus fähig sind, die Lebensqualität ihrer Bürger schneller zu steigern als Großmächte.

Ab 1979 verbrachte Leopold Kohr wieder mehr Zeit in Österreich und wurde in seiner Heimat sozusagen ‘wiederentdeckt’. Das offizielle Österreich ehrte ihn 1989 mit dem Großen Goldenen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich. Schon 1983 hatte Leopold Kohr in Stockholm den „Right Livelihood Award“, den so genannten Alternativen Nobelpreis, erhalten. 1986 wurde in Neukirchen am Großvenediger die Leopold-Kohr-Akademie gegründet. Im selben Jahr übersiedelte Leopold Kohr ins englische Gloucester, wo er 1994 starb (LEHNER 1994, 397-402; KOHR 2002, 340- 343; HIEBL u. WITZANY 2002, 7-11).

Verkehrsprobleme und die Geschwindigkeitstheorie der Bevölkerung

„Die Verkehrsmittel wurden eigentlich als Dienstagenten des Menschen erfunden. Heute ist der Knecht zum Meister geworden und der Meister zum Knecht. Ein Auto muss ja ununterbrochen gefüttert und gewartet werden. Genauso auch alle übrigen Verkehrsmittel. Dabei verbraucht der ‘Knecht’ unheimlich viel Energie, die besser in die Wartung seines Hauses oder seiner Stadt investiert wäre“ (STEHRER 1993, 41).

Was Leopold Kohr hier 1993 in seiner für ihn typischen, häufig mit Analogien und Vergleichen operierenden Argumentationsweise ausdrückte, hatte er in seinen ersten Monographien bereits 30 bis 40 Jahre zuvor auch wissenschaftlich begründet. Vor allem in „Die überentwickelten Nationen“ widmete er sich den Verkehrsproblemen und berücksichtigte zusätzlich zur Bevölkerungsmasse eine Variable, die diese Probleme erst zu virulenten und kaum lösbaren Herausforderungen machte: die Umlaufgeschwindigkeit.

Ausgehend von einem Beispiel aus der Wirtschaftstheorie, dass nicht nur eine zu große Geldmenge, sondern auch eine zu hohe Umlaufgeschwindigkeit des Geldes inflationäre Wirkungen hervorrufen könnte, entwickelte Kohr eine „Quantitätstheorie der Bevölkerung“, die er nach der Erweiterung um den Aspekt der Bewegung als „Geschwindigkeitstheorie der Bevölkerung“ bezeichnete. Mathematisch fasste Kohr diese Theorie in folgender Formel zusammen: M = B x U / L (Masse ist gleich Bevölkerung mal Umlaufgeschwindigkeit durch Lebensraum).
Nach dieser Theorie ergeben sich die Probleme der „Überbevölkerung“ also nicht allein aus der Anzahl der in einem bestimmten Gebiet lebenden Menschen, sondern auch aus deren Umlaufgeschwindigkeit. Weil viele technische Modernisierungen vor allem im Laufe des 20. Jahrhunderts diese Geschwindigkeit stetig erhöht haben, wird auch das Problem des immer knapper werdenden Lebensraumes zunehmend dramatischer: „Es gibt wenig Berichte, denen wir entnehmen könnten, dass das antike Rom mit seinen zwei Millionen Einwohnern, aber einer selbst tagsüber niedrigen Umlaufgeschwindigkeit sehr unter den Problemen der Übervölkerung zu leiden gehabt hätte. Ebenso wenig war das bei der wie in einem Bienenstock zusammengedrängten Bevölkerung der mittelalter- lichen Städte der Fall. Dagegen ist heute, im zwanzigsten Jahrhundert, eine Mittelstadt wie New Brunswick (New Jersey) mit nur 40.000 Einwohnern, aber einer Tagesumlaufgeschwindigkeit, die ihre Masse vielleicht verzehnfacht, tagaus tagein, vom Morgen bis zum Abend, verstopft, und zwar nicht trotz, sondern wegen der Bemühungen moderner Kommunalverwaltungen, den Verkehr mit allen Mitteln zu beschleunigen, notfalls sogar indem sie ihre Städte Stück für Stück abmontierten“ (KOHR 2003, 143).

Leopold Kohr empfiehlt zur Lösung des „Übervölkerungsproblems“ genau das Gegenteil dessen, was in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts versucht wurde. Nicht die Errichtung neuer schneller Verkehrssysteme wie Autobahnen sei zielführend (KA TK- C15), auch nicht der Bau neuer Stadtrandsiedlungen. Diese würden ihrerseits mehr Verkehr und eine höhere Umlaufgeschwindigkeit mit sich bringen. Es gehe darum, „Städte wieder zu Städten zu machen, das heißt Zusammenballungen größerer Bevölkerungen auf kleineren Flächen mit dennoch geringerer Gesamtmasse, die dadurch erreicht wird, dass die Lebensweise überwiegend wieder auf den Fußgänger abgestellt wird“ (KOHR 2003, 146).

Statt kostspielige „Prestige-Schlafstätten“ in Vororten zu errichten, müssten die Menschen davon überzeugt werden, dass es „vernünftiger und zugleich moderner ist, zu wohnen, wo man arbeitet, und zu arbeiten, wo man wohnt“ (KOHR 2003, 147; Kursivsetzungen im Original). Damit könnten 70 Prozent der Verkehrsprobleme gelöst werden. Der Rest ergibt sich aus der leichteren Erreichbarkeit kultureller und sozialer Einrichtungen wie Opern, Museen, Universitäten oder Cafés (KOHR 2002, 208). Wenn auch kleinere Städte über solche Einrichtungen verfügten, würden die Menschen weniger weit fahren müssen und der Verkehr würde sich reduzieren. Finanziert werden könnten solche Einrichtungen durch Einsparungen bei den Ausgaben für Verkehr und Transport: „Wenn aber die Geschwindigkeitsausgaben, die durch rein technologische Entfernungen verursacht werden, annähernd auf Null sinken, könnte man so viel ersparen, dass – wie die weit weniger begüterten italienischen und deutschen Städte früherer Jahrhunderte bewiesen haben – selbst verhältnismäßig kleine Städte sich nicht nur erstklassige Theater, Universitäten und Kunstsammlungen leisten könnten, sondern noch viele Dinge dazu, wie herrliche Kathedralen, Parks und marmorbelegte Straßen, Brunnen, Schwimmbecken für Pferde [damit mein Kohr die von ihm bewunderte Pfer- deschwemme in Salzburg, E.H.] und wer weiß was. Die langsamen mittelalterlichen Städte haben das alles zustande gebracht.“ (KOHR 2003, 147)

Selbstverständlich propagierte Kohr keine Rückkehr zu mittelalterlichen Gesellschaftsformen und Lebensweisen, sondern versuchte aufzuzeigen, welche Ressourcen für andere die Lebensqualität der Menschen steigernde Einrichtungen frei würden, wenn weniger in die Bereiche Verkehr und Transport fließen müsste.
Wenn die eingangs angesprochenen Vorstadtsiedlungen bereits existieren, empfiehlt Leopold Kohr, sie administrativ und physisch von den Städten zu trennen. Die „Transformation in ein polynukleares System autonomer Zentren, die fähig sind, ihre Bewohner innerhalb ihres Magnetfeldes zu halten“, würde die Vorstädte urbanisieren und dadurch den Verkehrsdruck senken (KOHR 1995a, 263).

Um dem Vorwurf, hier handle es sich um unverwirklichbare Utopien, zu begegnen, wies Leopold Kohr darauf hin, dass seine Geschwindigkeitstheorie selbstverständlich von Mathematikern genauer ausgeführt werden müsste. Die Verkehrsbewegungen müssten statistisch gemessen werden, um auf dieser Basis detaillierte Pläne aufstellen zu können. Der Sozialphilosoph beschränkte sich auf die Analyse des Problems und skizzierte Lösungsmöglichkeiten.
Neue technologische Meisterleistungen wie Hochgeschwindigkeits-Bahnstrecken sah Leopold Kohr nicht als ‘Allheilmittel’ für die Probleme zu großer Mobilität (KA, TK-C15). Der Eisenbahn als Verkehrsmittel, die akute Verkehrsprobleme effizient zu lösen imstande ist, stand Kohr jedoch immer positiv gegenüber. In einem 1970 in der puerto-ricanischen Zeitschrift „El Mundo“ erschienenen Artikel forderte er die Wiederrichtung von Eisenbahnen auf Puerto Rico, die 15 Jahre zuvor stillgelegt worden waren. Um die Eisenbahn als Verkehrsmittel attraktiv zu machen, muss das Bahnfahren wieder attraktiv werden und „ein Gefühl von Luxus und Freizeit wecken“: „Die Verkehrstechniker müssen also begreifen, dass der wirtschaftliche Erfolg der Eisenbahn, wie der jedes anderen Unternehmens, nicht darin zu suchen ist, so sehr Kosten zu sparen, bis der Verbraucher nichts mehr findet, was er für erwerbenswert hält, sondern dem Kunden einen Dienst anzubieten, den er so attraktiv findet, dass er gerne den Preis bezahlt, der notwendig ist, um die Kosten zu decken, wie hoch er auch sein mag.“ Als Vorbild lobte Kohr die Weitsicht Japans, sich auf das „zweite Eisenbahnzeitalter“ einzulassen, und forderte gleichzeitig mit dem Bau neuer Bahnlinien gesellschaftliche Veränderungen zu initiieren, welche die Mobilität einschränken (KOHR 1995b, 270-272): „Doch würde eine Wiederbelebung des Eisenbahnnetzes zwar die Umweltverschmutzung durch den Straßenverkehr mindern, aber das Problem des wachsenden Transportvolumens in unserer Zeit doch nur zur Hälfte lösen. Die andere Hälfte hängt davon ab, ob unsere Planer einen Weg finden, die Bedingungen zu verändern, die immer mehr Menschen dazu zwingen, immer weitere Entfernungen zu überbrücken, was eine Folge der sinnlosen Integrationspolitik aller modernen Staaten ist. Das verlangt nicht nur eine Veränderung des einseitig auf die Straße orientierten Transportsystems, sondern auch die Verwandlung der zentralisierten Gesellschaftsstruktur auf nationaler und kommunaler Ebene. Sofern das Problem nicht gleichzeitig von beiden Seiten angepackt wird, kann ein Schnelltransitsystem, welcher Art auch immer, mit oder ohne Eisenbahn, die Zu- stände nur verschlimmern, für deren Behebung es ins Leben gerufen wurde.“

Grundsätzlich stellt sich schließlich die Frage, welchen Handlungsspielraum einzelne Staaten in der Regelung ihrer Verkehrspolitik eigentlich noch besitzen. Die zunehmende ökonomische Globalisierung beraubt die Nationalstaaten ihrer Eingriffsmöglichkeiten. Leopold Kohr hat den Machtverlust der Staaten schon in den 1960er Jahren konstatiert und stand supranationalen Zusammenschlüssen ebenso skeptisch gegenüber wie der Entstehung international agierender Großkonzerne. Sollten Orga- nisationen wie die UNO, die Kohr nicht per se ablehnte, sondern in ihrer Wirkungslosigkeit als überflüssig empfand, wirklich über Macht und Eingriffsmöglichkeiten verfügen, so dürften sie nicht Staaten, die über zu viel militärische Macht verfügen, und Konzernen, die über zu viel ökonomische Macht verfügen, gegenüberstehen. Nur kleinere Staatsgebilde und regional bzw. national agierende Wirtschaftsunternehmen wären kontrollierbar (KOHR 2004). Was Kohr schon in den 1960er Jahren konstatierte, wurde im ausgehenden 20. Jahrhundert unter dem Schlagwort Globalisierung zu einem viel diskutierten Problem, für das Kohr die Regionalisierung von Politik und Wirtschaft als Lösungsmöglichkeit empfahl. Damit würden seiner Meinung nach auch daraus resultierende ökologische Probleme wie die Zerstörung von Lebensraum für die (Straßen-)Verkehrsinfrastruktur oder der dramatische Anstieg der Schadstoffemissionen durch Verbrennungsmotoren gelöst werden können.

Angepasste Technologie und die Wohlstandslüge

„Eine angepasste Technologie kann fortgeschritten, mittel oder primitiv sein. Sie hängt sowohl von der Größe als auch von der Entwicklungsstufe der jeweiligen Gesellschaft ab.“ Die Frage nach einer „angepassten Technologie“ („appropriate technology“) verbindet Leopold Kohr ebenfalls mit der Größe von sozialen Einheiten (KOHR 1978; KA, TK-A19). Für ihn war die „mittlere Technologie“ („intermediate technology“) die einzig angepasste (KA TK-I18). Mit diesem von Friedrich Schumacher entlehnten Begriff bezeichnete Kohr einfachere Technologien, denen sich zu große Gesellschaften anzupassen hätten und nicht umgekehrt (KA, TK-A14): „Die Antwort auf die Probleme unserer Zeit liegt also nicht darin, die Technologie immer weiter zu verbessern, um sie an die enormen Überlebensbedingungen einer Welt von Riesengesellschaften anzupassen. Sie liegt vielmehr in der Reduzierung der Riesengesellschaften auf Dimensionen, wo die ‘passenden’ Hilfsmittel für den menschlichen Fortschritt von einer weniger fortgeschrittenen, einfacheren und billigeren ‘mittleren’ Technologie geboten werden können.“
Eine „mittlere Technologie“ könnte auch einen Beitrag zur Lösung des Problems des immer stärker steigenden Energieverbrauchs leisten. Um die Gesellschaft mit ausreichend Energie zu versorgen, sollten nicht ständig neue Energiequellen gesucht werden, sondern es sollte auf die ursprünglichste Quelle zurückgegriffen werden. Diese stehe nicht nur in unbegrenzter Menge bereit, sondern könne auch in exakter Proportion dem jeweiligen Bedarf angepasst werden: „Es handelt sich dabei um die menschliche Muskelkraft, die durch die ungeheuer anwachsende Abhängigkeit von Transportmitteln innerhalb integrierter großer Gesellschaften hoffnungslos unwirtschaftlich geworden ist. Sie kann jedoch wieder wirtschaftlich genutzt werden, sobald wir unsere täglichen Beschäftigungen wieder in Entfernungen rücken lassen, die wir zu Fuß anstatt mit treibstoffverbrauchenden Fahrzeugen bewältigen können.“ Strukturelle Änderungen wie eine Urbanisierung der Vorstädte, eine Föderalisierung der Städte sowie eine „Kantonalisierung“ der Staaten seien dafür die Voraussetzung (KA, TK-A14). Erst damit könne eine kostenintensivere „mittlere Technologie“ eine Lösung für die Energiekrisen bieten, ohne unfinanzierbar zu sein oder den Lebensstandard einzuschränken (KA, TK-S19): „Nothing is therefore more futile than to advocate intermediate technology, or to protest against pollution through oil or atomic power plants, if one does not at the same time protest against the vast agglomeration of cities and states of which they are the inevitable by-product. For the enormous productive apparatus they require can simply not function without the energy, which only uranium and oil – one scarce and both poisonous – can supply in sufficient quantities.“

Hier wird einmal mehr Kohrs Pessimismus bezüglich einer Lösung der durch zu groß gewordene Gesellschaften verursachten Probleme deutlich. Dass er einzig und allein die umweltbelastenden Substanzen Uran und Öl als Energielieferanten für Großgesellschaften sieht, hängt jedoch auch damit zusammen, dass diese Ideen in den 1960er und 1970er Jahren entstanden, als Alternativen wie Solarenergie, größere Effizienz oder Suffizienz in der Nutzung von Rohstoffen noch nicht in jenem Maße diskutiert wurden wie in den Jahrzehnten danach.

Eng mit dem Thema Ökologie verbunden sah Leopold Kohr auch die Frage nach dem Besitz von Gebrauchs- und Luxusgütern. Die Produktion vieler Waren ist mit hohem Verbrauch natürlicher Ressourcen verbunden. Gerechtfertigt wird dies häufig mit dem Hinweis darauf, dass die Produktion dieser Güter zum Wohl der Menschen geschehe und ihren Lebensstandard hebe. Leopold Kohr schloss sich dieser Argumentation nicht an und verwies darauf, dass viele materielle Güter den Charakter von Gegenmitteln angenommen hätten, deren Besitz die Lebensbedingungen nicht verbessere, sondern lediglich verhüte, dass sie schlechter werden (KOHR 1993, 116): „Sie sind wie Aspirintabletten. Ihre Erfindung hat sicherlich bewirkt, dass wir uns leichter von Kopfschmerzen befreien können; aber sind wir gesünder dadurch geworden?“
Für die Analyse dieses ‘Aspirin-Lebensstandards’ entwickelte Kohr eine differenzierte Definition verschiedener ‘Verbrauchsgüter’. Zunächst unterschied er zwischen „persönlichen Verbrauchsgütern“ und „sozialen Verbrauchsgütern“, die er auch als „Wachstums- oder Machtgüter“ bezeichnete. Die Steigerung des Verbrauchs an persönlichen Gütern als Zeichen für einen höheren Lebensstandard zu sehen, wäre falsch. Um dies zu belegen, teilte Kohr die persönlichen Verbrauchsgüter ihrerseits in „Bedarfsgüter“ und „Luxusgüter“. Die „Bedarfsgüter“ wiederum bestanden aus drei Kategorien: den biologischen, den kulturellen und den technologischen Bedarfsgütern.
Differenzierung der Verbrauchsgüter (Kategorisierung nach Leopold Kohr):

  1. Persönliche Verbrauchsgüter
    1. Bedarfsgüter
      1. biologische Bedarfsgüter: steigern Lebensqualität
      2. kulturelle Bedarfsgüter: steigern Lebensqualität
      3. technologische Bedarfsgüter: bewahren bestehende Lebensqualität, vor allem in (zu) großen Gesellschaften nötig
    2. Luxusgüter: steigern Lebensqualität
  2. Soziale Verbrauchsgüter („Wachstums- oder Machtgüter“): bewahren bestehende Lebensqualität, vor allem in (zu) großen Gesellschaften nötig

Während die biologischen und kulturellen Güter sozusagen als Basis menschlicher Existenz notwendig sind, werden die technologischen Bedarfsgüter erst durch die Modernisierung geschaffen, genauer durch technologische Schwierigkeiten, die das Ausmaß und die Dichte des modernen Lebens mit sich brachte. Für Leopold Kohr bedeutet die Vermehrung der technologischen Gebrauchsgüter aber keine Steigerung des Lebensstandards, da dessen Höhe vor allem durch biologische und kulturelle Bedarfsgüter definiert wird: „Typische Beispiele für technologische Bedarfsgüter, die im Gegensatz zu den vorerwähnten Machtgütern die Zahlen unseres persönlichen Verbrauchs auf- plustern, ohne zu unserem Wohlstand beizutragen, sind Führerscheine, Autoschlusslichter, städtische Parkplätze, Einrichtungen für den Berufsverkehr, ein großer Teil der Dinge, die Punch einmal Stimulantien für das Ich genannt hat, nicht alle, aber ein großer Teil der privaten juristischen und medizinischen Dienstleistungen oder Ersatzbeschaffungen für Verschleiß und Verluste, wie sie in geruhsameren kleineren Gesellschaften niemals aufgetreten wären“ (KOHR 2003, 77 f.; Kursivsetzungen im Original).

Allein durch die Größe von Gesellschaften müssen also viele – auch natürliche – Ressourcen ausgegeben werden, um gesellschaftliche Probleme zu lösen. Luxusgüter verändern sich damit zu Bedarfsgütern, und der vermehrte Besitz von Gütern bedeutet keinen höheren Lebensstandard mehr (KOHR 1993, 116): „Es sieht so aus, als ob wir die Unmengen unserer berühmten Fortschrittsgüter in solchen Rekordmengen produzieren müssten, nicht etwa, um des Fortschritts willen, sondern aus demselben Grunde, aus dem frühere Jahrhunderte bedeutend weniger zu produzieren brauchten: nur um zu leben.“

Architektur und Stadtplanung

Nicht nur durch die Bekanntschaft und Freundschaft mit renommierten Architekten waren Stadtplanung und Architektur zentrale Themen in Leopold Kohrs Werk. Auch seine bereits skizzierte Geschwindigkeitstheorie der Bevölkerung führte ihn immer wieder zur Frage, wie die ideale Stadt geplant sein müsste, um sinnvoll mit natürlichen Ressourcen umzugehen und den Menschen einen möglichst hohen Lebensstandard zu bieten. Kohr bezog sich diesbezüglich oft auf den von ihm sehr geschätzten englischen Verleger und Kunsthistoriker Herbert Read, ebenso wie Kohr ein „gentle anarchist“ (KOHR 2002, 33). „Buildings begin on the ground, not in the studio“, lautete Reads Credo, dem sich Leo- pold Kohr anschloss, zumal das Leben „in der Einheit mit der Natur“ gelebt werden müsse und nicht auf der Basis einer abstrakten Theorie (KOHR 1985, 8).

Verwirklicht sah Kohr diese Grundgedanken im Haus eines Freundes, des Architekten Henry Klumb, in Río Pedras auf Puerto Rico. Mitten im Urwald gelegen, folgte die Grundkonzeption des Hauses nicht irgendwelchen Schulen und Stilelementen, sondern einzig und allein den naturräumlichen Gegebenheiten. Klumb baute nicht im Bauhaus- Stil, den der gebürtige Deutsche früh rezipierte, oder im Stil von Frank Lloyd Wright, dem großen ‘ökologischen’ Architekten. Seine Architektur wurde von der Umgebung gespeist, dem Boden und Klima Puerto Ricos. Architektur, so Leopold Kohr, müsse wie die Blumen sein, „gewachsen in der Einheit mit der Natur“: „The true architect will always respond to the same nature as that which surrounds the native. In the tropics he will respond to the tropics; in the junge to the jungle; in the mountains to the mountains; by the sea to the sea. It makes no difference whether he hails from Cologne, Portau-Prince, Saalfelden, Ponce, Mayaguez, or Hato Rey“ (KOHR 1985, 8 f.).

Dieses Beispiel zeigt einmal mehr Kohrs Verständnis von Ökologie als einem Gleichgewicht („balance“), das auf der Rücksichtnahme der Menschen auf die naturräumlichen Voraussetzungen aufbaut. Doch einzig die Konzeption des Hauses von Henry Klumb ist im Kohr’schen Sinne ökologisch. Die Errichtung eines Hauses mitten im Urwald, das wertvollen Naturraum zerstört, ist mit Sicherheit nicht als ökologisch zu bezeichnen. Analogien wie diese bescherten Kohr häufig den Vorwurf, ein romantisches Gesellschaftsbild zu zeichnen. Tatsächlich scheinen mitten im Urwald gebaute Häuser, die auf die natürliche Umwelt Rücksicht nehmen, das Prinzip der Harmonie zwischen Mensch und Umwelt zu verwirklichen, die Lösung der Probleme der Raumplanung für die immer stärker steigende Weltbevölkerung wird hier aber kaum gefunden werden können. Allgemein widmet sich Leopold Kohr dem Aspekt der stetig steigenden Weltbevölkerung sehr wenig und sieht die ressourcensparende Lebensweise kleiner Gesellschaften, die Verantwortung gegenüber ihren Lebensräumen zeigen, als zentralen Weg aus dem Problem zu großen ‘Naturverbrauchs’. Dem Einwand, dass viele kleine Gesellschaften, deren Bevölkerungszahl wenigen großen sozialen Einheiten entspricht, ebenso negative Auswirkungen auf die Natur haben, steht Kohrs Theorie gegenüber, dass große Gesellschaften allein zu ihrer Organisation neue Technologien brauchen. Diese Technologien, die über die von Kohr bevorzugten mittleren Technologien hinausgehen, hätten – einmal entwickelt – nicht nur die von der Gesellschaft erhofften positiven Auswirkungen, sondern würden auch negative Folgen wie einen stärkeren Naturverbrauch mit sich bringen.

Bemerkenswert ist schließlich auch, wie Leopold Kohr das ökologische Prinzip aus dem Bereich der Architektur in den politischen Bereich übertrug. Als er 1967 den schließlich gescheiterten Versuch der kleinen Karibikinsel Anguilla, sich aus der Kolonialherrschaft des Vereinigten Königreichs von Großbritannien und Nordirland zu lösen, unterstützte, lud er als Berater anguillanische Politiker ins Haus Henry Klumbs nach Puerto Rico. Kohrs Ziel war es zu zeigen, wie ein im Einklang mit der Natur errichtetes Haus auch abseits großer Zentren autark mitten im Urwald gelegen beste Lebensmöglichkeiten bot (KOHR 1985, 9): „Their visit to the luxurious lowcost house of a great tropical architect conveyed to them faster than a series of intricate lectures both the meaning and the usefulness of the ecological approach in matters concerning not only architecture but also economic development. By the time they left they were convinced that they might achieve similar results on the larger scale of their little island provided that they, too, started developing it in unity with nature.“

Die Urbanisierung in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg rief das Interesse Leopold Kohrs an städtebaulichen Fragen wach. Weil für ihn das Problem zu großer Gesellschaften nicht nur quantitativ – etwa in einer zu hohen Anzahl von Menschen in einer Stadt – bestand, sondern auch in einer zu starken Mobilität, forderte er schon in den frühen 1960er Jahren von den Städteplanern, Stadt- und Dorfregionen zu Fußgängerzonen und -regionen umzuwandeln (KA, TK-D2). Was später maßgebliche Verkehrsplaner wie Hermann Knoflacher prägnant formulierten, war schon Jahrzehnte zuvor integraler Bestandteil von Kohrs Apologie des Kleinen: „Wer Straßen sät, wird Verkehr ernten“ (HIEBL u. WITZANY 2003, 21-23). Eine Reduktion von Straßen und eine Vermehrung der öffentlichen Plätze würde somit auch in großen Städten die Probleme der „Übervölkerung“ lösen und auch ökologisch positive Effekte bewirken (KA, TK-M24): „Only if cities, like the self-contained compounds of modern luxury hotels become again havens of pedestrian existence in which cars, instead of being accommodated, are largely rendered useless, will the long-run problem not only of congestion but also of air pollution be solved. But conditions will first have to become very much worse before planners will abandon their habit of following rather than setting the trends.“

Nationalpark Hohe Tauern, Tauriska und sanfter Tourismus

Es ist kein Zufall, dass die 1986 gegründete Leopold-Kohr-Akademie ihren Sitz in Neukirchen am Großvenediger hat. Dieser Ort liegt im Oberpinzgau, mitten im Nationalpark Hohe Tauern, der alpine Teile der Bundesländer Kärnten, Salzburg und Tirol umfasst. In Neukirchen entstand Mitte der 1980er Jahre – als Ergänzung zu den politischen Bemühungen um den Nationalpark Hohe Tauern – der Kulturverein „Tauriska“. Sein Ziel ist die Erhaltung regionaler Traditionen in Verbindung mit einer kritischen Evaluation gegenwärtiger und zukünftiger Probleme der Region. Damit sollte ein ‘touristischer Ausverkauf’ der Region verhindert werden, der auch mit einem Raubbau an der Natur verbunden wäre. Leopold Kohr hat in seinen letzten Lebensjahren die Entwicklung des Vereins wesentlich mitgeprägt und viele seiner Ideen in konkrete Initiativen einfließen lassen.

Auch viele andere Initiativen im alpinen Bereich berufen sich auf Leopold Kohr. So versucht die Taxenbacher Genossenschaft „Tauernlamm“, der internationalen Konkurrenz der Billigfleischimporte durch hohe Qualität und Direktvermarktung zu begegnen. Im Sinne Leopold Kohrs, der die Selbstversorgung der Regionen propagierte, zählen die regionalen Konsumenten zur Zielgruppe dieser Initiative. Auch die Grundprinzipien der Genossenschaft, langsames und stressfreies Wachsen der Tiere und möglichst kurze Transportwege zur Schlachtung, entsprechen den Kohr’schen Prinzipien der Langsamkeit und der kurzen Wege. Der Uttendorfer Bergbauer Hubert Wörgötter bezeichnet Leopold Kohr als geistigen Vater der noch zu Lebzeiten Kohrs gegründeten „Pinzgauer Rind“-Genossenschaft. Diese verzichtet aus grundsätzlichen Überlegungen auf wirtschaftliches Wachstum und legt Wert auf den direkten Kontakt zwischen Erzeuger und Verbraucher (LEHNER 1994, 391-394).

Wie sehr Leopold Kohr an ökologischen Fragen interessiert war, zeigt auch die Wertschätzung, die er seinem Schulfreund Josef Haid entgegenbrachte. Haid förderte alternative Lebens- und Wirtschaftsformen und setzte sich für sanften Tourismus und eine der alpinen Natur angepasste Technologie ein. Im Jahr 1986 widmete Leopold Kohr neben anderen auch Josef Haid die erste deutschsprachige Ausgabe des Hauptwerks „Das Ende der Großen“ und wies darauf hin, dass ihn dessen Buch „Lebensrichtig“ davon überzeugte, „dass meine Kleinheitsphilosophie doch nicht auf falschen Spuren läuft“ (KOHR 2002, 22). In einer Rezension des Buches Haids, die den Untertitel „Der Weg zu ungestörter Harmonie mit der Umwelt“ trägt, weist Kohr einmal mehr auf die Vernetzung des Menschen mit der Natur hin. Zur Lösung vieler aktueller Probleme sei es notwendig, sich auf ein „lebensrichtiges Verhalten“ einzustellen (KA, ZK- P6): „Das ist der einzige Weg, durch den die gestörte Umwelt wiederhergestellt werden kann, mit der wir mit jeder Faser vom kleinsten Atom bis zu den entferntesten Himmelskörpern in einem unauflöslichen Beziehungsnetz verbunden sind, dessen einzelne Bestandteile ununterbrochen gegenseitig auf einander einwirken und zwangsläufig evolutionär zu immer befriedigenderen Verhältnissen führen.“

Abermals tritt hier Leopold Kohrs Verständnis der Ökologie als symbiotische und von Balance gekennzeichnete Beziehung zwischen Menschen und Natur zutage. Kohrs essayistischer Stil und seine Vorliebe für anschauliche Beispiele machen diese Ausführungen von wissenschaftlicher Seite her angreifbar. Selbstverständlich ist die materielle Beziehung zwischen allen Atomen physikalisch nicht verifizierbar. Diese von Kritikern wohl zu Recht in den Nahbereich der Esoterik gerückte Zukunftsvision dient wohl einzig der Veranschaulichung der Bedeutung des von Kohr stets propagierten „lebensrichtigen Verhaltens“, das Verantwortung und Verantwortbarkeit der eigenen Handlungen gegenüber den anderen Mitgliedern einer Gesellschaft sowie der naturräumlichen Umgebung als eine der wichtigsten Maximen menschlichen Handelns setzte. Zur Realisierung dieser Maxime – so Kohrs zentrales Credo – eignen sich überschaubare und nicht zu große Gesellschaften am besten.

Resümee

Leopold Kohr hinterließ keine flammenden Appelle für Naturschutz, gegen Atomkraft oder gegen die zunehmende Belastung der Erdatmosphäre. Dennoch gilt er noch heute als ein ‘Vater der Ökologiebewegung’, und viele Umweltaktivisten berufen sich auf ihn. Dieses Paradoxon lässt sich damit begründen, dass in Kohrs grundlegender Theorie viele Lösungsmöglichkeiten für aktuelle Probleme zu finden sind, so auch für viele Probleme im Umweltbereich.

Kleine wirtschaftlich und sozial autarke Gesellschaften vermindern den Verkehr und damit auch die Umweltbelastung durch Abgase und Straßenbauten. Ausgaben, die Gesellschaften leisten, um die Folgen übergroßen Wachstums – auch im ökologischen Bereich – zu kompensieren, könnten zur Hebung des Lebensstandards und zur Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen eingesetzt werden. Im Städtebau plädiert Leopold Kohr für die Einschränkung von Flächen, die für Verkehr und Transport zur Verfügung stehen. Der Fußgänger müsse das Maß der Stadtplanung sein. Kohr motiviert auch hier seine Vision nicht ökologisch, sondern sozial. Um den Verkehr einzudämmen, brauche es autarke soziale Gemeinschaften, die den Menschen die biologischen, aber auch sozialen und kulturellen Grundlagen für ein attraktives Leben bieten: Arbeitsplätze ebenso wie Kommunikationszentren oder Museen und Theater.

Bemerkenswert an Kohrs Ideen ist der Zeitpunkt, zu dem sie entstanden sind. In den 1950er und 1960er Jahren, als die Schaffung großer Wirtschaftsräume, internationale Vernetzung und Wachstum scheinbar unhinterfragte Maximen wirtschaftlicher und politischer Praxis waren, forderte Leopold Kohr genau das Gegenteil, nämlich die Rückkehr zu einem menschlichen Maß. Als ab den 1970er Jahren die negativen Folgen unbegrenzten Wachstums vor allem auch im Bereich der Umwelt bewusst wurden, erlangten die zuvor als sozialromantisch abqualifizierten Theorien Kohrs neue Aktualität. Sie als konservativ zu bezeichnen, wäre eine Umkehrung der Werte. In einer Gesellschaftsordnung, die seit Jahrzehnten auf Wachstum und Beschleunigung setzt, ist die Bewahrung der hinter dieser Wachstumsideologie stehenden Ordnung wohl konservativer als das Aufzeigen von Alternativen, das – wie könnte es anders sein in der Kritik an einer Gesellschaftsordnung der Moderne – häufig auf vormoderne Beispiele zurückgreift.

Leopold Kohr ist in diesem Sinn also tatsächlich einer von vielen Wegbereitern der ökologischen Bewegung, nicht weil er konkrete Lösungsmöglichkeiten für ökologische Krisen benennt, sondern weil er ein Gesellschaftsmodell präsentiert, in dem solche Krisen nicht oder nur sehr beschränkt auftreten. Freilich muss hier auch berücksichtigt werden, dass von zahlreichen kleinen Gesellschaften verursachte Umweltprobleme zwar nicht die Dimension großer Katastrophen der modernen globalisierten und beschleunigten (Post-)Industriegesellschaft annehmen, in der Summe jedoch auch bemerkenswerte Folgen haben können.

Über ökologische Aspekte hinaus ist Kohrs Werk auch in Zeiten des Globalisierungswahns hochaktuell, und das betrifft nicht bloß die ökonomische Globalisierung. Kohrs Werk führt zur zentralen Frage, ob internationale Vereinbarungen, über die sich große und mächtige Staaten selbstgerecht hinwegsetzen, wirklich der zielführendste Weg zur Lösung sozialer und ökologischer Probleme sind. Vielleicht muss wirklich an der Basis begonnen werden, an der Organisation der Gesellschaften. Eine Vereinigung gleichberechtigter Staaten, etwa gleich groß und ausgerüstet mit den gleichen Machtinstrumenten, würde Problemen, welche die ganze Welt bedrohen, anders gegenübertreten als eine hierarchisch organisierte Staatengesellschaft, da die Verantwortung auch für ökologische Krisen nicht auf andere Staaten abgeschoben werden könnte. Dass dieses Ziel eine Utopie darstellt, war auch Leopold Kohr völlig klar. In „Das Ende der Großen“ führte er die Notwendigkeit der Auflösung großer Mächte in Kapitel X weit aus, um im darauf folgenden Kapitel die Frage „Wird es geschehen?“ mit einem lapidaren „Nein!“ zu beantworten und das Kapitel mit einem Wort zu beenden. Wahrscheinlich werden Kohrs Visionen nie verwirklicht, zu einem Umdenken – auch in ökologischen Fragen – haben sie jedoch bereits geführt, und sie sind – gerade durch die Entwicklungen der letzten drei Jahrzehnte – in den Augen vieler von sozialromantischen Idealisierungen zu progressiven Leitlinien für die zukünftige Entwicklung von Regionen geworden.

 


37 Kommentare to “Leopold Kohr und die Frage nach dem menschlichen Maß”

  1. Hendrik Altmann sagt:

    Kleine soziale Strukturen sind auch effektiver und friedlicher, weil sie sich unserer natürlichen Sozialstruktur annähern. Aber, sie sind nur friedlicher nach innen.
    Das die Welt die letzten 60 Jahre nicht von vielen heftigen Kriegen heimgesucht wurde, besonders in der Nördlichen Hemisphäre, haben wir den großen übermächtigen Militär Bündnissen zu verdanken. Ob das jetzt gut ist weiß ich nicht, Eine übermächtige Kontroll Instanz zu haben, macht mir persönlich auch Angst. Was wenn diese Macht ausgenutzt wird, der einfachen Bevölkerung alle Rechte und Würde zu nehmen? Könnten wir uns gegen so einen Apparat währen? Wenn es keine andere Macht gibt die von außen konkuriert?

    • Stefan Wietzke sagt:

      Das ist so nicht richtig. Kleine Einheiten sind definitiv weniger Effizient. Sonst wären sie immer klein geblieben.

      Die Produktivitätstreiber sind:
      – Rohstoffoptimierung
      – Prozessoptimierung
      – Spezialisierung
      – Fremdenergieeinsatz (zum Ersatz menschlicher Arbeitskraft)

      Der mächtigste Produktivitätstreiber (außer der Energie) ist dabei nicht die Technik, sondern die Spezialisierung, also eine Frage der Organisation.

      Das geschieht über zwei Dinge:

      a.) Minimierung von Rüstaufwänden
      b.) Heben von Größenvorteilen

      Daraus folgen zwei Effekte:

      – Komplexitätswachstum
      – Größenwachstum, also ein Trend zu größeren Einheiten

      Das ist der einzige Grund warum wir als Menschen überhaupt je die Jäger und Sammlergesellschaft verlassen haben. Es ist auch der einzige Grund warum Hochkulturen entstanden sind.

      Jede dieser Strukturen hat aber eine Grenznutzenfunktion. Wenn die erreicht ist, stoppt das Wachstum. Daher findet man auch in der Natur eine Mischung aus großen und kleinen Einheiten (das meint nicht unbdingt die Körpergröße).

      Das Komplexitätsproblem kannst du durch Abstraktion und die Verwendung selbstähnlicher Strukturen auf unterschiedlichen Größenskallen entschärfen.

      Ich bin übrigens nicht per se ein Freund kleiner Strukturen. Sondern es gibt ein Optimum aus Effektivität und Risikostabilität. Wobei man auch hier aufpassen muss: Die Erhöhung der Risikostabilität gilt nur im Rahmen der Gesamtheit. Die Stabilität der kleinen Einheit ist dabei eventuell sogar geringern. Anders ausgedrückt, bei kleinteiligen Einheiten fällr der Totalverlust dieser Einheit nicht ins Gewicht.

      Das macht es ja auch so schwierig, Kompletät wieder aus einem System raus zu nehmen. Das ist übrigens genau das, was Niko Paech meiner Meinung nach unterschätzt. In natürlichen evolvierenden Systemen wirst du niemals eine Entwicklung zu weniger Effizienz oder weniger Komplexität finden. Hat sich ein Teilsystem überlebt wird es verdrängt, sprich elliminiert. Und von “unten” wächst was anderes nach.

      Es wird auch gerne auf “Imperien” an sich rumgehackt. Aktuell natürlich gerne auf den USA. Aber eine multipolare und kleinteilige Welt ist nicht per se friedlicher. Auch die Römer haben es hinbekommen, das es in vielen Teilen des Reiches über Jahrhunderte keine Kriege gab. Mit den zusammenbrechenden Strukturen gabs dann erst mal jahrhundertelang täglich was aufs Haupt. Und da so lange bis riesige Landstriche praktisch entvölkert waren.

      “Klein = Gut” ist leider genau so falsch wie “Groß = Gut”.

      • Michael Egloff sagt:

        Das Problem an der ansteigenden Komplexität ist, dass Effizienzvorteile nachfolgend teilweise wieder aufgefressen werden durch das notwendige Komplexitäts-Management.
        Zunächst stellen sich die erwünschten Effekte ein, dann zeigen sich immer mehr die Kehrseiten der Komplexität und des technologischen Fortschritts.

        • Stefan Wietzke sagt:

          Was anderes habe ich ja auch gar nicht gesagt. Natürlich erzeugt Komplexität Kosten. Aber so lange der Gesamtnutzen steigt geht das. Es gilt auch für das Gesamtsystem eine Grenznutzenfunktion. Und das Wachstum endet dann, wenn die erreicht ist.
          Die Jäger und Sammlergesellschaft hatten ihren Grenznutzen erreicht. Dann ist 150.000 Jahre nichts passiert. Dann haben wir Agrargesellschaften erfunden (Basisinnovation). Das Ding dann wieder gegen die Grenznuzenfunktion getrieben.

          Dann die Energienummer durchgezogen (wieder eine Basisinnovation) und jetzt hängen wir wieder an der Grenze.

      • Hendrik Altmann sagt:

        Rom hatte dann aber das Problem alle Fraktionen friedlich ins Reich zu integrieren, dazu benötigte das Imperium eine sehr starke Militär Macht, nicht nur für die Feinde von außen, sondern auch der vielen Feinde von Innen, das kostete natürlich sehr viel Ressourcen. Allgemein sind daran Imperien oft gescheitert, das Khan Reich was die vielen Stämme nicht zusammen halten konnte, und Rom durch Bürgerkriege, weil die Militärische Macht nicht ausreichte um die Vielen politischen und kulturelle Fraktionen zu befrieden. Heute kann man das an den USA genauso erkennen, die USA geben über 600 Milliarden Dollar für Militär aus und der Doktrin der Militärbasen.

      • Hendrik Altmann sagt:

        Deswegen meine ich ja nach innen, nach Außen fährt man natürlich in immer größeren Zusammenschlüssen besser. Allerdings wird der Aufwand alles zusammenzuhalten auch immer größer, weil es eigentlich nicht in unserer Natur liegt, in solch großen sozialen Strukturen zu leben. Deswegen brauchen wir so viele Sicherheitsorgane und Verwaltungen.

  2. Michael Egloff sagt:

    Ja, das menschliche Maß…
    Ich habe letzte Woche diesen Aspekt durch eine Philosophin in einem Vortrag mal von der philosophischen Seite beleuchtet bekommen.
    Sie hat das Buch “Die Sinn-Diät – warum wir schon alles haben, was wir brauchen. Philosophische Rezepte für ein erfülltes Leben” geschrieben.
    Genau wie ich ein Epikur-Fan (Willst Du einen Menschen glücklich machen, füge nichts seinen Reichtümern hinzu, sondern nimm ihm einige seiner Wünsche”)
    Bei einem anschließenden Gespräch erläuterte ich ihr einige Aspekte von Peak Oil / Peak anything. Das war für sie gedankliches Neuland.
    Trotzdem kommt sie von ihrer philosophischen Seite her auf ebendie Schlüsse, zu denen man auch aus Sicht eines Peak-Oilers kommt.
    Mit anderen Worten: selbst wenn es keine heraufziehende Krise der physischen Wertschöpfungsgrundlagen gäbe und keinen Klimawandel und kein infarktgefährdetes Weltfinanzsystem gäbe, wäre trotzdem ein materiell schlichteres, entschleunigtes und fokussierteres Leben unter weniger komplexen gesellschaftlichen Bedingungen erstrebenswert.

    Was also in Hinsicht auf Peak anything und Klimawandel notwendigerweise zu tun wäre, wäre generell auch unter rein menschlichen und lebensphilosophischen Gesichtspunkten sinnvoll.

    Das Buch habe ich mit jetzt gekauft – ihr Vortrag hat mich begeistert. Wenngleich der Titel “Die Sinn-Diät” auf den ersten Blick mißverständlich ist. Dieses Mißverständnis wird allerdings aufglöst.

  3. Stefan Wietzke sagt:

    Hier mal wieder ein Idiotenartikel aus der “Großpresse”. Ich sollte das echt nicht mehr lesen. Bei vielen Menschen muss das Denken unglaublich schwere Schmerzen verursachen, sonst würden sie es nicht mit einer derartigen Vehemenz vermeiden.

    http://www.zeit.de/politik/ausland/2014-09/oelrausch-engergiewende-kanada?commentstart=65#cid-3946889

    • Hendrik Altmann sagt:

      Wer hat den den gekauft?! Tja sowas will halt die Masse hören.
      Die IEA ist doch schon lange das Megaphon der Öl Lobby…, und halt solche Leute aus der Presse hier.

      • Stefan Wietzke sagt:

        Das Geile ist ja, nicht mal die IEA behauptet das.

        • Hendrik Altmann sagt:

          Hmm, klar verändert sich die Welt, aber wenn sie sich zu schnell verändert, kommt komplexes Leben nicht mehr hinterher. der sich jetzt vollziehende Klimawandel verursacht durch den Menschen, ist so eine zu schnelle Veränderung, würde er viel langsamer vonstatten gehen wäre die ganze Geschichte gar kein Problem. Auch das verschwinden der fossilen Energie wäre gar kein Ding, wenn die Sache nicht so schnell ablaufen würde, das System kommt halt mit seiner Anpassung nicht hinterher.
          Das ist wie beim Bodybuilding, wenn Ich jeden Tag meine Arme trainieren würde, werde ich nicht stärker sondern habe nach zwei Wochen schwere Muskelschäden, weil der Körper nicht hinterher kommt, trainiere ich allerdings alle 5 Tage meine arme werde ich jedesmal stärker. Oder anders warum Schaben und Ratten sich so schnell an neue Lebensbedingungen anpassen können, es ist die kurze Lebenserwartung und die hohe Reproduktionsrate. Denn die Selektierung von unnützer und nützlicher DNA erfolgt über das Sterben und der Geburt neuen Lebens. Sprich je komplexer und langlebiger eine Spezies, desto geringer ihre Anpassungsfähigkeit.

          • Stefan Wietzke sagt:

            Eben. Veränderung an sich ist erst mal nicht problematisch. Schwiertig wird es nur, wenn das “System” nicht folgen kann. Denn das kostet immer Zeit. Und um so größer und komplexer ein System ist, um so langsamer kann es folgen. Das ist wie mit dem Schnellboot und dem Tanker.

            Und auch “Effinzienzerhöhung” ist nicht immer gut. Als einfaches Beispiel mal eine Jäger-Beute Beziehung. Im stabilen Zustand sind die Populationsdichten zwei phasenverschobene sinusähnliche Kurven. Die Beute vermehrt sich, damit gibt es mehr Futter für den Jäger, dann vermehrt sich der bis er die Beute übernutzt. Dann stürzt deren Population ab. Der Jäger hat nicht mehr genug zu fressen. Sein Bestand geht zurück und der Kreislauf beginnt von vorn.

            Nun gibt es eine Mutation. Der Jäger kann z.B. besser riechen und damit seinen Jagderfolg erhöhen. Das sorgt für steilere Kurven und es treibt die Wendepunkte der Funktion auseinander. Dumm ist jetzt nur, wenn der Jäger jetzt die Beutepopulation unter die Erhaltungsgrenze drückt. Die Beute stirbt aus und kurz darauf auch der Jäger.

            Effizzienz alleine ist eben kein Ziel für Systeme, sondern Stabilität. Oder richtiger ausgedrückt: Stabilität ist kein Ziel von Systemen, sondern eine Eigenschaft. Denn wären sie nicht stabil, würden sie gar nicht existieren.

            Vieleicht könnte man in Anlehnung an Descartes auch sagen: “Ich bin stabil, also bin ich”

            Aber auch noch mal wichtig im Zusammenhang mit dem Artikel:

            stabil ist nicht gleich statisch

            Das Problem unseres Gesellschaftsansatzes liegt nicht in seiner Dynamik, sondern in seiner fehlenden Stabilität.

            • Michael Egloff sagt:

              Ein sehr treffendes Bild mit dem großen Tanker, Stefan.
              Würde sich z.B. ein OECD-Land entschließen, sich mit großer Intensität auf das zu Ende gehende Ölzeitalter (danach: Gaszeitalter) einzustellen, und Wirtschaft und Siedlungs-/Infrastruktur resilienter zu machen, würde es zunächst zu einer Kapitalflucht, kurz darauf zu einer Flucht der Realwirtschaft und kurz darauf zu einer Massenflucht seiner Bürger kommen.
              Freiwilligkeit und Rechtzeitigkeit (wenn man davon überhaupt noch sprechen kann) würden gnadenlos abgestraft werden.
              Daraus resultiert unter Anderem die mangelnde Steuerbarkeit des Prozesses.

              Flüchtig betrachtet wirkt dieser Tanker übrigens garnicht so träge. Denn bei der Konstruktion eines ständig neuen und prunkvolleren Deckaufbaus herrscht ja nach wie vor eine hohe Dynamik, während allerdings der Rumpf schon deutlich zu rosten beginnt. Leider wird der überdimensionierte Tanker damit immer instabiler, weil seine viel zu hohen Deckaufbauten den Schwerpunkt immer höher treiben. Die Gefahr des Kenterns wird immer größer.

              Bilder können manchmal sehr hilfreich für das Verständnis komplexer Zusammenhänge sein.

      • peakenergy sagt:

        Ich halte die IEA gar nicht für das Megaphon der Öl Lobby. Sie sagen es aus politischen Gründen nicht offen, aber aus dem World Energy Outlook lässt sich schon sehr genau herauslesen wohin die Reise geht.
        Die IEA steht halt vor dem Problem, dass sie das Wirtschaftswachstum als exogene Variable vorgeben muss (politische Vorgabe , der heilige Gral). Dann tricksen sie mit Policies, Energieintensitäten und Investitionen, bis es gerade so aufgeht.
        Fatih Birol, der Chefökonom der IEA nimmt in manchen Interviews kein Blatt vor den Mund. Lieder haben unsere Leitmedien es verlernt, die richtigen Fragen zu stellen und nachzuhaken.

        http://www.youtube.com/watch?v=iKkISqOCnVA

        • Stefan Wietzke sagt:

          Völlig richtig. Auch die Behörden und Institute lügen janicht (jedenfalls nicht in großem Stil), wie VTs immer behaupten. Die Frage ist aber, wie interpretierst du die Daten. In der Presse dagegen, wird dann gerne mal gelogen. Wie die Nummer mit der Ölunabhängigkeit der USA. Das haben weder EIA noch IEA je behauptet. Außer die USA redzieren ihren Ölverbrauch um 30%. Hätte ich bis vor kurzem noch für unmöglich gehalten. Aber bei der Geschwindigkeit, mit der ihre Wirtschaft und Infrastuktur zusammenbricht, könnten die das tatsächlich hinkriegen. Aber ganz anders als unsere Wachstumsapologeten sich das gedacht haben.

          Ähnliche Entwicklungen kann man ja auch in Südeuropa sehen.

          Der aktuelle Artikel auf http://peakoilbarrel.com/ zeigt das sehr schön. Die OECD-Staaten haben ihre Ölimporte um etwa 7 Mb/d in den letzten 10 Jahren reduziert. 3 davon gehen auf die Zusatzmengen aus Fracking, der Rest dürfte zum größten Teil aus den zusammenbrechenden Teilen des westlichen Wirtschaftssystems stammen.

          • Michael Egloff sagt:

            Stimmt.
            Das zunächst in den importabhängigen Ländern zu Ende gehende Ölzeitalter wird sich nicht durch lange Schlangen vor den Tankstellen auszeichnen, sondern durch das Gegenteil: immer weniger Tankende in den Tankstellen.
            Und zusätzlich durch immer leerere Großerlebnisparks, leerstehende Hotels, die insbesondere auf den Massen-Ferntourismus ausgelegt sind (was gleichzeitig das Märchen widerlegen wird, z.B. Dubai hätte sich gut auf das Nach-Ölzeitalter vorbereitet), zunehmend leerstehende Großflughäfen (BER oder der neue Flughafen in Istanbul werden wahrscheinlich gerade dann fertiggesttellt, um zeitnah in ebendiesen obsoleten Zustand reinzuwachsen).

            Die Welt wird sehr viel ruhiger und langsamer werden. Historische Normalität wird sich allmählich wieder einstellen. Leider nur begleitet von der größten Zäsur der Menschheitsgeschichte. Zu einem geringeren Preis ist das Ende eines solchen globalen Exzesses leider nicht zu haben.
            Und selbst, wenn ich mich mit der zeitlichen Prognose (20er…40er Jahre ff) irren sollte, wird das vom Prinzip her nichts ändern.
            Denn je länger und ausgeprägter der Exzess, desto höher der Preis.

  4. Stefan Wietzke sagt:

    Ich habe mit diesem Verständnis von Ökologie ein massives Problem. Sie geht von einer “Balance”, also von einem statischen System aus. Das ist aber grund falsch. Ein evolvierendes System (und das ist die Biosphäre als Ganzes, genau so wie alle ihre Teilsysteme) ist NIEMALS im Gleichgewicht. Wäre das so, würde es bis heute kein Leben auf der Erde geben. Veränderung ist eine GRUNDBEDINGUNG des Systems. Alle Teilsysteme interagieren ständig miteinander und beeinflussen sich gegenseitig. Arten verdrängen sich pemanent gegenseitig. Und neue entstehen.

    Es geht ausschließlich darum unsere eigene ökologische Nische offen zu halten.

    @Michael Egloff

    Ich habe auch ein Problem mit diesem Begriff von “Menschlichem Maß”. Was soll das sein? “small ist beautiful?” Klein ist klein und groß ist groß. Das klingt mir sehr nach Entwicklungsverweigerung.

    Natürlich muss ich nicht nur externe Grenzen einhalten, sondern auch meine Eigenen. Aber eine “weniger komplexe” oder “entschleunigte” Welt ist nicht per se besser.

    Die Sache ist also: Löse dich aus Fremdbstimmungen (sehr schwer), erkenne deine eigenen Grenzen, akzeptiere die äußeren Grenzen, die dir durch die Rechte anderer gesetzt sind. Und dann tobe dich in diesem Raum aus. Gib deinem Leben “Sinn”, nicht Glück. Aber auch Sinn ist etwas höchst Individuelles. Und diesen Kampf muss jeder mit sich selber ausfechten. Denn das ist der Preis dafür, dass wir soziale und individuelle Wesen sind.

    In der Bibel gibt es dieses wunderbare Bild vom Baum der Erkenntnis. Da geht es ja nicht um ein irgendwie geartetes materielles Paradies, sondern um den Preis für das Bewustsein. Der im wahrsten Sinn des Wortes Bewustlose hat keine Sorgen und keine Probleme. Für ihn existiert nur der Augenblick. Das ist das Paradies, aus dem der Mensch vertrieben wurde. Weil er eben angefangen hat Bewustsein zu erlangen.

    Zu der Philosphin: Ich finde es ziemlich anmaßend, dass mir jemand erzählt, was ich denn brauche. Woher will sie wissen, dass ich schon alles habe? Es gibt einen Mindestbedarf um überleben zu können. Das setzt die Untergrenze von “brauchen”. Wenn ich mich als ethisches Wesen betrachte, dann gibt es eine Obergrenze. Und das ist der mir zustehende Anteil an den Ressourcen dieses Planeten. Und dazwischen kann und soll jeder machen was er will.

    • Michael Egloff sagt:

      Keine Angst, Stefan,
      die Autorin schreibt nicht vor, was man materiell zu haben hat oder nicht.
      Das wäre ja eine ziemliche Anmaßung.

    • Hendrik Altmann sagt:

      Ich denke Schuldzuweisungen bringen rein gar nichts bei diesen ganzen Diskussionen, wir sind ein Produkt der Natur und verhalten uns so wie wir es schon immer taten. Der einzige Unterschied ist, das wir eine seit 12000 Jahren exponentiell schnell fortschreitende technische Evolution hinlegen.
      Man kann auch nicht den Wohlhabenden einen Vorwurf machen das sie Wohlhabend sind oder versuchen wohlhabend zu werden, weil wir das schon immer versuchen seit es uns gibt. Ich sehe das so wenn die fossilen wirtschaftlich nicht mehr förderbar sind, lösen sich einige Probleme vielleicht von selbst. Ich meine irgendwann reguliert sich das ganze System eh von selbst, dann gibt es eben kein sauberes Wasser mehr oder keine Fische. Oder dann haben wir eben alle Wälder gerodet, und die meisten großen Tierarten ausgerottet. Aber das bedeutet auch das wir viel weniger Nahrung haben und uns von alleine reguliert haben, klar auf eine unschöne Art und Weise. Oder mal anders, jeder Spezies hier auf der Erde versucht das Maximum an Ressourcen zu nutzen, um sich zu vermehren und Dominant zu werden, also das selbe wie wir.
      Nur wir haben halt Technik, vielleicht brauchen wir als Spezies Mensch auch nur mehr Zeit, um mit dieser Fähigkeit verantwortungsbewusst umzugehen, ich hoffe wir haben diese Zeit.

      • Stefan Wietzke sagt:

        Es geht nicht um Schuldzuweisungen, sondern zu verstehen wie das System funktioniert. Ansonsten ist es nicht möglich die richtigen Entscheidungen zu treffen. Wenn du nämlich mit einem statischen Systemverständnis Lösungsvorschläge für ein dynamisches System entwickelst, wird das Scheitern. Ich habe ja auch Leopold Kohr nicht für seine Ziele kritisiert, sondern ich halte sein Systemverständnis für falsch.

        In diesem Sinne sprichst du im weitern eine der Kernfragen an. Die gesamte Biosphäre ist ein evolvierendes System. Ihre Teilsysteme ebenfalls. Also auch menschliche Gesellschaften. Du schreibst: “… lösen sich einige Probleme vielleicht von selbst.” Das vielleicht kann man streichen. Alle Probleme lösen sich von selbst. Nur nicht unbedingt im Sinne einzelner Elemente in diesem System (uns).

        Beim Verständnis evolutionärer Systeme muss man eins bedenken: Sie sind ziellos. Empirisch liegt der Verdacht nahe, dass sie eine Neigung zu Komplexitätswachstum haben. Das bedeutet aber eben nicht, das Wachstum das Ziel ist.
        Wenn sich ein neuer Ast in einem Evolutionsbaum ausbildet, wächst der genau so lange bis er seine gefundene Nische ausfüllt.

        Evolution ist kein linearer Prozess. Reißen durch Veränderungen (z.B. Klima) neue Nischen auf, dann kommt es zu einer explosionsartigen Entfaltung. Dann folgen aber auch wieder lange Zeiten in denen gar nichts passiert.

        Dabei hat die Biosphäre auch immer auf das geologische System Erde zurückgewirkt. So ist die Athmosphärenzusammensetzung massiv von Lebewesen verändert worden.

        Interessanterweise hat jede Katastrophe in der Biosphäre erst die Weiterentwicklung ermöglicht. Als sich vor 600 Millionen Jahre die Erde in eine Eiskugel verwandelte (CO2 Entzug durch Verwitterungsprozesse), gab es nur Einzeler. In dieser 45 Millionen Jahre dauernden Phase wurde durch die Sonnenetrahlung auf das Eis Sauerstoff frei gesetzt. Dieser blieb in der Luft, da er durch die Eisbedeckung nicht mit Gestein der Landmassen reagieren konnte. Der Sauerstoff erzeugte die Ozonschicht. Das schirmte die harte Sonnenstrahlung ab. Dadurch konnten sich nach Rückgang des Eises die Einzeller in die höheren Wasserschichten ausbreiten wo Photosynthese möglich ist. Außerdem entstanden sauerstoffathmende Einzeller. Der Sauerstoffzyklus stellt aber mehr Energie bereit, als es etwa Schwefelkreisläufe tun. Deshalb konnten wahrscheinlich mehrzellige Organismen entstehen. Photosyhthese treibende Organismen vertragen keine zu hohen Sauerstoffkonzetrationen. Aus beiden Arten evolvierte dann ein stabiles System, dass die Sauerstoffkonzentration der Athmosphäre in einem sehr engen Bereich ausregelt.

        Jetzt kommt häufig die Frage, wer den wie das stabile System gefunden hat. Niemand. Alleine weil es möglich war ist es entstanden. Alles was nicht stabil ist, entsteht bei diesem Verfahren auch gar nicht. Es können immer nur neue stabile Systeme entstehen, oder es entstehen gar keine. Eolutionäre Systeme verfolgen dabei die Schrottschussmethode. Es wird einfach völlig sinnlos alles ausprobiert. Alle aktuellen Systemparameter werden durchgespielt. Und wenn eins auftaucht, dass sich ausbreiten kann, dann geht das los. Es wird auch nie ein “Optimum” gesucht. Stellt sich später heraus, dass das irgendwann nicht mehr weiter geht, dann bleibt es stehen.
        Ändert sich die Umgebegung dann so, dass es nicht stehen bleiben kann, wird der Ast abgebaut. Und zwar so weit, bis er wieder stabil ist. Von dort aus können dann neue Entwicklungslinien starten.

        • Sehr schön beschrieben!

          Es macht Spaß, dir beim systemischen Denken zuzuschauen.

        • Ert sagt:

          @Stefan

          Ich hatte es hoffentlich schon ein paar mal zum Ausdruck gebracht – hier muss ich es nochmal sagen Deine Kommentare hier sind es eine absolute Bereicherung des Forums – u.a. auch der zweite Kommentar ganz oben zu den Produktivitätstreibern, etc.

          Du schaffst es wichtige Systemdynamiken und die Schlüsselfaktoren in sehr kurzen und prägnanten Abhandlungen darzustellen. Hut ab!

        • Spigola sagt:

          Was ich schon länger fragen wollte, Herr Witzke: Was sind Sie eigentlich von Ihrer Ausbildung her?

          • Stefan Wietzke sagt:

            Habe Elektrotechnik und Physik studiert. Beruflich hatte ich eigentlich immer mit Energie und Systemanalyse (Entwicklung komplexer Softwaresysteme, aber auch Orgamodelle etc.) zu tun. Dazu kommt ein lebenslanges Interesse an Geschichte, Philosophie und Wirtschaft.

      • Stefan Wietzke sagt:

        P.S.
        Was wichtiges habe ich vergessen. Wir Menschen haben einen Vorteil. Solange wir davon ausgehen, dass es so etwas wie den freien Willen besitzen müssen wir der Schrottschussmethode nicht hilflos ausgeliefert. Wir können zukünftige Entwicklungspfade “durchsimmulieren” und dann eine Entscheidung treffen welchen wir nehmen.
        Wenn dem nicht so wäre, bräuchten wir uns ja auch keinen Kopf zu machen.

        • Hendrik Altmann sagt:

          Hmm, aber das wird nicht so einfach sein, denn wir müssten ja die gesamte Erde simulieren, das gesamte Ökosystem, faktisch jedes System was gerade auf uns wirkt, einmal sind das zu viele Fakten, Daten zum anderen selbst wenn wir es schaffen alle Daten, Fakten usw zu analysieren, alle Synergie und Symbiose Effekte aufzuzeigen, hat sich das alles schon wieder verändert. Wir haben doch schon Schwierigkeiten, unserer doch gegenüber dem Ökosystem primitives Wirtschaftssystem vollständig zu begreifen. So denke ich eine gesteuerte Evolution unserer Spezies wird fehlschlagen, zumindest wenn wir es weiter in der jetzigen Geschwindigkeit versuchen, denn als wir unseren Weg des Sammlers und Jägers verlassen haben, unsere Fähigkeit Techniken zu nutzen und zu entwickeln, war das nix anderes als unsere Entwicklung selbst in die Hand zu nehmen, aber ich habe das Gefühl, das wir damit überfordert sind, und scheitern könnten.

        • PeterWy sagt:

          Ich gebe dir hinsichtlich der Evolutionären Entwicklung absolut recht. Bisher gab es keine gesteuerte Entwicklung in Richtung höhere Komplexität. Der Entwicklungsstand auf dem wir uns zur Zeit befinden ist, wie du ausführlich erleutert hast, fast ausschliesslich durch Versuch und Irrtum entstanden. Bzw. durch die Anpassung und Besetzung von Nischen. Wir haben als Meschheit gesehen durch unsere, ich sage mal Intelligenz, und der daraus folgenden technischen Entwicklung, erstmalig die Möglichkeit die sog. Schrottschussmethode zu umgehen, indem wir alternative Entwicklungspfade simulieren und die Richtung bestimmen in die wir gehen wollen.
          Unser Problem besteht allerdings darin, wir sind keine einheitliche Intelligenz, sondern bestehen aus vielen Milliarden Einzelintelligenzen, welche mit hoher Wahrscheinlichkeit genausoviele Entwicklungspfade einschlagen wollen. Aus diesem Grund bleibt uns, zumindest meiner Meinung nach, nichts anderes übrig, als auf relativ kleinteiliger Ebene einen entsprechenden Entwicklungspfad herauszusuchen und diesen zu beschreiten. Das kann eine Gemeinschaft, ein Dorf, ein Land, was auch immer sein. Aber bestimmt nicht die große Masse der Menschheit als solches.
          Werden uns nun durch naturbedingte oder geologische Gegebenheiten gewisse Grenzen auferlegt, so kann man nur hoffen dass ein möglichst großer Teil der Massen diesen alternativen Entwicklungspfaden folgen wird. Dies aber nicht aus freien Entscheidungen, sondern durch die og. Gründe dazu gezwungen.

        • Ert sagt:

          @Stefan

          Genau das haben da Donatella und Denis Meadows Anfang der 1970’er gemacht und kamen zu spezifischen Ergebnissen.

          Zu bewerten in wie weit dieses Wissen bzw. diese Erkentnisse geholfen haben etwas zu ändern, kann jeder selber entscheiden. Denis Meadows selber ist da aber recht desillusioniert (Video).

  5. Ert sagt:

    Weil oben im Artikel auch die ‘LtG’ Studie an den ‘Club of Rome’ angegeben wird, interessiert es vielleicht, das Radio Ecoshock gerade Turner interviewt hat: http://www.ecoshock.info/2014/09/is-global-collapse-immanent.html

    Zu Turner: Is global collapse imminent? That is the title of a new research paper, which adds “An Updated Comparison of ‘The Limits to Growth’ With Historical Data”. The author and our guest is Dr Graham M. Turner. He is a Principal Research Fellow at the Melbourne Sustainable Society Institute, part of the University of Melbourne in Australia.” und “This is Turner’s second review of the Limits to Growth. His first was in 2008: Turner, G.M. 2008 “A comparison of The Limits to Growth with 30 years of reality” Global Environmental Change, 18, pp. 397-411.”

    Durchaus Hörenswert – und sicher für viele die den Blog hier, Heinberg, Martenson und Tverberg verfolgen nichts fundamental neues. Interessant ist aber wie sich die Erkenntnisse bzw. die Modelle/Einschätzungen immer weiter um ein bestimmtes Set an Systemdynamiken kondensieren.

    • Hendrik Altmann sagt:

      Die IEA wieder…., 2040 119 mb/d,
      unfassbar, das wird niemals passieren. Da glaube ich doch ehr an den Weihnachtsmann. Ansonsten ein guter Artikel aber nichts neues für mich.

      • Ert sagt:

        Gut finde ich ja das Interviewformat als Postcast bzw. MP3 zum direkten Downloaden. Das ist sehr schön beim Kochen, Arbeiten im Garten oder ein nebenbei zu hören.

        Ich habe mir schon manchmal Gedanken darum gemacht ob mit einen ähnlichem Audioformat zum Themenblock Energie/Klima/Wirtschaft und Interdepenzen nicht auch in Deutschland noch mehr Menschen erreichbar wären. Radio Ecoshock, Extra-Environmentalist, Kunstler, C-Realm, Martenson, etc. machen es ja vor.

        • Stefan Wietzke sagt:

          So eine Sammelstelle wäre sicherlich nicht schlecht. Es gibt so viel unglaublich gute Sachen von unglaublich vielen unglaublich klugen Menschen.

          Sucht mal auf Youtube nach AKVorarlberg. Das ist eine regelmäßige Vortragsreihe, die glaube ich vom österreichischen Gewerkschaftsbund organisiert wird. Die Filmen das immer mit und stellen es ins Internet.

          Das Problem ist ja heute nicht, dass keine Informationen vorhanden sind, sondern das es so viele sind und die auch noch von einem unglaublichen Müllberg verdeckt werden.

          • Ert sagt:

            @Stefan

            Interessanter Themenmix bei AKVorarlberg.

            Und ja, die Informationen im Heuhaufen zu finden und aufzudecken welche wieder nur auf versteckten Zielen oder schlechtem Verständnis beruhen ist ein aufwändiger Lernprozess.

            Für genau das und um Wissensmäßig ‘Polyglott’ zu werden – braucht es viel Zeit. Ich merke aber für meinen Teil das viele Menschen diese ‘Zeit’ gar nicht mehr finden oder haben – weil Sie durch Beruf, Medien und Alltag zugemüllt werden/sind. Insbesondere sehe ich die Möglichkeiten die uns Internet und Smartphone heute geben sehr differenziert kritisch – dies können (und sind oft) extreme Zeiträuber.

            Ich hab ja mal meine ca. 80 Seiten hier zum den Themenblöcken Energie/Wirtschaft/Klima verlinkt. Nun lese ich Deine prägnanten Kommentare hier – und merke das Du das ganze auf einer viel höheren Ebene noch viel besser verstanden hast und formulieren kannst. Ohne meine eigenen Gedanken genau zu den Themenblöcken aber könnte ich wohl diese Kommentare gar nicht in der Tiefe Ihrer Bedeutung und Dichte begreifen.

            Wissensaufbau und Verknüpfung ist schon eine Spannende und stimulierende Sache – zumindest für mich :-)

            • Michael Egloff sagt:

              Ja, Ert, die Menschen sind fehlfokussiert.
              Selbst die politisch Interessieren und Intelligenteren verirren sich oft in dem Newswust aus Protzbischof/Eurorettung/neueste Landtagswahlergebnisse und tausenden anderen Dingen minderer Relevanz – auf Sicht der kommenden Jahrzehnte.
              Von den SMS-Junkies, Sturm-der-Liebe-Fans und DSDS-Guckern wollen wir da mal vollends schweigen.

              Overnewsed, but underinformed…
              Genau daran scheitert die Vorbereitung auf die Zukunft bei der Masse der Menschen.

            • Stefan Wietzke sagt:

              Nun stell mal dein Licht nicht unter den Scheffel. Deine Zusammenstellung ist doch super zum Einarbeiten in das Thema. Insbesondere für Leute, die überhaupt erst einmal verstehen müssen, um was für ein komplexes Thema es sich handelt.

              Um wirklich zu verstehen wie komplexe Systeme funktionieren, musst du erst ganz tief rein. Denn nur dann kannst du die zugrundeliegenden Regeln (wenns denn welche gibt) verstehen (vielleicht). Viele haben nur das Problem, dass sie dann nicht mehr aus dem Loch raus kommen :-).

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