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Kommentarlos, Teil 24

Sie schreiben in Ihrem Konzept, dass es "um eine Vorbereitung der Stadtbevölkerung auf die kommenden Veränderungen" geht. Wie sehen diese Veränderungen aus?

Brocchi: Unser Lebensstil und unsere Wirtschaft basieren maßgeblich auf einer begrenzten und schwindenden Ressource: Erdöl. Wir müssen also die Abhängigkeit vom Öl senken. Das betrifft vor allem die Mobilität. Da müssen wir Alternativen anbieten: Weg von motorisiertem Individualverkehr, hin zu Fahrrad und öffentlichen Verkehrsmitteln. Die sollen am "Tag des guten Lebens" kostenlos sein, wir sind da in Gesprächen mit den Kölner Verkehrsbetrieben.

Davide Brocchi im Interview mit dem WDR über den "Tag des guten Lebens" in Köln

 

TV-Tipp: Morgen, 29. Januar, 20:15 Uhr ARTE: Dokumentation "Gas-Fieber" im Themenabend "Schiefergas: Segen oder Fluch?" (Dank an C.F.)

Morgen in einem Jahr: Kölner Sonntag der Nachhaltigkeit!

Peak Oil muss als strategisch anzugehender Problemkomplex begriffen werden. Deshalb schauen wir heute 366 Tage voraus und nach Köln. Dort könnte/sollte/wird am 22. September 2013 der "Kölner Sonntag der Nachhaltigkeit" stattfinden. Kein konsumistisches Stadtfest, sondern ein Tag der Entschleunigung und der Besinnung. Die Innenstadt wird für Autos gesperrt, nur postfossile Mobilität ist möglich und macht zugleich Raum frei für Konzerte, Ausstellungen der regionalen Unternehmerschaft, öffentliches Kochen oder Tauschen. Im Jahr drauf könnte dann die RheinEnergie AG für ihren frühzeitigen Atomausstieg gefeiert werden und in 2015 die Einführung einer Mautgebühr für das Kölner Zentrum durch den Stadtrat. Vielleicht verpflichtet sich dann 2016 die Kölner Gastronomie zu einem Verzicht auf Heizpilze.

So oder ähnlich könnte es ablaufen. Im Detail beschrieben hat dieses Konzept der Sozialwissenschaftler Davide Brocchi und damit die Auszeichnung im Bereich Verkehr beim Dialog Kölner Klimawandel erhalten.

Das Konzept ist online lesbar und darf als Inspiration nicht nur für Köln betrachtet werden: Kölner Sonntag der Nachhaltigkeit

Die Kölner Piraten hatten den Urheber Davide Brocchi zu einem Vortrag über sein Konzept eingeladen. Ein Mitschnitt ist online zu sehen:

[youtube GzH4yNP47k8]

Gescheiterte Algenzucht, E-Mobilität ohne Markt, Ölpreisspekulation bei 150 US$

Zum 1.1.2010 waren von 41,7 Millionen PKW in Deutschland gerade einmal 1.588 reine Elektrofahrzeuge. 28.862 Hybrid-PKW waren auf den Straßen unterwegs und 437.945 PKW fuhren mit Flüssig- oder Erdgas. Der Anteil der nicht durch Mineralöl angetriebenen PKWs lag also bei schlichten 1,1% der Gesamtflotte, weiterhin ist der PKW-Verkehr also zu 98,9% von Mineralöl abhängig. Die Zielstellung der Bundesregierung, bis 2020 1 Millionen Elektroautos auf den Straßen zu haben, wird nun in einem STERN-Artikel als Träumerei bezeichnet, denn in 2011 wurden bislang grade mal 1808 Elektroautos angemeldet, wovon nur 101 Stück an Privatpersonen gingen. Offenbar sehen die Hersteller die Entwicklung stark ernüchtert. In Amsterdam will man jedoch weiter mit Elektromobilität vorangehen, der Verkehr der Stadt soll bis 2040 nur noch auf Elektrobasis rollen - bis 2015 sollen es 10.000 sein, bis 2020 sogar 40.000 Elektro-PKW. Amsterdam ist bereits Vorbildstadt was den Radverkehr betrifft.

Ernüchtert ist man auch in Senftenberg, wo eine Algenzucht-Anlage aus dem Vattenfall-Kraftwerk "Schwarze Pumpe" zusätzlichen Treibstoff gewinnen sollte. Der Energieaufwand (ERoEI) für die Abscheidung des für das Algenwachstum benötigten Kohlendioxid aus den Verbrennungsgasen ist zu hoch, die CO2-Ausbeute zu niedrig. Die Anlage steht vor dem Aus und die Algenzucht-Firma ecoduna will sich künftig auf die Gewinnung von Rohstoffen statt auf Energieerzeugung konzentrieren (Nahrungsergänzungsmittel, Tierfutter, Kunststoffe).

Auch wenn der Ölpreis derzeit eher sinkt, erwartet die Händler langfristig offenbar steigende Preise und preisen auch einen Iran-Konflikt schon mit ein - so zumindest sieht es die Financial Times und Bloomberg. Demnach kaufen die Händler heute bereits Optionen, ein Fass Öl im Dezember 2012 zu 150 US$ erwerben zu dürfen. Solche Geschäfte gelten als Absicherung gegen aber auch als Spekulation auf steigende Ölpreise. Morgen trifft sich die OPEC um über ihre Förderquoten zu beraten.

Beim Dialog Kölner Klimawandel hat beim Wettbewerb um die besten Ideen für einen "grünen Masterplan für die Stadt" im Bereich Verkehr die Idee "Kölner Sonntag der Nachhaltigkeit" von Davide Brocchi gewonnen, der sich sehr stark auf Peak Oil bezieht. DIE ZEIT bemüht sich derzeit intensiv um gesellschaftliche Entwürfe "jenseits des Kapitalismus", die sehr oft in Verbindung stehen zum Ölfördermaximum und Ausdruck einer gesellschaftlichen Suche sind:

Nachtrag: C. Neumann wies mich darauf hin, dass die Kündigung des Kyoto-Abkommens durch Kanada mit der Ölproduktion des Landes zusammenhängen dürfte: Der Abbau der Teersande in Alberta ist kaum kompatibel mit der Dämpfung von Kohlendioxid-Emissionen. Ein Plan, ein Importverbot für Öl aus Teersanden zu verhängen, wie es wohl die EU-Kommission vorsieht, dürfte wenig Einfluss haben. Das kanadische Öl wird hauptsächlich auf dem nordamerikanischen Markt verbraucht.