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Öl: Buffett steigt aus, Soros steigt ein. Handelsblatt diskutiert Europas Gas-Knappheit

Anknüpfend an die Erdbeben in der Region Groningen berichtet Benjamin Reuter im Handelsblatt über die Grundsatzfrage der europäischen Gas-Versorgung: Wie soll diese aufrecht erhalten werden, wenn Risiko-Gasförderung wie in Groningen gedrosselt werden muss, während zugleich immer mehr europäische Gasfelder keine nennenswerten Erträge mehr bringen? Eine überzeugend einfache Lösung hat auch dieser Artikel nicht zu bieten, beachtenswert ist aber, dass er nicht an einem Einzelproblem stehenbleibt, sondern den Bogen zur Gesamtversorgung schlägt:

Ging es bisher um die Sicherheit der Gasversorgung in Europa, war meist Russland das Thema. Dabei übersehen viele: Noch abhängiger ist die Europäische Union von der eigenen Erdgasproduktion. Denn fast die Hälfte des Energieträgers, den Verbraucher zwischen Lappland und Sizilien nutzen, kommt aus Norwegen, den Niederlanden und Großbritannien. In Deutschland fließt sogar zu zwei Dritteln europäisches Gas durch die Leitungen.

Aber die Förderraten in West- und Nordeuropa sinken dramatisch: Die Produktion könnte sich im schlimmsten Fall in den nächsten zehn Jahren halbieren. In Deutschland versiegen die aktiven Felder voraussichtlich 2025 komplett.

Währenddessen mehren sich die Berichte, die den Ölpreis über längere Zeit niedrig sehen. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE prognostiziert der ehemalige Energiechef im US-Außenministerium Carlos Pascual, dass der Ölpreis bis Mitte 2016 auf dem heutigen Niveau bleiben könnte. Pascual arbeitet inzwischen als Vize-Chef der Energieberatungsfirma IHS. Der Tenor seines Interviews: Europa solle mehr Terminals ausbauen, mit denen Flüssiggas angelandet werden kann. Seine Ansage, dass dann Norwegen mehr Gas liefern könnte, steht im Widerspruch zum Artikel von Benjamin Reuter, der den Osloer Analysten Harris Utne mit der Aussage zur norwegischen Gasförderung zitiert: "Seit 2010 wurde kein größeres Gasfeld mehr entdeckt." Pascual liegt mit seinen Aussagen auf einer Linie mit der US-Außenpolitik, die seit geraumer Zeit in Richtung Europa drängt, man möge mehr auf Flüssiggas setzen.

In diese Kerbe schlägt auch der jüngste BP Energy Outlook 2035. Die WELT sieht eine Umkehr der Gas-Ströme von bislang Ost nach West nach künftig West nach Ost. Pipelines würden weniger wichtig. Betitelt ist der Artikel mit "Ära der Gas-Supertanker stürzt Russland ins Unglück". Ob die riesigen Gasmengen anderswo auf dem Planeten tatsächlich gefördert werden?

Aufmerksamkeit bekam dieser Tage die Meldung von Warren Buffets Investmentfirma Berkshire Hathaway, die bis Dezember alle Anteile an ExxonMobil und ConocoPhillips verkauft hatte. Als Begründung wurde der niedrige Ölpreis nachgereicht. Ganz aus dem Sektor hat sich der Investmentriese aber nicht zurückgezogen, am kanadischen Ölsand-Förderer Suncor Energy hat die Firma ihre Anteile sogar aufgestockt, auch an National Oilwell Varco ist Buffett weiter beteiligt. Insofern stellt der Rückzug keinen grundsätzlichen Rückzug aus der Branche dar. Einen Tag nach der Bekanntgabe von Buffetts Devestment explodierte nahe Los Angeles eine Exxon-Raffinerie, die einen Tagesdurchsatz von 155.000 Barrel pro Tag verarbeiten kann. Die Stahlarbeiter-Gewerkschaft fühlt sich in ihren Befürchtungen hinsicherlich der Sicherheitsstandards in der Branche bestätigt.

Während Buffett bei Exxon und ConocoPhillips aussteigt, steigt George Soros bei Devon Energy und Transocean ein. Das Manager-Magazin findet diese gegensätzliche Positionierung der beiden "Investment-Riesen" bemerkenswert. Allerdings sind die Größenordnungen sehr unterschiedlich: Während Buffett seit September 3,7 Milliarden Dollar abzog, steckte Soros 24,4 Millionen Dollar rein. Da liegt also eine Größenordnung von 100:1 dazwischen.

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Erdgas-Beben in Groningen: Gebäudesanierung kostet 6,5 Mrd. Euro

Das Groningen-Erdgasfeld im Norden der Niederlande ist das größte Europas und das zehntgrößte der Welt. Entdeckt 1959 und befördert seit 1963 wird es seit ersten Erdbeben ab 1986 verdächtigt, für zahlreiche Erdbeben verantwortlich zu sein. Oder besser gesagt: Die Gasförderung aus diesem Feld. Das jüngste Erdbeben ereignete sich zwischen Weihnachten und Neujahr. Eine Bebenstärke von 2,8 auf der Richterskala wurde gemessen.

Titelte das Oil&Gas-Journal zum 50jährigen Entdeckungsjubiläum 2009 noch, das "Groningen-Gasfeld werde weitere 50 Jahre Gas bereitstellen", so wurde die Kürzung der Förderung Anfang 2014 durch die niederländische Regierung beschlossen. Nun berichtet der Telegraaf basierend auf einem Ingenieur-Bericht, dass Ertüchtigung von 30.000 bis 90.000 Gebäuden in der Region notwendig ist, um den zahlreichen Beben zu widerstehen. 6,5 Milliarden Euro könnte der Umbau kosten. Beauftragt wurde die Studie vom niederländischen Wirtschaftsminister Kamp, nachdem 2012 ein Beben von der Stärke 3,6 gemessen wurde. Laut Telegraaf hatten Seismologen solche Bebenstärken zuvor nicht für möglich gehalten und kamen danach zu dem Schluss, dass die durch die Gasförderung ausgelösten Beben stärker sein könnten, als gedacht. Der Umbau der Häuser ist ein Mega-Unterfangen, bei dem die Region von zahlreichen Baugerüsten geprägt sein dürfte und bei dem die Bewohner zumindest zwischenzeitlich ihre Wohnungen verlassen müssen.

Bis 2013 erzielte die niederländische Regierung Erlöse von ca. 12 Milliarden Euro jährlich aus dem Gasfeld. Durch die angestrebten Förderkürzungen von 49 bis 54 Millionen Kubikmeter auf bis zu 40 Millionen Kubikmeter in 2016 sinken die staatlichen Erlöse vorausichtlich um 600 Millionen Euro in 2014, 700 Millionen in 2015 und 1 Milliarde ab 2016. Über 2 Billionen Kubikmeter Gasvolumen wurden der Erdkruste in der Region seit Förderbeginn entnommen. Kaum verwunderlich, dass sich die Erdkruste neu "zurechtbewegt". Ob die Förderkürzung tatsächlich auch die Beben reduziert muss sich erst noch zeigen. Das Beben zum Jahreswechsel verdeutlicht, dass die Erdbeben nicht einfach aufhören, weil man weniger Gas entnimmt. Zu den schrumpfenden Fördererlösen kommen nun also noch zusätzliche Milliardenausgaben für die Ertüchtigung der Gebäude in der Region. Das Verhältnis zwischen Staatsschulden und Wirtschaftsleistung stieg von 58,5% in 2009 auf 73,5% in 2014, Mindereinnahmen und Zusatzausgaben verschärfen das Schuldenproblem.

Die Niederlande erreichten ihr Ölfördermaximum 1994 und ihr Gasfördermaximum 1996. Das Land ist dennoch der elftgrößte Gasförderer der Welt und lieferte 2013 mehr als ein Viertel der deutschen Gasimporte. Die Niederländische Regierung erließ im Dezember ein Fracking-Moratorium, was es bis 2016 verbietet, Fracking-Aktivitäten vorzunehmen. Diese Haltung verwundert angesichts der Erdbeben-Frage nicht, wird doch auch Fracking für Erdbeben verantwortlich gemacht.

(Dank an Jurriaan)

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