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Sind steigende Ölpreise wirklich so schlecht?

TheOilDrum.com brachte dieser Tage einen interessanten Artikel von Tobias Rasmussen und Agustin Roitman, Mitarbeiter des Internationalen Währungsfonds, die den Zusammenhang zwischen steigenden Ölpreisen und dem Bruttoinlandsprodukt der einzelnen Länder untersucht haben. Ihr unerwartetes Fazit: Steigende Ölpreise sind nicht unbedingt schlecht für die Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts - selbst bei Importländern. Ihre Erklärung: Die Kaufkraft, die durch steigende Ölpreise von den Öl-Importeuren zu den Öl-Exporteuren "gesaugt" wird, fließt in Form neuer Aufträge in die Importländer zurück. Diese exportieren im Gegenzug also heimische Produkte, um ihren Ölimport zu finanzieren. Dies löst verstärkte wirtschaftliche Aktivitäten aus, die sich in einer Steigerung des Bruttoinlandsprodukts niederschlagen.

Dass steigende Ölpreise sich auf die Ölexporteure positiv auswirken, ist leicht nachvollziehbar. Dass der Sog der Preissteigerungen aber auch die wirtschaftlichen Aktivitäten der Ölimporteure mitzieht, ist ein eher neuer Gedanke. Über 80% der Länder weltweit reagierten demnach auf Ölpreissteigerungen seit den 1970ern positiv, unter den 20% mit negativen Auswirkungen sind von den Industrienationen nur die USA und Japan - deren pro-Kopf-Verbräuche relativ hoch sind. Nur für das Jahr nach einem Ölschock wurden senkende Auswirkungen auf das Bruttoinlandsprodukt für eine kleine Mehrheit der untersuchten Länder festgestellt.

In ihrem Vorhersagemodell kommen die Autoren zu folgendem Schluss: Je höher die Ausgaben für Öl, umso höher jedoch der negative Effekt in den ersten zwei Jahren. Ein 25%iger Preisanstieg hätte also grade mal eine BIP-Senkung um 0,3% pro Jahr zur Folge. Ein Land, welches mehr als 4% des Bruttoinlandsprodukts für Ölimporte ausgibt, wäre allerdings schon mit 0,8% betroffen, bei 5% BIP-Ölausgaben schrumpft das BIP mit über 1% pro Jahr. Mit etwa 2jähriger Verzögerung wirkt sich in diesem Modell der Ölpreisanstieg für die Ölexportländer positiv aus.

Der Tenor der Analyse, dass steigende Ölpreise wenig Einfluss auf das Wirtschaftsgeschehen haben und sich sogar positiv auswirken können, ist aus mehreren Gründen kritisch zu sehen:

  • Das Wirtschaftswachstum selbst sagt wenig über den (gefühlten) Wohlstand der Bevölkerung aus. Wie wir wissen, steigern auch gebrochene Beine und abgefackelte Wälder das BIP, da Ärzte und Forstwirte dann mehr zu tun haben. BIP-Steigerungen bedeuten nicht zwingend mehr Wohlstand. Insbesondere die unterschiedliche Belastung unterschiedlich aufgestellter Bevölkerungsgruppen bleibt bei obiger Analyse außen vor: Ärmere Familien können sich steigende Ölpreise weniger leisten als finanziell gutgestellte - ein steigendes BIP nützt ihnen jedoch höchstens indirekt.
  • Eine Steigerung des Ölpreises um 25% ist angesichts der zurückliegenden Preisentwicklung kaum aussagekräftig. Allein zwischen Mitte 2009 und Anfang 2011 stieg der Ölpreis von 70 auf 100 US$, also um 43%. Davor brach er innerhalb eines halben Jahres (2008) um 75% ein. Von Anfang 2011 bis Anfang 2012 ist eine 20%ige Steigerung passiert, allerdings ausgehend von 100 US$. Erneute 25% würden das heutige Preislevel auf über 150 US$ anheben. Es ist fraglich, ob die historisch relativ sanfte Preisentwicklung in einem offenbar stark volatilen Peak-Oil-Umfeld realistisch ist.
  • Es ist kaum vorstellbar, dass Länder wie Griechenland von steigenden Ölpreisen profitieren: Bereits angeschlagene Volkswirtschaften würde eine Ölpreissteigerung ganz sicher nicht zu mehr Wirtschaftsaktivitäten verhelfen, sofern sie nicht konkret aus der Substitution des Rohstoffs Öl resultieren. Allgemein stellt sich die Frage, wie zwei zusammenkommende Krisen sich gegenseitig beeinflussen: Eine Krise im Öl- und im Finanzsektor könnte sich sehr viel stärker negativ auswirken, als dies die Analyse suggeriert.
  • Aus Sicht der Resilienz-Entwicklung sind stärkere Exportaktivitäten zur Finanzierung der Ölimporte nicht wirklich hilfreich! Sie verstärken die Abhängigkeiten nur: Nicht nur vom Ölimport sind die Länder dann abhängig, sondern zugleich vom Produktexport. Das Import-Export-Gleichgewicht  könnte durch Störungen ausgehebelt werden, was die Lage nicht besser macht.

Fazit: Die Rückwirkung der durch Ölimporte abgeflossenen Kaufkraft fördert durchaus die Exportwirtschaft und damit die gesamtwirtschaftliche Lage. Diesen Aspekt gilt es künftig genauer im Auge zu behalten. Es gibt jedoch diverse Entwicklungen, die eine Gesamtaussage "Steigende Ölpreise sind gut für die Wirtschaft" infragestellen.

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3 Kommentare to “Sind steigende Ölpreise wirklich so schlecht?”

  1. Tom Schülke sagt:

    Was erkennen wir daraus ? Man muß schon im Detail nachschauen, was die Folgen einer Ölpreissteigerung sind. Es ist zwar überraschend, dass es „auch“ positive Effekte geben kann, jedoch scheinen mir die wirtschaftskrisen der Siebziger Jahre ganz klar zu zeigen, dass hier ganz andere Auswirkungen überhand nehmen.

    War es nicht so, dass von den 10 stärksten Rezessionen des letzen Jahrhunderts, 8 oder 9 sehr deutlich mit Ölpreisspitzen korrelieren ?

    Der Positive Effekt wird also wahrscheinlich nur dann deutlich sein, wenn der Preisanstieg moderat ist und die Wirtschaft zeit für Anpassungen hat.

    Ein anderes Element ist meine ich vor allem die Frage ob ein Ölpreisanstieg nur ein Preisanstieg ist , oder ob dieser durch eine Verknappung am Markt ausgelöst wurde. Mangels echter alternativen zum Öl glaube ich dass dieses das eigentliche Problem ist, das kaum ausgeglichen werden kann. zumindest mittelfristig.

    gruß Tom

  2. Marcus Kracht sagt:

    Typisch Wirtschaftler! Der Preis sagt natürlich gar nichts, nur die Preisrelationen. Und natürlich interessiert den Makroökonomen nicht, was eigentlich produziert wird. Aber das nur am Rande.

    Ein steigender Preis bedeutet im Endeffekt, dass mehr Leute im Ölsektor arbeiten (warum sonst sollte es, von Knappheit abgesehen, teurer werden). Wirtschaftlich gesehen ist das mindestens für die Erzeuger gut, nur heißt dies, dass die Erzeugung von Energie sich verteuert. Wie mans auch dreht und wendet, für gewisse andere Dinge ist dann aber kein Geld mehr da.

  3. Sukram sagt:

    Die Logik erschließt sich mir auch nicht so recht…

    Soviel können die Scheichs gar nicht verlustieren, um, als Beispiel, unsere vom Export abhängige Volkswirtschaft merklich zu stützen; deren Garagen sind schon voll, und wozu brauchen die Werkzeugmaschinen?

    Das ist alles „altes Denken“: Mehr Umsatz, Mehr Verbrauch würden die Scharten schon auswetzen.

    Jedenfalls gibt die Welt jetzt wieder rd. 4,8% ihres BIP für’s Öl aus- das war 2008 in derselben Gegend. Und wie wir heute wissen, rutschen die USA schon Ende ’07 in die Rezession.
    Dann konnten sie nicht mehr ihre Hypotheken bezahlen- die auslösende Detonation für die Lawine…

    aber diesmal ist die Weltwirschtaft noch von der letzten malträtiert- Fannie Mae & Freddie Mac hängen doch wohl auch noch in den Seilen ;-)

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