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Iran: Der angekündigte Krieg

Im Konflikt zwischen Israel, den USA und dem Iran verschärft sich die Situation. Das israelische Militär testete jüngst ein Warnsystem, indem Mobilfunknachrichten über mögliche Raketenangriffe an die israelische Bevölkerung verschickt wurden. Auch wurde die Bevölkerung aufgefordert, sich mit Gasmasken auszustatten und ein (anonymes, aber wohl dem Verteidigungsminister zuzuordnendes) Haaretz-Interview spricht sich für einen Präventivschlag noch vor den US-Wahlen am 6. November aus. Ministerpräsident Netanjahu hat den ehemaligen Chef des Inlandsgeheimdienstes Avi Dichter zum neuen Minister für Zivilverteidigung berufen. Proteste gegen einen möglichen Krieg sowie die Sorge, dass Israel von verschiedenen Seiten angegriffen werden könnte, mischen sich in die Berichterstattung.

Das Pentagon hat Iran vorgeworfen, sich in den syrischen Konflikt durch die Ausbildung von Kämpfern einzumischen. Eine ähnliche Einmischung passiert jedoch auch auf seiten der Assad-Gegner durch arabische und westliche Staaten. Hierzulande sind solche Meldungen sicherlich auch geeignet, einen Waffengang gegenüber dem Iran zusätzlich zur atomaren Bedrohung zu rechtfertigen. Die BiLD-Zeitung titelt "Iran-Krieg noch in diesem Jahr?" und verweist auf eine Kalkulation des Verteidigungsministers, der im Ernstfall mit 500 Toten auf israelischer Seite erwartet. Offenbar befürchtet man auch (Gas-)Angriffe von Seiten der Hisbollah, die vom Libanon aus operiert. Iran gilt innerhalb der arabischen Liga als isoliert, das Verhältnis zum ebenfalls ölreichen Venezuela ist demgegenüber stabil.

Die Gemengelage im arabischen Raum wird noch chaotischer, weil der Irak dem fanzösischen Öl-Konzern Total sowie Chevron und ExxonMobil Ultimaten gesetzt hat, keine separaten Verträge mit dem kurdisch dominierten Norden Iraks abzuschließen. Irak und Iran waren in den vergangenen Jahrzehnten mehrmals in Kriege verwickelt und die Türkei versucht seit langem die kurdische Minderheit zu kontrollieren und eine Abspaltung der kurdischen Gebiete zu verhindern. Genau das will der Irak auch mit seinem Ultimatum an Total verhindern: Ein unabhängiges aber ölreiches Kurdistan. Die Türkei wiederum ist sehr nah am Konflikt in Syrien dran: Die Türkei hält vermutlich eine Militärbasis für die syrischen Rebellen bereit, hat ein Manöver im Grenzgebiet zu Syrien durchgeführt und ist Auffanggebiet für viele syrische Flüchtlinge. Kurdischstämmige Menschen leben auch in Syrien. Ein türkischer Politiker ist nun auch noch im kurdischen Einflussbereich entführt worden.

All das spielt sich innerhalb der sogenannten Strategischen Ellipse ab, der geografischen Region, in der die meisten verbliebenen Öl- und Gasreserven auf diesem Planeten liegen. Irans Ölreserven gelten als die viertgrößten weltweit, die Gasreserven sind die zweitgrößten laut CIA-Factbook. Zusammengefasst: Iran sitzt auf den zweitgrößten fossilen Energiereserven des Planeten, angesichts limitierter Vorkommen ein Schatz, der so manchem einen Krieg wert sein könnte. Die geopolitischen und sicherheitspolitischen Auswirkungen dieser Tatsache hat vor 2 Jahren die Bundeswehr-Studie zu Peak Oil sehr anschaulich beschrieben, leider haben es die Aussagen dieser Studie bislang nur in kleinen Dosierungen in die öffentliche Diskussion geschafft. Eine Bewertung der Konflikte im arabischem Raum ohne die geopolitische Sichtweise aus dem Blickwinkel des Peak Oil muss unzureichend bleiben.

Öl spielt im arabischen Raum eine extreme Rolle. Laut OPEC fördert der Irak jetzt wieder mehr Öl als der Iran: 3,2 Millionen Fass pro Tag sollen es sein, während die iranische Förderung im Rahmen des Öl-Embargos auf 2,8 Millionen Fass sank. Der Iran erlebt daher derzeit einen zweiten Peak: Der erste löste die Ölkrise 1973 aus:

Die Auswirkungen des Öl-Embargos von EU und USA sind beträchtlich. Eine Abwertung des Rial um 30% wird erwartet, offiziell bekommt man für einen US-Dollar 12 Rial, auf dem Schwarzmarkt sind es bereits 20. Eine erste Versorgungsknappheit bringt die geistige Führung des Landes dazu darüber nachzudenken, ob die Bevölkerung wirklich Früchte und Süßigkeiten für Partys kaufen sollte. Ajatollah Kamenei soll die ölbasierte Wirtschaft des Landes als "Falle" bezeichnet haben, aus der es sich zu lösen gilt. Meint er mit einem Lösungs-Weg auch Atomkraftwerke? Solaranlagen? Oder stärkere Binnennachfrage?

Der italienische Ölkonzern Eni hat währenddessen Probleme, Öl aus dem Iran zu beziehen. Es findet sich z.B. keine Versicherung, die die Lieferungen versichert. Das ist angesichts der möglichen militärischen Auseinandersetzung auch kein Wunder. Die US-Truppenpräsenz am persischen Golf, die Gerhard Piper für Telepolis aufgeführt hat, lesen sich wie ein Rüstungskatalog. Die Drohung des Iran, die Seestraße von Hormuz zu verminen und damit den Durchgang für Öl- und Gastanker zu sperren, schwebt als Damoklesschwert über allen Öl- und Gasverbrauchern weltweit. Angesichts der Ankündigungen in Funk und Fernsehen zu einem bevorstehenden Waffengang sowie des bestehenden Öl-Embargos wäre es für jede Versicherung ein hohes Risiko, iranische Tanker zu versichern. Indien importier trotz Embargo iranisches Öl und hat jetzt eine Staatsgarantie für Tanker-Versicherungen abgegeben. Laut RIANovosti stellt Japan 7,6 Milliarden US$ (!) für Versicherungen für iranische Öltransporte zur Verfügung, was eine enorme Summe wäre, um die Ölversorgung Japans zu gewährleisten. Die Risikoprämie schlägt sich bereits an den Ölmärkten nieder. Binnen anderthalb Monaten stieg der Ölpreis um über 20% und hat sich jetzt wieder über 110 US$ pro Barrel festgesetzt. "Rohöl: Stark dank geopolitischer Risiken" nennt das dann die Investmentbranche. Wegen der Euro-Krise und der daraus resultierenden Abwertung des Euro gegenüber dem Dollar fallen die Kosten für Europas Ölverbraucher auch gleich mal 20% höher aus als vergangenes Jahr bei gleichem Ölpreisniveau:

Am Terminmarkt, so Steffen Bukold auf Energiepolitik.de, liegt der Preis für Lieferungen im September höher als der für Lieferungen im Oktober oder November. Ist da eine "Kriegsprämie" sichtbar? Eine Risikoprämie würde zweifellos gedrückt, wenn die IEA die strategische Ölreserve auf den Markt wirft, was für den Fall einer Hormuz-Blockade bereits angekündigt wurde. Ersetzen könnte die Reservenfreigabe eine Totalsperrung der Meeresenge jedoch nicht: Immerhin laufen dort ein Drittel des weltweiten Ölverbrauchs durch. Ein Krieg würde daher die Ölpreise leicht in Größenordnungen von 200 US$ und darüber heben können, eine nennenswerte Sperrung der Seestraße würde Preisniveaus möglich machen, die extreme Auswirkungen auf die ökonomischen Vorgänge weltweit hätten.

Selten zu hören sind Stimmen wie von Dr. Friedemann Müller, der von seiner energiepolitischen Reise nach Iran berichtet und das Land als "unerkannten Riesen" bezeichnet. Sein Artikel zeigt, dass man auf das Land auch mit anderen Augen schauen kann.

 

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4 Kommentare to “Iran: Der angekündigte Krieg”

  1. charlie sagt:

    Wann werde ich endlich in einer intelligenten Welt ohne jüdisch-christlich-muslimisch-kapitalistisch-kommunistisch-faschistischen Blödsinn leben können?
    Geht lieber Karotten und Bäume pflanzen, ihr verfluchten Mannsbilder überall!!!

    • steffomio sagt:

      Sorry, aber das Chaos kommt zur Zeit gerade deshalb zustande, weil gerade die weibliche Emanzipation im Hintergrund die Geschicke leitet. Tatsächlich sind in der Geschichte die meisten Kriege deshalb entstanden, weil sich die Männerschaft von der Frauenwelt hat beeinflussen lassen.

      Da ist es besser, sich demütige Frauen und willensstarke Männer zu wünschen. ;)
      Aber das die Frauenwelt am allerwenigsten demütig ist, sieht man schon an deren „Verkleidung“. Trauriger weise hat sich mittlerweile sogar die Männerschaft zu diesem seltsamen verhalten anstiften lassen.

      Nun denn, wenn die „Bereinigung“ durch das Öl-Ende abgeschlossen ist, werden die „Übrigen“ zu solch einem Unsinn sicher auf lange Zeit hin keine Lust mehr haben.

  2. Sukram sagt:

    Versteh‘ ich nicht:

    Wieso sollte ENI trotz des Embargos iranisches Öl importieren dürfen?
    ***

    Iran needs oil at $127 to balance budget

    http://gulfnews.com/business/economy/iran-needs-oil-at-127-to-balance-budget-1.1060815

  3. […] die Situation weiterhin ist. Im Iran gibt es offenbar genauere Planungen, wie man die Straße von Hormuz sperren könnte, SPIEGEL ONLINE berichtet von einem absichtlich herbeigeführten […]

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