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Wirtschaftswoche auf dem Holzweg

Wenn es einen Preis für schlechte Zeitungsqualität gäbe (z.B. "Die gerupfte Ente"), hätte die Wirtschaftswoche dank Benjamin Reuter grade ein paar frische Punkte gesammelt:

Unter dem Titel "Wirtschaftswoche Green" sammelt das Blatt in Blog-Manier Meldungen über die "grüne Wirtschaft". Zitat aus "über uns":

"Wir stellen die spannendsten Technologien vor, porträtieren die kühnsten Visionäre und zeigen, welche Unternehmen am mutigsten vorangehen."

Warum in diesem Themenkomplex überhaupt ein Artikel zur Öl- und Gasförderung in der Nordsee plaziert wird, die mit "visionärem Tun" von "mutigen Unternehmen" in "grüner Wirtschaft" ungefähr soviel zu tun haben dürfte, wie Hartmut Mehdorn mit "erfolgreichem Management" - das ist die eine Frage. Warum der Autor aber die Nordsee-Ölförderung hochschreibt, die andere. Tenor des Artikels: Die Mengen an Öl aus der Norsee werden wieder steigen, denn die britische Regierung hat Steuererleichterungen für Ölfirmen beschlossen. Beleg für die kommenden Erfolge: Die steigenden Investitionssummen in Neuentdeckung und Erschließung von Öl- und Gasfeldern: 11,4 Milliarden britische Pfund wurden wohl 2012 investiert, 2013 sollen es schon 13 Milliarden Pfund sein. Basieren tun diese Informationen auf einer Verlautbarung von OilAndGasUK.uk.co, dem Portal der britischen Öl- und Gasindustrie.

Was der Autor ungenannt läßt: Die britischen Ölfirmen freuen sich, dass erst durch die Steuerkürzungen manche Ölvorkommen überhaupt wirtschaftlich werden. Normalerweise würde man so etwas "Subvention" nennen: Denn wenn sich ein Projekt nur rechnet, weil Privilegien gewährt werden, ist das (in)direkte Staatsunterstützung. Üblicherweise wird so etwas in Wirtschaftsmagazinen mit spitzen Fingern angefasst. Interessant wäre gewesen, wenn die Wirtschaftwoche mal kritisch beleuchtet hätte, warum denn der Ölsektor plötzlich staatliche Stützung braucht oder wie hoch der Spritpreis sein müßte, damit sich Ölexploration auch mit Staatsabgaben lohnt. Ebenfalls ohne kritische Beleuchtung bleibt, dass die Ölindustrie die Zahl der Explorationsbohrungen von jeweils 21 in den vergangenen 3 Jahren nun auf 130 Bohrungen über die nächsten 3 Jahre (=43 pro Jahr) verdoppeln will und ob es realistisch ist, dadurch jene Ölmengen zu finden, die man braucht, um das Förderniveau tatsächlich zu erhöhen. Suggestive Zwischenüberschriften im Artikel, nach denen es nur eine Frage des Willens der Unternehmen ist, die alten Förderniveaus wieder zu erreichen ("Die Förderraten sollen das alte Niveau erreichen"), täuschen Planungssicherheit in einem höchst unsicheren Gewerbe vor. Auf 2 Millionen Barrel pro Tag will die Förderindustrie die britische Ölförderung wieder bis 2017 steigern von einem 2012er Niveau von 1,55 Millionen Barrel pro Tag. Ob das möglich ist und wieviel eigentlich 2 Millionen Barrel Tagesförderung sind, erfährt der Leser nicht. 2 mb/d schaffte die britische Ölindustrie zuletzt 2004/2005, das Fördermaximum lag jedoch noch 1 Million Barrel höher: Bei 2,98 mb/d im Jahr 1999. "Das alte Niveau" wird Großbritannien wohl nie wieder erreichen, das schreibt selbst der ENI-Manager Leonardo Maugeri in seinem Fracking-Manifest.

Als Beleg für einen neuen Ölrausch in Norwegen nennt der Autor die gestiegenen Lebenshaltungskosten in Küstenstädten wie Stavanger. Ob diese Interpretation korrekt ist, ist fraglich: Schließlich ist beispielsweise auch in Hamburg grade Mietwucher salonfähig, woraus man schwerlich schließen kann, dass die deutsche Nordseeküste von frischen Ölbohrrekorden heimgesucht wird. Norwegen fördert auch nicht, wie der Artikel besagt, derzeit zwischen 2 und 3 Millionen Barrel am Tag. Der Tagesschnitt 2012 lag (bis November) bei 1,9 Millionen Barrel täglich, was 5,2% unter dem Tagesschnitt von 2011 ist. Im November 2012 lag die Tagesförderung nur bei 1,8 Millionen Barrel. Die Kassen des norwegischen Ölfonds sind so gut gefüllt, dass neue Explorationsinvestitionen eigentlich keine finanzielle Limitierung kennen sollten - aber offenbar ist es nicht so einfach, Geld in Öl zu verwandeln.

Tagesförderung Norwegens bis November 2012 + Trendkurve (rot)

Tagesförderung Norwegens bis November 2012 + Trendkurve (rot)

Tröstlich ist das Fazit des Artikels, untröstlich jedoch, dass nach der vorangegangenen Lektüre kaum ein unbedarfter Leser verstehen dürfte, warum wir nicht nur eine Atom- sondern auch eine Ölausstiegstrategie brauchen:

Ob der neuerliche Boom der Fossilen in der Nordsee das Ende des Ölzeitalters deutlich hinauszögern wird? Sicher nicht, denn verglichen mit den Vorkommen in den Ölstaaten des Nahen Ostens sind die Reserven zu klein. Der derzeitige Aufschwung taugt deshalb eher als schlechte Entschuldigung, die nötigen Anpassungsmaßnahmen an das Ende des Öls weiter hinauszuschieben.

Herr Reuter: Bitte nochmal versuchen!

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9 Kommentare to “Wirtschaftswoche auf dem Holzweg”

  1. eliso sagt:

    We Live In An Age Of Energy Abundance:

    http://www.fatcat.com.au/news/home/Investment/951_0.html

    keine fundierten Hintergrunddaten…aber ist ja auch BP…

    Wer will darauf was schreiben ? : )

    • Norbert Rost sagt:

      @eliso: Nur zu, schreib mal was! :-) Platz zum Veröffentlichen ist hier genug, fundiert darf es sein, gern auch meinungsstark, aber bitte nicht persönlich werden oder tendenziös.

  2. eliso sagt:

    zum Glück gibts Le Monde diplomatique:

    The great oil swindle:

    http://mondediplo.com/2013/03/09gaz

  3. Warum die Ölbranche Staatliche Stütze braucht?
    Weil die Annahme nicht aufgeht, dass mit steigenden Kraftstoffpreisen durch Angebotsmangel den Ölfirmen mehr Geld für bessere Techniken in den Schoß fällt.

    Tatsächlich zertrümmern höhere Kraftstoffpreise die Wirtschaft, was die Nachfrage senkt und damit auch die Preise.
    Somit löst sich der Traum von wundersamen neuen Techniken dank Ölmangel in Luft auf.

    Spätestens bei dieser unangenehmen Erkenntnis sollte einem klar werden, dass die Ölbranche genauso „Systemrelevant“ ist wie die Banken und entsprechend unterstützt werden – auf Kosten des Steuerzahlers natürlich.

    Das wiederum bedeutet, dass die „Systemrelevanten“ Konzerne den Staat wie einen prügelnden Geldeintreiber vor sich her schieben werden — so sicher wie das Amen in der Kirche. Denn in noch relativ kleinem erträglichen Maße tun sie es jetzt schon.

  4. Sukram sagt:

    Wir liegen anscheinend alle falsch-
    „Norweger jubeln über riesigen Gas- und Ölfund in Barentssee“ titelt Ria Novosti ;-)

    http://www.brennstoffspiegel.de/energiemarkt.html?newsid=14616&title=Norweger+jubeln+%C3%BCber+riesigen+Gas-+und+%C3%96lfund+in+Barentssee&start=0

    Reicht (heute) bei 60% Entölungsgrad keine 2 Wochen für die Welt.

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