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1973-2013: 40 Jahre Ölkrise

Am 16. Oktober 1973 beschlossen die Länder des Ölförderkartells OPEC, ihre Ölförderraten zu kürzen. Sie griffen damit in den Jom-Kippur-Krieg ein, der mit einem Überraschungsangriff Syriens und Ägyptens auf Israel am 6. Oktober begann. Israels Gegenoffensive startete am 15. Oktober, am 26. Oktober endete der Konflikt nach einem Waffenstillstandsabkommen. Die Förderkürzung sollte insbesondere Unterstützer Israels treffen, vor allem die USA. Der zweiteilige Einsatz der Ölwaffe sah vor, die Ölexportmengen um 5% pro Monat zu kürzen und zudem einen Lieferstopp an die USA, die Niederlande (wegen des Umschlaghafens in Rotterdam), Portugal, Südafrika und Rhodesien zu verhängen. Am 17. Oktober stieg der Ölpreis von 3 auf 5 US$, also um 70% binnen eines Tages. Von Oktober bis Dezember 1973 sank die Tagesförderung in den arabischen Staaten von 20,8 auf 16,4 Millionen Barrel. Die Differenz entsprach 14% des Exportmarktes, bei einer jährlich um 7% steigenden Nachfrage (siehe: Steffen Bukold: Öl im 21. Jahrhundert, Band I). Dieses Ereignis brannte sich unter dem Stichwort "1. Ölkrise" ins kollektive Bewusstsein und jährt sich 2013 zu 40sten Male.

Deutschland bezog bis dahin 75% der Öleinfuhren aus arabischen Ländern. Die damalige Importquote betrug 55% des Bedarfs - heute importiert Deutschland 98% seines Ölbedarfs. Autoindustrie und Automobilzulieferer litten besonders. Während der Autoabsatz von 1973 bis 1974 um 24% einbrach, verkaufte die Fahrradindustrie 25% mehr Räder. Die Haushalte veränderten ihre Nachfrage, während sich die Arbeitslosenquote von 2,2% (1973) auf 4,2% (1974) mehr als verdoppelte (Quelle). Am 9. November 1973 erließ der Bundestag das sogenannte "Energiesicherungsgesetz". Es sah Maßnahmen vor, um die Ölkrise steuerbar zu machen und kurzfristige Einsparungen zu ermöglichen: Fahrverbot, Tempolimit, Rationierung der Abgabemengen von Treibstoffen. Das "Gesetz über die Gewährung eines einmaligen Heizölkostenzuschusses" sollte dem vorsorgen, was wir heute "Energiearmut" nennen: Für Wohngeld-Bezieher gab es maximal 300 Mark pro Haushalt für den Heizzeitraum von Oktober 1973 bis  April 1974 (siehe http://www.bgbl.de/Xaver/media.xav?SID=anonymous3614581881218&bk=Bundesanzeiger_BGBl&name=bgbl%2FBundesgesetzblatt%20Teil%20I%2F1973%2FNr.%20110%20vom%2029.12.1973%2Fbgbl173s1985.pdf)

Das Sonntagsfahrverbot ist wohl die bekannteste Wirkung der Ölkrise in Deutschland. Dieses Ereignis ist insofern bemerkenswert, als dass Deutschland heute weltweit das einzige Land ist, auf dessen Autobahnen abschnittsweise ohne jegliche Geschwindigkeitsbegrenzung gefahren werden darf. Das zugehörige Gesetz sah damals grundsätzlich mehr als den Sonntag vor, nur für den Fall einer weiteren Verschärfung der Krise. Letztlich gab es nur 4 Sonntage, an denen nur Fahrzeuge mit Sondergenehmigungen fahren durften (25.11., 2.12., 9.12., 16.12.), die Zahl der Ausnahmegenehmigungen nahm offenbar jedoch mit jedem Sonntag rapide zu. In Erinnerung wird den damals lebenden bleiben, dass Radtouren und Spaziergänge auf Autobahnen und Straßen möglich waren.

Die Ölkrise sorgte jedoch, wie letztlich an den steigenden Arbeitslosenzahlen ablesbar (Beispiel: Bremen), für diverse Einschränkungen und Änderungen in der Wirtschaft. Die Luftfahrt erhob  Treibstoffzuschläge auf Flugreisen, Industrieunternehmen drosselten ihre Produktion, was zu Kurzarbeit und Entlassungen führte. Es kam zu Hamsterkäufen, zu einem Anstieg des Goldpreises, zu Fahrgemeinschaften (mit entsprechenden Versicherungsfragen), zu einem Rückgang im Tourismus (vor allem Sonntags) (Quelle) sowie zu einem Anwerbestopp für Gastarbeiter. Der Opel Kadett wird damals erfolgreich: Weil er "nur" 6 Liter auf 100 km verbraucht. Auch in Österreich gibt es ein Tempolimit vom 100 km/h, einen autofreien Tag (mit Pickerl), Energieferien. Bundeskanzler Bruno Kreisky rief Männer auf, sich energiesparend nass zu rasieren. In der DDR kam die Ölkrise aufgrund unterschiedlicher Verrechnungsmethoden im RGW erst Anfang der 1980er an. Die Reaktion war unter anderem ein Rückbau von Diesel- auf Kohleloks, Devisen-Kredite und Devisenbeschaffungsgeschäfte sowie vermehrter Braunkohleeinsatz.

Mittelfristig führte die erste Ölkrise in Europa zum Ausbau der europäischen Öl- und Gasförderung in der Nordsee, zu vermehrten Ergasgeschäften mit der UDSSR und dem Ausbau der Atomenergie. Es kam zu einem Zinsanstieg durch kreditfinanzierte Ausgabenpolitik der Bundesregierung (Kreditnachfrage stieg) und monetaristischer Inflationsvermeidungsstrategie der Bundesbank (Verknappung der Geldmenge). Das BIP-Wachstum lag 1974 nur knapp über der Nulllinie. 1974 gründeten die OECD-Länder dann die Internationale Energieagentur, die heute durch ihre jährlichen Berichte auf sich aufmerksam macht und deren Mitgliedsländer alle eine strategische Ölreserve von mindestens 90 Tagen vorrätig halten sollen.

Eine Ölkrise wie die von 1973 kann prinzipiell jederzeit erneut auftreten. Auch wenn sich das politische Verhältnis zwischen den OPEC-Ländern und den Ölimportländern relativ entspannt hat, zeigt der "arabische Frühling" deutlich, dass politische Stabilität anders aussieht. Das Beispiel des Cyber-Angriffs auf Saudi Aramco zeigt nicht nur die Verletzlichkeit der Ölförder- und -verteilungsstrukturen, sondern auch, dass die Ölwaffe nicht allein in den Händen der Öllieferländer ist, sondern in Teilen auch von Terroristen gern bedient wird. Wir dürfen vermuten, dass die heutigen Wirtschafts- und Gesellschaftsstrukturen sehr viel anfälliger für Ölschocks sind, da sowohl der Technisierungsgrad wie auch die globalen Verquickungen zugenommen haben und damit Störungen im Ölzufluss noch intensivere Wirkungen nach sich ziehen dürften. Durch das Überschreiten des (konventionellen) Ölfördermaximums verengt sich der Ölmarkt. Auch kleinere Versorgungsstörungen können nun zu spürbaren Preissteigerungen führen. Angesichts der absoluten Abhängigkeit unsere Lebensstrukturen von relativ preiswerten Öls ergibt sich daraus ein enormes Risiko. Wären wir heute auf eine dritte Ölkrise vorbereitet?


Ein Hinweis

Im Oktober 2013 steht also ein besonderes "Jubiläum" an. Es ist davon auszugehen, dass dieses Ereignis Widerhall in den Medien finden wird. Wie stark dieser Widerhall ausfällt hängt sicherlich vom Ölpreis ab, der dann im Oktober zu zahlen sein wird, denn die Aufmerksamkeit auf das Ölthema schwankt mit dem Preis des Rohstoffs. Interessierten am Thema Peak Oil möchte ich raten, Veranstaltungen für Mitte Oktober anzusetzen und sich dafür bereits jetzt mit dem Verweis auf die dann zu erwartende Medienberichterstattung Mitveranstalter zu suchen. Ein halbes Jahr Vorlauf ist ein idealer Planungsrahmen. Anregen möchte ich, den Ansatz zu kopieren, den wir in Dresden und Chemnitz bereits zweimal erfolgreich gewählt haben und zu fragen: "Wie funktioniert unsere Kommune ohne Öl?" Wir luden dazumal lokale Akteure ein, vom Vorstand eines Lebensmittelhändlers bis zum IHK-Geschäftsführer oder einem Mitarbeiter des Stadtplanungsamts. Mögliche Kooperationspartner für solch eine Veranstaltung könnte die Stadtverwaltung selbst sein aber auch Museen, Stiftungen oder Vereine. Es ist nicht notwendig, sich auf einen Kooperationspartner zu beschränken. Der Vorteil von zwei oder mehr Partnern ist, dass jeder sein jeweiliges Netzwerk aktiv einladen kann und somit die Zahl der Teilnehmer sich vergrößert.

Angesichts der zu erwartenden medialen Berichterstattung lohnt es sich auch, über andere Aktivitäten in diesem Zeitraum nachzudenken, denn es ist mit erhöhter Sensibilität von Entscheidern für das Ölthema zu rechnen. So könnten Anträge für Stadt- und Gemeinderäte zu diesem Zeitpunkt erfolgreicher sein, die beispielsweise eine Prüfung der Verletzlichkeit der Kommune gegenüber Ölpreisschocks anregen. Ein Entwurf für solch einen Antrag wird bis dahin auf peak-oil.com zu finden sein, es lohnt sich, bereits im Vorfeld das Gespräch mit Ratsvertretern zu suchen.

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5 Kommentare to “1973-2013: 40 Jahre Ölkrise”

  1. Florian Hoppe sagt:

    @Medien: werden sicherlich mehrheitlich „Fracking +Saudiamerika“ von sich geben.

    Bei Oil Drum gab es ja mal einen sehr interessanten Artikel zu der in den Nachrichten of genannten Bakken Formation.

    http://www.theoildrum.com/node/9506

    Der Autor hat dazu kürzlich ein Update veröffentlicht.

    http://www.theoildrum.com/node/9954

  2. M.U. sagt:

    Ok Jungs der Spaß ist vorbei ihr könnt jetzt wieder nach Hause gehen! Nun ist es raus Peak Öl ist unwirtschaftlich. Tja..Pech gehabt.

    http://aspo-deutschland.blogspot.de/2013/05/laut-des-quai-dorsai-ist-der-peak-oil.html

    Es ist jedoch ebenfalls zu erwarten, dass in den kommenden Jahren aus genau jenen Ecken, woher der Wind zur Zeit am rauesten weht, in Phase III wie selbstverständlich so getan werden wird, als habe niemand, jemals, auch nur im Geringsten am Peak von Öl und Gas gezweifelt.

    Oh…ja und wir werden gar nicht so viel lecken können wie benannte Herrschaften dann speicheln wollen. Bitte gehen Sie weiter hier gibt es nicht zu sehen!

  3. […] "dem Westen" und Russland könnte dazu führen, dass die "Ölwaffe" (die ja bereits 1973 beim Kampf mit und um Syrien zum Einsatz kam), gezückt werden könnte. Die Abhängkeit […]

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