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Indien: Wirtschaftskrise durch Ölabhängigkeit?

Über Indien, als Teil der sogenannten BRIC-Staaten, ist dieser Tage öfter etwas im Wirtschaftsteil der Zeitungen zu lesen. Insbesondere die starke Abwertung der indischen Währung Rupie macht den Kommentatoren (und Investoren) Sorge. Ausländer ziehen offenbar verstärkt ihr investiertes Geld ab, was weder der indischen Wirtschaft noch dem Wechselkurs gut tut. Zwar ist eine "schwache Währung" regelmäßig hilfreich für die Exportwirtschaft (weil die heimischen Güter für Ausländer billiger werden), aber im Gegenzug wird für Inder der Import von Waren teurer.

Für Indien ist das ein besonderes Problem, da der Ölverbrauch des Landes seit Jahren stark steigt. Die Ölförderung im Land steigt zwar ebenfalls, aber nicht ansatzweise so stark wie der Verbrauch:

Indien - Oelfoerderung, Oelverbrauch, Importe

Die Grafik zeigt (blaue Linie, linke Achse), dass die Ölförderung Indiens weiterhin leicht zunimmt. Im Vergleich zum Verbrauch (grüne Linie, linke Achse) jedoch unwesentlich. Entsprechend steigt der Importbedarf Indiens an (rote Line, linke Achse). 2004 zog der indische Ölverbrauch mit dem deutschen gleich: 2,4 Millionen Barrel täglich wurden damals benötigt, bis 2012 ist dieses Niveau jedoch nochmals um 50% auf über 3,6 Millionen Barrel Tagesbedarf angestiegen: Tendenz aufwärts, mit leicht exponentieller Dynamik.

Der Selbstversorgungsgrad (graue Linie, rechte Achse) sank kontinuierlich von 70% in den 1980ern auf 27% in 2012. Damit ist er zwar "besser" als der Deutsche, aber auf ähnlich (gefährlich niedrigem) Niveau wie der Europas.

Die Kosten, die die indische Wirtschaft für den explodierenden Importbedarf tragen muss, wächst nicht nur wegen des ausufernden Bedarfs, sondern wird zusätzlich durch die stark gestiegenen Ölpreise multipliziert. Folgende Grafik zeigt, wie parallel Ölpreis (Brent) (braun, rechte Achse) und indische Importkosten (rot, linke Achse) laufen:

Indien - Oel-Importkosten

Bis Ende der 1990er Jahre waren die Kosten sehr niedrig, man könnte auch sagen: Eigentlich spielten Ölkosten gar keine nennenswerte Rolle. Unter 10 Milliarden Dollar im Jahr musste die asiatische Volkswirtschaft schultern. Mit der Jahrtausendwende kam auch die Ölpreiswende und seitdem haben sich die Kosten verzehnfacht. Ein nochmals besonderer Kostenschub fand von 2009 bis 2012 statt: Allein in diesen 3 Jahren haben sich die Ölimportkosten für Indien verdoppelt auf über 100 Milliarden US$ pro Jahr.

Dem stehen (laut CIA-Factbook) Exporteinnahmen von 298,4 Mrd. US$ (2011: 307,2) gegenüber. Ein Drittel der Exporterlöse gehen also direkt für die Ölimporte drauf. Insgesamt importierte Indien 2012 Güter und Dienste im Wert von 500,4 Mrd. US$, woraus eine Handelsbilanz-Lücke von 200 Mrd. US$ in 2012 resultiert, die zu 50% aufs Öl zurückgeht.

Die Subventionen auf Treibstoffe beziffert die IEA für Indien im Jahr 2010 auf 16,2 Mrd. Euro. Damals lag der Ölpreis bei 80 US$ pro Barrel, in den Folgejahren lag der Ölpreis um 40% höher, was die Subventionslasten vergrößert haben dürfte. Die Staatseinnahmen lagen 2012 bei 169,4 Mrd. US$, die Staatsausgaben bei 267,7 Mrd. US$. Die Lücke von 100 Mrd. US$ entsprachen 5,4% des indischen Bruttoinlandsprodukts.

Indien hat Probleme? Kein Wunder! Extreme Kaufkraftabflüsse durch steigende Ölabhängigkeit bei steigenden Ölpreisen, hohe Subventionen bei einem völlig unausgeglichenem Staatshaushalt. Der sinkende Kurs der indischen Rupie macht das Problem noch krasser, weil die weiter steigenden Importe mit harter Währung bezahlt werden müssen, so dass Treibstoffe im Land schneller teurer werden müßten, als der Ölpreis dies anzeigt. Aus wissenschaftlicher Sicht dürfte interessant sein zu beobachten, wie eine nun absehbare indische Wirtschaftskrise sich auf den Ölverbrauch auswirkt. Aus indischer Sicht will das aber vermutlich niemand erleben.

 

Nachtrag 04.09.2013:

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28 Kommentare to “Indien: Wirtschaftskrise durch Ölabhängigkeit?”

  1. Ert sagt:

    Danke für das Aufarbeiten der Indien Geschichte. Ich hatte ja im letzten Blogeintrag einiges in dieser Richtung verlinkt und angeführt – und nun hast Du in Deinem detalierten Eintrag mal die Tiefenbohrung angesetzt.

    Die Fakten für Indien sehen da noch gruseliger aus, als ich es angenommen hätte. Der Ölfaktor, 2000 noch egal, ist nun ein entscheidender Faktor.

    Egal wie sich die Ölnachfrage in Indien entwickelt – oder wie dieses die Weltmarktpreise machen, schon jetzt hat Indien damit mehr als ein fundamentales Problem.

    Die Subventionen sind angesichts der Datenlage nicht haltbar. Indien müsste dann sogar noch heftige Verbrauchssteuern aufschlagen – da die Ölimporte maximal schädlich für die Handelsbilanz sind. Damit aber würde die wirtschaftliche ENtwicklung und der Absatz von Kfz vollends abgewürgt.

    Ich weiss nicht wie Indien vorerst aus dieser Falle kommen will – und ich weiss auch nicht mit welcher Perspektive westliche Fahrzeughersteller im indischen Markt expandieren wollen.

    • Florian Hoppe sagt:

      http://timesofindia.indiatimes.com/business/india-business/Indias-car-sales-down-7-4-in-July/articleshow/21773597.cms

      Die Verbraucher scheinen schon auf die höheren Ölpreise reagiert zu haben.

      Im Vergleich zum Juli des Vorjahres wurden in Indien 7.4% weniger PKWs verkauft.

      In China sind die Autoverkäufe (Stand Juni) hingegen um ca. 11,2% gestiegen.

      http://www.reuters.com/article/2013/07/10/autos-china-sales-idUSL3N0EP28520130710

      • Ert sagt:

        @Florian

        China hat ja auch eine positive Handelsbilanz und kann sich die Importe und mehr – leisten.

        Weiterhin hat China nicht so ein Kastenkrams, der die soziale und gesellschaftliche Mobilität verhindert. Die Fettschicht in China ist eben schon so groß – da läuft der Autoabsatz einfach. Indien hat es hingegen nie geschafft den Großteil seiner Bevölkerung teilhaben zu lassen.

    • Norbert Rost sagt:

      @Ert: Da wirtschaftliche Aktivität und Öl derzeit in jedem Land der Welt eng zusammenhängen, hat mich das einfach interessiert, nachdem die Meldungen über die Rupien-Abwertung jüngst zunahmen. Und da ich es als Aufgabe dieser Webseite ansehe, die Bindung gesellschaftlicher Entwicklungen zum Öl herauszuarbeiten, habe ich es zum Anlass genommen, mir Indien mal genauer anzuschauen. „Tiefenbohrung“ ist das längst noch nicht, da gäbe es noch einiges zu fassen. Beispielsweise exportiert Indien offenbar verarbeitetes Öl, also Benzin/Diesel o.ä., das müßte man konsequenterweise rausrechnen. Aber an der Dynamik des Verbrauchs und vor allem an dem hohen Handelsbilanzdefizit ändern diese Zahlen vermutlich wenig.

      • Ert sagt:

        @Norbert

        Auf jeden Fall tiefer gebohrt als ich, der nur ein paar Kommentare abgegeben und Artikel zum Thema verlinkt hatte. Ich denke Deine Grafiken visualisieren genau die Kerproblematik in die u.a. auch Indien rutscht.

        Aktuell gehen solche Zusammenhänge aber unter. Alles scheint wieder in Butter… die Aktienmärkte am Allzeithoch, Produktionsrekorde bei Pkw (u.a. http://www.produktion.de/unternehmen-maerkte/automobilindustrie/ueber-700-000-fahrzeuge-produktionsrekord-bei-daimler/), steigende Immonachfrage in UK, das Öl fliesst aktuell zumindest überall, aufgehypte Arbeitsmarktberichte in DE, US, etc. – da weiss man gar nicht mehr was man glauben soll bzw. ob an den Statistiken gedreht wurde, oder ob wirklich etwas dahinter ist.

        • Florian Hoppe sagt:

          Geht es nach dem Globalisierungskritker Joachim Jahnke ist alles nur eher „kreative Datenauslegung“.

          http://www.jjahnke.net/rundbr100.html#2970

          Falls ihr übrigens einige der alten Artikel lesen wollt, schaut lieber auf diese archivierte Kopie.

          http://web.archive.org/web/20120214002212/http://www.jjahnke.net/index.html

          Jahnkes Artikel sind gut, die Pflege seiner HP ist allerdings grauenhaft.

          • Ert sagt:

            Ja, J. Jahnke ist gut. Habe sein erstes Buch (Globalisierung: Legende und Warheit) – wundergutes Datenmaterial lesbar aufbereitet.

            Allerdings ist bei mir momentan der Tilt angesagt. Ich verfolge die Querschuesse die wichtigsten Peak-Oil Blogs, noch ein bischen anderes. Die Dynamik von 2009-2010 ist aber raus. Jedes Problem wird von der Poltik übergebuttert oder kommt auf den Verschiebebahnhof. Im Hintergrund aber türmen sich immer mehr Ungetüme auf, die in Ihrer Interdepenz und den Auswirkungen, insb. Timing, von mit nicht mehr zu überschauen sind. Nicht das Sie es je gewesen wären… aber tendenziell wird es wirrer.

  2. Florian Hoppe sagt:

    Was anderes, was ich via Peakoil.com gefunden habe:

    http://thearchdruidreport.blogspot.co.at/2013/08/well-and-truly-fracked.html

    Ab Absatz 8-10 wirds interessant, dort fasst der Autor einige Links zusammen welche auf ein allmähliches Platzen der „Schieferblase“ hindeuten.

  3. Ert sagt:

    Mal Off-Topic: Weiss irgendwer was an den angeblichen Gas- und Ölfunden im Mittelmeer drann ist?

    Dirk Müller trägt in einem SR2 Interview sehr Doll auf: http://sr-mediathek.sr-online.de/index.php?seite=7&id=15794&pnr=5 und verweist auf Links in seiner Webseite auf viele Dokumente.

    Hier nur einige Links:
    http://www.cashkurs.com/kategorie/hintergrundinfos/beitrag/wird-der-oestliche-mittelmeerraum-zum-neuen-persischer-golf/
    http://www.cashkurs.com/kategorie/rohstoff-und-edelmetallwelt/beitrag/gedanken-zur-machtstrategie-in-bezug-auf-die-gasvorkommen-im-oestlichen-mittelmeer/

    Nebenbei lässt er im Interview noch Größenordnungen von jahrzehntelangem Gasverbrauch von Europa fallen. Auch im Gelben Forum gab es darum lange Diskussionen. Das da was liegt ist nach aktuellen Informationen unumstritten, das es Geopolitisch ist auch – die Frage ist nur, was da wirklich liegt und wie einfach es förderbar ist.

  4. Florian Hoppe sagt:

    Und @Müller: Bei „Edelmetallhändlern“ muß man imo. vorsichtig sein. Ist Cashkurs denn sowas ähnlich wie Goldseiten?

    • Ert sagt:

      Müller geht – ist nicht doof und versteht wirklich viele Mechaniken. Hat aber natürlich auch seinen $$$ Bereich und will Bücher verkaufen… wie viele andere auch.

  5. Florian Hoppe sagt:

    @Ert: Ach so.

    http://www.zeit.de/wirtschaft/2012-10/griechenland-oel

    Das einzig Seriöse was ich auf die schnelle finden konnte, sonst sind nur die üblichen VT Blog, Kopp, Braunbären und Co. darauf eingestiegen.

    • Ert sagt:

      Haha.

      Genau den hatte ich auch gefunden (siehe oben). Wenn es Dich mehr interessiert, hör mal in das SR2 Interview rein.

      Ist aber alles irgendwie „fischig“, weil es gerade von vielen, wie Du schreibst, üblichen Verdächtigen umgerührt wird.

  6. Florian Hoppe sagt:

    Ich höre grad rein. Kurz Frage, hast du je Naomi Kleins Buch „Die Schock Strategie“ gelesen?

    • Ert sagt:

      Das dicke gelbe Ding steht gleich neben mir im Regal – leider noch ungelesen, aber würdig neben Chomskys „Understanding Power“ und Chossudovskys „Globalization of Poverty“ ;-)

      Weswegen fragst Du?

  7. Florian Hoppe sagt:

    Weil es da ein Kapitel über Russland gibt wo Klein ähnliches von sich gibt was Müller über die Destabilisierung der EU sagt. Desweiteren empfehle ich dir Emmanuell Todds „Weltmacht USA – Ein Nachruf“ aus dem Jahr 2002. Ist imo. immer noch sehr aktuell, vor allem weil Todd die derzeitge Mentalität der U.S.A. sehr gut analyisiert.

    Ich bin übrigens nun mit dem Interview durch. Mein Senf:

    Bin etwas überrascht, aber ich gebe Müller bei vielen Sachen durchaus recht.

  8. Ert sagt:

    @Norbert

    Das WSJ meldet ziemlich andere Zahlen zu Indie: http://online.wsj.com/article/BT-CO-20130822-704537.html

    U.a. im Artikel: „Crude oil output fell 2.3% from a year earlier to 3.18 million metric tons, or 751,700 barrels a day, oil ministry data showed Thursday. That missed the government’s target of 3.30 million tons for the month. „

    • Norbert Rost sagt:

      @Ert: Tatsächlich: Ich hatte meinen Fokus bei der Analyse der Indien-Daten auf den Ölverbrauch des Landes gelegt: Weil ich wissen wollte, wie dieser sich entwickelt hat und welche Wirkungen auf die Wirtschaft und Handelsbilanzen aussehen. Dabei habe ich gar nicht drauf geachtet: 2011 lag die Ölförderung bei 995.000 Barrel täglich, 2012 leicht darunter bei 990.000 Barrel. Wenn das Ölministerium jetzt weiter sinkende und damit die Planungen verfehlende Daten für 2013 meldet, müssen wir damit rechnen, dass Indien auch seinen Förder-Peak überschritten hat. Wenn da im Land nicht noch große Projekte in der Pipeline sind, die sich „nur verzögern“, dürfte dies die indische Situation nicht gerade verbessern.

      Für die Zukunft des Landes heißt das: Der Selbstversorgungsgrad sinkt noch schneller als bislang, die Importlücke wird noch größer, die Kosten noch höher. Für die globale Situation heißt das: Ein weiterer Förderer überschreitet seinen Peak und sein Öldurst und damit seine Nachfrage auf dem globalen Markt steigt noch schneller an. Die Konkurrenzsituation um die globalen Ölexporte wird noch schärfer, einzig eine Schrumpfung des indischen Ölbedarfs nimmt hier den Druck raus. Dies allerdings ist wohl nur mit einer Transformationskrise zu kriegen und mithin ein indirektes Problem für all jene Firmen und Länder, die Indien als Absatzmarkt betrachten. Kein Wunder, dass das „BRIC-Wunder“ aufs Abstellgleis kommt…

    • Norbert Rost sagt:

      @Ert: Achja: Die von mir genutzten Zahlen berufen auf „all liquids“, also auch Flüssiggase, Ethanol u.ä.

  9. Florian Hoppe sagt:

    http://krugman.blogs.nytimes.com/?s=Ibn+Khaldun

    Wieder einer der Gründe warum ich Krugman mag. Hat nichts direkt mit Peak Oil zu tun, aber Krugman kam auf diesen alten Philosophen durch die Werke Peter Turchin, welcher oft von Gail Tverberg zitiert wird. (Ein Jammer, daß es keiner seiner Werke auf deutsch gibt.)

  10. Marcus Kracht sagt:

    Hier noch ein interessanter Beitrag über Südamerika:

    http://cassandralegacy.blogspot.de/2013/08/argentina-energy-boom-or-energy-cliff.html

    Wie man sieht, kann es manchmal sehr schnell gehen.

    Apropos Autoverkaufszahlen. In China gibt es zwar sehr viele Autos, aber die jährlich gefahrenen Kilometer pro Auto sinken. (Ich finde gerade den Link nicht, ist aber irgendwie plausibel.) Ist in der OECD übrigens nicht anders.

    • Ert sagt:

      Ja, ein TOP Artikel bei Ugo. Insbesondere da er sehr tief gehend ist und die Problematiken (Politisch, Geografisch, Investiv) sehr detailliert darstellt.

  11. […] die mit dem Deal einen Fuß in die kasachische Öltür bekommen wollten und dessen Ölbedarf rasant wächst, nicht […]

  12. […] Wert verlor, waren die Medien voll von Berichten über den Kursverfall der indischen Lira. Eine Analyse der Ölförderung-/Ölimport-Situation Indiens ergab: Die in den vergangenen Jahren stark gestiegenen Ölpreise führten dazu, dass die […]

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