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Postfossile Kultur

Wenn wir davon ausgehen, dass die menschliche Kultur von der Nutzung von fossilen Energiequellen mitgeprägt wurde, dann wird die Gesellschaft auch davon geprägt sein, wenn diese Energiequellen wieder versiegen. Was wir Lebenden also als "Aufstieg in die fossile Industriekultur" erlebt haben, wird irgendwann in einen "Umstieg in die postfossile Kultur" münden. Müssen.

Zukunfts-Kulturen sind schwer zu ersehen. Hin und wieder gelingt Einzelnen ein Blick in ihre Zukunft, so wie Aldous Huxley oder George Orwell oder Jule Verne. Nicht alle ihrer Visionen sind Wirklichkeit geworden. Bei manchen könnte man sagen "zum Glück", bei anderen vielleicht "schade eigentlich". Auffällig ist die Unterschiedlichkeit der Kulturen, die Huxley beispielsweise in "Schöne Neue Welt" sowie in "Eiland" beschreibt. Ein Mann, geprägt durch jene Kultur, die ihn sein Leben lang durchdrungen hat, schafft es zwei völlig voneinander verschiedene Zukunftskulturen zu denken, die bei grober Betrachung durchaus gleich wahrscheinlich sind. Erkenntnis: Zukunft ist nicht vorgegeben, die "dort" existierenden Kulturen ebensowenig.

Wenn wir davon ausgehen, dass wir am Gipfel der globalen Ölförderung angelegt sind (plusminus 10 Jahre spielen in einer seit 150 Jahren anhaltenden Phase keine so große Rolle), ist auch die Frage interessant, welche kulturellen Auswirkungen dies haben wird. Eine interessante Auswirkung ist heute bei SPIEGEL ONLINE zu beobachten:

Dies ist der Auftakt zum neuen SPIEGEL-ONLINE-Blog "Eurovisionen". Ab sofort lesen Sie hier regelmäßig darüber, wie Europäer den Weg aus der Krise suchen, was sich in EU und Euro-Zone verändert und welche Visionen für die Zukunft des Kontinents es gibt.

... steht unter einem Artikel, der mit "Wir brauchen keine fünf Fernseher mehr" betitelt ist. Der SPIEGEL macht Visionssuche!

Man kann darüber streiten, ob nun grade Visionen in der "EU und Euro-Zone" gesucht werden sollten und ob jene Krise, von der SPIEGEL-Autoren sprechen, dieselbe ist, von der auf diesem Blog die Rede ist; aber das Ansinnen als solches macht Freude. Visionen zu entwickeln von einer Gesellschaft nach "der Krise", nach dem Öl, mit funktionsfähiger Wirtschaft und möglichst unverletzlich gegen Katastrophen von planetarem Ausmaß ist einer der wichtigen Aspekte, die Rob Hopkins in seinem neuen Buch "Einfach. Jetzt. Machen!" benennt (im Original: the power of just doing stuff, übersetzt von Gerd Wessling). Die Notwendigkeit einer lebenswerten Vision zu entwickeln, ist die Anforderung, mit der Hopkins beginnt - um dann ein Buch lang zu zeigen, wie eine große Transformation bereits ihre Kultur-Meme vorausschickt. "Lokal und resilient" ist Robs Vision und schon im Transition Handbook (Energiewende - Das Handbuch) begründete er ausführlich, warum darauf seine Wahl fällt. Doch man muss seiner Vision nicht folgen, nur um zu erkennen: Damit eine Gesellschaft sich bewegt, hilft ihr ein Zukunfs-Bild, auf das sie sich zubewegen kann.

Wenn nun der SPIEGEL Visionssuche für Europa betreibt, bedeutet dies, dass die Wahrscheinlichkeit steigt, dass die heutige Kultur in Bewegung gerät. Wenn erst einmal andere Bilder möglicher Gesellschaften an Kontur gewinnen, wenn deren kulturelle Eigenheiten mit der heutigen Konsumkultur in einen Wettbewerb treten, dann werden neue Kultur-Inseln entstehen. Dass diese Inseln sich zuerst auf lokaler Ebene manifestieren werden, wo eine kritische Masse und kritische Dichte sozialer Strukturen sehr viel schneller erreicht wird, als im globalen Maßstab, ist wahrscheinlich. Das Subsidiaritätsprinzip Europas sollte diese Ebene besonders befördern: Subsidiarität besagt, dass eine Aufgabe soweit wie möglich von der unteren Ebene bzw. kleineren Einheit wahrgenommen werden sollte. Es deutet viel auf eine neue Bedeutung des Lokalen hin.

Ich gestehe: ich finde die Vision "lokal und resilient" sehr verführerisch. Sie vereint Leopold Kohrs Philosophie von der Bedeutung des Kleinen/Lokalen mit Erich Fromms Humanismus. Sie befriedigt den Wunsch nach Unabhängigkeit, denn was resilient ist, was widerstandsfähig ist, muss seine Abhängigkeiten klug reduzieren. Und sie nimmt logischerweise Rücksicht auf die Tatsache, dass wir den Tagesölverbrauch auf diesem Planeten nicht mehr nennenswert steigern können: kurze Wege angesichts eines ölgetriebenen Transportsystems ist deshalb nicht die schlechteste Idee.

Fakt ist: Der Ansatz der "Transition Towns", der Städte und Dörfer im Wandel, ist einer der wenigen Ansätze, der Menschen angesichts der G L O B A L E N Krisen handlungsfähig macht und hält. Und viele der Aspekte, die mit Transition in Verbindung gebracht werden, tauchen in den Krisenregionen offenbar als tauglicher Handlungsansatz von allein auf. Insofern scheint diese Transition-Kultur etwas hilfreiches zu beinhalten. Da es Teil dieser Kultur ist, Visionen zu formulieren um sich an ihnen zu orientieren, passiert Visionssuche bereits in vielen Orten der Welt - nämlich dort, wo Transition als "soziales Experiment" bereits angekommen ist. Wenn diese vielen lokalen Suchen nach neuen Bildern, neuen Wegen und neuen Formen des Daseins nun im SPIEGEL reflektiert werden, dürfen wir annehmen: postfossile Kultur voraus.


40 Kommentare to “Postfossile Kultur”

  1. Steffen sagt:

    Hallo Norbert,

    als erste Reaktion fällt mir dazu ein, dass der Zusammenhang zwischen Postfossilität/Nachhaltigkeit auf der einen Seite und Dezentralisierung/Resilienz auf der anderen Seite ambivalent ist. Gehören diese beiden Konzepte notwendigerweise zusammen?

    Nehmen wir China: Es gab dort bis vor kurzem an die 40.000 Kohleminen, die über das ganze Land verstreut waren. Die lokale Energiequelle sichert ihnen unglaublich billige Energie, Wärme, Arbeitsplätze und einen gewissen Wohlstand. Tausende dieser Landkreise sind nur gering industrialisiert, hochgradig resilient, aber eben auch ein umwelt- und klimapolitischer Alptraum für China und die Welt insgesamt. Peking hat erkannt: Da hilft nur eine zentralistische Energiepolitik, die in der Lage ist, lokale Widerstände zu überwinden.

    Oder nehmen wir Deutschland: Schon auf den ersten Schritten der deutschen Energiewende wird doch klar, dass Kleinstaaterei und Nimby-Mentalität (etwa bei den Nord-Süd-Stromtrassen) den Ausbau der erneuerbaren Energien blockieren kann. Von Seehofers Träumen einer bayrischen Nuklear-Solaren-Autarkie will ich jetzt gar nicht erst anfangen.

    Mit anderen Worten: Wie sorgt man dafür, dass eine regionale Resilienzmentalität nicht in einen Nimbyismus auf Kosten Dritter umschlägt? Sind die Probleme denn nicht schon zu großräumig und zu interdependent für solche Lösungsansätze?

    Steffen

    • Jörg sagt:

      Hallo Steffen,

      Ich denke nicht, dass der von dir genannte Zusammenhang ambivalent ist. Postfossile Lebenswelten können nur dezentral/lokal sein, wenn sie Resilienz erschaffen wollen. Das resilient bezieht sich hierbei vor allem auf den Übergang, also auf eine gelingende Transition dorthin.

      Dezentrale Strukturen sind deswegen resilienter, weil sie gerade nicht gnadenlos effizient sind, sondern lokale Spielräume der Anpassung und Andersartigkeit offen lassen. Metaphorisch könnte man sagen: Es sind lose verknüpfte Inseln (Cluster), die Energien teilen aber nicht (bei exogenen Schockszenarien)in einem Kaskadeneffekt gemeinsam untergehen.
      Lokale Spielräume puffern globale Katastrophen!

      Die Netzwerktheorie bietet hierfür sehr eingängige Beispiele. Bewiesen ist: Stark zentralisierte Vernetzungsstrukturen, die nach einer “power law” Verteilung organisiert sind, gelten als enorm vulnerabel gegenüber der Ausschaltung ihrer zentralen “Hubs”. Mit anderen Worten: Solche Netzwerke sind resilient hinsichtlich zufälliger Störungen, jedoch enorm verletzlich bei der Dysfunktion eines zentralen Knotens.
      Kollabiert ein solcher Knoten, dann fällt das Kartenhaus der effizientesten Zentralität schnell in sich zusammen.
      Abhilfe schafft hier am Ende eigentlich nur lokale Selbstwirksamkeit, Dezentralität und eine größtmögliche Unabhängigkeit von Fremdversorgungsstrukturen.

      • deedl sagt:

        Dazu möchte ich mal anmerken, dass Resilienz immer über Effizienzverlsute erkauft, eine kleiner werdende Rohstoffbasis uns aber eigentlich zu Effizienzgewinnen zwingt. Letztendlich ist diese Frage also überhaupt nicht pauschal zu ebantworten, sondern für jede einzelne Wertschöpfungskette mit der daraus resultierenden Bedarfsdeckung muss ein Optimum zwischen Effizienz/Zentralität und Resilienz/Dezentralität gefunden werden.

        So ist es sicher sinnvoll, Nahrung und Energie, die sowohl eine hohe Kritikalität besitzen als auch aufgrund des hohen Bedarfs große Transportinfrastruktur benötigen, relativ dezentral zu produzieren. Mikrochips hingegen, die nur durch extreme Massenfertigung billig werden und deren geringes Transportvolumen kaum Transportkosten verursacht, werden sicher weiterhin um die halbe Welt geschippert. Hier ist auch die Kritikalität geringer, weil vorhande Elektronik mangels neuer Mikrochips ein paar Monate länger zu nutzen ist undramtisch im Vergleich zu einer monatelangen Unterbrechung der Nahrungsversorgung.

        Die Geschichte, die genügend Beispiele für (verglichen mit heute) Niedrigenergiegesellschaften bietet, zeigt wie sowas im Ergebnis aussieht. Nahrung wird meist lokal produziert, wobei ungekühlt lagerbare Massengüter wie Getreide schon im Altertum umhergeschifft wurden. Auch der volumenstarke Bausektor bedient sich hauptsächlich regionaler Ressourcen. Welthandel beläuft sich meist auf Güter mit hoher Wertdichte, damit der relative Transportzuschlag möglichst gering ist. Früher waren das Edelsteine und -metalle, Gewürze und heute gehören sicher auch hochspezialisierte Investitionsgüter und Elektronik dazu.

        Für den einzelnen gilt daher, sich zu überlegen, wie er Waren des täglichen Bedarfs, im Wesentlichen Nahrung und Energie, aus seiner Region beziehen kann. Sein Smartphone darf man ruhig weiter aus Korea kaufen, das muss keiner selbst schnitzen.

        • fliegen sagt:

          Sollte man genau deswegen nicht Finger von solchen Technologien wie Mikrochips lassen? Ohne Essen ist das leben nicht möglich, ohne Mikrochips und Computer schon. (die, wie du richtig ausführst, Zentralität abverlangen – ich kenne aber einige, die das bestreiten)

          • Michael Egloff sagt:

            Hallo fliegen,
            alle Strukturen im Arbeitsmarkt, in der Siedlungs- und Infrastruktur, im internatinalen Austausch an Waren und Dienstleistungen usw. sind auf den heutigen Status Quo des fossil basierten Wertschöpfungsmaximums geeicht.
            Es ist nach meiner Meinung nicht unbedingt sinnvoll, seine eigene Ausbildung vor der Zeit über Bord zu werfen, nur weil man realistischerweise damit rechnen muss, dass in 20…30 Jahren diese Ausbildung weitgehnd obsolet wird.
            So blöd das klingt: es ist sinnvoll zu tanzen, so lange die Musik spielt. Das man parallel dazu seinen Lebensstil schon umstellen sollte in Richtung eines materiellen “Weniger” und eines sozialen, bildungsmäßigen und gesundheitlichen “Mehr” steht dem ja nicht entgegen. Das ist IMMER sinnvoll.
            Mit “sozial” ist hier die Festigung oder etablierung von Netzwerken gegenseitiger Hilfe gemeint, mit “bildungsmäßig” z.B. der Erwerb von Wissen und Fertigkeiten im Gartenbau usw.
            Wer allerdings erst seinen Berufsweg beginnt, also noch den Realschulabschluss bzw das Abitur macht, tut gut daran, die vorraussichtlich richtigen Weichenstellungen in seiner beruflichen Ausrichtung vorzunehmen.

            Also nicht vorschnell ALLES über Bord werfen, was auf dem heutigen Status Quo begründet ist.

          • deedl sagt:

            @fliegen

            Die gesamte Informationstechnologie bietet die Möglichkeit, Zugang zu sozialen Domänen, Information, Bildung und Unterhaltung zu schaffen, ohne dabei Dinge oder Personen physisch bewegen zu müssen. Wenn wir zukünftig auf einer kleineren Rohstoffbasis einen möglichst hohen Lebensstandard haben wollen, müssen wir die effizientesten Wege finden, Zugang zu Kultur zu finden. Und der liegt nicht darin, mit der Postkutsche tagelang nach Bayreuth zu juckeln, sondern darin, sich Wagner online zu streamen.

            Von vornherein auf Technologien zu verzichten, nur weil man sie nicht selbst herstellen kann, ist ein Schildbürgerstreich. Mit der Denke hätten unsere steinzeitlichen Vorfahren, die Feuersteine durch halb Europa gehandelt haben, nicht einmal diese Feuersteinwerkzeuge gehabt, weil man ja mit importierten Steinen nicht hundert Prozent resilient ist.

            Es ist richtig, ein wenig Effizienz für mehr Resilienz aufzugeben. Aber man darf nicht in die irrige gegenteilige extreme Position verfallen, und aus Resilienzgründen auf die Bäume zurückklettern.

            • fliegen sagt:

              Was ist das, hoher Lebensstandart? Hat Wirtschftswachstum nicht als Ursprung das ständige Mehr und Besser, die Expansion, den “Fortschritt”? Ist dieser hohe Lebensstandart nicht das Ergebnis von diesem langwierigen Mehr und Besser? Warum sollen die Errungenschaften einer falschen Entwicklung denn plötzlich gut sein, bloß weil die Entwicklung (das Wachstum) eingestellt wird? Ich bin der Meinung, man sollte viel viel mehr überdenken.
              …und über Affen wurde hier neulich auch gesprochen, ebenso wie über die Forderung, auf die Bäume zu klettern ;) (die natürlich nicht wörtlich zu verstehen ist)…

        • Jörg sagt:

          Zwei Anmerkungen noch zum Zusammenhang von Effizienz und Resilienz.
          Es ist beileibe nicht so, dass Resilienz durch einen Verlust an Effizienzgewinnen erkauft wird.
          Vielmehr ist es genau umgekehrt: Zunehmende Effizienzgewinne, welche ein weiteres Wachstum erst ermöglichen, werden durch einen Verlust an Resilienz erkauft. Und dies geschiet nun schon viele Jahrzehnte lang so. Der Resilienzverlust ist nur eben nicht sichtbar solange die globalen (fossilen) Versorgungsstrukturen funktionieren. Sehr problematisch ist es außerdem von “Effizienzgewinnen” zu sprechen. Wer gewinnt den bitte, wenn zum Beispiel die individuelle Mobilität effizienter wird? Das Gemeinwohl der städtischen Lebenswelten ist es sicherlich nicht.

          Und der wichtigste Fakt ist dabei noch nicht einmal berücksichtigt: Eine Forcierung von Effizienz in Technologien mündet immmer in Rebound-Effekte. Effizienz führt fast nie zu einer echten Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch. Das ist die Frage der relativen vs. der absoluten Entkopplung. Der Effizienzglaube bedient das Trugbild der relativen Entkopplung sehr gut – eine absolute Verringerung des Durchsatzes kommt dabei jedoch nie zustande.

          Ich möchte daher eine Frage stellen: Wieso glauben wir, dass es uns zusteht, die in Billiglohnländern produzierte Massenware einer post-kolonialen Extraktionsökonomie hier in Europa ressourcentechnisch zu verbrauchen?
          Die Betonung liegt heirbei auf “verbrauchen”, denn die fein verteilten Metalle und Mineralien sind in keiner physikalisch-energetisch glaubwürdigen Aufrechnung in wirtschaftliche Kreisläufe rückführbar.

    • Hallo Steffen.

      Du fragst: Sind die Probleme denn nicht schon zu großräumig und zu interdependent für kleinräumige Lösungsansätze?

      Steckt darin nicht die Annahme, dass große Probleme große Lösungen erfordern? Blendet diese Sichtweise nicht jedoch aus, dass uns erst der nicht-resiliente Pfad und die großtechnologische Sicht uns in jene Probleme geführt hat, die sich vor uns auftürmen?

      Ich finde @deedl hat das gut beschrieben: Es gilt ein Optimum zu suchen zwischen Resilienz und Verletzlichkeit sowie Effizienz und Nachhaltigkeit. Schaue ich mir die ökonomischen Rahmenbedingungen an, die heute gelten und ihre politische Unterfütterung, dominiert Effizienz Resilienzüberlegungen total, genauso wie Wachstumsstrategien Nachhaltigkeitsstrategien total dominieren. Mehr vom Gleichen kann uns kaum helfen.

      Dennoch ist nicht jedes Problem ALLEIN auf lokaler Ebene zu lösen und eine Gesellschaft kann viel gewinnen, wenn sie überregional denkt und zusammenarbeitet. Zu bedenken ist aber: Die Stromtrassen, um mal ein Beispiel zu geben, betreffen DIREKT nur die Anwohner und jene, bei denen die Trassen starten und wo sie hinführen. Alle anderen sind weit weg und schauen aus der Ferne zu, überlassen die Technik den Ingenieuren und die Entscheidungen der Politik und Verwaltung und bleiben ansonsten: Außen vor. Um die massiv-interdependenten Probleme anzugehen, bedarf es allerdings auch einer massiven Einbindung der letztlich indirekt Betroffenen. Wie stellt man diese Einbindung her? Die Vision zu sagen “Kümmere dich doch bitte im Rahmen deiner Möglichkeiten um dein direktes Umfeld” bietet die Chance, viel mehr Menschen partizipieren zu lassen (auch wenn sie keine Ingenieure und keine Politiker sind) und nicht “Nimby” zu befördern, indem wir hier in Dresden sagen können: Ach, Energiewende, darum müssen sich die Thüringer kümmern, bei denen soll doch die Stromtrasse durchgehen.

      Ich erlaube mir, mit einer Gegenfrage zu enden und damit den Bogen zum Artikel zu schlagen:

      Wie sieht denn deine Alternativ-Vision aus, die nicht von der Aufwertung lokal-resilienter Strukturen geprägt ist, die aber postfossil funktionieren soll? Welche kulturellen Elemente prägen diese?

      • Michael Egloff sagt:

        Langfristig, also mit Sicht auf 3…5 Jahrzehnte und länger, ist natürlich die großtechnisch angelegte Energiewende nicht resilient.
        Die immer größeren und zahlreicheren Offshore-Windparks müssen ja etwa alle 30 Jahre komplett erneuert werden, die immer größeren Windräder des gegenwärtigen Leistungs-Uprgrade müssen erneuert werden, die immer umfangreichere Netzinftastruktur muss ständig gewartet und bei Bebarf reperiert oder erneuert werden usw.
        Desertec zum Beispiel wäre das glatte Gegenteil einer resilienten Energieversorgung, auch wenn es auf Basis von erneuerbaren Energien errichtet wird. Aber eine transkontionentale weiträumige Infrastruktur ist nicht nur geopolitisch verletzlich, sondern auch seitens der Zurverfügungstellung von riesigen finanziellen und materiell-energeischen Ressourcen zur Errichtung, Wartung und später der stetigen Erneureung dieser Strukturen.
        In Richtung Resilienz geht alles, was dezentral ist, was mit Speicherkapazität unterlegt ist (bei EE), was langlebig und nicht hyperkomplex ist.
        Und vor allem ist das resilienzfördernd, was zu dauerhafter Energieeinsparung führt.
        Denn Energie wird zu dem, was es immer war, bevor Öl den Weltmarkt flutete: eine Kostbarkeit. Das haben wir nur vergessen, wie kostbar Energie ist und wie bedacht man davon Gebrauch machen sollte.

    • Nachtrag: Wenn ich mir die aktuellen Meldungen zur Smog-Lage in China ansehe, habe ich nicht den Eindruck, dass die “zentralistische Energiepolitik” Wirkung zeigt:

      http://www.sz-online.de/nachrichten/nur-noch-mit-atemmaske-2783333.html

      http://www.greenpeace-magazin.de/aktuell/2014/02/26/nuklearer-winter-in-china/

      • Michael Egloff sagt:

        China ist ein Paradebeispiel für eine Turbo-Entwicklung in Gegenrichtung zu Resilienz.
        -China hat nur 7% der weltweiten Ackerfläche und muss damit 19% der Weltbevölkerung ernähren.
        Trotzdem wird nicht genug gegen Bodenerosion gemacht, die Böden werden übernutzt, überbaut, versalzen und versauern in weiten Teilen des Landes. Die nutzbare Ackerfläche geht Jahr für Jahr zurück. Jetzt bereits über 20% gegenüber der Mao-Zeit.
        -Die kostbaren Tiefenwasserressourcen (“fossiles Wasser”) werden im Nordostteil des Landes mit hoher Intensität ausgebeutet und verschwendet. Oberflächengewässer und oberflächennahe Grundwasservorkommen sind immer stärker mit Schadstoffen kontaminiert.
        -China hat die statische Reichweite seines größten Schatzes im Bereich der Energierohstoffe in nur 20 Jahren gedrittelt von 180 auf 60 Jahre und muss derzeit trotzdem stark zunehmende Mengen an Kohle importieren. Der chinesische Peak Coal dürfte in den nächsten 10 Jahren überschritten werden, was zu explodierendem Kohle-Importbedarf fürhren wird, der den Weltkohleexportmarkt zunehmend überfordern wird.
        -die Infrastruktur wird mit extremen Tempo in der Richtung ausgeweitet, die immer abhängiger von fossiler Energie ist (Großflughäfen, Autobahnen, riesige Shopping-Malls mit großem Einzugsgebiet, riesige Vergnügungsparks, Megacities usw.)
        -Die Ernährungsgewohnheiten wandeln sich rasant in Richtung einer immer fleischlastigeren Ernährung, was ökologisch und energetisch der falsche Weg ist.
        -Unmengen von Staumauern werden zur energetischen Nutzung in dafür ungeeigneten Flusssystemen errichtet, wo auf Grund der hohen Feststofffracht die Nutzungsdauer nur zwischen 4 und 7 Jahrzehnten liegt. Danach ist das energetische Potenzial dieser Flussabschnitte “verbraucht”.
        Zunächst wird damit zwar saubere Energie erzeugt, aber in diesen Flusssystemen ist das Ganze das Gegenteil von langfristig nachhaltig.
        -Der Städtebau ist geprägt von mangelnder Energieeffizienz (schlechte Dämmung) und meist nicht sehr hoher Lebensdauer der Gebäude (oft 25…40 Jahre)

        Das sind nur einige Beispiele für eine langfristig verhängnisvolle Entwicklung. Nicht nur in China, aber dort besonders “erfolgreich” im Sinne kurzfristigen Denkens und Handelns.

        • M. Sastre sagt:

          @Michael Egloff,

          dabei glaube ich noch nicht einmal, daß auf chinesischer Seite mangelndes Bewußtsein für die Problematik vorherrscht; vielmehr ist China in einer kapitalistischen Wachstumslogik gefangen. Man möchte erst mal kräftig wachsen und mit dem Westen aufschliessen, dabei auch noch genügend Arbeitsplätze schaffen um die Bevölkerung ruhig zu stellen. An einem unbestimmten Punkt in der Zukunft soll dann der gewonnenen Überschuß dazu genutzt werden, endlich die Umweltproblematik anzugehen. Dieser Punkt kommt jedoch in diesem Wirtschaftsystem nie, denn es wäre das Ende desselben. Es ist der ständige Zwang zu mehr, der den Kapitalismus nach vorne treibt und der die Leichen am Wegesrand zurück lässt. Vor die Wahl gestellt, einen Teil des Wachstums aufzugeben bzw. Produktion ressourcensparend umzustellen oder das nächste Ökosystem unter Beschuß zu nehmen, wird man sich immer für die zweite Variante entscheiden. Ungenutzte Räume, in die man hineinwachsen kann, werden dazu genutzt, bevor es ein anderer tut. Dabei müssen schon jetzt immer größere Teile des Wirtschaftsprodukts in die Reparatur bzw. Begrenzung von Umweltschäden oder Fehlentwicklungen umgeleitet werden. Der Spielraum zur Vermeidung künftiger Schäden wird dadurch weiter eingegrenzt. Möglicherweise herrscht in Teilen der chinesischen Eliten schon ein gewisser Fatalismus vor und man weißt das Orchester deshalb an, noch ein bisschen lauter zu spielen.

      • M. Sastre sagt:

        Sicherlich ein Alptraum für das amerikanische Militär. Im Falle eines gewaltsamen Konflikts hätten die Drohnen wohl über Peking gewisse Probleme, ihre Ziele zu treffen.

  2. Steffen sagt:

    Mein letzter Post fragte nach dem Zusammenhang zwischen dem argumentativen Zusammenhang zwischen Resilienz/Nachhaltigkeit auf der einen Seite und Dezentralisierung der Energieversorgung auf der anderen Seite.

    Ich habe auch bei der Resilienz große Zweifel, aber will hier den Punkt der Nachhaltigkeit noch einmal erläutern.

    Öl, Gas und Kohle verschwinden ja nicht dadurch, dass die Energieversorgung dezentral organisiert wird. Das wollte ich meinem Beispiel aus China verdeutlichen.

    Kommunen mit üppigen Kohle-, Gas- oder Ölvorkommen werden diese auch weiter nutzen, da ein Strompreis von 3ct/kWh oder eine Wärmepreis von 1 ct/kWh aus Kohle, Gas oder Öl unvergleichlich attraktiver ist als ein dezentral organisierter und konsumierter Strom aus Wind, Sonne oder Biomasse an häufig ungünstigen Standorten, plus hohe Kosten für die Speichertechnologien. Da sind wir dann schnell bei 20 ct/kWh, wenn wir keine Economies of Scale haben.

    Und diese rohstoffreichen Kommunen werden aller Wahrscheinlichkeit nach anfangen, mit ihrem Öl, Gas oder der Kohle bzw. dem daraus fabrizierten Strom zu handeln, da sie Kostenvorteile haben.

    Umwelt- und klimapolitisch ist also durch die Dezentralität nichts gewonnen, eher wird eine Menge verloren, da die Effizienz der Energieversorgung schlagartig zurückgeht.

    Ein Gewinn an Nachhaltigkeit qua Dezentralisierung ist also nur denkbar, wenn sich dadurch gleichzeitig die Mentalitäten und die Konsumgewohnheiten der Menschen grundlegend verändern – und das in einem Umfeld, das durch stark fallende Produktivität (auch Ressourcenproduktivität!) gekennzeichnet sein wird.

    Doch woher soll dieser kulturelle Wandel kommen, wenn nicht durch gelebte großräumige Interdependenzen? Und warum brauche ich für diesen wünschenswerten kulturellen Wandel zuerst eine forcierte Dezentralisierung?

    Ich komme damit auf mein Eingangsstatement zurück: Wo ist der argumentative oder empirische Zusammenhang zwischen Nachhaltigkeit und Dezentralisierung?

    • @Steffen: Ich merke, wir müssen unsere Ausgangsbasis klar definieren. Das dürfte in diesem Rahmen (mangels Übersichtlichkeit) nicht einfach werden.

      a) Ich halte es mit Dennis Meadows: Es ist zu spät für “nachhaltige Entwicklung”. Resilienz zu installieren bedeutet für mich eher, Fallschirme für die Fallhöhe zu weben, als die bestehenden Strukturen “nachhaltig zu kriegen”.
      b) Daher zielen wir möglicherweise auf ganz verschiedene Ergebnisse: Mir ist es wichtig, kleinere Stukturen so zu formen, dass sie funktionsfähig bleiben, auch wenn äußere Ereignisse auf sie einwirken.
      c) Ob diese Strukturen dann “zu globaler Nachhaltigkeit beitragen” ist nicht allein aus ihrer Resilienz ableitbar, sondern wird beeinflusst von der Kultur, in der sie bewirtschaftet werden. Krass formuliert könnte man fragen: Warum sollen resilientere lokale Strukturen nachhaltiger sein als die verletzlichen heutigen Strukturen? Der Wuschelweichbegriff “Nachhaltigkeit” kümmert heute ernsthaft doch sowieso niemanden, warum diesen Anspruch also an andere/neue Strukturen erheben?
      d) Nachhaltigkeit ist ohne Verantwortung des Individuums nicht zu haben. Verantwortungsgefühl schrumpft aber mit der Entfernung zu den betrachteten Problemen. Ihr Smog-Problem müssen die Chinesen so oder so ohne mich lösen, weil mein Einfluss in China nur soweit geht, als ich mich entscheiden kann, mit chinesischen Produzenten keine Geschäfte zu machen. Verantwortung zu verankern geht nur über möglichst direkte Rückkopplungen zwischen dem Handeln des Individuums und den Auswirkungen dieses Handelns. Dies ist auf lokaler Ebene sehr viel stärker spürbar, weshalb die lokale Orientierung quasi notwendige Bedingung für etwas ist, was überhaupt “nachhaltig” zu bezeichnen ist.
      e) “Gelebte großräumige Interdependenzen” haben wir bereits, darauf aufbauendes Nachhaltigkeitsbewusstsein kann ich nicht erkennen. So lange die Wachstumsmaxime gilt und uneingeschränkt angewendet wird von eben den Akteuren, die “Großräumigkeit beeinflussen können” (-> Politik ab der Bundesebene), wird letztlich mehr Schaden als Nutzen hervorgebracht.

      Um Mißverständnisse auszuräumen ist es mir zudem notwendig zu differenzieren zwischen
      f) einer Dezentralisierung der Energieversorgung sowie
      g) einer Dezentralisierung anderer Strukturen.

      In Sachsen gibt es genau noch einen bedeutsamen milchverarbeitenden Betrieb: Leppersdorf. Kleine Strukturen können sich nicht neu bilden, weil die bestehenden Strukturen monopolartige Hürden aufbauen und durch (z.B. Hygiene-)Vorschriften vor Wettbewerb geschützt sind, die kein Kleinbetrieb “aushalten” kann, ohne selbst zum Großbetrieb zu werden (durch entsprechende Investitionshöhen). Resilienz wäre ja eben nicht nur im Energiebereich interessant, sondern in allen anderen Gesellschaftsbereichen ebenso. Das betone ich, weil du in deinem ersten Posting nicht direkt auf die Energieversorgung eingingst, dein zweites Posting mich aber vermuten läßt, dass du bei Dezentralisierung schwerpunktmäßig an die Energieversorgung denkst.

      Für mich geht das Thema sehr weit hinaus über die “nur” technischen Strukturen einer künftigen Energieversorgung.

      …to be continued…

      • Steffen sagt:

        Hi Norbert,
        ja, mir geht es hier jetzt nur um die Vor- und Nachteile einer Dezentralisierung der Energieversorgung, sonst ufert die Diskussion aus.

        Insbesondere geht es mir um die Frage, ob sich eine mit extremen Investitions- und Folgekosten verbundene kleinräumige Autarkie in der Energieversorgung rechtfertigen lässt, selbst wenn sie fossil basiert ist und mit zunehmenden ökologischen Kosten verbunden ist. Deinem letzten Diskussionsbeitrag entnehme ich, dass Du mit „ja“ antwortest…

  3. […] vs Dezentralität. Ein Diskussionthread auf Peak-oil.com lädt zum Mitdiskutieren […]

  4. Michael Egloff sagt:

    “Ich komme damit auf mein Eingangsstatement zurück: Wo ist der argumentative oder empirische Zusammenhang zwischen Nachhaltigkeit und Dezentralisierung?”

    Zentralisierung bzw. Globalisierung in heutigem Maßstab erzeugt Verkehr in der Luft, zu Lande und zu Wasser.
    Diese Mobilitätserfordernisse werden nicht mehr zu gewährleisten sein, wenn Peak (Export-)Oil mal deutlich überschritten ist.
    Außerdem sind zentrale oder transkontinantale Strukturen ebenfalls von hinreichend billiger Energie in ausreichender Größenordnung abhängig.

    Die Frage ist also garnicht, ob wir Dezentralisierung wollen oder nicht. Sie wird kommen in den nächsten Jahrzehnten. Wir werden nicht gefragt werden.
    Ebenso wird die Gesellschat ab den 30er Jahren ff deutlich agrarischer und zunehmend weniger urban werden. Auch da werden wir nicht gefragt werden.

    Wo unser Gestaltungsspielraum besteht: wird die Gesellschaft friedlich oder gewaltzugeneigt, wird sie solidarisch-egalitärer (was bei zurückgehnder Wertschöpfung sehr wichtig wäre) oder wird sie sozialdarwinistisch usw.
    In den Bereichen liegen die Dinge, die wir beeinflussen können.

    • Marcus Kracht sagt:

      @Norbert und @Michael

      Einverstanden. Wenn überhaupt irgendeine dieser Strategien (Resilienz oä) etwas bringen sollen, dann müssen wir das selber machen. Und das bedeutet: hier und jetzt auf gewisse Dinge verzichten und dafür ein wenig mehr Sicherheit und Überschaubarkeit einbauen. Selber machen ist Trumpf. Ich lese übrigens gerade Ortwin Renn: Das Risikoparadox. Aus anderer Perspektive schildert er letztlich dasselbe Paradox, in dem wir gefangen sind. Alle wissen, was zu tun ist, nur bedeutet, es zu tun eben Verzicht. Und den wollen nicht viele leisten. (Manche können es allerdings auch nicht.)

      Habe gerade eine lange Projektsitzung der DfG hinter mich gebracht. Was da im Zusammenhang mit Robotern und Daten mit Worten wie Ökologie und Nachhaltigkeit hantiert wird (und eben nicht nur von der Industrie) ist schon beängstigend. (Natürlich meinen die nicht dasselbe, is klar.) Und die meisten wissen insgeheim, dass die gepriesene Nachhaltigkeit der Daten wenns hoch kommt 10 Jahre hält. Das hält den Vergleich mit Papier nicht aus. Leider ist die Wissenschaft was das angeht ein großer Zirkus.

    • Steffen sagt:

      Hallo Michael,
      ich kann Dir hier nicht folgen. Die internationale Schifffahrt und Luftfahrt verbrauchen zusammen etwa 12% des Ölangebots. Selbst wenn wir extrem pessimistisch von einem Peak kurz nach 2020 ausgehen und danach einen Decline von 2% p.a. annehmen wollen, bleibt ausreichend Zeit, die Schiffahrt auf LNG-Antriebe umzustellen, was auch heute schon geschieht. Die internationale Luftfahrt könnte einen größeren Teil des (auch 2040 immer noch reichlichen) Ölangebots absorbieren. Da braucht man keinen Technologiewechsel. Wegen der steigenden Ölpreise nimmt dann wohl der internationale Tourismus ab, was in vielerlei Hinsicht zu begrüßen wäre. Der grenzüberschreitende LKW-Verkehr macht nur einen kleinen Teil des Straßengüterverkehrs aus und könnte auf Erdgasantriebe umgestellt oder auf andere Verkehrsträger verlagert werden. Auch hier werden vielleicht einige übertriebene internationale Arbeitsteilungen abgebaut, ohne dass es zu Verwerfungen kommt. Kurzum: Ich kann keine erzwungene Dezentralisierung durch Peak Oil entdecken.

      • Michael Egloff sagt:

        Hallo Steffen,
        unter den Annahmen, die Du formulierst, hättest Du recht. Aber meine Annahmen sind anders.
        Peak Oil trifft nicht jedes Land gleichermaßen. Kuwait z.B. ist für die nächsten 4…5 Jahrzehnte fast garnicht betroffen, ein fast ausschließlich auf Importe angewiesenes Hochverbrauchsland wie Deutschland ist hingegen stark überproportional betroffen. Weil die Weltexportölmenge sehr viel schneller schrumpfen wird, als die gesamte Ölfördermenge.
        Gleiches gilt etwas zeitversetzt für Erdgas und noch etwas weiter zeitversetzt für Steinkohle.
        Während Kuwait also in etwa 30 Jahren noch deutlich seinen demographiebedingt ständig steigenden Eigenbedarf an Öl decken kann, wird Deutschland und zig andere Länder das Ölzeitalter bereits zu 90% hinter sich haben.
        Auch bei Gas werden wir ab Mitte der 20er Jahre erhebliche Probleme bekommen.
        1. die EU-Gasförderung wird vermutlich von gegenwärtig 170 Mrd Kubikmeter auf 70 Mrd zurückgehen in den nächsten 25 Jahren.
        2. Norwegen wird spätestens in den 20er Jahren seinen Gasförderpeak überschritten haben.
        3. die für uns wichtigen westsibirischen Felder werden ab Mitte der 20er Jahre rückläufige Mengen liefern, was sich überproportional auf die russischen Gasexporte auswirken wird.
        Die ostsibirischen Öl- und Gasfelder, die sich noch nicht in einem so reifen Ausbeutungsstadium befinden, wie die in Westsibirien, werden klar für den Export nach China entwickelt werden. Ebenso wie z.B. die Felder in den mittelasiatischen GUS-Ländern.
        Die algerischen Exportmengen in die EU sind eher marginal.
        LNG wird diese riesige Lücke, die sich bei Importgas für die EU zukünftig auftut, keineswegs schließen können. Alleine schon deshlab, weil die bevölkerungsreichen Länder Asiens – allen voran China – das weltweite LNG-Aufkommen aufsaugen werden wie ein Schwamm.
        und von den 2 Milliarden Nachfragern, die in den nächsten 3 Jahrzenhnten zusätzlich auf der Erde leben werden, haben wir noch nicht einmal gesprochen.

        Unter diesen zu erwartenden Entwicklungen überprüfe noch einmal Deine Annahmen.

        • Steffen sagt:

          Hallo Michael,

          über den Zeitpunkt des Peaks und die danach für Exporte zur Verfügung stehenden Ölmengen können wir in der Tat lange streiten.

          Die Exportlandmodelle bringen uns da nicht viel weiter: Die Ölnachfrage steigt etwa 1% pro Jahr, solange das Ölangebot mit macht. Wenn das nicht mehr gelingt, beginnt eben der Ölpreis zu steigen, bis fossile und nicht-fossile Substitute attraktiv werden. Solange 40% des PKW-Verkehrs in Deutschland Freizeitverkehr ist und die US-Fahrzeugflotte 50% mehr verbraucht als die japanische, gibt es mehr als genug Einsparpotenziale, ohne dass gleich die ganze Wirtschaft kollabiert.

          Sicherlich, das ist eine rein technisch-ökonomische Betrachtung. Ich will damit nur sagen, dass die Post-Peak-Zeit ruhig verlaufen kann, wenn eine intelligente Energiepolitik verfolgt wird.

          Eine Verknappung von Gas “ab Mitte der 20er Jahre” und etwas später für Kohle halte ich allerdings für völlig unwahrscheinlich. Bei weiter steigenden Reserven- und Ressourcenmengen bei Erdgas lässt sich ein Peak nicht einmal ansatzweise terminieren. Die Nordsee wird gerne zitiert, aber sie ist nun mal eine Ausnahme.

          Und bei Kohle sind es noch weitaus komfortabler aus. Die von Dir weiter oben erwähnten Kohleimporte Chinas sind ja nicht die Folge einer Kohleknappheit in China, sondern vielmehr eine Folge der seit zwei Jahre fallenden internationalen Kohleimportpreise, die ihrerseits auf ein Überangebot an Kohle reagieren, das wiederum durch ein Überangebot von Erdgas entstanden ist. Für chinesische Importeure ist indonesische Kohle einfach zu bestimmten Zeiten attraktiver als die heimische.

  5. Jörg sagt:

    @steffen: “Umwelt- und klimapolitisch ist also durch die Dezentralität nichts gewonnen, eher wird eine Menge verloren, da die Effizienz der Energieversorgung schlagartig zurückgeht”

    Die Effizienz einer zentralistischen Großversorgung a’la “economies of scale” ist eine sehr schöne Sache, solange nichts dazwischenkommt. Die Endlichkeit der Ressourcen bei global immer weiter ansteigendem Energieverbrauch zum Beispiel.

    Es ist daher schlichtweg nicht effektiv, die Effizienz von Kohle- oder Dieselkraftwerken als langfristiges Allheilmittel zu betrachten. Effektivität bedeutet das richtige zu tun. Effizienz hingegen, das “Richtige” oder eben das “Falsche” besonders optimiert und sparsam zu fahren.

    OHNE ZWEIFEL sind wir heute in unserer industriell-fossilen Alltagskultur dabei, das “Falsche” besonders effizient und sparsam zu betreiben. Glückwunsch!

    Sehr problematisch ist es daher von “Effizienzgewinnen” zu sprechen. Wer gewinnt den bitte, wenn die fossile Individualmobilität effizienter wird? Das Gemeinwohl der städtischen Lebenswelten ist es jedenfalls nicht. Effektiv wäre hier wiederum etwas strukturell ganz anderes zu denken.

    Und der wichtigste Fakt bezüglich aller geglaubten Effizienzgewinne ist jener: Eine Forcierung von Effizienz in Technologie mündet immmer in Rebound-Effekte. Effizienz führt also nie zu einer echten Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch (Die Frage der relativen vs. der absoluten Entkopplung). Der Effizienzglaube bedient das Trugbild der relativen Entkopplung sehr gut – eine absolute Verringerung des Durchsatzes kommt dabei jedoch nicht zustande.

    Und genau hier kollidiert die reine Effizienz mit jeder Art von Nachhaltigkeit. Für eine postfossile Kultur wäre es daher äußerst effektiv Strukturen zu schaffen, die auch unabhängig von endlichen Ressourcen funktionieren können. Jene dürfen dann mit aller nur erdenklichen Effizienz ausstaffiert und optimiert werden.

    Mit Verlaub: Ich denke, dass ein Glaube an Lösungen durch Effizienz, ohne ein ganz klares Wissen um die langfristige Effektivität der großindustriellen und konsum-kulturellen Entwicklungsrichtung ein Irrglaube ist.

    • Steffen sagt:

      Hallo Jörg,

      ich glaube, da hast Du mich missverstanden.

      Ich verteidige nicht die Effizienz fossiler Strukturen, sondern ich frage, ob dezentrale Strukturen in der Summe weniger fossile Rohstoffe verbrauchen werden. Dezentral heißt ja nicht automatisch postfossil!

      Deshalb meine Hinweise auf die zahllosen Regionen weltweit, die über große lokale Vorräte an Kohle, Erdgas und Öl verfügen und recht verschwenderisch damit umgehen bzw. gerne damit handeln wollen! Wenn man das mit der geringeren Energieeffizienz kleinerer, auf den lokalen Verbrauch optimierten Produktionsanlagen und Energieversorger kombiniert, dann ist das Fazit aller Voraussicht nach ernüchternd.

      • Jörg sagt:

        Hallo Steffen,

        ja du hast recht, dezentral heisst nicht automatisch postfossil. Das ist völlig richtig.

        Was ich aber entscheidend finde: dezentral heisst “näher dran”. Einerseits an Rand- und Nebenwirkungen sowie andererseits an den realen Kosten der Nutzung von Energieträgern. Für die Menschen wird es damit deutlich sichtbarer, was es heisst Energien zu nutzen.

        Der sozio-ökonomische Antrieb, in kleinen und dezentralen Strukturen bewusst auf regenerative Energien zu setzen, ist daher meiner Meinung nach viel wahrscheinlicher.

        Dezentrale Energieversorgungsstrukturen sind natürlich auch nicht per se effizienter. Ganz im Gegegenteil. Aber im Falle regenerativer Energieformen müssen sie das auch gar nicht sein. Es gibt keinen Zwang zur Effizienz wenn der Wind bläst, die Sonne scheint oder die Mühle ihr Wasserrad dreht.

        Was man mit jenen Technologien nicht kann ist ein Stahlwerk zu betreiben, ein Flugzeug über die Ozeane zu fliegen oder Millionen von PKW’s bereitzustellen. Aber das konnte man vor der Nutzbarmachung fossiler Brennstoffe ebsowenig.

        Um meinen Standpunkt abzuschliessen: Ich denke dezentrale Strukturen können einen Strukturwandel von fossil zu regenerativ bewusst gestalten. Zentralistische Industriestrukturen haben keine Alternative: Sie sind fossil und effizient oder gehen zugrunde.

  6. Ert sagt:

    Hallo allerseits,

    ich gebe mal einiges zu der gesamten Breite der Einträge zu bedenken. Letztens hatte irgendwer hier einen Link zu einem Vortrag von Herrn Kopits bez. Ölpreisentwicklung und Supply/Demand Markt gepostet. Ich hatte den dann bei Gail Tverberg verlinkt und Sie hat nun einen Artikel daraus gemacht, in dem auch Herr Kopits kommentiert: Beginning of the End? Oil Companies Cut Back on Spending – sehr zu empfehlen.

    Nach Kopits werden bereits heute 100-150$ pro Barrel seitens der westlichen Öl-Majors benötigt um Dividenden und weitere Investitionen zu sichern. Und ohne die schönen Dividenden gehts den Pensionsfonds, etc. nicht mehr gut. Das Problem mit den Ölpreisen haben wir insgesamt also schon heute… und es zieht sich durch ganz viele Bereich… und bei 150$/Barrel haben wir die nächste globale Krise – man denke nur an die Ölimporte bezogen auf die Handelsbilanz von Indien und Co. Norbert berichtete ja schon darüber. Pulverfässer!

    Nun wird oft Saudi Arabien, Kuwait, etc. pp. erwähnt – die ja alle noch gut da stehen. Tun Sie das? Schaut doch mal Auf die Ukraine oder Ägypten, Libyen, etc. pp. – wie schnell ein Kollaps eines Landes von statten gehen kann, wenn die richtigen Leute nachhelfen.

    Was würde passieren, wenn die USA Ihre Truppen aus Saudi Arabien zurückziehen würde? Wie lange könnte sich das Haus Saud noch halten? Sind die Ressourcen und Reserven in den *stans und im Bereich der arabischen Halbinsel wirklich “sicher”?

    Zur Resilenz- und Lokalisierungsdebatte: Alleine das Kapital & die Zeit aufzubringen ggf. das eigene Haus “Resilenter” zu gestalten, ggf. weniger zu Konsumieren und lokal gleichgesinnte zu finden ist schon eine Hausnummer.

    Auf lokalpolitischer Ebene etwas anzuregen, das kurzfristig kostet und er langfristig “Rendite in Form von Resilenz” bringt ist eine andere. Dazu muss ein Problembewusstsein da sein, was ich in der breite oft vermisse. Ich denke hier müssen aber gerade die jeweils betroffenen etwas bewegen – z.B. bei der Ausplanung und Anbindung neuer (ggf. Autofreier und lebenswerter) Wohngebiete.

    Wie mit Effizienzgewinnen umzugehen ist hat ja Weizäcker in Faktor 5 beschrieben: Den Vorteil wegbesteuern, so das keine Ersparnis für Mehrkonsum über ist. Aber das ist politisch-opportunistisch eine ganz dicke Nuss. Wenn ich mir anschaue wie viele Top-Verdiener mit vollen Taschen noch meinen Steuerbetrug machen zu müssen… ja, dann zweifele ich manchmal an der Bereitschaft der Massen für solche Dinge.

    Das weiterhin so etwas wie billigste Microchips, Uhren für 5€, etc. nur mit einer global Arbeitsteiligen und hochspezialisierten Industriestruktur zu machen ist sagt auch Nico Paech in einem Vortrag zur Postwachstumsökonomie.

    Wenn wir diesen Weg gehen – oder gehen müssen bzw. werden – dann sagt bitte auch alle Tschüss zu den globalen Pensionsfonds und unserem Geld- und Bankensystem. Denn all die aktuelle Industrieinfrastruktur, all die Fabriken sind mit Kredit (Schulden) gebaut. Bringen die die Rendite in den nächsten 10-.20 Jahren nicht ein, weil alles schrumpft – dann gibt es einen gigantischen deflationären Abschreibungsbedarf – wenn wir nicht irgendwie Rettung im Oxymoron’schen grünen und nachhaltigen Wachstum finden – also anstatt unseres heutigen Industriemülls irgend etwas anderes “neues” produziert wird um den ganzen Laden und all die zukünftigen Versprechen (Geld, Renten, etc.) am Laufen zu halten.

    • Tom Schülke sagt:

      Hallo Ert,

      Ich denke Du triffst Da ganz gut den Kern. Die oben geäußerte Hoffnung das steigende Preise bei einem entspannt sinkenden Ölbedarf dann halt neue unkonventionelle Reserven aufschließen werden, ist wie es mir scheint eine Rechnung ohne den Wirt.
      Denn so wie es aussieht gibt es einen oberen Level an Energiekosten den die Wirtschaft zu tragen in der Lage ist. So wie es Gail Tverberg beschreibt.

      Wie so oft sind es die Rückckopplungen die das Kartenhaus ins wanken bringen.

      Was die Fragen nach der Resilienz und der Effizienz betrifft, hatte ich heute morgen den Gedanken, das Effizienzgewinne sehr oft nur eingebildet sind.

      Unser globales system als ganzes ist es das effizient sein muß um zu funktionieren.

      Wie effizient ist also ein Auto von Heute verglichen mit einem Oldtimer ?

      Viel viel effizienter ? Ja. Aber nur dann wenn man die beiden Autos isoliert betrachtet. Hightech und Computerchips haben unseren modernen Audi Bmw oder welches Auto auch immer natürlich zu einem viel leistungsfähigeren Fahrzeug gemacht.

      Die entscheidende Frage aber ist, wie groß die unterstützende Technikpyramide unterhalb dieses Fahrzeugs ist, und wie viele Ressourcen und Energie diese verbraucht.

      Oft steht Effizienz, je leistungsfähiger sie ist, auf einem um so höheren Pyramidenstumpf sich gegenseitig emporstemmender Strukturen. Wie viele Chipfabriken benötigt der Mercedes ? Wie viele Hightechzulieferer verbrauchen zu seiner Herstellung weitere ressourcen.

      So kann eine primitive dezentrale und resiliente Struktur wenn man die zu ihrer Herstellung notwendigen Grundlagen betrachtet am ende effektiver sein als das Hightechprodukt auf dem Gipfel der global vernetzten Produktionspyramide, ohne die es nie hätte entstehen können.

      Ich glaube das ist die Zentrale Frage. Empirisch würde ich den Verdacht äußern, das ohne diesen Zusamenhang kein Imperium am Höhepunkt seiner Ausdehnung kollabiert wäre. wenn dieser Zusammenhang falsch wäre.

  7. Florian Hoppe sagt:

    http://www.bloomberg.com/news/2014-02-27/dream-of-u-s-oil-independence-slams-against-shale-costs.html

    Even with crude prices above $100 a barrel, U.S. independent producers will spend $1.50 drilling this year for every dollar they get back…

    Autsch…

    • Ert sagt:

      @Florian

      Passt mit den Aussagen einen Herrn Kopits zusammen, den ich in einem noch nicht freigeschalteten Artikel verlinkt habe.

      Gail Tverberg hat aus der Präsentation von Herrn Kopits (beim Vortrag an der Columbia University noch angestellt bei Douglas Westwood) einen längeren und hervorragenden Artikel gemacht: http://ourfiniteworld.com/2014/02/25/beginning-of-the-end-oil-companies-cut-back-on-spending/

      Bei Guy McPherson gibts auch neues Futter (MP3) bez. Klimawandel inkl. den Folien des Vortrages als PDF (hxxp://guymcpherson.com/2014/02/thinking-about-thinking/) – das was er vorträgt ist ziemlich hart und ich möchte es gar nicht einordnen wollen.

      Ich denke aber persönlich immer mehr das uns uns schon kurzfristig nur noch “low-tech” Lösungen basierend auf sehr viel Gehirnschmalz weiter bringen werden. Nur mit diesem Ansatz können wir systemische Komplexität, Lieferketten und primäre Energieaufwände reduzieren. Norberts Methanisierung geht genau in diese Richtung, wie auch Speicherung von Überschussenergie z.B. via Druckluft (hxxp://www.youtube.com/watch?v=lyP_QcX-cFU).

      Das ganze fängt aber meiner Ansicht nach nicht mal mit besserer oder anderer Technik an – sondern mit einer absoluten Beschränkung des Verbrauchs bzw. auch des weiteren Wachstums des Verbrauchs.

  8. EcoDrive sagt:

    Ert’s Post
    “Bei Guy McPherson gibts auch neues Futter (MP3) bez. Klimawandel inkl. den Folien des Vortrages als PDF (hxxp://guymcpherson.com/2014/02/thinking-about-thinking/) – das was er vorträgt ist ziemlich hart und ich möchte es gar nicht einordnen wollen.”

    In der Präsentation von Guy unter der Grafik von Sam Carana (arctic-news) steht Das größte Manko der menschlichen Rasse ist unsere Unfähigkeit, die Exponentialfunktion zu verstehen ”

    http://guymcpherson.com/home/doomstea/public_html/guymcpherson.com/wp-content/uploads/2014/02/Orcas-Island-Powerpoint-February-2014.pdf

    Da kommt mir die Geschichte des Schachspiels mit dem Kaiser in den Sinn. Ein Reiskorn auf A1, dann immer das Doppelte auf jedes Feld bis alle 64 Felder voll sind.
    Würde ich ein Papierschnipsel von 0,1mm Dicke auf A1 legen, dann immer die doppelte Anzahl auf das folgende Feld, wie hoch wäre das letzte der 64 Felder? Ich komme auf über 12’000 mal die Entfernung Erde Sonne. Bitte korrigiert mich wenn ich falsch liege.

    Im Post von Guy http://guymcpherson.com/2013/01/climate-change-summary-and-update/ steht Natalia Shakhova’s 29 July 2013 interview with Nick Breeze (note the look of abject despair at the eight-minute mark). In early November 2013
    http://www.youtube.com/watch?v=kx1Jxk6kjbQ

    Wenn ich in meinen Gedanken all die Informationen von David Wasdell, Guy McPherson, Sam Carana, Paul Beckwith, Malcolm Light zusammenfasse, kommen Gedanken auf, die hier auch schon geschrieben wurden; geniessen wir die letzten Tage, im wahrsten Sinn des Wortes, Tage, vielleicht Jahre, aber nicht Jahrzehnte.

    • Ert sagt:

      @EcoDrive

      Ich Verfolge die Klimadebatte und die Informationen erst seit kürzerer Zeit, aber das was ich insgesamt lese, auch Abseits von McPherson, Carana und Beckwith, sieht nicht gut aus.

      Für das fast alle ist die eisfreie Arktis in dieser Dekade bereits Realität (Militärs, Ozeanforscher, Klimaforscher, Rohstoffunternehmen…) und die Methanproblematik haben wir jetzt schon in den Anfängen. Ich suche ja – aber finde aktuell keine gegenteiligen Informationen.

      Persönlich ordne ich es immer mehr ein – aber in diesem Blog möchte ich es nicht. Jeder kann ja McPhershon hören oder auf die Folien schauen – und dann noch 50% davon in das Reich der Fabeln verweisen oder widerlegen.

      • Michael Egloff sagt:

        Hallo Ert,
        ich bin alles andere als ein Leugner anthropogenen Klimawandels, aber in dieser Dekade werden wir noch keine eisfreie Arktis bekommen. Ich rechne in der 30er Jahren mit diesem eisfreien Zustand im Spätsommer.
        Was schlimm genug wäre angesichts des beträchtlichen Rückkopplungseffekts auch zum Beispiel auf das Temperaturniveau in Grönland, wo dann die Abtauprozesse sich deutlich beschleunigen dürften.
        Und das wäre ja relevant für die Geschwindigkeit des Meeresspiegelanstiegs, die auf Sicht dieses Jahrhunderts wohl ernsteste Konsequenz des Klimawandels.
        Immerhin könnten bis 2100 über 1 Milliarde Menschen direkt vom Meeresspiegelanstieg betroffen sein.
        Außerdem drohen dadurch in weiten küstennahen Bereichen die Grundwasservorkommen zu versalzen und die Wasserversorgung von Küstenstädten und der küstennahen Landwirtschaft zu gefährden. Schon heute, zu einer Zeit, da sich der Meerespiegelanstieg erst zu beschleunigen beginnt, beobachtet man diese Effekte. Ein Drittel des Nildeltas z.B. hat schon brackiges und somit unbrauchbares Grundwasser und Jakarta sieht sich ebenfalls dieser Problematik gegenüber.
        Zwei Beispiele von vielen.

        • Ert sagt:

          @Michael

          Entschuldigung wenn ich Dir wiedersprechen muss – aber die US Navy geht von dieser Dekade aus, Jeremy Jackson (zig fach dekorierter Ozeanforscher) von vor 2022, etc. pp. – wir sehen aktuell eine exponentielle Abnahme des Eisvolumens (die Fläche ist unwesentlicher, die ist aber auch auf Rekordtief für ende Februar).

          Der Anstieg des Meeresspeigels ist eher ein “Nicht-Problem”. Wir legen jedes Jahr aktuell 85 Millionen Menschen drauf – was interessieren da eine Milliarde, die irgendwann Stück für Stück umsiedeln müssen?

          Ich sehe als Hauptproblem lokale Klimaveränderungen und zunehmende Extremwetterbedingungen – und das kann uns schon sehr schnell mehr Probleme machen als uns lieb ist. Die Rückversicherer rechen auch bereits fest damit.

          Fazit: In sofern bin ich für meine statistische Rest-Lebenserwartung nicht so hoffnungsvoll gestimmt wie Du ;-)

          • Tom Schülke sagt:

            Ich denke das Extremwetter wie Hurricans noch nicht mal unser hauptaugenmerk haben sollten… was aber wirklich schlagartig ein weltweites Problem wäre wäre zb. eine Dürreperiode in Amerikas Kornkammer… Da hättn wir augenblicklich hungeraufstände an ganz anderern Orten auf der Welt.

            • Ert sagt:

              @Tom

              Eine Duerreperiode verbuche ich auch unter Extremwetter. Kritisch wird es, wenn solche Sachen global synchronisiert auftreten. Hoffen wir mal, das wir davon noch länger verschont bleiben.

              Wobei aber ein Katastrophenjahr mit Auswirkungen auf die OECD Staaten und China politische Wunder bewirken wuerde….

  9. mo sagt:

    @ert:

    “Kritisch wird es, wenn solche Sachen global synchronisiert auftreten. Hoffen wir mal, das wir davon noch länger verschont bleiben.”

    kurz und schmerhaft: die benannte hoffnung hat sich bereits verflüchtigt…

    http://www.wzforum.de/forum2/list.php?32

    ich empfehle einmal eine gesamte betrachtung aller einträge auf der ersten seite – gut dreiviertel davon handeln von globalen und teils schwer extremen wetteranomalien nur in den letzten drei monaten – ob temperatur- oder niederschlagsrekorde, schneestürme, dürren, orkane, überflutungen – fast alles ist dabei, bis auf die schwere dürre in brasilien und die japanischen schneestürme. vielleicht erinnern sich einige auch noch an das jahr 2010, mit den russischen waldbränden bei gleichzeitigen überschwemmungen in pakistan?

    nee, ich fürchte, wir werden die quittung für unser aller treiben noch früher bekommen, als wir dachten (und hofften).

    ps: geht es heute bei anblick der nachrichtenlage übrigens nur mir so, den unheilvollen eindruck nicht loszuwerden, dass “wir” uns seit 1914 nur in einem großen kreis bewegt haben?

    • Ert sagt:

      @Mo

      danke für den Link.

      Ja, die aktuellen Wetterextreme sind ziemlich erschreckend. In Norddeutschland ist es dagegen sehr mild und – leider auch recht trocken.

      Die fast +20C über Normal im Feb. in der Arktis sind auch nicht gut – wie ich eben schon schrieb ist die Eisdecke für Februar so klein wie noch nie.

      Interessant wird – ob sich dies auch in den Sommer hinein fortsetzt – und wie sich die Wassersituation in Kalifornien, die Obst- und Gemüsekammer der USA weiter entwickelt. Es bleibt nur zu hoffen, das durch diesen Warnschuss die Obst- und Gemüseproduktion auch in den USA wieder lokaler wird.

      Ich sehe ja selber wie viel Nahrung man alleine schon von 100qm Gartenland ziehen kann. noch ein paar Obstbäume dazu und es gibt schon eine gute Zusatzversorgung. Und ich kann nur sagen, das die Kauf-Karotten kein Vergleich zu den selbsteingelagerten sind… wobei ich mich immer wundere wie unnatürlich “Perfekt” die gekauften sind.

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