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Erfurt: Eine Stadt, Peak Oil und Resilienz

Erfurt ist Thüringens Landeshauptstadt mit etwa 200.000 Einwohnern auf 270 Quadratkilometer Fläche. Wie jede andere Zusammenballung menschlicher Lebewesen auf dem Planeten auch muss dieser Stadtorganismus lernen, in Zukunft mit weniger Öl auszukommen. Peak Oil, das globale Ölfördermaximum, wird spätestens 2036 erreicht, sagt die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe. Ron Patterson glaubt beispielsweise, dass die Ölförderung sich maximal bis 2017 steigern läßt. Ein weiteres Nachfragewachstum an Öl kann dann nicht mehr befriedigt werden und muss nach Überschreiten des Ölfördergipfels sogar schrumpfen. Wie lange das globale Ölfördermaximum aufrecht erhalten werden kann, werden wir erst in der Rückschau wissen. Zum Vergleich: Europas Ölförderung ließ sich von 1996 bis 2002 sechs Jahre lang auf dem Maximalwert halten, mit dem Überschreiten schrumpfen die Fördermengen jährlich um 4 bis 6%. An diese absehbare Zukunft muss sich auch Erfurt anpassen.

In Deutschland laufen Anpassungsmaßnahmen an die schrumpfende fossile Ressourcenbasis unter dem Stichwort "Klimaschutz", weshalb viele Kommunen inzwischen Klimaschutzkonzepte mit Hilfe staatlicher Fördermittel erstellt haben. Der Erfurter Stadtrat beschloss im Februar 2012 ein Leitbild zum Klimaschutz und ein Handlungskonzept. In den Zielen heißt es, dass bis 2050 nur noch 20% der heutigen CO2-Emissionen in der Stadt passieren sollen - also nur noch 20% des heutigen Einsatzes fossiler Rohstoffe stattfindet. Der Klimaschutzkoordinator der Stadt Erfurt, Herr Prechtl, war auch bei der Vorstellung der Studie "Peak Oil - Herausforderung für Thüringen" dabei - es besteht also ein Bewusstsein für den Zusammenhang zwischen dem oftmals diffusen Begriff "Klimaschutz" und der schrumpfenden Ressourcenbasis.

Dieses Bewusstsein zeigt sich in Erfurt auch an einer große Anfrage, die die Grüne Stadtratsfraktion an die Stadtverwaltung gestellt hat. Aufgrund des Umfangs der Anfrage, die von der Stadtverwaltung ebenso umfangreich beantwortet wurde, wurde sie in 3 Teile geteilt. Die Anfrage behandelt im Schwerpunkt die Frage, wie widerstandsfähig Erfurt ist bzw. wie Resilienz stärker im Stadtorganismus verankert werden kann. Alle drei Teile dieser Großen Anfrage sind auch über das Bürgerinformationssystem der Stadt Erfurt abrufbar. Erfurter finden in diesen Dokumenten viele Informationen ihre Stadt betreffend, Nicht-Erfurter ziehen aus den Fragen und Antworten Inspirationen, wie ein Peak-Oil-Anpassungsprozess bei Ihnen vor Ort diskutiert und angestoßen werden kann. Die Antwort der Stadtverwaltung ist auf den folgend verlinkten Seiten immer rechts oben (Stichwort: "Beantwortung") herunterladbar:

Die grüne Stadtratsfraktion hat diverse Nachfragen zu den Antworten der Verwaltung hinterhergeschickt, es ist zu vermuten, dass in kaum einer anderen Stadt im deutschsprachigen Raum so viele Dokumente im Ratsinformationssystem zum Stichwort "Resilienz" zu finden sind.

Auch die Landtagsfraktion von Bündnis90/Die Grünen war nicht träge und hat die beauftragte Peak-Oil-Studie weiterverarbeitet. So wurde ein Antrag in den Geschäftsgang des Thüringer Landtags geschoben, über den voraussichtlich am Freitag den 11. April unter Tagesordnungspunkt 16 abgestimmt wird. Titel des Antrags 5/7442: Abhängigkeit von Erdöl verringern – Regionalwirtschaftliche Strukturen stärken. Der Antrag fordert von der Landesregierung einerseits Berichte über die aktuelle Versorgungssituation, andererseits fordert er die Regierung zum Handeln auf, beispielsweise in Form von Vorsorgeplänen, Pilotprojekten, Forschung:

Eine mehrheitliche Zustimmung im Parlament zu diesem Antrag ist nicht sicher. Die Landtagsfraktion stellt 6 von 88 Abgeordneten und ist nicht an der CDU-SPD-Regierung unter Christine Lieberknecht beteiligt.

Wünschenswert wäre, wenn andere Fraktionen in anderen Stadt- und Gemeinderäten sowie Landesparlamenten ähnliche Aktivitäten entfalten. Das Thema ist nicht auf die Grünen festgelegt, auch wenn es ganz offensichtlich in Sachsen und Thüringen überwiegend von dieser politischen Kraft gespielt wird. Die obigen Dokumente dürfen sicherlich als Anregung oder als Vorlage genutzt werden.

Menschen, die nicht dicht am parlamentarischen Betrieb "dranhängen" sei hiermit empfohlen, unser Veranstaltungs-Format "Dresden auf Entzug - Wie funktioniert die Stadt ohne Öl?" für die eigene Kommune zu kopieren, um die Problematik einer schrumpfenden Ressourcenbasis im eigenen Umfeld zu thematisieren.

PS: Am 10. und 11. Mai gibt es in Dresden ein "Transition Training": Ein entspanntes Wochenende mit interessanten Menschen, die sich um das Problemfeld Peak Oil im Stadtkontext sorgen und handlungsfähiger werden wollen.

18 Kommentare to “Erfurt: Eine Stadt, Peak Oil und Resilienz”

  1. Jörg Andreas sagt:

    Norbert, danke für die interessante regionalpolitische Perspektive aus dem Erfurter Landtag. Zumindest eine erste Idee von Anpassungsfähigkeit an zukünftige Bedingungen wird da in die Tagespolitik eingebracht.

    Schwierig empfinde ich eine nützliche und verständliche Integration des Begriffs Resilienz. “Erfurt stark machen” ist gut und kommt bei den wohlhabenden Regionalbürgern sicher auch gut an. Worauf es jedoch zunehmend ankommt sind die vielen kleinen regionalen und robusten Vernetzungen. Jene des Handwerks, des Öko-Landbaus, der Gärten, der Bäcker, der Windmüller und der Wasserradnutzer etc..

    Die oft beschworene und vergötterte Wettbewerbsfähigkeit der Region (der “Stärke”) ist häufig “Wirtschaftssprech” im neoliberalen Gewand. Profitieren tut hierbei oft nicht die Region, sondern die Profitvorstellung der Wirtschaftsverbände.

    Warum also nicht “Erfurt kooperationsfähig machen”?

    Mit all den kleinteiligen, dezentralen Vernetzungen einer lebendigen Region die nicht gleich kaputtgeht, wenn der Großkonzern nach China oder Brasilien abhaut.

    Das klingt zwar nicht so maskulin, ist aber näher dran an den Bedürfnissen einer postfossilen Region.

    Es gilt zu beobachten, wie Wirtschaft mit regionaler Resilienz kann. Entscheidend ist dabei, wer gegenüber was und wem resilient ist und bleibt.

    • @Jörg: Sollte hier der eine oder andere mitlesen und das Erfurter Vorbild an seine eigene Stadtverwaltung herantragen, kann er (oder sie) deinen Vorschlag sicherlich gut brauchen.

      Ich will dennoch drauf hinweisen: Die Eierlegende Wollmilchsau ist ein schwer zu fangendes Tier. Besser den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach.

      Vergessen wir nicht: Was aus deiner Sicht so logisch und angemessen erscheint ist für viele andere Menschen (auch Stadträte und Landtagsabgeordnete) ein sehr seltsamer Gedanke. Warum also nicht anknüpfen an deren Welt-Bild, statt ihnen ein völlig neues, möglicherweise Widerstände hervorrufendes Bild aufzudrängeln.

      Ich find’s gutt, dass die Erfurter losgelegt haben! Nicht um die Kritik an der Erfurter Vorgehensweise sollte es nun gehen, sondern um die Frage: Wie passe ich diese Vorlage für meine Stadt an? Wie kriege ich das Thema in meiner Stadt auf die Agenda? Bei dem einen mag es der Ruf nach “Kooperationsfähigkeit” sein, beim anderen der Ruf nach “Standortwettbewerb”. Ganz ehrlich: Wenn’s nach mir geht, ist mir die Überschrift grade nicht ganz so wichtig… :-) Dass es passiert ist sehr, sehr, seeeehr viel wichtiger!

  2. Michael Egloff sagt:

    “Resilienz” droht genau so, wie vordem schon der Begriff “Nachhaltigkeit”, zum sinnentleerten Modewort zu werden.
    Nicht bei Ihnen, Herr Rost, und auch nicht bei den hier Diskutierenden, aber doch bei denen, die im Klein-Klein der täglichen parlametarischen Arbeit oder der Arbeit in den Unternehmen die epochalen Herausforderungen, vor der alle Menschen im Laufe ihres Lebens stehen, stark unterschätzen.

    Die Weichen wurden ja auch von der Kommunalpolitik in den letzten 20 jahren völlig falsch gestellt.
    Im Falle Erfurt ist das z.B. der Thüringen-Park, der Kauflustige aus einem weiten Umkreis nach Erfurt locken soll. Was ja auch NOCH funktioniert.
    Und auch die vielen Märkte auf der grünen Wiese, die sich wie eine Perlenschnur rund um Erfurt z.B. Richtung Weimar an den Bundesstraßen hinziehen.
    Alle diese Strukturen sind das Gegenteil von resilient.
    Und selbst die urbane Infrastruktur, bestehend aus tausenden Kilometern asphaltierten Straßen (wie bei praktisch allen Städten gleich oder größer als Erfurt), hunderten Brücken und vielerlei anderer Strukturen, die in Stahl, Beton und Asphalt “gegossen” wurden.

    Keiner wagt sich die Frage zu stellen: was wird aus diesen ausgedehnten Infrastrukturen, wenn einerseits die kommunale Steuerbasis in den 20er bis 40er Jahren dramatisch schrumft, andererseits aber z.B. Bitumen für den Asphalt und Treibstoff für die Tiefbautechnik immer teurer und knapper werden?
    Welsche Zukunft hat z.B. der Erfurter Flughafen, wenn uns die immer weniger Länder mit Ölexpo9rtkapazität nur noch 10 oder 20% der heutigen Importölmenge übrig lassen? (was vorraussichtlich zwischen 2040…45 der Fall sein könnte)
    Was wird aus den Stadbewohnern, die auf Grund der zunehmenden Aussetzer des urbanen Wertschöpfungsmotors z.B. Arbeit in der teilweise demechanisierten Landwirtschaft suchen müssen?
    Was passiert mit den Stadtfinanzen und mit dem Bankensystem in Erfurt?

    Am besten man macht es wie Heinberg: man durchstreift die Stadt und den Speckgürtel und untersucht jedes Detail der Wirtschafts- und Siedlungsstruktur darauf hin, welche Zukunft alle diese Strukturen haben, wenn nur noch 10…20% der heutigen Importölmenge und 50% der heutigen Importgasmenge zur Verfügung stehen.

    Dann bekommt man eventuell einen gaaanz schachen Schimmer davon, was “Reslienz” auf Sicht der nächsten 25…30 Jahre wirklich bedeutet. Von 50 Jahren wolle wir ja garnicht sprechen.

    • Michael Egloff sagt:

      Entschuldigung für die Tippfehler am Ende des Beitrags.

    • @Michael Egloff:
      Ja, ich kann diesen Gedanken durchaus zustimmen! Und sie treffen leider nicht nur auf Erfurt zu, sondern auch auf die meisten anderen Städte. Dresdens jüngste Elbbrücke hat nichtmal Straßenbahnschienen gekriegt. Stattdessen diskutieren wir grade über einen GLOBUS-Markt, der Kaufkraft aus den kleinen Läden abziehen wird und dem völlig überversorgten Homo Konsumensis Dresdensis noch ein paar Quadratmeter Handelsfläche dazuschenken soll. Bis es dann so aussieht wie in dieser Bildergalerie von leerstehenden Einkaufsparks in den USA:
      http://www.buzzfeed.com/mjs538/completely-surreal-pictures-of-americas-abandoned-malls

      Dresden, Erfurt und all die anderen Städte müssen grundlegend umdenken lernen, wenn sie Resilienz wirklich berücksichtigen wollen. Beginnen muss es damit, “Verletzlichkeit” als Kategorie zu begreifen, unter der man Stadtentwicklung bedenken muss. Für Dresden formuliert:
      http://buendnisfreiebuerger.de/wp-content/uploads/2014/01/Dresden-muss-robust-werden.pdf

      Es ist traurig, dass es dem politischen Personal und den einflussreichen Unternehmern so an Weitsicht mangelt.

    • Bruno Müller sagt:

      Ich komme ein wenig vom Thema ab.

      @Michael und @Alle.
      An dieser Stelle (Michaels Kommentar), wo gegen Ende ein Gedankentor geöffnet wird, das es erlaubt, Dinge zu Ende zu denken und wir vermutlich nur “einen gaaaanz schwachen Schimmer davon” haben, wie und wo wir nach Peak Oil landen werden. Das Entdeckte wird für sich vielleicht aufgeschrieben aber nicht ausgesprochen, Warum eigentlich nicht?

      Doch dann frage ich mich und Euch, ob es denn etwas bringt, die menschliche Tragödie zu beschreiben, nicht als Roman. Buch zu und Alles ist wieder gut, wie zuvor. Warum fällt es uns so schwer, Gesellschaftstragödien nach einem Systemkollaps, die es auf unserem Planeten regelmäßig gibt und auch hier bei uns regelmäßig gegeben hat, und wieder geben wird, offen auszusprechen?

      “Warum sollten wir das tun, wenn wir es sowieso nicht mehr verhindern können?” Fragte mich eine mir nahe stehende Person? “Wie es kommt, so kommt’s, mach Dir keine Gedanken!” Und ich habe so schnell keine Antwort gefunden. Und ich tue mich nach wie vor schwer, eine zu finden. Ich mache mir eben meine Gedanken. Doch warum soll man das Unvermeidliche Aus- und Ansprechen?

      Viele, die sich sehr intensiv mit Peak Oil und seinen Folgen beschäftigt haben, so auch Robert Hirsch, berichten von einem ökonomischen und daraus folgendem menschlichen Desaster, wenn wir erst beginnen echte, fossilarme bis -freie Strukturen umzusetzen, wenn Peak Oil erreicht ist. Wir sind bereits in diesem Szenario angekommen. Peak Oil ist durch Peak Plateau erreicht und wir tun global gesehen nichts, was uns helfen könnte.

      Robert Hirsch beendet seinen Vortrag in der ASPO-USA-Konferenz im Oktober 2007 mit dem Satz: “The more you think about it, the uglier it gets.”
      Darüber nachdenken, ja. Darüber reden, nein? Warum eigentlich nicht?

      • Ert sagt:

        @Bruno

        Ich muss es aussprechen können – denn genug tun die Gedanken, die für uns hier schon zukünftige Fakten sind, einfach ab.

        Werden die Themen, die wir hier diskutieren, nicht konstant in das öffentliche Bewusstsein gebraucht – dann kommt es noch schlimmer als wir denken.

        Es ist ja nicht so, das wir nichts tun können – ganz im Gegenteil. Es wird natürlich anders werden, wenn wir weniger Energie haben – aber es kann immer noch besser werden als es z.B. 1900 in Deutschland war.

        Schlimm ist für mich nur die absolute kognitive Dissonanz. Anscheinend weiß keiner wie wir aus dem wachstumsgetriebenen Modell aussteigen können. Der, der aktuell zuerst nicht mehr 110% Gas gibt – der scheidet sofort aus dem globalen Wettbewerb aus. Ansonsten kann ich mir nicht erklären warum Denis Meadows bei der Volkswagen Stiftung klar und offen über den unabwendbaren Kollaps spricht – aber nichts passiert. Meadows sagt aber ganz klar – das wir die Art und Weise des Kollapses noch bestimmen können. Dabei heißt Kollaps überall etwas anderes – aber eben grundsätzlich, das wir die Art- und Weise unseres heutigen Lebens in Zukunft nicht weiter führen werden können.

        So verwende ich Gerade einiges an Zeit um meine Gedanken und mein Wissen nieder zuschreiben – mit dem Ziel meine Gedanken zu schärfen und andere zu erreichen. Es ist aber eher so, das sich viele von denen die Ahnen das es so nicht weiter gehen kann, aktuell nur einen selbst verordneten Informations-Blackout schützen wollen (so ist es in meinem Umfeld). Das heißt – wir sind noch lange nicht mal bei einem Minimal-Handeln angekommen.

        Dabei wäre es schon ein Anfang wenn viele einsehen würden das es nicht so weiter geht – und die Zeit knapp wird. Ggf. würden dann viele Konsum gegen Zeit tauschen – weniger Arbeiten – und damit das Problem selbst an der Wurzel verringern.

        • Michael Egloff sagt:

          Trotz meiner Schlussfolgerungen über die Zukunft bin ich irgendwie ziemlich entspannt.
          Es lohnt sich nicht, einem unnormalen Zustand hinterherzuweinen. Und dass der heutige Zustand der menschlichen Gesellschaft alles andere als historisch normal ist – daran besteht doch wohl kein Zweifel?
          Natürlich halten wir Menschen immer das für normal, was wir per Zufall während unseres Lebens an Lebensbedingungen vorfinden.
          Aber selbst unsere Realität hier in der gegenwärtig noch intakten Wohstandsfestung (Mittel-)Europa ist ja bei Weitem nicht die Realität aller gegenwärtig lebenden Menschen.
          Die Realität z.B. in den Slums von Mumbai oder Lagos ist eine völlig andere. Dort ist das Energieparadies mit allen seinen Segnungen nie Wirklichkeit geworden. Wir haben lediglich bisher Glück gehabt mit den Raum-Zeit-Koordinaten unserer Geburt.
          Wenn wir also erkennen, dass alles um uns herum keine uns zustehende Normalität sondern purer Zufall ist, dann fällt das Abschied nehmen von dieser zeitweisen “Unnormalität” auch nicht so schwer.

          Weiterhin sollten wir erkennen, dass wir einzelnen Menschen uns von unserer Lebensspanne und unserer Größe her im globalen oder gar iniversellen Maßstab nahe am Rande der Nicht-Existenz bewegen. Sozusagen Eintagsmikroben.
          Wenn man erst mal gelernt hat ,schon aus diesem Grunde sich selbst nicht so wichtig zu nehmen, dann schrumpfen auch solche Herausforderungen auf ein geradezu lächerliches Maß.
          Und ich weiß: auch unter deutlich veränderten Lebensbedingungen wird es Zufriedenheit, Freundschaft, Liebe, eine grandiose Natur um uns herum und manches andere Positive geben.
          Wer gelernt hat, den Flug einer Libelle oder die ersten Schritte eines Kindes als Wunder zu empfinden, dem muß nicht bange sein, nur weil er an unnormalem Komfort einbüßt.

          Bei allem, was mir als entspannende und angstbefreiende Einsicht dient, gibt es allerdings eine einzige latente Befürchtung, von der ich micht nicht ganz frei machen kann: dass die Mehrheit der Menschen mit den Änderungen komplett irrational umgeht und meine Familie, meine Freunde oder ich Opfer menschlicher Dummheit werden. Wenn wieder so ein Adolf nebst Gefolgschaft die Menschen in eine völlig unnötige Katastrophe treibt.

          Der Erhalt und der Ausbau kultureller und ethischer Standards – dafür lohnt es sich immer einzutreten.
          Und diese Standards können auch bewahrt werden ohne I-Phone, ohne Auto und ohne täglich Fleisch auf dem Teller. Vielleicht sogar besser, als in dieser, die Menschen fehlfokussierenden Unnormalität.

          Ich hoffe, ich habe Euch mit meinem etwas philosophischen Diskurs nicht genervt. Ab und zu muss man mal das Große Ganze sehen und entsprechend einordnen.

          • @Michael: Damit sprichst du mir aus dem Herzen.

          • Bruno Müller sagt:

            Michael, Dein philosophischer Diskurs gefällt mir sehr. Danke. Er erklärt, ohne sich aufzudrängen. Das sollten ganz viele Menschen lesen.
            Vor der Abschiednahme der “Unnormalität” ist auch mir persönlich nicht bange, weil die innere (geistige) Vorbereitung stattfindet und ich weiß, dass sie mir helfen wird.

            Manchmal beobachte ich meine Mitmenschen ganz bewusst, mir bekannte oder ganz fremde, wie sie sich im Alltag bewegen oder benehmen, besonders die meisten Jüngeren, die so tief in der “Unnormalität” stecken, weil sie nie etwas anderes leben durften. Besonders schlimm ist, dass Ihnen bereits in der Schule beigebracht wird, dass sie der Zustand der “Unnormalität” ihr Leben lang begleiten wird. Smartphone, Flugreisen, schicke Klamotten, immer was zu Essen. Und dann stelle ich mir vor, wie sie wohl reagieren oder damit klar kommen, wenn ihnen sukzessive die gewohnte und versprochene Lebensgrundlage entzogen wird – völlig unvorbereitet. Das muss doch schlimm für sie sein. Dann habe ich das Bedürfnis, diesen Menschen auch die innere Vorbereitung zu ermöglichen. Durch prophane Missionsarbeit? Möglicherweise auch aus Eigennutz? Damit mir meine Mitmenschen vor lauter Schreck und in der Panik nicht den Schädel einschlagen? Sicher auch deswegen.

            Doch wie Missionieren?
            Vorleben, klar. Nicht Druck, sondern Sog erzeugen, Neugierde wecken, wenns auch anstrengender ist und länger dauert (Tom Aslan). Gelingt mir nicht immer.
            Idealerweise gut organisiert und geplant im Team. Kora Kristof kann dazu etwas erzählen.
            http://www.youtube.com/watch?v=oTbmbbjnQzY

            • @Bruno Müller: Ich darf derzeit in Kooperation mit dem Mohio e.V. in Halle Unterricht an interessierten Schulen machen, bei denen wir die Schüler für die Zusammenhänge zwischen ihrem Lebensstil und einer schrumpfenden Ressourcenbasis am Beispiel Öl sensibilisieren:
              http://mohio.org/projekte/aktuelle-projekte/mobilitaet-global/

              Das funktioniert recht gut. Wird eingesetzt ab Klasse 9, wir waren schon im Rahmen des Gesellschaftskunde- aber auch des Chemie-Unterrichts unterwegs. Schwerpunkt dieses Projekts: Sachsen, Thüringen, Sachsen-Anhalt.

              Etwas Ähnliches machen wir in Sachsen in Kooperation mit der SAENA zum Thema Elektromobilität:
              http://www.saena.de/angebote/unterrichtsmodule.html

              Beide Module sind für die Schulen kostenfrei bzw. mit geringer Zuzahlung zu haben. Die “Unnormalität” des heutigen Daseins wird den Schülern oft deutlich, wenn ich frage, wie viele von ihnen schonmal geflogen sind und was sie schätzen, wie viele Menschen weltweit jemals ein Flugzeug betreten haben. Die Schätzungen liegen oft um den Faktor 10 von der Realität entfernt.

              • Bruno Müller sagt:

                Das ist ja wirklich gut und vorbildlich und macht Hoffnung. Bezogen auf meine eigenen Erfahrungen mit der örtlichen Schule und ich kenne da einige Lehrer und den Rektor persönlich, hätte ich nicht gedacht, dass es Schulen gibt, die solche Themen an ihre Schüler ran lassen. Gratulation!

                Ich wurde bezüglich einer von mir gestalteten Projektwoche Jahr um Jahr vertröstet. Es gibt andere wichtige Themen. Zu meinem beruflichen Thema durfte ich eine Projektwoche gestalten, nicht aber zum Thema Erdöl. Mein Angebot steht noch.

              • Die Lehrer sind durchaus sehr dankbar für Input von Außen. Schwierig ist vor allem der organisatorische Rahmen: Wann passt solcher fächerübergreifende Unterricht in den schulischen Ablauf, wann in den Lehrplan? Am Gymnasium ab Klasse 11 kommt man so gut wie gar nicht rein, weil die Schüler voll in den Prüfungsvorbereitungen stecken. Und vorher gehts dann, wenn der Lehrer das WILL.

        • Michael Egloff sagt:

          Hallo Ert,
          ich lese Deine fundierten Beiträge immer mit Vergnügen und stimme auch nahezu allem zu (was bei einem Querkopf wie mir nicht selbstverständlich ist).

          Aber dem letzten Satz in Deinem Beitrag muss ich doch widersprechen:

          “Ggf. würden dann viele Konsum gegen Zeit tauschen – weniger Arbeiten – und damit das Problem selbst an der Wurzel verringern.”

          Ich denke, es wird genau anders kommen: wir, und vor allem unsere Kinder und Enkel werden wieder mehr arbeiten müssen, wenn wieder land- und forstwirtschafliche Arbeit in größerem Maße als heute mit Muskelkraft zu erledigen ist und wenn auch schon bei der Erhaltung der dann abgespeckten Infrastruktur uns die ölbetreibenen Monstermaschinen nicht mehr in dem Maße wie heute zur Verfügung stehen.

          • Ert sagt:

            @Michael

            erst einmal danke für die Blumen :-)

            Ja, wenn das Ganze den Bach runter geht bzw. runter gegangen ist – dann werden wir alle wieder mehr physisch arbeiten müssen – ganz klar. Und ich kenne noch Landwirtschaft “Light” – Heuballen Packen, Unkraut ausziehen (Klette, Stockrüben), Rohrberegnung umbauen, Silos saubermachen – all den Mist einer noch einfacher mechanisierten Landwirtschaft. Fand das auch im Rückblick nie so richtig Spannend, insbesondere wenn man sah dass der Lebensunterhalt auch einfacher verdient werden kann. Aber dass sich Leistung (im Sinne von Arbeit) in unserer aktuellen Gesellschaft nicht lohnt – das merkt man schnell. Je abstrakter der Job und die Jobbeschreibung, je weniger dort an Produkt oder Dienstleistung herauskommt, je weniger Messbar das Ergebnis ist – desto besser ist der Job bezahlt.

            Was ich mit meinen Zeilen meinte: Auf dem Weg in die von Dir geschilderte Zukunft gibt es noch viel schlechter zu machen und zu zerstören. Und für diese “Rest”-Zeit besteht noch die Möglichkeit ““Konsum gegen Zeit zu tauschen” und zumindest weniger an der Beschleunigung in das nichts teilzunehmen.

            Die Frage ist natürlich – ob einem angespartes Geld (was letztendlich nur Forderungen gegen andere Leute sind) in der Zeit in der dann alles schlechter wird noch etwas bringt – oder ob das dann eher “Momo”</i"-Geld ist. Mit Momo spiele ich auf Michael Ende an, wo die grauen Herren die gesparte Zeit des kleinen Mannes verrauchen (Geld == Zeit). Denn wenn unter Wachstumsmodell kollabiert oder nicht mehr wächst – dann ist auch unser Finanzsystem dran.

  3. Bruno Müller sagt:

    Zurück zum Thema.

    Finde ich wirklich gut, was die GRÜNEN im Erfurter Stadtrat mit ihrer großen Anfrage gemacht haben.

    So musste sich doch der Oberbürgermeister (oder zumindest seine Verwaltungsangestellten) mit diesem Thema auseinandersetzten und z.B. schlicht weg gestehe und hoffentlich auch erkennen, dass ohne Öl (wirtschaftlich) nichts geht. Bei “Feinheiten”, wie z.B. der hohe Ölpreisanstieg 2008 auf die 147 Dollar pro Fass merkt man, wie zumindest in der Verwaltung diese Situation wahrgenommen wurde oder noch in Erinnerung ist. In einer Antwort wird die Bankenkrise als Auslöser für den hohen Ölpreises beschrieben. Nun gut, das ist jetzt nicht entscheidend aber doch ein Indiz, wie weit Verwaltungen von diesem Thema weg sein können.

    Der Fragenkatalog ist modifiziert ganz gut für die eigene Kommune anwendbar. Prima
    Mal schauen, wie und mit welchen Mitstreitern so etwas bei uns umgesetzt werden kann. Ich hoffe, dass auch Bürgerfragen in solch einem Umfang zugelassen sind. Da müsste ich mal die Gemeindeordnung durchlesen.

    Erstaunlich: Nicht bei jeder gemeindlichen GRÜNEN-Fraktion ist Peak Oil so angekommen, dass daraus ein Handlungsbedarf, wie das Schaffen von Resilienzen entsteht.

    • @Bruno Müller: Viele Fraktionen in Gemeinderäten sind durchaus offen für zugelieferte Fragelisten. Du kannst also versuchen, die Fragen als Bürger einzureichen oder du bietest sie einer Fraktion an – als interessierter/besorgter/engagierter Bürger. Immerhin müssen die sich die Fragen dann nicht mehr selbst ausdenken.

      Ich würde jedoch nicht gleich mit solch einer dicken Frageliste anrücken, sondern mich beispielsweise auf 5 Fragen beschränken. Diese möglichst auf die eigene Kommune runterbrechen und eine Fraktion fragen, ob sie sie einreichen würden. Sensibilisiert natürlich gleich mal die Fraktionsmitglieder mit…

  4. Ludger Kanngießer sagt:

    Als derjenige, der zusammen mit seiner Fraktion und seinem Grünen-Kreisverband diese drei großen Anfragen vorbereitet hat und weiter bearbeitet, danke ich herzlich für diesen Artikel und die Diskussion!
    Der Vollständigkeit halber will ich noch erwähnen, dass zeitgleich zur ersten großen Anfrage, die Stadtratsfraktion “Die Linke” eine “Große Anfrage zum aktuellen Stand der Umsetzung der Energiewende in Erfurt” gestellt hatte. Das ist die Drucksache 2424/12. Auch dies gehört für mich zur Informationssammlung “Resilienz in Erfurt” mit dazu. In der Folge konnte ich dann aus unserem zweiten Teil etliche Fragen wieder rausstreichen, weil sie bereits in dieser Drucksache beantwortet waren.

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