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Europa am Peak

Die Diskussion um Peak Oil, geht mit der Studie von Leonardo Maugeri in eine neue Phase - sowohl was öffentliche Problemwahrnehmung und Diskussion als auch was die inhaltliche Substanz betrifft. Maugeri prognostiziert einen neuen Ölboom, sofern politische und finanzielle Rahmenbedingungen stimmen. Knappheit an Erdöl, so der Tenor, ist nicht zu befürchten. Technologie löst das Problem. Diese Studie löst eine Flut an Presseartikeln und Blogeinträgen aus, die Zweifel daran schüren, ob der Höhepunkt der globalen Ölförderung wirklich so nah ist, wie manchmal befürchtet. Und ob man sich überhaupt um dieses Thema kümmern muss.

Für Europa sieht die Sache dennoch anders aus.

Europa hat seinen Höhepunkt der Erdölförderung 1996 erreicht und verharrte 6 Jahre lang auf einem Plateau. Das zeigen die Daten der EIA ganz deutlich. Seit 2002 geht die jährliche Ölförderung zurück, im Schnitt mit über 5% gegenüber dem Vorjahr, was einem "normalen Durchschnitt" der sogenannten Decline-Rate entspricht, wie man sie bei einzelnen Ölfeldern und Ölförderregionen in der Vergangenheit vorgefunden hat. Drei Viertel der Ölförderung Europas kommen aus Großbritannien und Norwegen. Beide Länder haben ihren Peak überschritten, Großbritanniens Förderrückgang läuft seit 1999, Norwegens seit 2001. Logische Folge, dass der europäische Kontinent in Summe sein Fördermaximum überschreitet: Von 2002 bis 2011 sind die jährlichen Fördermengen um insgesamt 40% zurückgegangen, zuletzt fehlten über 350.000 Fass gegenüber dem Vorjahr:

Lesen Europäer heute die Pressemeldungen zur Studie von Leonardo Maugeri, so könnten sie den Eindruck bekommen, sie dürfen sich getrost anderen Dingen zu wenden. Schließlich seien es die neuen (unkonventionellen) Fördertechniken, die in Zusammenspiel mit viel Geld und politischem Beistand Peak Oil in die Zukunft verschieben werden. Doch diese Europäer sollten sich nicht vom us-amerikanischen Blickwinkel in der englischsprachigen Presse täuschen lassen! Denn Maugeri macht in seiner Studie ganz klar Ausnahmen - auch aus seiner Sicht gibt es Länder, für die der neue technologische Aufschwung nicht gilt:

As to other significant contributors to the world’s oil production capacity by 2020, a handful of countries require comment, starting with those that I think will face a net decline of their current production capacity: Norway, the United Kingdom, Mexico, and Iran.

The cases of Norway and the United Kingdom are not a surprise. For many years now, both countries have struggled against a significant decline in their production, because of the limited size and extensive exploitation of their oil resources. In 2011 they had a combined production capacity of about 3.5 mbd, which might decrease by slightly less than 1 mbd to 2.6 mbd by 2020. (S. 37)

Schaut man auf andere Zulieferer zur Welt-Ölproduktionskapazität in 2020, erfordert es Kommentare zu einer Handvoll Ländern. Fangen wir mit jenen an, von denen ich glaube, dass sie einem Netto-Rückgang ihrer derzeitigen Produktionskapazität ins Auge sehen: Norwegen, Großbritannien, Mexiko und Iran.

Die Fälle Norwegen und Großbritannien sind keine Überraschung. Seit vielen Jahren haben beide Länder gegen einen signifikanten Rückgang ihrer Fördermengen gekämpft - aufgrund der beschränkten Größe und beträchtlichen Ausbeutung ihrer Ölressourcen. Zusammen hatten sie 2011 eine Förderkapazität von 3,5 Millionen Barrel, welche sich bis 2020 um etwas weniger als 1 Million auf 2,6 Millionen Barrel pro Tag verringern wird. (S. 37)

Was Maugeri da sagt ist: Zwar soll die "neue Ölrevolution" die globalen Fördermengen erhöhen, doch für Europa gilt das nicht. Vielmehr verliert Europa binnen 8 Jahren eine weitere Million Barrel Förderkapazität. Die zwei wichtigsten europäischen Förderländer Großbritannien und Norwegen schreibt selbst der Peak-Oil-Skeptiker ab - und sagt damit, dass die Förderregion Europa ihren Förderhöhepunkt überschritten hat und die seit Jahren stattfindende Verringerung der Ölfördermengen nicht mehr umkehrbar ist.

Für Europa stellt sich die Ölrevolution demnach anders dar, als für den Rest der Welt.

Ein Anstieg der weltweiten Fördermengen (laut Maugeri) würde es natürlich auch den europäischen Konsumenten erlauben, den gewünschten Rohstoff aus anderen Ländern zu importieren. Das passiert ja bereits heute in großen Maße! So lange genügend Finanzmittel vorhanden sind, um solcherlei Import zu finanzieren, läßt sich eine physische Verknappung wegkaufen. Dennoch muss festgestellt werden, dass Peak Oil in Europa angekommen ist, denn mit der sinkenden Eigenförderung verändern sich langsam, aber stetig die geopolitischen wie auch die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, denen sich der "alte" Kontinent ausgesetzt sieht. Bereits mit dem Überschreiten des europäischen Peaks ist der Selbstversorgungsgrad Europas von ca. 47% in 1996 auf 28% in 2011 gesunken. Europa fördert also nur noch etwa ein Viertel seines Ölverbrauchs selbst, drei Viertel müssen woanders her importiert werden - Tendenz steigend. Russland ist Europas Hauptlieferant für Mineralöl, das Verhältnis zum Riesenreich im Osten wird künftig noch stärker von der Energieabhängigkeit geprägt sein. Europa muss, um diese Importe zu finanzieren, große und steigende Geldmengen flüssig machen bzw. Industrien vorhalten, die das Ölgeld auf dem Weltmarkt (im Tausch gegen Maschinen o.ä.) "zurückverdienen". Mancher geht davon aus, dass Russland einen Ölpreis von 126 US$ braucht, um seinen Staatshaushalt im Gleichgewicht zu halten - darf diese Marke also getrost als europäisches Ölpreisniveau der nahen Zukunft gesehen werden? Hinzu kommt, dass der Eigenbedarf der Ölexporteure weiter zunimmt. Die Mengen, die Länder wie Russland also nach Europa verkaufen können, werden selbst mit "Maugeris Ölrevolution" irgendwann sinken. Steigt der Eigenverbrauch an, obwohl die Fördermengen bereits sinken, so schrumpfen die exportierbaren Mengen sogar noch schneller als die Fördermengen. Und als Bonus kommt auf den Turm aus Risiken noch die zunehmend fragile Lieferstruktur drauf: Denn Öl muss nicht nur gefördert, sondern auch transportiert werden, um nach Europa zu kommen. Ein lohnendes Ziel für Anschläge waren Pipelines und Tanker schon immer, die (neuen) Spannungen um die Straße von Hormuz im Iran-Konflikt (und das EU-Ölembargo) zeigen, wo die Grenzen der Ölexporte liegen: Im Iran denken Parlamentarier über eine Sperrung der Meeresenge nach, über die 35% des weltweiten Export-Öls laufen.

Den Europäern muss klar sein: Wenn sie ihren Öl-Verbrauch nicht vorbeugend anpassen, machen sie sich von den Preisvorstellungen weit entfernter Ölförderländer abhängig und müssen das Risiko akzeptieren, dass die Importmengen nach Überschreiten des globalen Peaks schneller sinken, als die Ölförderung selbst. Der Blick auf die globalen Fördermengen trügt, seitdem Europa sein Ölfördermaximum "nachhaltig überschritten" hat. Peak Oil zeigt Europa bereits seine Zähne.

Mehr lesen: Europa am Peak bei Telepolis

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9 Kommentare to “Europa am Peak”

  1. M.U. sagt:

    Ein neues Interview mit Albert Bartlett. Eine fantastische Zusammenfassung der aktuellen Lage. Und leider die einzige Wahrheit vor der sich leider auch die Peak Oil’er immer noch drücken.
    http://www.youtube.com/watch?v=F8ZJCtL6bPs

    • Ro sagt:

      Welche Wahrheit denn nun?

      Bitte werter M.U eine ausführlichere Zusammenfassung geben.

      Dies sollte doch oberstes Gebot sein, mit Verlaub. Besten Dank

  2. eliso sagt:

    Selbst wenn die Fördermenge global ansteigt, kann/wird Öl nicht günstiger werden

  3. steffomio sagt:

    40% Förderrückgang in 9 Jahren in Europa.
    Das ist ja der totale Horror!
    Und übertrifft meine ohnehin schon schlimmen Erwartungen bei weitem.

    Aus dem Bauch glaube ich nämlich nicht, das mit Peak-Oil die 50% Marke der Ölreserven erreicht ist, sondern aufgrund der fortschrittlichen Technologie und der vielen Bohrungen pro Ölfeld bei 70-80% Ausschöpfung liegen dürfte.
    Der Decline deshalb -uns böse überraschend- sehr viel schneller voran schreitet als bisher angenommen.

  4. Marcus Kracht sagt:

    Vielen Dank an Norbert Rost für die Zusammenfassung! In der Tat müssen wir uns in Westeuropa warm anziehen, weil wir keine nennenswerten Rohstoffe haben. Wir importieren praktisch *alles*. Ich weise dabei auf meine Analysen in http://www.domokos-kracht.eu/marcus hin. Demnächst wird es nicht nur wegen des Öls sondern auch wegen Kohle zu sehr problematischen Zuständen kommen. Unsere Regierungen sind allerdings auf Tauchstation und erklären das für ein finanzielles Problem.

    — Marcus

  5. […] ja lesen nicht mehr so in ist, habe ich 3 Minuten zum Stand der europäischen Ölförderung als Video zusammengestellt. Infos im Schnelltempo. Zur Not: Mehrmals […]

  6. […] schneller sinken dürfte als es bei den herkömmlichen Fördermethoden üblich ist. Europa verliert derzeit 5,5% seiner Förderung pro Jahr. Doch die Abfallraten der Fracking-Technologie sind weitaus rasanter: Eine Förderstelle […]

  7. […] in den USA zwar für eine Entlastung der weltweiten Exportmärkte sorgt, doch Europa nach seinem Peak sich in weitere Abhängigkeiten begibt. Eine stabile Öl- und Gasversorgung setzt […]

  8. […] 53 Millionen Barrel pro Tag bewegen, um bis 2035 auf 50 Millionen Fass zu sinken. Zur Erinnerung: Europas Ölförder-Plateau dauerte 6 Jahre und nach dem "Absprung" vom Plateau fiel die Förderung pro Jahr um 5,5%. Das […]

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