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Neuigkeiten aus der Ölwirtschaft: RWE, Hess, Rosneft

Seit Mitte Februar sinkt der Ölpreis. Die Ausgabenkürzungen im US-Haushalt, die die Konjunkturaussichten trübt sowie das anstehende Sommerhalbjahr auf der Nordhalbkugel dürften nicht unbedingt die Nachfrage nach Öl steigen lassen - daher ist über den Sommer mit einem weiteren Sinken des Ölpreises zu rechnen. (Wenn nichts unplanmäßiges dazwischenkommt.)

RWE

Im Ölgeschäft passieren kleinere, aber interessante Dinge: RWE, der große deutsche Energiekonzern, stellt seinen Öl- und Gas-Förderer RWE Dea zum Verkauf. Begründet wird dieser Schritt unter anderem damit, dass man sich von künftigen Investitionen entlasten will. Reuters zitiert unternehmensnahe Personen mit der Aussage, dass die hohen Investitionen in die Firma sich erst sehr viel später auszahlen. Anders gesagt: Um Öl zu finden und es förderbar zu machen, muss sehr viel Geld für lange Zeiträume bereitgestellt werden. Und dennoch bleibt eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass die Explorationsaktivitäten nicht jene Mengen zutage fördern, wie die Geologen errechnet haben. RWE ist unter Druck, da durch den Atomausstieg und den Einspeisevorrang der Erneuerbaren Energien in Deutschland das alte Geschäftsmodell nicht mehr richtig funktioniert ("no business as usual") und die Bilanz aufgepeppt werden soll. Doch das Beispiel macht deutlich, dass sich das Ölgeschäft vom Bäckerhandwerk grundsätzlich unterscheidet.

Hess, Elliott Management und die Bakken-Shales

Die US-Firma Hess wiederum, eine der 100 größten US-Firmen, will sich von ihrem Tankstellengeschäft trennen und sich rein auf Exploration und Förderung konzentrieren. Diese Entscheidung ist unter den Anteilseignern umstritten, besonders hebt sich Elliott Management hervor, ein 15-Milliarden-Dollar verwaltender Hedge-Fonds. Der Fonds versucht, das Unternehmen umzubauen und unprofitablere Geschäftszweige abzustoßen. Elliott will offenbar, dass Hess seine schnellwachsenden Fracking-Aktivitäten in den Bakken-Shales vom Kerngeschäft abkoppelt, während der Unternehmensvorstand das als kurzsichtig kritisiert. Es ginge, so das Unternehmen, dabei darum, den Aktienkurs kurzfristig hochzujagen statt langfristige Potentiale zu nutzen. Das Unternehmen steigerte laut Wall Street Journal seine Fördermengen durch die Fracking-Aktivitäten um 5 bis 8% pro Jahr, aber offenbar ist das Vorhaben sehr kapitalintensiv. So will das Unternehmen Einnahmen aus seinen sonstigen Investitionen (unter anderem in Ghana, Malaysia und im Golf von Mexiko) nutzen, um die Bakken-Aktivitäten zu finanzieren oder alternativ sich aus dem Bakken-Geschäft zurückziehen und es verkaufen. Beide Szenarien klingen seltsam, zumal Hess offenbar normalen Zugang zum Finanzmarkt verfügt und seine Dividende um 150% anhob, frisches Geld also kein Problem darstellen sollte.

China, Nigeria, Russland und die USA

China scheint derweil zum größten Ölimporteur aufgestiegen zu sein. Das Land kaufte im Dezember 6,12 Millionen Fass, während der bisherige Rekordinhaber USA "nur" 5,98 Millionen Fass kaufte - schreibt DiePresse.com und verweist darauf, dass der Fracking-Boom in den USA keineswegs zu einer Abkehr vom arabischen Raum führt. Vielmehr kaufte die USA in Saudi Arabien von Januar bis November 2012 mit 450 Millionen Fass mehr Öl, als in den Jahren 2009 bis 2011. Der Anteil der ganzen Golfregion an den US-Importen lag bei über 25% und war damit so hoch wie seit 9 Jahren nicht mehr. Offenbar verschiebt sich der US-Einkauf von westafrikanischen Ländern in den arabischen Raum. Nigeria ist einer der großen Verlierer dieser Entwicklung, da die dortige Wirtschaft stark abhängig von Ölimporten Ölexporten ist und die rückgehende Einkaufsfreude der US-Ölfirmen die Einnahmen senkt. Der nigerianische Ölverkauf in die USA liegt auf dem tiefsten Stand seit 20 Jahren. Der asiatische Markt soll das Business retten, wird ein nigerianischer Finanzberater auf format.at zitiert.

Der asiatische Markt: Das ist natürlich China. Und die Chinesen fallen jüngst mit einer interessanten Strategie auf: Nachdem sich das Land als Exportland etabliert und riesige Währungsreserven angeschafft hat (die offenbar zu einer Immobilienblase führen), geht man dazu über, Vorab-Bezahlungen und Kredite für künftige Öllieferungen vorzunehmen. Das passierte jüngst in Ecuador, als China einen Kredit-Deal an Öllieferungen für 2 Jahre knüpfte, Ghana bekommt 3 Milliarden US-Dollar für ein 13.000-Barrel-täglich-über-15-Jahre-Geschäft, Venezuela liefert Öl für Kredite und fragt nach mehr, es bahnt sich in Brasilien an und es passiert jetzt wieder in Russland: Die russische Rosneft plant offenbar, chinesische Kredite aufzunehmen und mit künftigen Öllieferungen zu bezahlen. Es geht um 30 Milliarden US-Dollar. Im Rahmen eines ähnlichen Deals vor 10 Jahren hat Rosneft eine Pipeline von Russland nach China gebaut, durch die 150.000 Barrel täglich über 15 Jahre fließen. Damals kaufte Rosneft Yukos, nun will man TNK-BP kaufen. Im Aufsichtsrat von TNK-BP, das 2003 auf den britischen Jungferninseln als BP-Tochter geründet wurde und insbesondere mit russischem Öl handelt, sitzt auch der frühere deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder. Im Vorstand des Unternehmens wie auch unter den Anteilseignern ging es offenbar ebenfalls nicht immer harmonisch zu. Mit dem Deal wird Rosneft der weltgrößte börsennotierte Ölkonzern und die russische Regierung dürfte stärkeren Einfluss nehmen.

TNK-BP stellt auch deshalb eine wichtige Figur dar, da der Konzern der erste ist, der Fracking in größerem Maße in Russland einsetzt - glaubt man der us-amerikanischen Energiebehörde EIA. Die Technik wird eingesetzt, um alternden Ölfeldern in Sibirien auf die Sprünge zu helfen (Fracking als Viagra der Ölindustrie). Das Samotlor-Ölfeld, aus dem TNK-BP etwa ein Viertel seiner Förderung bezieht, lieferte 2011 noch um 7% niedrigere Ausbeute als 2010, doch "dank Fracking" könnte der Förderabfall auf "nur" noch 1% bis 2016 sinken. Ob ab 2016 dann wieder 7%-Abfallraten angesagt sind oder die Förderrate sogar noch schneller sinkt als bisher, weil durch den Fracking-Eingriff die Struktur des Ölfeldes sich gewandelt hat, werden wir erleben. Russlands Ölförderung nähert sich einem Maximum, während der Eigenverbrauch des Landes weiter steigt. Europa und China werden sich künftig um die sinkenden Exportmengen Russlands streiten: Europa bezieht immerhin ein Drittel seines Ölverbrauchs aus Putins Reich. Allerdings scheinen die Finanzreserven der Chinesen wie auch ihre Strategie zur Einflusssicherung derzeit wesentlich wirksamer als die der Europäer.

Griesheim, Lampertheim, Hauerz, Aitrach und die Barentssee

Europa bohrt wieder selbst (wenn die Nordseeförderer nicht grade damit befasst sind, Pipeline-Lecks zu flicken): Zwischen Hauerz und Aitrach im Badischen will Wintershall auf Ölsuche gehen, zwischen Griesheim und Lampertheim im hessischen Ried will Rhein Petroleum altbekannte Lagerstätten wieder anzapfen. Diese hatte man Mitte der 1990er geschlossen, weil sie nicht rentabel befördert werden konnten, neue Technik und ein neues Preisniveau soll die Situation jetzt geändert haben. Seismische Untersuchungen haben kürzlich auch t-online.de zu einer Sensationsüberschrift verleitet: "Erdöl: Norwegens Wohlstand schlagartig vermehrt". Messungen in der Barentssee lassen 390 Millionen Kubikmeter Öl erhoffen, das sind etwa 2,5 Milliarden Barrel. Bei nur noch 5,3 Milliarden Barrel nationalen Reserven keine geringe Menge. Doch die Barentssee ist kalt, die Fischer fürchten Umweltschäden und z.B. Shell weiß, wie schwer allein Probebohrungen in arktischen Gewässern umzusetzen sind: 5 Jahre und 5 Milliarden US-Dollar hatte Shell vor der Küste Alaskas investiert und erst Ende Februar nach diversen Problemen angekündigt, die Aktivitäten für mindestens 1 Jahr ruhen zu lassen. Die Kälte führt dazu, dass Pipelines teilweise beheizt werden müssen, um die Fließfähigkeit des Öls zu gewährleisten, beschreibt ein Technik-Artikel der FAZ.

Fazit: Die Ölwirtschaft ist in Bewegung, China investiert seine Exporterlöse in strategische Rohstoffe, alte Quellen werden neu (Deutschland) oder mit neuer Technik (Russland) angezapft. Der Preis für Öl mag derzeit sinken. Die mittel- bis langfristigen Risiken werden eher steigen.

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3 Kommentare to “Neuigkeiten aus der Ölwirtschaft: RWE, Hess, Rosneft”

  1. Patrick sagt:

    Vielen Dank für die interessante Zusammenfassung.

    “Nigeria ist einer der großen Verlierer dieser Entwicklung, da die dortige Wirtschaft stark abhängig von ÖLIMPORTEN ist und die rückgehende Einkaufsfreude der US-Ölfirmen die Einnahmen senkt.”

    –> das sollte bestimmt ÖLEXPORTE heißen!

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