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Autolobbyismus und Kohlendioxidverwirrung

"Sieg der Autolobby - Bundesregierung verhindert strengere Abgasnormen" titelt der SPIEGEL zum Erfolg der Bundesregierung, auf EU-Ebene härtere CO2-Ausstoß-Regelungen für PKW vermieden zu haben. Das Ereignis zeigt: Automobilherstellung ist in Deutschland Tabu-Gebiet. Zwar lassen sich in Europa die Verkaufszahlen kaum noch steigern (Peak Car erreicht!), aber in Asiens Boomregionen verzeichnet auch deutsche Hersteller so glänzende Absatzzahlen, dass die Frage stünde: Was würde die Industrie bloß ohne diesen neuen Absatzmarkt machen?

Die CO2-Orientierung des SPIEGEL-Artikels hinterläßt jedoch wieder einen faden Beigeschmack unvollständiger Berichterstattung. In nahezu allen Artikel, in denen "CO2" vorkommt, liegt der Betrachtungsfokus auf dem, was aus dem Auspuff oder Schornstein rauskommt, so gut wie nie wird der Zusammenhang des Ausstoßes mit dem Treibstoff thematisiert. Die Medienvertreter denken entweder nicht in Input-Output-Zusammenhängen, oder sie halten sie für so offensichtlich, dass sie nicht betonenswert erscheinen. Dabei führt die CO2-Fixierung regelmäßig zu Kategorisierung der Berichterstattung im Bereich "Umwelt" statt im Bereich "Wirtschaft", weil CO2 als Treiber des Treibhauseffekts in den meisten Köpfen verankert ist. Und dieses Phänomen wird als Umweltproblem und weniger als ökonomisches Problem begriffen.

Entsprechend bleibt auch die andere Seite der Medaille im Dunkeln: Die Frage nach der künftigen Treibstoffversorgung für jene Flotte, die die Automobilhersteller auch künftig produzieren werden. Hohe CO2-Werte sind ja nichts anderes als ein Indikator für die Menge an Treibstoff, die ein Fahrzeug wegschluckt. CO2 entsteht ja nicht (nur) aus Luft, der Kohlenstoff im Molekül hat seinen Ursprung im Mineralöl, mit dem der Motor gefüttert wird. Eine Flotte mit tatsächlich niedrigen CO2-Werten wäre logischerweise eine Flotte mit niedrigem Treibstoffverbrauch. Die Bundesregierung macht sich mit ihrem Entgegenkommen daher mitschuldig daran, dass auch künftig Fahrzeuge mit hohen Treibstoffverbräuchen auf den Straßen fahren stehen. Es ist offensichtlich, dass die Verknappungsszenarien bei Öl in der Bundesregierung entweder nicht in voller Konseqenz angekommen sind oder ihre Implikationen nicht verstanden wurden. Medial gibt es dazu aufgrund er CO2-Fixierung wenig Kritik, oder besser: Nur die halbe Kritik - eben die aus Umweltgesichtspunkten. Die Frage nach sorgsamem Umgang mit den sich verknappenden Ölressourcen oder jene nach einem vorsorgenden Planungsdenken, was die künftige Flotte angehen, wird weder auf Seiten der Berufspolitik noch auf Seiten des Journalismus ernsthaft gestellt.

Aus Peak-Oil-Gesichtspunkten gilt diese Aktion der Bundesregierung und der Presse-Kommentatoren daher als: Versagen auf ganzer Linie.

Nachtrag:

  • Doch kein Versagen auf ganzer Linie, sondern konsequente Lieferung bestellter Dienste: BMW sponsort CDU.

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7 Kommentare to “Autolobbyismus und Kohlendioxidverwirrung”

  1. Marcus Kracht sagt:

    Es ist schon erstaunlich, wie die ganze Emissionsdebatte die Frage nach dem Woher außer Acht lässt. Auch wenn es wohl ernst zu nehmende Argumente gibt, dass wir mehr Treibstoff haben, als der Atmosphäre gut tut, wäre es angebracht, die Debatte mehr auf die Treibstoffe zu verlagern. Neulich las ich, es gebe, wenn der Trend anhält, für Europa ab 2025 kein Öl mehr, weil die Exporte anderswohin gehen. Immerhin erübrigt sich dann wohl die ganze Verbrauchsdiskussion … Die Autofirmen werden dann wohl allesamt umziehen müssen. Dahin, wo es noch was zu tanken gibt.

    • Tom Schülke sagt:

      Das einzige Szenario das mir einfiele, das bis ca 2025 einen Treibstoffmangel in Europa in solcher Größenordnung erwartet, wäre die letzte Studie der Energie Watch Group, die bis 2030 meine ich einen Rückgang der Fördermengen von ca 40% erwartet.

      Wenn man dann noch das Exportlandmodell mit einbezieht, könnte es bis 2025 schon unangenehm werden.

      Allerdings bin ich dennoch skeptisch dieser Studie gegenüber. Im Spektrum der verschiedenen Prognosen liegt Sie weit am unteren Rand.

      Da ich dann doch nicht tief genug in solchen Prognosen zuhause bin um die realistisch beurteilen zu können , ist es für mich eher sinnvoll, einen Tick optimistischer zu sein, was dem Normalbürger sicherlich immer noch als reines Doomsday Szenario erscheinen mag.

      Fakt aber ist , das immer noch zu viele Menschen meinen der Strom kommt aus der Steckdose und das Benzin aus der Tankstelle.

      Und die andere Fraktion meint, das es sowieso egal ist, da Knappheiten mit Gewissheit technische Innovationen anstoßen werden, die unsere Benzinschlucker wie Pferdekutschen erscheinen lassen.

      Startrek lässt grüßen.

  2. Ich glaube, dass das CO2 Thema vorgeschoben ist um die begrenzten Energiereserven und -fördermengen nicht Thematisieren zu müssen.

    • Ert sagt:

      Mit dieser Einschätzung gehe ich absolut mit – und Sie entspricht meiner empfundenen Realität die sich in vielen kleinen Dingen äußert.

      Leider habe ich diese Ringvorlesung der TU-BS verpasst: „Die Gestaltung der Energiewende: Herausforderungen für die nächste Dekade“ – http://www.hausderwissenschaft.org/hdw/kalender.html?mode=details&event_id=119640

      Es geht um Energie – und umbauen muss man, weil mit der aktuellen fossilen Energie grenzen absehbar sind. In der Verfügbarkeit, der Skalierbarkeit und Ihren Auswirkungen.

      Schaut auf die Namen und Herkunft der Referierenden.

      Der Witz ist das Teil hier: „Effizientere Flugzeuge für die Verbindung von Ballungsräumen“ – http://www.hausderwissenschaft.org/hdw/kalender.html?mode=details&event_id=119643&&vk_tab=events. Kompletter Murks nach meiner Einschätzung, insb. für DE, aber wessen Instituts-Brot ich esse, dessen Lied ich singe.

      • ab.er sagt:

        Hallo,

        da möchte ich ein wenig dagegen halten. Die Klimadebatte finde ich aufschlussreich. Der Widerstand gegen ambitionierte Klimaschutzziele läßt sich auch so deuten, dass die Widerständler einfach kapiert haben, dass ohne Steigerung des Energieverbrauchs kein Wirtschaftswachstum möglich ist. Zumindest in der (deutschen) Autoindustrie haben sie das ganz sicher erkannt. Und ohne Wirtschaftswachstum geht es unter den derzeitigen Rahmenbedingungen einfach nicht (man muss aktuell nur einmal nach Griechenland gucken). Ohne Wirtschaftswachstum gibt es derzeit Bankenzusammenbrüche, Massenarbeitslosigkeit, Kollaps der Sozialsysteme.

        Bei den Klimaschutzbemühungen geht es aber um freiwillige Einschränkungen. Diese freiwilligen Einschränkungen haben aber schon so einschneidende Auswirkungen, deshalb habe ich keine Hoffnung darauf, dass die Weltgemeinschaft sich schnell auf relevante Einsparungen einigt (und die dann auch einhält, da hat es ja bisher meist gehapert).

        Die freiwilligen Einsparungen stellen schon die Systemfrage. Es gibt sicher Möglichkeiten, ohne Wirtschaftswachstum auszukommen, aber dazu müsste einiges (liebgewonnene) geändert werden und die Machtverhältnisse werden neu sortiert. Da kenn ich einige (Mächtige), die das partout nicht wollen und die verhindern werden, die Systemfrage zu diskutieren.

        Da ist es für mich nur nachvollziehbar, dass man sich jetzt erstmal nur mit der Verhinderung von gefährlichen / freiwilligen Einschränkungen beschäftigt.

        Klar wäre es jetzt besser, sich mit den unausweichlichen Fragen der Ölverknappung auseinanderzusetzen, aber das würde ja wieder (und diesmal unausweichlich) die Systemfrage stellen. Wer will das schon (, der etwas zu sagen hat)?

        Und die Spezialisten, die behaupten, man könne Wirtschaftswachstum vom Resourcenverbrauch entkoppel, können in meinen Augen keine Beweise für die Machbarkeit liefern. Das Beispiel „Deutsche Chemieindustrie“, das z.B. vom Ralf Füchs gerne gebracht wird, müsste mal deutlich hinterfragt werden. Sind da nicht einfach die dreckigen und energieaufwändigen, aber billigen Rohstoffprozesse in andere Länder (und damit aus unserer Bilanz) ausgelagert worden? Und für uns blieben dann die feinen Prozesse mit hoher „Wertschöpfung“ (aber wenig Energieverbrauch).

        Und der Erfindungsreichtum der Menschheit kann nur dann wirksam werden, wenn auch die Resourcen für die Erfindungen zur Verfügung stehen. Ich habe mal gehört, dass im arabischen Bereich die Grundzüge der Dampfmaschine schon weit vorher verwendet wurden (für rituelle Zwecke). Warum trat dann die Industrialisierung ihren Siegeszug nicht von der arabischen Halbinsel an? Weil man das Ding mit Kameldung einfach nicht sinnvoll betreiben konnte (vom Öl wussten sie damals halt noch nichts, und davon, dass die Wüsten erst durch massiven Raubbau an Wäldern zum Betrieb der Dampfmaschinen entstanden sind, habe ich nichts gehört).

        Die Klimadiskussion verdeckt momentan noch die Peak-Oil-Diskussion. Beim Klimaschutz können wir entscheiden „ok, lassen wir unsere Nachfahren ins Messer laufen“ und uns selber noch die Illusion vom guten Leben geben. Das können wir aber bei der Betrachtung von Peak Oil nicht. Wenn die Energie nicht mehr so sprudelt wie bisher, dann gibt es wirtschaftliche Katastrophen. Und was passiert, wenn potente Länder mit dem Rücken zur Wand stehen, haben wir vor geraumer Zeit hier in Mitteleuropa erlebt.

        Ich hoffe darauf, dass es eine Wachstumsdiskussion gibt, die neue Möglichkeiten zumindest diskutierbar macht.

  3. Michael Egloff sagt:

    Tja, solch Engagement gegen Emissionsreduzierung, gegen Zurückdrängung der PS-Protzerei und somit gegen wenigstens etwas verantworlicheren Umgang mit schwindenen Ressourcen muss belohnt werden:

    http://www.spiegel.de/politik/deutschland/union-erhaelt-riesenspende-von-bmw-eignern-klatten-und-quandt-a-927871.html

  4. „Die fossilen Energiekonzerne erklären die Zerstörung des Planeten zu ihrem Geschäftsmodell“:
    http://taz.de/Klima-und-Erdoelkonzerne/!120697/

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