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China: Ölimportweltmeister.

Felix Lee, der für DIE ZEIT ein Blog über China schreibt, hat auf der EIA-Webseite die Vorhersage entdeckt, dass China bereits in diesem Oktober die USA als Ölimportweltmeister überholten könnte. dpa meldet zur Stunde, dass die Ölimport-Weltmeisterschaft schon im September einen neuen Weltmeister hat: 6,3 Millionen Barrel Tagesimporte hat China im September gebraucht, die USA "nur" 6,1 Millionen Barrel täglich. Zusammen importieren beide Länder also etwa das Fünffache des deutschen Tagesbedarfs (2,4 Millionen Barrel täglich). Die Ölimportweltmeisterschaft hat also schon einen Monat früher als gedacht die Führungsposition gewechselt.

Leider wiederholt Lee denselben Unsinn, der auch in anderen Publikationen immer wieder aufscheint, wie beispielsweise jüngst in der WELT. In beiden Zeitungen wird suggiert, die USA könnten zum Selbstversorger mit Öl und Gas werden. DIE WELT läßt sich zu dieser Suggestion von Peter Jackson von IHS Cera hinreißen: "Die Wandlung der USA zum Selbstversorger und perspektivisch sogar Exporteur von Brennstoffen wird die Märkte verändern, sagte Jackson." Auch in der ZEIT ist es das Fracking, welches Felix Lee verleitet zu suggerieren, es könne "die USA sogar am Ende unabhängig von Ölimporten machen". Bei der WELT wird die Öl- und Gasförderung zu "Öläquivalenten" vermischt, obwohl die Fahrzeugflotte der USA mit Erdgas als Treibstoff nichts anfangen kann. Im ZEIT-Blog wird wird begründungslos wiedergekaut, was die Kollegen der WELT und anderer Publikationen schon ordentlich vorsuggeriert haben, den Spin-Doktoren im Dienste der Interessengruppen sei Dank. Entsprechend kommt Lee zu Schlußfolgerungen, deren Fundament unrealistisch ist: "Wenn die USA kein Geld mehr für Öl zahlen müssen, dann könnten sie ..." Werden sie aber weiterhin müssen, denn selbst der Fracking-Papst Leonardo Maugeri schrieb jüngst, dass allerhöchstens 75% Selbstversorgungsgrad mit Öl für die USA möglich wäre, was weiterhin 25% Importabhängigkeit bedeuten würde. Dass Maugeri den USA Effizienzmaßnahmen empfiehlt, um mit dem vorhandenen Öl sparsamer umzugehen, sind ganz neue Töne, die jedoch leider in der Fracking-Euphorie untergehen und ihren Weg noch nicht zu ZEIT und WELT gefunden haben.

Dass China Ölimportweltmeister ist, liegt am steigenden Selbstversorgungsgrad der USA und am steigenden Ölhunger Chinas. Felix Lee verweist darauf, dass in China bislang "nur" 70 PKW auf 1000 Einwohner kommen, während es im weltweiten Durchschnitt 120 sind und in Deutschland 600. Wenn die Bürger Chinas nur ansatzweise eine ähnliche PKW-Dichte anstreben, wird aus dem Ölimportweltmeister eine globale Horrorsituation: denn die dafür benötigten Ölmengen wären nicht ansatzweise lieferbar. Wo China jetzt Weltmeister ist, gibt es keinen mehr, den das Land mit seinen künftigen Importmengen überholen kann. In der Formel 1 würde man sagen: Auf dem Weg nach vorn gibt es jetzt keinen mehr, der noch im Wege ist... Gib Gas!

Die Meldung der neuen Ölimportrekorde Chinas sind insbesondere für Europäer kein Grund zur Freude. China wird voraussichtlich der künftige Haupt-Konkurrent um russisches Erdöl werden, wobei China sehr viel strategischer vorgeht, um sich Ölfördermengen schon vorab zu sichern. Die große Freude im ZEIT-Blog, das Ergebnis der chinesischen Ölimportrekorde könnte zu einer ausgeglicheneren Handelsbilanz zwischen den USA und China führen, ist nur unter völliger Ignoranz der globalen Ölfördersituation verständlich. Leider hat das Peak-Oil-Konzept seinen Weg noch nicht in jede Redaktion gefunden...

 

Nachtrag:

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9 Kommentare to “China: Ölimportweltmeister.”

  1. Michael Egloff sagt:

    „Leider hat das Peak-Oil-Konzept seinen Weg noch nicht in jede Redaktion gefunden…“

    Vor allem nicht das Peak-Exportoil-Konzept. Denn die Weltexportölmenge hat ihren Peak bereits überschritten. Und von diesem weltweiten Exportöl sind wir zu 97% abhängig.

    Sehr lesenswert übrigens das Buch von Wolfgang Hirn: „Der nächste kalte Krieg: China gegen den Westen“
    Das Buch ist deutlich besser, als es der langatmige Titel vermuten lässt.

    Ausführlich thematisiert wird darin auch die nationale Rohstoffstrategie der Chinesen. Und diese Rohstoffstrategie fehlt insbesondere in der EU völlig. Das werden wir noch schmerzlich zu verspüren bekommen, wenn die Weltexportmärkte nicht nur für Öl immer mehr unter Stress geraten.

  2. Ert sagt:

    @Norbert

    Woher hat die ZEIT die Daten?

    Die EIA hat keine entsprechenden Daten für die USA, die so niedrig sind: http://www.eia.gov/dnav/pet/pet_move_wkly_dc_NUS-Z00_mbblpd_w.htm

    • Norbert Rost sagt:

      DIE ZEIT bezog sich auf die „alte“ Prognose der EIA, weshalb der Autor auch auf Oktober kommt. Aber wie gesagt: Justament in dem Moment, wo ich an dem Text schrieb, kam die dpa-Meldung rein. Scheint, als hätte die EIA „hintenrum“ noch irgendwas an die Presse gegeben.

      In deinem Link sind ja ganz unten die Importzahlen, wobei dort mit Importen und Netto-Importen gearbeitet wird. Dort sind 6,2 bzw. 6,3 Millionen Barrel Netto-Importe für die 1. und 2. Septemberwoche angegeben. Vielleicht bezieht sich die dpa-Meldung auf diese Zahlen.

  3. Roderik sagt:

    Das sieht auf dieser website http://www.jodidb.org/ReportFolders/reportFolders.aspx?sCS_referer=&sCS_ChosenLang=en
    etwas anders aus. Hier liegt China tatsächlich bei einem Defizit von 6 Mio Barrel zwischen Förderung und Nachfrage – die USA aber bei 12 Mio!

  4. Florian Hoppe sagt:

    http://www.businessinsider.com.au/iea-october-oil-market-report-2013-10

    Die IEA rechnet bleibenen hohen Ölpreisen. Außerdem wird damit gerecchnet, daß sich Brent und WTI wieder etwas mehr auseinander bewegen. (Der Gap hat sich seit dem vorläufigen Ende der Syrien Krise wieder auf ca. 10 USD ausgewitet.)

  5. Michael Egloff sagt:

    Hallo Herr Rost,
    die letzten mir bekannten offiziellen US-Importzahlen stammen vom August 2013 und lagen über 8 mb/d.
    Im Juli und August hatte es jeweils einen erheblichen Anstieg zum Vormonat gegeben.

    Deshalb überraschen mich die 6,1 mb/d sehr.
    „Dank“ shutdown werden wir wohl auch so bald keine wirklich exakten offiziellen Daten für September bekommen.

    • Norbert Rost sagt:

      Das sind Netto-Zahlen: Importe abzüglich Exporte. Solche Zahlenverwurstungen werden uns demnächst wohl öfter begegnen. Im WSJ wurden jetzt Importmengen AUS OPEC-Ländern diskutiert, wo man bei unaufmerksamem Drüberlesen gut den Eindruck bekommen konnte, dass es um Importzahlen allgemeiner Art ging, dabei ging es nur um einen Teil davon. Wenn solche Zahlen dann verstärkt in der Presse diskutiert, wird die Verwirrungen eher größer, fürchte ich.

  6. […] Zwar lassen sich in Europa die Verkaufszahlen kaum noch steigern (Peak Car erreicht!), aber in Asiens Boomregionen verzeichnet auch deutsche Hersteller so glänzende Absatzzahlen, dass die Frage stünde: […]

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