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„Der geplünderte Planet“ – Reflektionen über den Bericht von Ugo Bardi an den Club of Rome

„Die Welt kann praktisch ohne natürliche Ressourcen auskommen“
(Robert Solow, Träger des “Wirtschaftsnobelpreises“)

„Die Anzeichen verdichten sich, dass es letztlich wohl die Energie und ihre Verfügbarkeit sein wird,
die uns Grenzen setzt“
(E. U. von Weizsäcker, Mitglied im IRP)

Das System „Gaia“

Die Vielfalt dessen, was unter der Erdoberfläche verborgen liegt, war den Menschen lange Zeit ein Mysterium. Logisch scheint es daher, dass Ugo Bardi seinen Bericht an den „Club of Rome“ (CoR), „Der geplünderte Planet – Die Zukunft des Menschen im Zeitalter schwindender Ressourcen“ mit einem Kapitel über die „Lebendigkeit“ der Erdsysteme beginnt. Der Begriff „Gaia“, ist ein Konzept, das unter anderem auf den Biologen und Ökosystemforscher James Lovelock zurückgeht. Bardi wählt ihn, um den globalen Rahmen als Einstieg in seine Ausführungen aufzuspannen. Dabei kann „Gaia“ als eine recht wage Vorstellung des „lebenden“ Systems des Planeten Erde gelten. Die Verzahnung der Kreisläufe einer vernetzten Ökosphäre jenes monumentalen Ausmaßes ist niemand in der Lage allumfassend zu beschreiben. Trotzdem lohnt der Blick auf „Gaia“, denn die ersichtlich negativen Phänomene eines anthropogenen Eingriffs sind kaum wiederlegbar.

Bardi hebt darauf an, dass der unheilvolle Eingriff des Menschen in jenes irdische Ökosystem untrennbar mit der neuzeitlich aufgekommenen Bergbauindustrie verbunden ist. Dabei geht für ihn jenes „Minenfieber“ auch mit dem Kahlschlag der knappen Ressourcen an Holz sowie mit der zunehmenden Nutzung und Verschmutzung des Wassers einher. Die Ausbeutung der Bodenschätze im industriellen Rahmen, ist für Bardi vor allem der großtechnischen Maschinennutzung, der wissenschaftlichen Exploration sowie der kommerziellen, chemischen Aufbereitung der Stoffe geschuldet.

Warum ist der Blick auf das Ökosystem Erde, der einzig sinnvolle Rahmen, die neuzeitlichen „Plünderungen“ der mineralischen Bodenschätze zu durchleuchten? Für Bardi, beginnt Verantwortung mit der Darlegung grundlegender Kreisläufe und Rückkopplungsprinzipien des metabolischen Systems Erde, wobei die komplexen Funktionsweisen für den Menschen weit davon entfernt sind, steuerbar oder berechenbar zu sein. Als fundamental stellt sich dabei heraus, dass alle explorierten, mineralischen Ablagerungen in der Erdkruste des Planeten, aus menschlichen Zeithorizonten betrachtet, nicht regenerierbar sind. Ihr Abbau sollte daher ein Mindestverständnis von Endlichkeit, Generationengerechtigkeit sowie ein vorsorgendes Maß an „Eingriffswissen“ beinhalten. An solch beschränkenden Tugenden mangelt es einer auf kurzfristigen Gewinn geeichten Rohstoffindustrie jedoch sehr stark. Im Auftakt seines Werkes schreibt Bardi unmissverständlich:

Die Minen, die wir heute ausbeuten, könnte man mit Fug und Recht ‚Gaias Gaben‘ nennen. Sie sind dem Menschen allerdings nur ein einziges Mal geschenkt worden… []. Die Phase des vom Menschen betrieben Bergbaus ist eine eindrucksvolle jedoch recht kurze Episode in der geologischen Geschichte des Planeten. Keines der Mineralien, die wir so großzügig überall fein verteilt haben, wird sich in einem Zeitraum der Größenordnung, die wir als menschliche Zivilisation als verbleibende Lebenszeit erwarten können, von neuem bilden…

Mit dem industriellen Abbau mineralischer Ressourcen und dem „hochgradig innovativen“ Verbrennen und Feinverteilen jener stofflichen Basis, schaufelt somit der moderne Mensch beständig an seinem eigenen technologischen Niedergang. Die Verknappung von Ressourcen ist nicht der „Weltuntergang“ im Sinne einer Auslöschung allen Lebens auf der Erde. Vielmehr ist es das Wohlstandsverständnis westlicher Kulturkreise sowie deren Konsum- und Verbrauchsgebaren, welches in massive Probleme hineinläuft.

Die Frage, welche Bardi in den Raum stellt, ist jene, ob der Mensch die fragilen Bedingungen des ihn umgebenden Ökosystems, aus einer nicht-expansiven Perspektive verstehen lernen kann. Schafft er es, abseits aller geglaubten Wachstums- und Wohlstandsbedingungen, das „System Gaia“ insoweit tragfähig und stabil zu halten, dass es langfristige Lebensgrundlagen ohne Verteilungskrisen und pseudo-religiöses Gemetzel aufrecht erhält?

Jene Frage kann im Blick auf die Vergangenheit selten positiv beantwortet werden. Die oft unreflektierte Plünderung der Ökosysteme, schuf immerzu Verlierer und zwang die Gewinner sich abzuschotten. Die Verteilungsfrage bleibt immer die gleiche: Wer glaubt, globale Gerechtigkeit überhaupt in Betracht ziehen zu können, muss zuvorderst ein global verallgemeinerbares, menschliches Maß finden. Das Plündern der „irdischen Gärten“ mit dem Ziel des nationalen (und individuellen) Wohlstands, war das Programm des 18., 19. sowie des gesamten 20. Jahrhunderts. Wachstumsbedingt alternativlose CO2–Kontingente vom zehn- bis fünfzehnfachen eines durchschnittlichen indischen Bergbauern, scheinen das gängige Wohlstandsformat des globalen Nordens im 21. Jahrhundert zu bleiben. Es sei denn: Es kommt was dazwischen.

Bergbau mit der „Universalmaschine“

Das der Bergbau in vielen Regionen der Erde mit abnehmenden Erträgen zu kämpfen hat, ist mittlerweile ein Allgemeinplatz. Der Umgang mit diesem Phänomen ist es nicht. Der Traum einer „Universalmaschine“ für den Bergbau, bleibt für viele Ingenieure und Tüftler ein fester Bestandteil des allgemeinen, technologischen Fortschritts. Aber: Hat die Sache einen Haken?

Ugo Bardi verdeutlicht metaphorisch, dass die Vorstellung eines „allesfressenden Roboters“, welcher die Erdkruste „durchwühlt“ und diese gleichsam in ihre Einzelelemente zerlegt, zwar gedanklich vorstellbar ist, jedoch physikalisch-energetisch an fundamentale Grenzen stößt. Was theoretisch zwar denkbar erscheint, scheitert an massiven energetischen Erfordernissen. Die heutige Extraktion von Mineralien aus der Erdkruste beschränkt sich auf Vorkommen, Erze und Konzentrationen. Die rein rechnerische Gesamtmenge an verteilten Ressourcen ist zwar riesengroß, ihre Nutzbarmachung (Reserven) jedoch auch wirtschaftlich stark beschränkt. Hierzu Bardi:

Ganz gleich, wie beeindruckend die Mengen der in der Erdkruste verteilten Mineralien sein mögen, die für ihren Abbau benötigte Energie stellt leider ein Problem dar. Denn allgemein gilt, dass die Energie, die man braucht, um Minerale aus Erz zu gewinnen, umgekehrt proportional ist zum Mineralgehalt des Erzes.

Energiewirtschaftlich kann man diese Überlegung im Begriff des bekannten Erntefaktors (EROEI) zusammenfassen. „Energy Returned On Energy Invested“ (EROEI) wird hierbei als Kennziffer energiewirtschaftlicher Ausbeute verwendet. Es ist das Verhältnis, der in die Extraktion der Ressource investierten Energie, zu derjenigen, die die Ressource während ihrer Nutzphase zu erzeugen vermag. Jenes Nutzenverhältnis ist eine Bestimmungsgröße, die der „Bergbau-Universalmaschine“ wortwörtlich den Saft abdreht. Die Extraktion von Mineralien aus Erdkrustenanteilen ohne konzentrierte Vorkommen, zieht generell einen Erntefaktor kleiner eins nach sich. Es ist etwa so, wie wenn der Verzehr eines mit Sand gestreckten Brotes mehr Kau- und Verdauungsenergie erfordert, als das Brot selbst an Energie enthält. Ein historisch gar nicht so untypisches Szenario mangelgeplagter Nachkriegsschauplätze.

In einer energetischen Konstellation jedoch, in der der Erntefaktor über längere Zeit kleiner eins bleibt, ist die entsprechende Energiequelle an sich keine solche mehr, sondern wird zur Energiesenke.

Wir sind mit unseren nicht erneuerbaren Brennstoffen noch nicht an diesem Punkt angelangt, aber mit Sicherheit steht uns irgendwann in der Zukunft ein solches Schicksal bevor.

konstatiert Bardi diesbezüglich. Eine Frage die sich hieraus ergibt, ist auch jene nach der Abhängigkeit von bestimmten energetischen Eigenschaften fossiler Ressourcen. Inwieweit verschieben sich die Toleranzgrenzen des Erntefaktors, wenn die Abhängigkeit von einem bestimmten Energieträger fundamental ist? Womit fliegt die Airline zwischen London und New York, um die „VIP-Lounge-Member“ an den Konferenztisch zu bugsieren? Sie wird wohl auch bei einem Erntefaktor kleiner eins mit Kerosin fliegen, denn die Abhängigkeit des Luftverkehrs von fossilen Brennstoffen ist exakt 100%.

Die zukünftige Problematik wird wohl eher eine Verteilungsfrage knapper Ressourcen sein. Als „Volkstreibstoffe“ werden Öl- und Kohlederivate wahrscheinlich schon recht bald ausgesorgt haben, da ihr Erntefaktor die Befüllung der Familienkutsche unverhältnismäßig teuer erscheinen lässt. Als noble „Luxuselixiere“ unschlagbarer Energiedichte, werden die fossilen Treibstoffe jedoch noch lange auf den Weltmärkten bleiben. Entscheidend ist, was die sozialen Konsequenzen einer rationiert-fossilen „Klassenmobilität“ sein werden? Wie legitimiert sich eine erntefaktorgeplagte Nationalökonomie, deren Gesellschaftszusammenhalt in einem politischen Mantra des Konsums und der automobilen Freiheit begründet liegt?

Modelle der Knappheit

Knappheit ist überall dort ein Problem, wo die Verteilungsfrage der Ressourcen auf eine übergroße Anzahl an Nachfragern stößt. Das klingt logisch, ist es auch, hat aber ökonomisch zu den wildesten Stilblüten geführt. Eine davon, soll hier exemplarisch herausgestellt werden. Es ist das ökonomische Modell der „Produktionsfunktion“, welches in seiner heute noch verwendeten Form von Robert Solow entwickelt wurde. (Der Professor für physikalische Chemie) Ugo Bardi nutzt jenes Modell um zu zeigen, mit welch imaginären „Faktorenspielen“ speziell in ökonomischen Kreisen agiert wird.

Das Modell Solows beinhaltet folgendes: Die gesamte Produktion wirtschaftlicher Güter soll anhand des Produkts einer bestimmten Anzahl von in diese Güter einfließenden Faktoren beschreibbar sein. Diese können beispielsweise Kapital, Arbeit oder Land bzw. Ressourcen sein. Fortschrittlich wie es ist, kann das Modell somit auch einen Parameter einschließen, der endliche Mineralressourcen beschreibt und der nach allgemeiner Auffassung infolge von Verknappung im Laufe der Zeit exponentiell abnimmt. So weit so gut.
Ein solches Modell würde somit allen nicht-regenerierbaren Ressourcen einen prominenten Platz einräumen, da ihre bewiesene Endlichkeit die Faktorenproduktivität der gesamten Wirtschaftsleistung irgendwann zu Boden reißen muss. Aber weit gefehlt. Die exponentielle Abnahme, also die Verknappung alles Nichterneuerbaren, wird mit einem fulminanten „Taschenspielertrick“ (übrigens nobelpreistauglich) ein für alle Mal aus der Welt geschafft. Die so entstandene neoklassische „Beruhigungspille“ zeitgenössischer Volkswirtschaftslehre beschreibt Ugo Bardi wie folgt:

Die Wirkung der Verknappung wird durch einen anderen multiplikativen Faktor kontrastiert, den man ‚Solow-Residuum‘ nennt. Dieser Faktor wächst exponentiell und soll die Wirkung des technischen Fortschritts darstellen. Für eine passende Auswahl der Parameter kann die Produktionsfunktion so arrangiert werden, dass sie das Weltwirtschaftswachstum bis in die heutigen Jahre beschreibt. In die Zukunft projiziert sagt die Funktion voraus, das die Leistung des Weltindustriesystems immerfort wachsen wird, trotz der schwindenden Produktion an Mineralressourcen.

Im Sinne des von Kenneth A. Boulding postulierten „Raumschiffs Erde“ gleicht der Solowsche Faktorenausgleich in allen Belangen einem Perpetuum Mobile. Das gesamte Wachstumsarrangement basiert auf der Grundannahme, dass die Technik es richten werde, indem sie die Abbaukosten senkt und sowohl die Nachfrage als auch die Gewinne der Wirtschaft widerherstellt. Um jenen unbegründeten Vertrauensvorschuss an die Technik ideologisch zu entkleiden, greift Bardi auf ein Zitat von Herman Daly zurück. Jener konterte die These Robert Solows an andere Stelle metaphorisch:

Der Ansatz ist so ähnlich wie die Behauptung, ein Koch könne immer größere Kuchen mit immer weniger Mehl herstellen, allein dadurch, dass er die Zutaten schneller rührt.

Dem lässt sich wenig hinzufügen. Zukünftige Generationen werden also gezwungen sein, dem „Residual-Faktor“ Solows in allen erdenklichen Formen technischer Effizienz und Optimierung hinterherzulaufen. Am Ende des exponentiellen „Faktorenwettlaufs“ bleibt jedoch eine Frage offen: Ist es das, was Fortschritt sein soll?

Der Wettlauf nach den Regeln der Roten Königin

Der große Wettlauf um den „Residual-Faktor“ wird uns heute als neue „Effizienzrevolution“ verkauft. Es geht dabei um nichts anderes, als die beständige Beschleunigung einer technischen Entwicklung zugunsten von Wachstum und Rendite. Jenes renditeträchtige Wachstum kommt aber nur einigen wenigen zugute. Es bedeutet die krampfhafte Aufrechterhaltung eines gesellschaftlichen Umverteilungsmechanismus, der schon längst daran krankt, dass „die Kuchenkrümel die vom Tisch der Kapitaleigner fallen, in Zeiten knapper Ressourcen und stagnierenden Wachstumsraten immer kleiner und rarer werden“. Der „trickle down“-Effekt der sozialen Teilhabe am fossilen Wachstumsprozess verwandelt sich zunehmend in einen „running behind“-Imperativ sozio-ökonomischer Beschleunigung.

Den „Wettlauf der Roten Königin“ zu laufen, bedeutet für uns alle an einem System teilnehmen, das dem Ziel eines „Rasenden Stillstands“ huldigt. Ugo Bardi bedient sich der Metapher der „Roten Königin“, einer Figur aus „Alice hinter den Spiegeln“ um eines besser zu verdeutlichen: Moderne Industriestaaten pflegen Wirtschaftssysteme, „in denen jeder so schnell rennen muss, wie er kann, wenn er bleiben will, wo er ist“.
Die Länder Europas, als nur ein aktuelles Beispiel, unternehmen enorme Anstrengungen der Erhaltung des marktkapitalistischen Satus quo. Slogans wie „Sozial ist was Arbeit schafft“ können unbehelligt am Straßenrand hängen und der Altliberale brabbelt „Arbeit muss sich wieder lohnen“ in seinen Bart. Man fragt sich warum das so ist, wo doch der technische Fortschritt einmal dafür gedacht war, das Leben der Menschen würdiger zu gestalten und Freiraum für Muße zu geben. Dies scheint längst vergessen.

Der Versuch alles zusammenzuhalten, solange es irgend geht, erscheint den meisten Menschen intuitiv richtig. Man will ja nicht schon wieder was Neues! Man hat Position, Status oder Würden und wer weiß was kommt. Man arrangiert sich eben mit den Verhältnissen und dies vor allem dann besonders gern, wenn man selbst von jenen profitiert. Dummerweise führt dieses Verhalten oft zu ideologischer Zementierung und Stagnation.
Probleme werden grundsätzlich mit intrinsischen „Lösungen“ beantwortet. Das kommt einem schon gar nicht mehr komisch vor. Natürlich muss es eine Lösung im System geben: Eine neue Technologie beispielsweise, die bei der Überwindung der Nebenwirkung einer Nebenwirkung des - man weiß es schon gar nicht mehr so genau - behilflich sein könnte. Fast immer ist dabei die „Lösung“ eine zusätzliche Aufladung des Systems mit Komplexität. Eine „Komplexifizierung“ wenn man so will.

Jene Steigerung technischer oder sozialer Komplexität, geht mit einem unerschütterlichen Glauben an Effizienz und Optimierbarkeit einher. Gesellschaften jedoch, die jenem Glauben anheim fallen, laufen den „Wettlauf nach den Regeln der Roten Königin“. Ein Wettlauf gegen abnehmende Erträge des Bergbaus, gegen den kleiner werdenden Erntefaktor der fossilen Energieträger, gegen die schwindenden Renditen der Großindustrie und gegen jegliche Klimaziele - aber für einen Lebensstandard der global nicht (mehr) verallgemeinerbar ist.

Was daraus folgt ist eine eklatante Zunahme der gesellschaftlichen Fallhöhe. Effizienz ist eben kein Allheilmittel, welches die Resilienz gesunder, gesellschaftlicher Konstellationen mit einschließt. Eher das Gegenteil ist der Fall. Wer als Konzernlenker oder Politiker von „Effizienzrevolution“ spricht, meint eigentlich die notgedrungene Verkürzung dagewesener Spielräume. Das kann eine Weile gutgehen. Einer Strategie des: „Handle stets so, dass sich die Anzahl deiner Möglichkeiten erweitert“ (Heinz von Förster) ist jene „Effizienzkasteiung“ jedoch in hohem Maße abträglich.

Worum könnte es bei der Suche nach einer längerfristigen „Lösung“ gehen? Was sind die Hebelpunkte in einem System, dass eher an einem Zuviel an Komplexität, Bürokratie und Konsumfetischismus leidet, als an einem Zuwenig?
Ugo Bardi bedient sich bei seiner Annäherung an die richtigen Hebelpunkte der Systemliteratur. Die Steilvorlage hierfür, bietet Joseph Tainter mit seinem Werk „The Collaps of Complex Societies“ aus dem Jahre 1988. Tainter beschreibt hierin, mit Rückgriff auf die Untergangshistorie des römischen Reichs, die fatalen Fehler einer im Status quo gefangenen Elite. Bardi interpretiert es so:

Die römischen Kaiser konnten nicht begreifen wie dringend notwendig die Veränderungen in der Organisation des Reiches waren. […] Sie legten die Hebel (ihres Systems) also buchstäblich ständig in die falsche Richtung um: Sie vergrößerten die Armee, anstatt sie zu verkleinern, sei schufen noch mehr Bürokratie, anstatt sie zu verschlanken, und so weiter.

Und mit einem augenzwinkernden Blick auf das heutige Europa leitet Bardi über:

Die Situation in der wir uns heute befinden, hat viel gemeinsam mit der Notlage der alten römischen Kaiser. Auch wir haben Probleme mit abnehmenden natürlichen Ressourcen, ausufernder Bürokratie, Umweltverschmutzung aller Art. Das soll nun nicht heißen, dass wir uns für die Lösung unserer Probleme auf ein neues Mittelalter einstellen müssen… [...]. Es heißt aber sehr wohl, dass auch wir bisher vielleicht ein ‚Red-Queen-Rennen‘ gelaufen sind.

Was folgt aus dieser Einschätzung? Wie sind die Mittel beschaffen, die es ermöglichen, dem Sog des „Wettlaufs der Roten Königin“ zu entgehen? Die Antwort klingt verblüffend einfach. In ihrer praktischen Umsetzung, ist sie jedoch alles andere als das.

Die Resilienz der freiwilligen Vereinfachung

Den theoretischen Rahmen für eine gesellschaftliche Antwort auf den „Wettlauf der Roten Königin“ bietet Samuel Alexander. Seinen Ansatz der „voluntary simplicity“ verbindet er in einem Aufsatz aus dem Jahre 2012 mit dem Konzept der Resilienz. Was dabei entsteht, ist eine hoffnungsvolle Kritik auf Tainters Theorie des unvermeidlichen Kollaps. „Resilience through Simplification“ lautet das neue Motto seiner systemischen Suffizienzorientierung.

Na dann los! Was steht im Weg? Das Konzept ist einerseits so einleuchtend, dass man sich fragt, warum es nicht schon alle machen, andererseits scheint es sozio-ökonomisch dermaßen heikel, dass man geneigt ist abzuwinken.
Freiwillige Suffizienz benötigt eine ganz bestimmte Weltsicht und auch Leute, die mit der selbstbestimmten „Entrümpelung der Lebensstile“ (Niko Paech) schon mal anfangen wollen. Und genau hier, liegt der Hase im Pfeffer. Denn der mögliche Gewinn an Zeit und Autonomie fällt häufig nur bei jenen auf fruchtbaren Boden, die nicht (mehr) an den guten Ausgang des „Effizienzwettlaufs“ glauben. Viele finden jährlich neue iPads prima, verlieben sich in armaturenbrettintegrierte „ecoleaves“ bei sparsamer Fahrweise des zwei Tonnen SUV’s oder fliegen zu häppchengarnierten Nachhaltigkeitskonferenzen über die Weltmeere.
Natürlich erkennen heute viele den spezifischen, eigenen Handlungsbedarf, so wie ihn auch Samuel Alexander bezüglich der gesellschaftlichen Komplexität umschreibt:

…wir werden einen Punkt erreichen, an dem die Komplexität selbst zum sichtbaren Problem wird und wo die Kosten deren Nutzen übersteigen. An diesem Punkt ist nicht der weitere Aufbau an Komplexität die passende Antwort sondern einzig ‚voluntary simplicity‘…

Man kann also sagen: Auch Komplexität bekommt einen Erntefaktor. Sobald das zunehmende „Level“ an Komplexität, die erhofften Vorteilsnahmen übersteigt, wird sie partizipatorisch betrachtet, denkbar unsinnig. Die gesellschaftliche Legitimation bestimmter Institutionen, kippt dann sehr schnell in Richtung einer als alternativlos empfundenen Technokratie, deren marginaler Nutzwert der lästigen Komplexität nicht annähernd gleichkommt.
Ein solcher Übergang müsste - nebenbei bemerkt - eigentlich postwendend zur Revolution führen. Alles wird komplexer und keiner hat mehr was davon. Systemwechsel! - völlig logisch. Dem ist aber nicht so, denn der marginale Nutzwert der Komplexität verteilt sich eben nicht homogen in einer Gesellschaft. Samuel Alexander drückt es mit Bezug auf Tainter differenzierter aus:

Wenn eine Gesellschaft Energie oder Ressourcen darein investiert, ein Problem zu lösen, dann sind wir geneigt zu fragen, wessen Interessen dabei gedient wird und warum gerade jenes partikulare Problem in Angriff genommen wird und nicht eben ein anderes. […] Auch Tainter ist sich dieses Umstandes bewusst, er schreibt: ‚In einer hierarchischen Gesellschaft, kristallisieren sich die Vorteile der Komplexität meist in der Spitze heraus, während die Kosten jener Komplexität von der Basis getragen werden müssen‘ .

Ein gutes Beispiel für diese These ist die komplexe Rechtshaltung des Patentschutzes. Hier ist eine von Konzernen bestellte Armada hochbezahlter Rechtsanwälte dabei, Patente zu etablieren, auszuschlachten oder andernorts zu ignorieren. Die Einstiegskomplexität für Einzelpersonen und Kleinstunternehmen ist jedoch kaum zu schultern, geschweige denn im Rechtsstreit gegen einen der globalen Riesen durchzustehen. Der Zugang zu „Recht“ ist demnach auch ganz allgemein ein gutes Exempel, wie komplexe Strukturen exkludierend wirken können.
Wie will uns Samuel Alexander aber nun aus der Patsche helfen? Wo liegt der „Hebel“ gesellschaftlicher Resilienz, in einem sich immer weiter beschleunigenden System komplexer Notlösungen verborgen?

Zum einen ist die Frage nach der Perspektive bzw. der Definitionshoheit von Problemen für ihn entscheidend. Problemdefinitionen sind immer das Produkt eines speziellen Weltblicks. Selten sind sie wirklich objektiv getrennt von bestimmten Werteprinzipien oder den Interessen einzelner Gruppen. Die Charakterzüge einer Problemlösung (und das trifft im speziellen auf Probleme des Wandels zu) sind oft das Resultat eines eingeschränkt-partikularen Weltbildes.
Zum anderen gründet sich die gesellschaftliche Resilienz einer zunehmenden Anzahl von vereinfachten Lebensstilen auf einer individuellen Vorstellungskraft des Weglassens. Es ist am Ende eine Wertefrage die entscheidet, ob Probleme expansiv oder durch Vereinfachung beantwortet werden. Alexander leitet eine seiner Schlüsselthesen daraus ab:

… die Energieintensität der industriellen Zivilisation ist hauptsächlich eine Funktion jener Werte, die auch die Wahrnehmung ihrer Probleme formen.

Hierin kommt zum Ausdruck, dass die Wahrnehmung industrieller Gesellschaftsprobleme immer in Wertekonstellationen der Expansion verstanden wird. Selten kommt es in hochentwickelten Gesellschaften dazu, etwas Problematisches einfach wegzulassen. Probleme werden lieber mit neuen Problemen beantwortet. Der Wachstumsideologie kapitalistischer Freihandelsziele kommt dieser Endloskreislauf natürlich sehr zugute. Je größer die Nebenwirkungen, desto höher auch das notwendige Folgewachstum. Lösungsalternativen werden in Wachstumspotenzialen beurteilt.

Im individuellen Bereich jedoch, scheinen die Handlungsspielräume größer. Freilich kann jeder seine Wertevorstellungen im Leben ändern. Niemand scheint gezwungen, die von Guy Debord skizzierte „Gesellschaft des Spektakels“ aufzusuchen, um am Spiel des Warenfetischismus teilzuhaben. Niemand muss auf „Die feinen Unterschiede“ eines Pierre Bourdieu in gehobener Gesellschaft achten, um ein erfülltes Leben zu leben. Und niemand ist a priori in den „Kampf um Anerkennung“ (Axel Honneth) geworfen, da er ja ein bescheidenes Leben fern von sozialer Stellung führen könnte. Wie gesagt: er könnte! Spätestens am letzten Punkt scheiden sich jedoch die Geister. Anerkennung und Aufmerksamkeit sind äußerst werthaltige soziale Konstrukte, die einer konvertierbaren Währung gleichkommen.

Der gesellschaftliche Wert der Anerkennung ist eine enorme Triebfeder. Und die Energieintensität des Auslebens von Anerkennungsstrukturen wird oft grob unterschätzt. Denn: Worin spiegelt sich die Reputation des international erfolgreichen Wissenschaftlers wieder? Welche Aufmerksamkeiten bekommt der fleißvolle Angestellte der energetischen „Effizienzrevolution“? Und woran verortet sich der aufstrebende Häuslebauer im Speckgürtel deutscher Großstädte?

Dies alles sind Fragen, die im direkten Maße auf die Wertekonstellationen des Umgangs mit sozialen Klassen, Differenzierungen und Privilegien anspielen. Anerkennung und mediale Aufmerksamkeit können dabei sehr direkt in höchst energieintensiven Wohlstand konvertiert werden. Und sie werden es auch!

Alternativ könnten jene „Währungen“ in gesellschaftlichen Wandel investiert werden. Ein solches Verhalten bleibt jedoch sozial oft unverstanden, wird am Ende sogar mit Nestbeschmutzung assoziiert und ist als praktische Option für nur wenige Menschen aushaltbar. In einer vorrangig am Statusgewinn interessierten Gesellschaftsmitte, kann es mit dem „Resilienzdenken“ vereinfachter Strukturen nicht weit her sein. Der Blick des Einzelnen ist nicht auf das ökonomische Gemeinwohl, die Lebensbedingungen zukünftiger Generationen oder auf das gelingende Leben der weniger betuchten Nachbarn gerichtet. Wie schon in der Schule ist es das individuelle Fortkommen was zählt, angeheizt durch konkurrenzbetonte, effiziente Märkte. Probleme die auftauchen, werden als „Lösungen“ einer technokratischen Elite, dem mehr oder weniger ahnungslosen Rest übergeholfen. Die zunehmende Ablehnung von Beschleunigung und Komplexitätszuwachs, wird als subjektiver Anpassungsmangel einzelner Individuen ausgelegt. Das Ergebnis: Die Zementierung eines „Lösungsspektrums“ das nur noch einen expansiven Charakter offen lässt.

Ein Entkommen aus der „Tragödie Tainters“ scheint für Samuel Alexander trotzdem möglich. Denn die möglichen positiven Effekte einer freiwilligen Vereinfachung und Entrümpelung ganzer Lebensstile, hätten auf der gesellschaftlichen Ebene eine ungeahnte Wirkmächtigkeit. Sie könnten als emergente Ausprägungen eines Wertewandels fulminant nichtlinear sein. Dazu müssten sie sich „nur“ in den Köpfen vieler vernetzter Menschen als vorstellbar und lebenswert etablieren. Der intellektuelle Akt, die typisch materiellen Aspekte hinter dem Konstrukt der Anerkennung zu entlarven, wäre dabei das eine, die Konsequenzen daraus zu ziehen, das andere.

Vielleicht kann am Ende ein Gedankenexperiment des Philosophen John Rawls dazu dienen, den Problemaufriss Ugo Bardis und Samuel Alexanders auf den Ur-Kontext einer subjektiven Risikoeinschätzung des Einzelnen in der Gesellschaft rückzubinden. Rawls fragt folgendes:

Wie würde man die Dinge strukturieren, wenn man sich hinter einem Schleier des Nichtwissens befände, nichts wüsste über seine gesellschaftliche Stellung, Klassen- und Religionszugehörigkeit, über das eigene Geschlecht, die Hautfarbe, die Dicke des Geldbeutels, die Intelligenz oder die eigenen Stärken, Schwächen, Neigungen und Marotten?

Rawls Antwort:

Im Urzustand würden wir eine Gesellschaft wählen, die das persönliche Risiko minimiert, denn unser Eigeninteresse würde uns von Situationen fernhalten, in denen wir in der Gefahr stünden, als Sklaven zu enden.


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Von Ugo Bardi zuletzt auf diesem Blog erschienen:

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51 Kommentare to “„Der geplünderte Planet“ – Reflektionen über den Bericht von Ugo Bardi an den Club of Rome”

  1. Tom Schülke sagt:

    Ein sehr sehr schöner Artikel. Allerdings befürchte ich das er Leser der noch nicht viel mit der Materie befasst war überfordert ist. Es ist doch sehr viel Stoff auf wenige Buchstaben konzentriert..

    Ugo Bardis Buch ist unbedingt empfehlenswert.

  2. Frank sagt:

    Ein toller Artikel!! Ich stimme aber Tom zu, dass ihn nicht sensibilisierte nicht verstehen werden. Unsere technikgläubige Gesellschaft hat aber schon eine Lösung parat: http://www.manager-magazin.de/unternehmen/artikel/nasa-will-mit-unternehmen-rohstoffe-vom-mond-abbauen-a-952536.html#ref=rss

    • Frank Bell sagt:

      @ Frank

      Der Autor Kristian Klooß ist eine Pflaume, denn den Kernreaktor, den er nennt, gibt es so noch gar nicht.

      Dass der Autor so auf Helium-3 herumreitet, lässt mich vermuten, dass er Lobbyist der Atomkraftwerksbetreiber ist.

      Denn auf die anderen Rohstoffe geht er fast gar nicht ein.

      Und Gold vom Mond benötigen wir nun wirklich nicht.

  3. Ert sagt:

    Wow Norbert! Ich weiss gar nicht wo ich anfangen soll zu kommentieren. Ich kann aber ggf. mit einer Sicht von H. Scheer in seiner „Solaren Weltwirtschaft“ zum Thema Wirtschaftswissenschaften und Ressourcen ergänzen:

    „Die alles überragende Bedeutung von Energie und Stoffen ist auf eine nach- oder untergeordnete Frage reduziert worden, weil die fossile Energie- und Stoffbasis als ohnehin unersetzlich, als nicht austauschbar gilt“ und weiter „Deshalb behandelt auch die Wirtschaftswissenschaft die Energiefrage nur im Hinblick auf die Faktoren, die die Preisbildung beeinflussen. Energie und Rohstoffe gelten als prinzipiell verfügbar, gleich, woher sie kommen.“ und er schliesst mit: „Und falls doch eine Energie- oder Rohstoffart durch eine andere ersetzt wird, gilt dies als isolierter Austauschvorgang, der die wirtschaftlichen Strukturen ansonsten nicht berührt – solange damit keine einschneidenden Kostenveränderungen verbunden sind“

    Letztendlich das gleiche Verpackt in andere Worte… und er war damit ja direkt innerhalb seiner politischen Laufbahn konfrontiert. In so fern kann ich mich auch Herrn Sastre im Vorartikel-Kommentar nicht anschließen, wo er meint, das einen vernünftigen oder interessierten Menschen die Peakoil-Thematik innerhalb weniger Tage klar ist.

    Meine Erfahrung ist, das die Leute sagen: Ja, da ist was dran… und dann meinen, das es so spät erst relevant würde das das eigene Verhalten bis dahin nicht zu ändern wäre – und dann irgendwas kommen würde um den Status-Quo zu erhalten. Wie oft habe ich schon gehört „dann müssen die Forscher eben was erfinden“ und „bisher ging es noch immer (aufwärts) weiter“.

    Scheer und Bardi verdeutlichen doch hier insbesondere wie viel Sand in die Augen vieler geschmissen wird. Und was nützt es, wenn man selber die Erkenntnis hat – aber der Partner oder die Familie nicht mitzieht – und man dann als Sonderling alleine rumwurschtelt.

    Genau deswegen ist Deine Arbeit hier auf Peak-Oil.com so wichtig Norbert! Auch ich lerne immer noch massiv hinzu und verbessere meine systemische Sicht, so das ich – wenn sich mal die Chance zu einer Diskussion bietet – tiefer in das Bewusstsein der Diskussionspartner vordringen kann.

    • Tom Schülke sagt:

      „Und was nützt es, wenn man selber die Erkenntnis hat – aber der Partner oder die Familie nicht mitzieht – und man dann als Sonderling alleine rumwurschtelt. “

      jeep… genau mein problem, neben der tatsache das meine mittel begrenzt sind… (wobei genau da wohl noch mein eigener Denkfehler steckt.. oder ?)

  4. Michael Egloff sagt:

    „genau mein problem, neben der tatsache das meine mittel begrenzt sind.“

    Nicht so tragisch, Tom.
    Zwei Laufschuhe, mit denen man seine körperliche Leistungsfähigkeit erhalten/verbessern kann, kosten nicht die Welt.
    Und für ein Netzwerk gegenseitiger Hilfe bedarf es auch keiner großen Investitionen. Und das nützt sogar in „guten Zeiten“.

  5. Frank Bell sagt:

    @ Ert, @ ALL

    Was haltet ihr von der Behauptung, dass die Fusionsenergie vor dem Durchbruch steht und diese alle Energiesorgen lösen wird?

    Ich persönlich halte es für Quatsch. Mit dieser Aussage ist Strauß in den 80ern durch die Lande getingelt, aber bis heute gibt es keine vernünftig laufenden Versuchsreaktor. Somit ist an tatsächliche Produktion schon gar nicht zu denken.

    Aber in Gesprächen mit Naturwisschenschaftlern wird mir das immer vorgehalten – wenn die nicht gerade von den Riesenerdölvorräten in der Tiefsee schwadronieren.

    Oder auch, dass der Durchbruch des Elektroautos nur eine Frage der Zeit ist. Tesla mache es ja gerade vor.

    Tom hat schon recht. Meine Mittel sind ebenfalls extrem begrenzt. Wenn ich immer diese Aufrufe wie „lokal kaufen“, „Bioprodukte kaufen“ höre, etc. kann ich nur mit dem Kopf schütteln. Ich muss extrem sparen, und da ist der Aldi schon sehr teuer.

    • Florian Hoppe sagt:

      @Fusion: Tja, afaik wird in Artikelnder letzten 10 Jahre immer von „in 50 Jahren“ gesprochen, was imo. in Forscherdeutsch „nie“ heißt.^^

      Aktuell behauptet ja Lockheed in 2-3 Jahren einen Minireakor auf den Markt zu bringen, aber auch hier sollen erstmal Taten folgen. (Und über ITER und Co. will ich gar nicht erst reden…)

    • Ert sagt:

      @Frank

      Ich schließe mich Florian an. In meinem Text ist die Fusion die kürzeste Sektion- Dort habe ich geschrieben: „Diese soll es immer in ca. 50 Jahren geben – sie löst absehbar kein aktuelles Problem, von einer Industrialisierung ist noch lange nicht zu sprechen, da es noch viele theoretisch-technische Probleme gibt. Selbst im Fahrplan des internationalen ITER Forschungsreaktors sind erste Tests mit den Brennstoffen Deuterium und Tritium erst für 2027 vorgesehen . Auf eine detailliertere Diskussion wird deswegen verzichtet.“

      Gleich die „Kalte Fusion“ hinterher: „Auf eine Diskussion der so genannten Kalten Kernfusion (Low Energy Nuclear Reaction – LENR ), welche aktuell noch wenig erforscht ist – wird in diesem Dokument derzeit verzichtet, da diese Technologie absehbar kaum Potential hat, die energetischen Probleme unserer Zeit zu lösen.“

      • Flint sagt:

        Energie allein löst unser Problem nicht. Oder kann jemand Energie in Rohstoffe umwandeln ? Auch hätte ich keine Lust mit unendlich Rohstoffen und Energie zu sehen wie der komplette Planet eine grosse Fabrik wird. Der Mensch und das System Kapitalismus sind dafür einfach nicht geeignet.

        • Tom Schülke sagt:

          Nun in gewissen Grenzen löst Energie eben schon das Ressourcenproblem..

          Denn wie es scheint, ist der Energieaufwand zur bereitstellung konzentrierter Rohstoffe aus immer verdünnteren Konzentrationen laut Bardi ja in etwa umgekehrt Proportional zum Verdünungsgrad .

          mit Unbegrenzter Energie würden wir uns theoretisch tatsächlich die Universal-Bergbaumschine leisten können.

          Was das dem Rest der Ökosphäre antut ist natürlich auch klar..

        • Ert sagt:

          @Flint

          Mit genug einfach verfügbarer Exergie – und dann noch in der richtigen Form, kann man eine Menge machen.

          Wasserprobleme? Desalinierung?

          Rohstoffe? Ist die Primärenergie billig, dann schmelze ich einfach alles ein.

          Öl? Teersände… weil das aufbereiten dieser kostet dann ja „billige“ Energie und Öl ist mehr als das.

          Lebensmittel? Wenn die Energie egal ist… Aquaponics in Alaska.

          Ressourcen werden trotzdem knapp? Aber Exergie ist billig? Dann wozu Häuser Dämmen? Wozu ein A+++ Kühlschrank…

          Mit billigster (z.B. elektrischer) Energie kannst Du das Rad noch sehr, sehr weit drehen!

          • Flint sagt:

            Das ist mir alles Klar …aber wollt ihr in so einer Welt leben ?? Bzw wäre sie eh bald unbewohnbar.

            • Ert sagt:

              Ich will das nicht – aber ich glaube auch, das Du unterschätzt wie viele „faule“ Kompromisse alle die hier schreiben eingehen werden/würden, wenn es ans eingemachte geht.

              So hoffe ich, das wir gerade nicht irgendwelche „schmutzigen“ Spielverlängerer entwickeln, entdecken, etc. pp. Das umdenken durch echte Betroffenheit muss möglichst schnell kommen, so das die Klippe auf der wir stehen nicht zu absurd hoch ist.

              Ich finde es aber auch hingegen interessant, das Herr Pestalozzi all die Krisen, Umwelt, Ackerböden, Finanzsystem, etc. pp. – mit der Ausnahme der Energie! auch schon 1989 als sehr kritische Punkte thematisiert hatte. Nun ist es 25 Jahre später… und das System läuft immer noch – und um ein mehrfaches größer & mächtiger…. Wahnsinn.

              • M.U. sagt:

                Nichts wird passieren.

                „Das Maß der menschlichen Verderbtheit ist unendlich“ – Else Baker

                Wir werden uns wundern was Menschen alles tun für einen einzigen bedeutungslosen Tag mehr.

    • Tom Schülke sagt:

      Lustig…

      Ich habe irgendwann einmal durchgerechnet, wie lange wir mit deuterium deuterium _ Fusion (die noch wesentlich unwahrscheinlicher für uns ist als die zb. im ITHER mit deuterium Tritium), auf der Grundlage der in den Weltmeeren gespeicherten Deuteriummengen, Fusion betreiben könnten..

      das Ergebnis war beeindruckend… viele Milliarden Jahre Energieversorgung auf dem Energieniveau von 2009..

      (die Berechnung ist eine Weile her.. genau weis ichs nicht mehr).. allerdings, würde das Energieverbrauchswachstum von weltweit historisch fast durchgängig 2,8% (Siehe Tom Murphy von Do the math.. http://www.peak-oil.com/2012/04/galaktischer-energieverbrauch/ ), weiterlaufen, wäre schon in etwas über tausend Jahren schluss damit… Exponentielles Wachstum halt.

      Doch halt.. wir können ja nur deuterium tritium fusion.. für tritium brauchen wir aber erstmal lithium um das tritum zu erbrüten… die Vorräte sind aber weit begrenzter.. da wäre in 350 Jahren schluss mit lustig.. wobei bei der blanken Abwärme der nicht vermeidbaren verluste, die Atmosphäre dann bereits wärmer als 100 Grad wäre… ganz ohne Treibhauseffekt..

      Im Übrigen löst mehr Energie nicht unser Grundproblem Wachstum, sondern würde nur neue gigantische Wachstumsschübe auslösen, die dem Rest der Ökosphäre endgültig zerstören könnten.

      Die Lösung ist nicht mehr Energie, sondern Resilienz und ein neuer Lebensstil.

  6. Jörg Andreas sagt:

    Für alle, die am nötigen Transformationsprozess der Mainstream-Ökonomie interessiert sind und einen wirklich originellen Denker hören wollen, dem sei Tomas Sedlacek empfohlen:

    http://www.srf.ch/player/radio/kontext/audio/tomas-sedlacek-%E2%80%93-die-oekonomie-von-gut-und-boese?id=9a5f6ca5-b727-48fd-b686-43d54d43e574

    • Ert sagt:

      @Jörg

      Oh… sehr schön! Danke!

      Daraus der Sprecher/Moderator:

      „Was ist der Lohn für gutes Handeln?

      Epikur, der Hedonist, misst das Handeln an dem Nutzen – „Der Zweck heiligt die Mittel“

      Aristoteles und die Stoiker sahen den Lohn für gutes Handeln in sich selbst. Man muss sich zufrieden geben mit dem was man hat und darf das Gleichgewicht nicht aus den Augen verlieren.

      So ist Mäßigung für Aristoteles die größte Tugend. Sowohl Übermaß wie auch Mangel sind Laster. Also ist die Mitte das richtige Maß. In Sachen Geld bedeutet die Mitte Großzügigkeit. Das Übermaß hingegen bedeutet Verschwendung, der Mangel bedeutet Geiz.

      Heute wirtschafteten wir hingegen um des Wachstums willen – wir wollen nicht eine Befriedigung der Nachfrage – sondern zusätzliche Nachfrage – die Mäßigung wird vergessen.

      Wir erwarten Wachstum zwangsläufig und wenn das BIP nicht wächst halten wir das für eine Anomalie.
      Ständig unzufrieden zu sein und mehr zu wollen, scheint das Herz unserer Zivilisation zu bilden. Wir können sogar sagen: „Die Unzufriedenheit ist der Motor des Fortschritts und der Marktkapitalisierung“

  7. Frank Bell sagt:

    Wer steckt eigentlich hinter dem angeblich unabhängigen Institut EIKE?

    Selbst mir, der ich doch immer noch (ein wenig) davon überzeugt bin, dass wir technisch immer weiter fortschreiten, wie in der Vergangenheit, sind diese Kernkraftjubler von EIKE sehr suspekt.

    • Ert sagt:

      @Frank

      Liess mal hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Europ%C3%A4isches_Institut_f%C3%BCr_Klima_und_Energie

      Auszüge:

      -„Die knapp hundert Mitglieder des Vereins werden zu den Klimaskeptikern gezählt. Sie selbst bezeichnen sich als „Klimarealisten“ und bestreiten in der Klimakontroverse den menschlichen Einfluss auf den Klimawandel, bzw. halten dessen Folgen für nicht relevant
      „EIKE ist jedoch in der rezipierten Klimawissenschaft nicht präsent und wird von dieser nicht als seriöses Institut betrachtet.
      „Der Verein wurde von verschiedenen Seiten des Lobbyismus bezichtigt. So beschreibt etwa die Online-Ausgabe der Frankfurter Rundschau ihn als Speerspitze des klimaskeptischen Lobbyismus in Deutschland.“

      Etc. pp. und so weiter. Als ich auf die über einen Link mal aufmerksam wurde musste ich mich auch erst einmal orientieren was die überhaupt wollen.

  8. M.U. sagt:

    Sehr guter Artikel. Vielen Dank!

    „Die zunehmende Ablehnung von Beschleunigung und Komplexitätszuwachs, wird als subjektiver Anpassungsmangel einzelner Individuen ausgelegt.“

    Und ich bin schon ganz gespannt wie wir damit umgehen, sobald aus ADHS, Burnout und Hikikomori ganz beiläufig unbrauchbar geworden ist.

    • Florian Hoppe sagt:

      Tja, nicht umsonst die Lieblingsquelle aller Libertären in Sachen Klimawandel.

      Wie ich letztens auf Klimaretter.info ein bisschen herumgelesen habe, haben sie sich ja (wie üblich) in den Kommentaren herumgetummelt um ihren Senf abzugeben.

      So findet man allerdinga schnell raus was die alles lesen. Neben ScSK z.b. die „Freie Welt“.

      https://lobbypedia.de/wiki/FreieWelt.net

  9. M.U. sagt:

    „Im Urzustand würden wir eine Gesellschaft wählen, die das persönliche Risiko minimiert, denn unser Eigeninteresse würde uns von Situationen fernhalten, in denen wir in der Gefahr stünden, als Sklaven zu enden.

    Urzustand? Genau das tun wir heute. Immer trügerischen Sicherheiten hinterher. Status Quo ist subjektive Risikominimierung.

  10. M.U. sagt:

    @Frank

    Immer wenn ich von Fusion lese geht mir der verlinkte Artikel durch den Kopf. Dann noch 365*24 und komplexeste Maschine. Zaubert mir immer ein Schmunzeln ins Gesicht.

    http://physics.ucsd.edu/do-the-math/2012/10/futuristic-physicists

    • Tom Schülke sagt:

      Ja Herrllich.

      Tom Murphy scheint ja den Blog im Wesentlichen für sich umfassend abgeschlossen zu haben.. Sein Fazit ähnelt sicher weitgehed dem hier vorherschenden..

      Humorvoll ist er auch und seine Erklärungen sind ohne den Rückgriff auf zweifelhafte Studien gut nachvollziehbar.

      Eine hervorragende Kur gegen überbordenden Fortschrittsglauben bis in den Himmel..

      • Frank Bell sagt:

        @ M.U.
        @ Tom Schülke

        Man darf aber nicht vergessen, dass vor 150 Jahren das gleiche bezüglich Flugzeugen und Raketen gesagt worden wäre!

        • Bruno Müller sagt:

          Das war die Easy-Oil-Epoche mit Wachstumsgarantie. Wir befinden uns im Overshoot und da werden auch gute Technologien den Kollaps nicht verhindern, lediglich abmildern können. Mag sein, dass wir super-sinnvolle Technologien entwickelt hätten, dauerhaft und nachhaltig, wären wir unter der ökologischen Belastungsgrenze geblieben, wie es Dennis Meadows vor 42 Jahren auf der Weltbühne Allen angeraten hatte. Und weil in der Zukunft das Wahrscheinlichere wahrscheinlicher passieren wird (Hans-Peter Dürr), ist es wohl besser Resilienzen vor Ort voran zu treiben, als vorwiegend auf das Wunder der Technik zu setzten.
          Es ist in der angespannten Situation der Peak-Oil-Phase, in der wir uns nun befinden und in der wir uns unverändert nicht nachhaltig verhalten, eher wahrscheinlich, dass die rettende Wundertechnik nicht mehr entwickelt werden kann.

        • Tom Schülke sagt:

          Bruno Müller sagt es bereits.

          Das Argument , das wir ja nicht wissen was kommen wird ist eine Platitüde. Wir können sehr wohl sinnvolle und stimmige Prognosen wagen, solange wir die globalen trends richtig in ihren systemischen Struktur beschreiben.

          Einer dieser Trends ist der unvermeidliche Rückgang fossiler Energieträger in näherer Zukunft.

          Wer aus der Erfindung großer Techniken in der Phase wachsender Energieverfügbarkeit auf deren lineare extrapolation hofft, ignoriert systemische grenzwerte.

          Zudem ist es genau anders herum. Nicht die Technik ermöglichte gewaltige Energieverfügbarkeit, sonder die historisch einmalige Entdeckung der fossilen Energien hat Technik in heutiger Komplexität überhaupt erst möglich gemacht.

          Das ist einer der Kardinalfehler in der Debatte in der Öffentlichkeit.

          Natürlich ist aber auch diese Darstellung verkürzt.

          Genaugenommen erzeugt Wissenschaft und verfügbare Energie eine sich selbst verstärkende Rückckopplungsschleife. Mehr Wissenschaft, mehr technischer Einsatz, mehr Möglichkeiten des effektiveren Ressourcenabbaus inclusive des Abbaus weiterer Energieträger, was wiederum Wachstumsprozesse und neue Technik bewirkt.. usw. usf.

          Fällt dann aber eine der beiden Komponenten weg, rauscht die Rückckopplungsschleife in den Keller. Und zwar in dem Moment in dem Innovation und Wissenschaft den immer rasanter zurückgehenden EROEI des Systems nicht mehr abfedern können. Hier trifft menschlicher Erfindungsgeist auf physikalische Grenzen. Es ist zwar richtig das die verschieblich sind, aber auch nur in begrenztem Umfang und nicht ewig und wann es uns passt.

          Zwar ist es schwer den exakten Moment solch einer Entwicklung vorherzusehen, aber das dieses derzeit vor uns liegt ist so gut wie gewiss.

  11. Michael Egloff sagt:

    Das chinesische Rohölimportvolumen ist jetzt kräftig auf über 6,6 mb/d gestiegen. Da gleichzeitig die US-Ölimporte nicht mehr sinken – jedenfalls in den letzten 6 Monaten nicht – rechne ich in diesem Jahr zumindest zeitweise mit deutlich steigenden Weltmarktpreisen für Öl.
    Selbst dann, wenn der Iran nun wieder mehr Öl exportieren sollte und auch die irakischen Exporte noch etwas zulegen sollten.

    Zur Kernfusion: die mit diesem Thema beschäftigten Wissenschaftler sind da nach meinem Kenntnisstand recht skeptisch. Die Optimisten unter denen sagen, frühstens zur Jahhundertmitte könnte es einen kommerziell stromproduzierenden Reaktor geben, die Pessimisten sagen: es könnte sich auch überhaupt nicht realisierbar herausstellen.

    • Tom Schülke sagt:

      Die Kernfusion ist die Spitze einer auf Komplexität aufbauenden Produktionspyramide.. Wo ein Kernreaktor mit einem Studium noch bedienbar bleibt, besteht bei der Kernfusion die Gefahr, das die Komplexität letztlich jede Kommerzielle Nutzung torpediert.. auch was die Bedienbarkeit betrifft..

      Es scheint wie Tainter es sagt.. Unsere Lösung für Probleme ist Komplexität..
      Und die steht bei einem Rückgang der fossilen Energieträger schon deutlich vor der Chance auf eine Fusions-Zivilisation mit beiden Beinen über dem Abgrund und nicht kurz davor..

      Es wird die Fusionstechnik niemals geben.. 40 Jahre bis zum Bau eines ersten Versuchsreaktors ? Können wir vergessen.

      Sicher wäre eine alternative Energiequelle schick.. Aber was hilft uns das wenn wir nur immer weiter wachsen wollen..

      • Ert sagt:

        @Tom

        ich sehe es ja in meinem Beruf.. und die letzten 30 Jahre im Bereich der Elektronik, IT, etc.

        Die Komplexitätsspirale wächst immer weiter… zwar kann man heute viel mehr machen, findet für alles und jedes die nötigen Informationen und Tools – wo ich vor 25 Jahren noch ewig am Rumsuchen, „Magazinartikelhorten“ und Bücherstöbern war… aber die Komplexität wird ja nur über Abstraktionen versteckt.

        Da frage ich mich oft – wo liegt der effektiv größere Nutzen? War mein Leben abseits der heutigen Gadgets und mit Elektronik vollgestopften Autos so schlecht?

        Haben die weniger Autos mit weniger Technologie letztendlich nicht einen besseren ökologischen Fußabdruck hinterlassen als die viel mehr modernen und vollgestopften heute? Wo passt das Beispiel noch?

        Das Problem geht durch viele Wissenschaften: Abstraktion, um die Komplexität zu ‚Managen‘, schleppt ‚ungewollte Komplexität‘ („Accidential Complexity“) mit in die Systeme ein. Nun kann man versuchen Systeme zu bauen, die nur die ‚essentielle Komplexität‘ („essential Complexity“) aufweisen – das ist aber erst einmal viel, viel aufwändiger… denn dies ist Wissen und Erkenntnis die aus den praktischen Erfahrungs- und Lernprozesse gewonnen werden…. oder durch „Teure Überlegungen und Tests“ ganz am Anfang. Aber selbst die essentielle Komplexität der Systeme steigt mit den 100+ Anforderungen an z.B. einen einfachen Wecker heute.. weil der muss ja irgendwas „besser“ können, als der Wecker von gestern.

        Ja, der Vergleich mit Tainter passt. Deswegen finde ich ja auch den Ansatz von Permakultur auf allen Ebenen sehr, sehr gut :-)

        • Jur sagt:

          @Ert

          ein ähnliches Problem habe ich gerade mit unserem Auto. Eine Kontrollleuchte brennt schon seit Monaten ohne das der lokale Kfz-Meister oder die Vertragswerkstatt weiterkommen. Das Fahrverhalten ist verändert. Die ausgelesene Fehlermeldung hilft aber nicht weiter. Mehrere Komponenten wurden auf gut Glück getauscht, ohne Erfolg.

          Ich habe den Eindruck, dass der gemeine Kfz-Mechaniker mit der heutigen Komplexität der Autoelektronik bereits überfordert ist.

          Im Prinzip ist das ca 10 Jahre alte Auto ein wirtschaftlicher Totalschaden, obwohl es mechanisch noch mindestens 10 Jahre fahren könnte.

          Man könnte jetzt aus ökologischer Sicht (längere Haltbarkeit) als Lösung die Komplexität der Autos noch weiter erhöhen (bessere interne Diagnose, mehr Sensoren), oder eben reduzieren. Erstere Lösung wird aber offensichtlich nach wie vor favorisiert.

          • Frank Bell sagt:

            @ Jur

            Geplante Obsoleszenz?

            • Ert sagt:

              @Frank

              Ungeplante Komplexität – glaub es mir einfach.

              Das Zusammenspiel von bis zu 70 Steuergeräten in Fahrzeugen des Oberklassesegmentes ist nicht mehr trivial. Und es geht ja ungestüm weiter… schau mal auf Folie zwei hier was noch in Zukunft kommen wird: http://www.strategiekreis-elektromobilitaet.de/public/projekte/seis/das-sichere-ip-basierte-fahrzeugbordnetz/pdfs/TP4_Vortrag1.pdf

              Glaubst Du solche Systeme (oder zumindest die kritischen Pfade) wirst Du noch halbwegs mit Tests abdecken können? Glaubst Du da wird irgendwer noch eine Analyse führen können wenn irgend ein Teil in ungeplanter Weise ausfällt? Glaubst Du eine Person versteht das Zusammenwirken im Detail noch in Gänze? Glaubst Du alles „möglichen“ Fälle können in einem Test- oder Diagnosegerät noch abgedeckt werden?

              Für mich ist es ja letztendlich schon ein Wunder das die ganze PC-Technik so gut funktioniert. Da sollte man aber auch nicht vergessen was für ein gigantischer evolutionärer Entwicklungsaufwand heute in diesen Systemen steckt! Auch die Kfz-Industrie treibt dort einen gigantischen Aufwand.

              Um On-Topic zu sein – dies trifft genau den Absatz mit: „Fast immer ist dabei die ‚Lösung‘ eine zusätzliche Aufladung des Systems mit Komplexität. Eine ‚Komplexifizierung‘ wenn man so will.

              • M.U. sagt:

                Und wie immer das beste daran.

                http://www.shortnews.de/id/1074784/ab-2016-kontrolltechnik-in-kraftfahrzeugen-zugriff-auch-fuer-polizei

                Sicherheit! Sicherheit! Sicherheit!

                Also liebe Bankräuber, ab 2016 lieber mit dem Radel.

              • Ert sagt:

                @M.U.

                Oh… danke… hatte ich gar nicht mitbekommen. Den Termin hakte ich aber für absolut unrealistisch.

                Mit eCall, das ab Oktober 2015 verpflichtend in Kfz eingebaut werden muss, ist ja Antenne, GSM-Modul, etc, pp. schon im Kfz. Also die ganze Hardware. Diese soll aber so lange „passiv“ sein – bis es zu einem Unfall kommt.

                Würde man das beschriebene machen wollen – so müssten die Kfz aktiv im GSM-Netz eingeloggt sein und das Modul müsste faktisch „untrennbar“ mit der Bordelektronik verbaut werden – das werden zumindest die ersten eCall Module wohl nicht sein. Wenn man es dann später so machen würde – dann gäbe es auch gleich die Bewegungsprofile und mehr.

                Ich glaube noch nicht das wir so weit sind – weil ja auch die Zentralen etc. pp. aufgebaut werden müssten. Grundsätztlich, also nach eCall, recht für diese „Zusatzfunktion“ aber nun ein Stück Software.

    • Ert sagt:

      @Michael und Florian und M. Sastre.

      Es wäre schön, wenn Ihr zu euren Links ein bisschen mehr schreiben würdet – also warum man den Link lesen soll – z.B. was die beste neue Erkenntnis war – oder eine kurze Zusammenfassung.

      • Florian Hoppe sagt:

        Ok. Hier ist übrigens nochmal der Artikel auf Deutsch.

        http://www.wissenschaft.de/home/-/journal_content/56/12054/2940299/Kernfusion-mit-kleinem-Funken/

        US-Forschern ist es mittels Laserfusion erstmals gelungen mehr Energie aus einem Fusions-Brennstoff herauszuholen als sie hineingesteckt hatten.

        Von einer Kettenreaktion, welche ohne weitere Energiezufuhr alleine weiterläuft sind sie allerdings immer noch entfernt. Dafür müsste die Energieausbeute ihres Systems um fast das Hundertfache noch gesteigert werden.

        • Tom Schülke sagt:

          In der Spektrum der Wissenschaft wurde die Jubelmeldung auch sehr stark relativiert…

          Im Prinzip, so wurde gegsagt, sei das Ergebnis äußerst Enttäuschend, insbesondere, wenn man die Ursprünglichen Zielsetzungen der Forscher betrachte. Viel zu wenig verstehe man die Innere Dynamik des Plasmas beim einsetzen der Fusion. Auch gäbe es keinerlei hilfreiche Simulationen die das Geschehen irgendwie erklärend abbilden würden.

          Letztlich müsse man das Experiment auf null zurücksetzen mit der neuen Zielsetzung, erst mal die dynamik des Plasmas richtig zu verstehen…

  12. M. Sastre sagt:

    Hier noch einmal ein Link zum Thema „Der Wettlauf nach den Regeln der Roten Königin“

    http://gedankenerbrechen.wordpress.com/2014/02/15/die-tyrannei-des-systems/

  13. Ert sagt:

    Wer sich für die Olpreisentwicklungen und Dynamiken interessiert – insbesondere für Vorhersagen der Preis auf Basis eines Angebots- (Suppy) und nicht wie üblich eines Nachfragenorientierten (Demand) Preises, der wird diese Präsentation von Herrn Kopits sehr interessant finden: http://energypolicy.columbia.edu/events-calendar/global-oil-market-forecasting-main-approaches-key-drivers

    Herr Kopits erklärt das die meisten Modelle für die Vorhersage von Ölpreisen immer noch von der Nachfrageorientierten Seite ausgehen – Öl wird einfach bei „genug Geld“ als Verfügbar angesehen.

    Herr Kopits meint dies ist aber bei Öl nicht mehr so. Das Angebot ist beschränkt – und für viele Nachfrage seit der Preis für weitere Nachfrage bereits zu hoch.

    Weiterhin geht Herr Kopits auf die CAPEX Situation bei den Öl-Majors ein. Er sieht auch den „eigentlichen Peak“ aktuell nur durch die massivsten Einsätze von Kapital ab 2005 verschoben, die historisch in keiner Relation mehr stehen.

    Absolut sehenswert!

  14. Ert sagt:

    Gail war mal wieder aktiv und diskutiert verschiedene Handlungsoptionen im Angesicht von Peak-Growth & Co.: „Reaching Limits to Growth: What Should our Response Be?“http://ourfiniteworld.com/2014/02/17/reaching-limits-to-growth-what-should-our-response-be

    Es sind auch Norberts Optionen dabei – also wirklich ein guter Überblick für alle, die ggf. noch nicht im Detail mit der Thematik der verschiedenen persönlichen Handlungsoptionen auseinandergesetzt haben.

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