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380 Projekte, die die Welt verändern?

Dieser Artikel fußt auf einer betriebswirtschaftlichen Sichtweise auf Ölprojekte, denen ein Interview mit dem Shell-Chef Peter Voser zugrunde liegt sowie ein Papier von Goldman Sachs von April 2013, welches überschrieben ist mit "380 projects to chance the world". Beide Elemente kommen zusammen, weil in beiden Fällen der Begriff "Capex" fällt: "Capex" steht für "capital expenditure", am besten übersetzbar mit "Investitionsaufwand". Auf die Frage der Financial Times an Peter Voser, was sich bei Shell unter seinem Management geändert habe, verweist dieser auf geringere Investitionsausgaben (capex), die er infolge eines Niedrig-Ölpreis-Szenarios angeordnet hatte. Investitionsausgaben sind ja erst einmal Kosten, die ein Unternehmen hat, die daher den Gewinn schmälern. Ob aus Investitionen Gewinne werden, steht auf einem anderen Blatt. Laut Financial Times stieg der Aktienkurs von Total um 15%, nachdem der Konzern ankündigte, seine Investitionsausgaben nicht weiter zu erhöhen. Der "Peak Investition" ist bei Total damit (vorerst?) Teil der Unternehmensstrategie. Die Aktionäre belohnen diesen Schritt durch Kurssteigerungen: Total wird mehr Geld haben, welches möglicherweise als Dividende an die Aktionäre fließt. Goldman Sachs empfiehlt Shell einen vergleichbaren Schritt, worauf sich Peter Voser im Interview aber nicht für dieses oder nächstes Jahr festlegen will. Voser will die Investitionsausgaben (Capex) nicht deckeln, aber auf die richtigen Projekte warten - offenbar würde Shell mehr Geld investieren, wenn die "richtigen" Projekte vor der Tür stünden.

Diese Diskussion zwischen dem Shell-Chef und dem Interviewer ist insofern interessant, als dass beide Akteure nicht aus Peak-Oil-Sicht diskutieren, sondern aus Sicht eines Finanzjournalisten und eines (den Aktionären verpflichteten) Konzernchefs. Es spielt im Interview keine Rolle, dass Investitionen notwendig sind (in Billionenhöhe!), um neue Ölfelder zu suchen, zu finden, zu entwickeln und eine Kappung der Investitionsausgaben daher bedeutet, die Mengen zukünftig verfügbaren Öls zu limitieren. Laut IEA sind nach 2011er Schätzungen bis 2035 jährliche Investitionen von 1,5 Billionen US$ nötig (davon die Hälfte in Öl- und Gas-Projekte), um den künftign Energiebedarf zu decken. Voser warnte Anfang Oktober auch in einer Rede, dass unzureichende Investitionen zu einer Ölkrise führen können.

Goldman Sachs Empfehlung an Shell, die Investitionsausgaben zu deckeln, basiert ebenfalls auf dieser betriebswirtschaftlichen Sicht: Goldman Sachs ist eine Finanzinstitution mit Gewinnerzielungsabsicht, kein Wohltätigkeitsverein. Würden alle Öl- und Gas-Unternehmen umsetzen, was Goldman Sachs Shell empfiehlt, würden zweierlei Dinge passieren: 1. Shell hätte kurzfristig mehr Geld übrig, könnte mehr Dividende ausschütten, der Aktienkurs steigt. 2. Weniger Investition in Exploration und Förderung lassen mittel- bis langfristig die Ölförderung sinken, was steigende Ölpreise und höhere Konzergewinne erwarten läßt. Die Investitionsausgaben zu limitieren lohnt für Shell demnach zumindest dann, wenn andere es auch tun. Es ist risikobehaftet, wenn andere es nicht tun und damit möglicherweise jene Projekte finden, in die auch Shell gern sein Geld stecken würde - denn noch immer gilt: Umsatz = verkaufte Menge * erzielter Preis. Beides darf hoch sein. Goldman Sachs als Investorenspinne im Netz hat dabei jedoch eine interessante Rolle und Position: Würden die Investmentbanker alle Unternehmen zu einer Begrenzung der Investitionsausgaben bringen (durch ihren Einfluss als Aktionär und Berater), so würden die Gewinne aller Unternehmen steigen. Allerdings mit der hässlichen Nachricht für den Rest des Planeten, dass Peak Oil ein paar Jahre früher spürbar wird.

Shells Chef sieht im Interview die "Unkonventionellen" noch in der "Geschäftsentwicklungsphase", wo Kosten auf unbekanntem Terrain anfallen; er sieht größeres Wachstumspotential (für seine Firma) bei Gas als bei Öl, allerdings kommen für Shell mehrere Ölfelder in den kommenden Jahren ans Netz: Kashagan, Mars B, Cardamon. Und er sieht die Decline-Raten aus den unkonventionellen Förderungen als "sehr hoch" an, woraus ein Geschäftsmodell mit ständigen Investments resuliert. Shell hatte jüngst 2,1 Milliarden Dollar abgeschrieben, weil der Fracking-Boom finanziell nicht so lief, wie erhofft.

Einen erweiterten Blickwinkel auf diese Diskussion gibt eine Studie von Goldman Sachs von April diesen Jahres, die überschrieben ist mit "380 projects to change the world - from resource constraint to infrastructure constraint". Hier untersuchen Goldmans Analysten 380 Öl- und Gasprojekte, die sie für die wichtigsten für die globale Öl- und Gasindustrie halten, allerdings ist Goldmans Blickwinkel eben nicht die Versorgung der Wirtschaft mit Öl und Gas, sondern die Profitabilität der Projekte. Untersucht wurden 380 in Entwicklung befindliche Hauptprojekte, von denen 23 in Europa liegen (alle offshore in der Nordsee und dem Mittelmeer), 89 in Nordamerika (inklusive der Fracking-Ölfelder), 53 in Südamerika, 76 in Afrika, 37 im asiatisch-pazifischen Raum und 108 in Asien und dem Nahen und Mittleren Osten. Die Studie gibt insbesondere zu Beginn aber interessante Einblicke in Zahlen, die aus Peak-Oil-Gesichtspunkten relevant sind, auch wenn die Analysten eben vor allem der Rendite hinterheranalysieren.

So erfahren wir, dass das Capex-Wachstum sinkt: von 20% pro Jahr in den Jahren 2009 bis 2012 auf 11% in den Jahren 2013 bis 2015. Das heißt: Die Investitionsausgaben wachsen langsamer, nähern sich also womöglich einem Maximum. Tiefsee-Projekte sind die profitabelsten gemeinsam mit unkonventioneller und konventioneller Ölförderung, während die unkonventielle Gasförderung und Gas-Verflüssigungs-Ansätze unattraktiv bleiben.

Obwohl also die Verflüssigung von Gas unattraktiv bleibt und damit nicht einfach "Gas zu Öl" "gemacht" werden kann, fasst die Goldman-Sachs-Studie in dem erwarteten Förderprofil der 380 Hauptprojekte Öl und Gas zusammen. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht ist das legitim, geht es doch darum, den Stoff zu verkaufen und nicht darum sich Gedanken zu machen, ob die globale Autoflotte mit Gas überhaupt was anfangen kann. Der aus diesen 380 Projekten erwartete Peak passiert demnach in der Öl+Gas-Summe im Jahr 2023, der der Öl-Projekte allein (also ohne Gas-Projekte) etwas früher: 2022. Dann sollen etwa 43 Millionen Barrel Tagesförderung aus diesen 380 Projekten kommen, was fast der Hälfte der 2012er Tagesförderung entspricht. Diese 380 Projekte stellen also in der Tat den wohl wichtigsten Teil der künftigen Ölversorgung dar, allerdings ist ihr Peak schon in 2022 zu erwarten.

Goldmans Analyse ist letztlich natürlich nicht auf Peak-Oil-Aspekte sondern darauf ausgerichtet, wo es sich lohnt, Geld zu investieren - um möglichst mehr Geld draus zu machen. Die Gewinner dieser Analyse sind ENI, BG, Petrobas, Galp, Marathon Oil, Anadarko, EOG Resources und Genel. Darunter sind Firmen, die Goldman dann auch im Mai zum Kauf empfahl. Zudem erwartet Goldmann eine Konsolidierung im "unkonventionellen Sektor", der bislang von kleineren Firmen angetrieben wird - möglicherweise sind also Übernahmen und Fusionen zu erwarten. (Was die Kaufempfehlung erklärt.)

Laut Goldmann verliert die "Exploration" an "Dampf": Die letzte große Entdeckung "traditioneller Ölfelder" war im Jahr 2000 mit 18 Gigabarrel, in den Jahren seit 2004 wurden niemals mehr als 4 Gigabarrel pro Jahr in "traditionellen" Reservoirs gefunden. In den Jahren 2008/2009 wurden dennoch jeweils etwa 12 Gigabarrel gefunden, allerdings in "nichttraditioneller Form". Die Entdeckungen 2011 und 2012 lagen dann auch bei den neuartigen Reservoirs wieder auf einem sehr viel niedrigeren Niveau: Unter 4 Gigabarrel pro Jahr.

Wirtschaftlich sind die meisten der 380 betrachteten Projekte auch bei Ölpreisen unter 100 US$, sagt das Papier. Dies ist eine wichtige Aussage, denn es bedeutet, dass mit dem heutigen Preisniveau weitere Ölreservoirs wirtschaftlich beförderbar sind und die Ölpreise nicht zwingend deshalb steigen müssen, weil die Förderung selbst mehr kostet. Nur weil bei 100 US$ die Förderung (betriebs)wirtschaftlich ist, bedeutet dies jedoch nicht, dass der Ölpreis auf diesem Niveau bleibt. Denn während die Förderkosten nur das untere Preislimit darstellen, ist nach oben an der Zapfsäule noch sehr viel Platz.

Grafik 19 zeigt, dass die Autoren des Goldman-Sachs-Papiers bis 2015 die Ölförderung stärker steigen sehen als den Ölverbrauch, jedoch liegt die Zunahme des Verbrauchs in den Jahren 2015 und 2016 über dem Zuwachs Förderkurve. Leider zeigt die Grafik keinen längerfristigen Ausblick. Die freien Kapazitäten der OPEC bis 2016 sieht Goldman-Sachs bei etwa 3 Millionen Barrel Tagesförderung, wobei Iran aufgrund der Sanktionen freie Kapazitäten von einer halben Millionen Barrel hat, aber nicht einsetzen kann.

Grafik 47 zeigt, dass die meisten unkonventionellen Ölförderregionen in den USA auch bei einem Ölpreis von unter 100 US$ wirtschaftlich sind. Um eine Förderhöchstgeschwindigkeit von 4,5 Millionen Barrel pro Tag zu erreichen, muss der Ölpreis bei 80 US$ liegen, um die Projekte wirtschaftlich zu halten. Um 7 Millionen Barrel Höchstgeschwindigkeit zu erreichen, müssen es 90 US$ sein. Bei knapp über 7 Millionen Barrel liegt dann auch die Höchstgeschwindigkeit, einzig das Duvernay-Shale fällt aus dem Rahmen und braucht 160 US$ um wirtschaftlich zu werden, kann dann aber nicht wirklich etwas dazu beitragen, die Fördergeschwindigkeit auszuweiten.

Wenn diese 380 Projekte die Haupt-Treiber der globalen Öl- und Gasindustrie sind, ist für Peak-Oil-Szenarien Anfang der 2020er Jahre ein entscheidender Zeitpunkt. Denn zu diesem Zeitpunkt erreichen diese 380 Projekte ihren Peak, während die Goldman-Daten zugleich zeigen, dass das Wachstum der Investitionsausgaben für neue Exploration sich abmildert, während die Neufunde (trotz der hohen Investitionskosten der vergangenen Jahre) um Größenordnungen unter den besseren/frühen Jahren dieses Jahrtausends liegen. Es ist damit zweifelhaft, ob bis zum Beginn der 2020er Jahre neue 380 solcher Projekte aufgetan werden, die dann eine anschließende nächste Phase des Ölförderwachstums auslösen können. Da diese neuen Felder den Rückgang der heute bereits fördernden Ölfelder ausgleichen müssen, bedeuten diese 380 Felder also keineswegs zwingend eine große Steigerung der heutigen Ölfördermenge, sondern sie füllen möglicherweise nur die Lücke, die der Rückgang der alten Felder reißt.

Ich nehme daher an, dass der Fracking-Boom in den USA die Gesamtförderung noch bis 2016/2017 auf neue Höhen treibt, dann möglicherweise der 380er-Schub für ein Förderplateau sorgt und wir ab 2022 den Rückgang der globalen Ölförderung erleben werden. Neue "380 Projekte, die die Welt verändern" würden dann möglicherweise noch dafür sorgen, dass der Rückgang nicht allzu stark ausfällt (also die Decline-Raten abmildern). Peak Oil, also das globale Ölfördermaximum, wäre dennoch überschritten. Diese Einschätzung passt auch zur Einschätzung der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe, dass aus geologischem Blickwinkel die Ölförderung bis maximal 2036 steigerbar wäre, was ja nicht bedeutet, dass erst 2036 die Mengen sinken. Auch auf 2022/2023 träfe diese Maximal-Einschätzung zu.

Dies würde bedeuten, dass noch 10 Jahre sanfter Anstieg oder Stagnation der Ölförderung möglich sind, bei gleichzeitiger Schrumpfung freier Förderkapazitäten, sofern der Ölbedarf weiter steigt. Geringe freie Kapazitäten bedeuten höhere (geo-)politische Risiken, da eine Revolution in irgendeinem Ölförderland für starke kurzfristige Preisschübe sorgen würde. Ab 2022/2023 würde dann echte Knappheit den Markt beherrschen, was angesichts der Wichtigkeit des Rohstoffs Öl zu Knappheitspreisen führt, die sich nicht mehr an den Kosten für die Ölförderung orientieren, sondern "nur" noch an den Zahlungsfähigkeiten der Ölimporteure und Ölverbraucher.

 

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38 Kommentare to “380 Projekte, die die Welt verändern?”

  1. Tom Schülke sagt:

    Vielen Dank für diese Umfangreiche Zusammenfassung. Spannend wäre da noch die Frage, ob noch vor dem so zu erwartenden Förderhöhepunkt, der das Verbrauchswachstum, die Förderkapazitäten übersteigt.

  2. Bruno Müller sagt:

    Auch von mir ein herzliches Dankeschön für die umfangreiche Aufarbeitung der 380-Projekte-Daten.
    Es stellt sich nun die spannende Frage wie viel Rohöl bis zum oder dann am Fördermaximum der Gesellschaft tatsächlich zur Verfügung stehen, nach Abzug der Rohöl-Investition für die aufwendige Öl-Ernte, und ob wir noch eine Kulturorientierte und gebildete Gesellschaft füttern können (Charles Hall: EROI mind. 14:1)
    Das ist ja der entscheidende Punkt, den auch Tom Schülke aufgreift. Kann die bereitgestellte Energiemenge das globale Wirtschafts- und dadurch Verbrauchswachstum ausreichend bedienen? Oder geraten wir noch vor Peak Oil in einen signifikanten Ölmangel?

    • Norbert Rost sagt:

      Diese Frage geht eigentlich nicht weit genug, denn sie beleuchtet „nur“ den Punkt von heute bis zum Absinken der Fördermenge. Damit ist das Problem ja dann eigentlich nicht verschwunden, sondern geht in die nächste Phase. Da die Förderkurve sich vermutlich vor dem eigentlichen „Peak“ abflacht, wird die Versorgungssituation konsequenterweise schon VOR dem Erreichen des eigentlichen Fördermaximums schwieriger. Es sei denn, die Nachfrage nach Öl schwächt sich ab.

      Dass ein ständig steigender Bedarf bedient werden kann, dürfte selbst hartgesottenen Wachstumsfanatikern kaum in den Sinn kommen, sobald sie sich trauen, darüber nachzudenken. Der Verbrauch kann nie über der Förderung liegen (bzw. maximal kurzfristig, um aufgebaute Reserven aufzubrauchen). Die Förderung limitiert immer den Verbrauch. Die Frage ist eher: Was heißt „ausreichend bedienen“? Diese Frage beinhaltet das Nachdenken darüber, wofür denn überhaupt Öl eingesetzt werden soll oder muss. Diese Debatte muss geführt werden.

      Historisch gesehen sind wir bereits am Peak. Ob das Jahr mit der höchsten Ölförderung nun 2013, 2018, 2022 oder 2036 ist: Es sind im Grunde nur ein paar Jahre bis zu jenem Punkt, ab dem unser Verbrauch signifikant sinken WIRD. Wir fördern Öl seit 150 Jahren, keine der Szenarien der Ölkonzerne oder anderer Analysten geht geht über das Jahr 2035 signifikant hinaus. Wir sprechen also im besten Fall über ein Fenster von 20 Jahren für eine vorausschauende Anpassung an ein Sinken der Ölförderung. Als Importland sind wir nicht nur vom Fördermaximum selbst, sondern auch vom Exportmaximum bedroht und letzteres fällt IM BESTEN FALL mit dem Fördermaximum zusammen. In jedem anderen Fall kommt es früher. (-> Export Land Model)

      Steffen Bukolds Peak Oil-Barometer beruht ja hauptsächlich auf der Betrachtung der freien Kapazitäten: Wieviel mehr Öl wäre die globale Förderstruktur in der Lage, zum aktuellen Verbrauch hinzuzufügen, wenn sie das müßte? Diese freien Kapazitäten schrumpfen. Sie würden nur größer werden und damit einen größeren Sicherheitspuffer darstellen, wenn entweder mehr solcher 380er Projekte online gehen oder wenn der Verbrauch sinkt. Allerdings: Ist ein weltweiter Verbrauchsrückgang angesichts der Entwicklung Chinas zu erwarten? Die ganzen europäischen Automobilbauer verkaufen doch gefühlt nur noch nach Asien und trotzdem ist dort der Anteil an Autos pro 1000 Einwohner um Größenordnungen niedriger als in den „westlichen Ländern“. Nur: In China gibt es nicht nur weniger Autos pro 1000 Einwohner, sondern viel, viel, viel mehr Einwohner als in Europa und den USA zusammen.

      Geraten wir noch vor Peak Oil in einen signifikanten Ölmangel?
      Ja.

      • Roderik sagt:

        Hallo Norbert,

        „Geraten wir noch vor Peak Oil in einen signifikanten Ölmangel?“

        Wer ist in diesem Satz „wir“?

        Man kann die Welt immer aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten – je nach individuellem Standpunkt.

        Beispiel: Vor ein paar Monaten gab es in Indien einen Stromausfall mit 700 Millionen Betroffenen, die einige Tage ohne Klimaanlage, Fernsehen, Kühlschrank und sonstigen modernen Annehmlichkeiten auskommen mussten. 700 Millionen Inder!

        Darauf fühlte sich ein Witzbold aufgerufen, der erschreckten Welt mitzuteilen, dass weitere ca 700 Millionen Inder gäbe, die nicht bloß zwei Wochen auf diese Annehmlichkeiten verzichten mussten, sondern jeden Tag in ihrem Leben.

        Werden wir, die Geldbesitzer, die sich Erdöl noch leisten können, irgendwann einen Ölmangel erleiden? Klar – irgendwann – wenn wir zu denen gehören werden, die schon heute nicht genug Geld haben, um sich Öl zu leisten. Nur dann gehören wir nicht mehr zum „wir“! (Und niemand interessiert sich für uns – oder doch?)

  3. Michael Egloff sagt:

    Generalisierende Peak-Oil-Betrachtunegen gehen an der sehr unterschiedlichen zukünftigen Wirklichkeit verschiedener Länder und Regionen vorbei.

    Realitätstauglicher wäre es, Ölverfügbarkeitskurven für Ländergruppen zu ermitteln. Genau genommen eine pro-Kopf-Verfügbarkeit nach Ländergruppen.

    Denn Exportöl, von dem Länder wie Deutschland, Frankreich oder Spanien zu fast 100% abhängig sind unterliegt ja deutlich anderen zukünftigen Mengenveränderungen, wie zum Beispiel das Binnenmarktöl von Kuwait, Algerien oder Kanada. Letztere Länder werden auch in 30 Jahren noch kein Ölverfügbarkeitsproblem haben (vielleicht mit Ausnahme von Algerien, weil das dortige Öl in 30 Jahren den steigenden Eigenbedarf nicht mehr wird abdecken können). Aber es ist kein seherisches Kunststück, für die Ländergruppe, zu der Deutschland gehört, ein weitgehndes Ende des Ölzeitalters in Richtung der Jahrhundertmitte zu prognostizieren, mit beginneder kräftiger Mengenreduzierung schon ab den 20er Jahren.
    Öl wird in den nächsten 2 bis 3 Jahrzehnten zu einem immer größeren Anteil zu einem Binnenhandelsgut der Ölförderländer.
    Während derzeit der Anteil von Exportöl an der weltweiten Gesamtförderung etwa 50% beträgt, könnte er in 25…30 Jahren zwischen 10 und 20% liegen. Also ein wesentlich geringerer prozentualer Anteil an einer ohnehin schon reduzierten Gesamtfördermenge. 80 bis 90% verbrauchen dann die restlichen Ölförderländer mit nennnenswerter Fördermenge selbst. Denn wir wissen ja, dass sich z.B. der Eigenbedarf Saudi-Arabiens etwa alle 22 Jahre verdoppelt, alleine schon wegen der stark zunehmenden Bevölkerung.
    Und eine ganze Reihe von Ländern, die heute noch beträchtliche Mengen an Öl auf den Weltexportmarkt bringen, werden ihre Exportkapazität in 25…30 Jahren verloren haben und auf die Nachfragerseite gewechselt sein. Beispiele: Mexiko, Norwegen, Algerien und wahrscheilich sogar das Exportschwergewicht Russland, das ja alleine schon über 15% der weltweiten Eportmenge stellt.

    Wir sollten also wegkommen von den generalisierenden weltweiten Peak-Oil-Betrachtungen, bzw diese mehr am Rande erörtern, sondern auf die konkrete Zukunft der importabhängigen Hochverbrauchsländer unsere Betrachtungen konzentrieren.

    Die Kuwaitis unter den Mitdiskutierern brauchen solche Betrachtungen natürlich nicht anstellen. Wer dort im mittleren Erwachsenenalter ist, hat gute Chancen, sich nicht mit dem Ende des Ölzeitalters auseinandersetzen zu müssen. Was natürlich in einer Welt des ökonomischen Niedergangs auch nur einen relativen Vorteil bedeutet.

    • Norbert Rost sagt:

      Zustimmung!

      Da wir uns im Grunde bereits in einer Peak-Oil-Vorphase befinden, die für uns als Importverbraucher ganz anders wirkt als auf die Exportländer, ist eine auf globaler Ebene zusammenfassende Fördermengenbetrachtung nur von akademischem Interesse.

      Nur: Wer aus der Entscheiderebene diskutiert hierzulande die praktische Realität?

      • ab.er sagt:

        richtig Norbert,

        wer von den Entscheidern fragt sich, ob denn nicht die hohen Ölpreise (woher kommen die eigentlich?), eine Ursache der aktuellen Wirtschaftskrise sein können.

        Und wenn es sich bei dieser Überlegung verfestigt, dass die hohen Ölpreise mit einer verringerten Verfügbarkeit (aus dazu noch immer teureren Quellen) zusammenhängen, dann dürfte ja eine „Stimulation“ der Wirtschaft (wie auch immer) ja nur zu mehr Ölverbrauch führen, was dann den mühsam stimulierten Aufschwung durch wieder erhöhte Ölpreise gleich wieder abwürgt.

        Bleibt noch eine andere Lösung, als unsere Gesellschaft wachstumsunabhängig zu machen?

        • Ert sagt:

          Die Post-Wachstumsökonomie ist aber von Ihrem Anspruch und Ziel nicht mit unserem kreditfinanzierten Geld- und Wirtschaftssystem vereinbar.

          Wirtschaftssubjekte haben um wirtschaften zu können über Kredit (Schulden) das Geld erhalten um wirtschaften zu können. Die Müssen in der Zukunft dieses Geld + X zurückzahlen, also einen Überschuss erwirtschaften.

          Ändert man jetzt mittendrin die Grundlage des Wirtschaftens – oder gibt es die erhoffte Expansion des Marktes nicht, dann können Kredit + Zinsen nicht getilgt werden. Dies ist dann nicht nur bei einigen der Fall (normaler Lauf der Dinge) – sondern ggf. bei so vielen, das die kumulierten Ausfälle für die Banken/Gläubiger (Abschreibungen) zu groß werden und es auch hier zu Pleiten kommt. Dies nicht weil gezockt wurde, sondern weil es die notwendige Gesamtschuldexpansion (also auch die Gesamtvermögensexpansion) über Nach- und Neuschuldner nicht mehr gibt.

          Wenn die billige Energie weg ist – kommt das alles sowieso. Ich denke aber aktuell kaum, das hier freiwillig Zurückhaltung geübt wird, insb. nicht auf globaler Ebene. Sorry das ich es so sagen muss – aber viele verstehen nicht mal wie unser Geld funktioniert, noch weniger unsere Wirtschaft und noch weniger das ganze Ressourcenspiel.

          Aktuell sehe ich selber nur Flassbeck, der das sehr, sehr viel versteht – aber in Bezug auf die Postwachstumsökonomie im Verständnis von Paech – auch keine Lösung bzw. Vorschläge hat.

          • Florian Hoppe sagt:

            @Flassbeck: Den habe ich eigentlich vo nmeiner Leseliste gemissen ,weil ich sein Buch „Die Marktwirtschaft des 21 Jahrhunderts“ extrem enttäuschend fand. (Da sind imo. Paul Krugman und Robert Reich um einiges lesenswerter.)

            Desweiteren geht Joachim Jahnke ja mit Flassbeck und seinem Dutzfreund Albrecht Müller ziemlich hart ins gericht. (Und bei letzteren brauchst du ga rnicht mit Postwachstumsökonomie auftauchen, Müller steckt imo sowieso ziemlich stark in den 70ern fest…)

          • ert sagt:

            Hallo Florian,

            Hast Du mal einen Link zu einen Jahnke Kommentar ueber Flassbeck?

            Habe selber leider nur ein Jahnke Bunch – viel Zahlen und Statistiken. Die Webseite ist leider so unuebersichtlich, das ich keine laengeren Gesamtanalysen mit Loesungsvorschlaegen von Ihm mehr gelesen habe. Von Flassbeck gibt es ja viele Videos, die sein Denken gut vermitteln.

          • ab.er sagt:

            Es kann sein, dass eine Postwachstumsökonomie nicht mit dem kreditfinanzierten Geld- und Wirtschaftssystem vereinbar ist, aber was heißt das? Kann es nicht auch sein, dass ein Peak Oil und absolut notwendiger Klimaschutz nicht damit vereinbar sind? Heißt das, dass Peak Oil dann leider den kürzeren gezogen hat und nicht kommen darf? Oder zieht da nicht eher unser Geld- und Wirtschaftssystem den kürzeren?

            Das Geld- und Wirtschaftssystem ist menschengemacht. Wir haben da die Regeln in der Hand. Das kann man beim Rohstoff- und Klimasystem nicht sagen. Die Regeln sind nicht verhandelbar, da es Naturgesetze sind. Oder mit wem verhandelst Du, wenn Deine teure chinesische Vase sich gerade von ihrem stabilen Standpunkt verabschiedet hat und sich flugs dem Fliesenfußboden nähert, wie denn das Gravitationsgesetz in einem solchen Sonderfall doch genau ausgelegt werden soll? Keine Chance.

            Ich gebe zu, dass es nicht einfach sein wird, in unserem Geld- und Wirtschaftssystem etwas zu ändern und vor allem es so zu ändern, das es sich dann hinterher auch noch als wirksam herausstellt und eine Postwachstumsgesellschaft ermöglicht. Aber ich finde man sollte es nicht unversucht lassen. Schließlich hat es ja auf deutschem Boden auch schon eine erfolgreiche, aber friedliche Revolution gegeben.

          • Ert sagt:

            @ab.er

            Du schreibst u.a.: „Das Geld- und Wirtschaftssystem ist menschengemacht. Wir haben da die Regeln in der Hand.“

            Ich glaube aber nicht mehr an die präventive Einsicht – nicht in diesem Fall. Da bedarf es ultimativer Schmerzen bzw. eines Konzeptes wie die aktuell Vorherrschenden mittels des „alternativen Systems“ noch mehr Macht bekommen.

            Eine lokalisierte Postwachstumsökonomie ist aber gerade etwas das die Macht der Multinationalen Konzerne und des großen Geldes beschränkt – solchen Strukturen sogar teilweise die Existenzgrundlage raubt. Das lassen die nie Freiwillig zu…

          • ab.er sagt:

            @ert:

            ich habe nicht behauptet, dass es einfach werden wird, neue Regeln, die alles auf den Kopf stellen, in unserem Wirtschaftssystem zu etablieren. Aber wir sollten es auf jeden Fall versuchen. Der Zusammenbruch des Ostblocks war vor 30 Jahren auch noch undenkbar, aber mit Hilfe von Peak Russian Oil (ohne Westtechnologie) war es dann doch möglich.

          • Ert sagt:

            Ja, nach einem Zusammenbruch aufgrund sich ändernder Rahmenbedingungen wird sich was ändern müssen – das ist mir ganz klar.

            Meine Frage war aber ob sich vor dem Zusammenbruch auf freiwilliger Basis etwas ändern wird – um gerade diesen Zusammenbruch mit all seinen katastrophalen Folgen zu vermeiden bzw. „uns“ das schlimmste zu ersparen.

            Und da sehe ich eher schwarz…

  4. Michael Egloff sagt:

    Die Entscheiderebene glaubt den „Fachleuten“ wie z.B. der Frau Kempfert, die ja gerne jenen ledendären Satz ventilieren: „Das Ölzeitalter wird genau so wenig wegen eines Mangels an Öl zu Ende gehen, wie das Steinzeitalter nicht an einem Mangel an Steinen zu Ende gegangen ist.“

    Tja, wer als „Experte“ den Unterschied zwischen sich nicht verbrauchenden Steinen und verbrennendem Öl nicht kennt, steht in den nächsten 2 bis 3 Jahrzehnten vor einem echten Erkenntnisschock. Und die, die ihnen glauben, mit ihnen.

    • Bruno Müller sagt:

      Das „Steinzeit-Zitat“, das, ja gerne immer wieder von unseren meist fossiloptimistischen Zeitgenossen verwendet wird, stell Ugo Bardi als Hauptautor in dem neu erschienen Buche „Der geplünderte Planet“, welches gleichzeitig den neuesten Bericht an den Club of Rome darstellt, in Frage. Er kann sich durchaus vorstellen, dass die Weiterentwicklung von Steinwerkzeugen zu Metallwerkzeugen, tatsächlich aus Mangel an Steinen stattgefunden haben kann, nämlich aus Mangel an brauchbaren Steinen. Denn Silizite, Fibrolith oder Jade lagen ja nicht herum wie der Sand am Meer. Sie waren eher selten und können sich tatsächlich irgendwann erschöpft haben und geeignete Ersatzsteine konnten wohl nicht gefunden werden. Dass während den ersten Steinzeitepochen schon Untertage-Bergbau zur Ausbeutung von brauchbaren Steinen betrieben wurde ist nicht bekannt und Importe aus Übersee gab es wohl auch noch nicht.

      Wer weiter lesen möchte noch gerne dies ergänzt:

      Der Mensch wird wohl immer ein getriebener bleiben, weil er irgendwann mal begonnen hat, den ersten Stein aufzuheben und dadurch den andauernden Bergbau eröffnet hat (annähernd Bardi). Wenn sich ein Mineral erschöpft, muss er Ersatz suchen, in der Erdkruste. Und er tuts wohl immer erst dann, wenn sich das aktuelle, also essenzielle ausgebeutete Mineral oder ein bedeutender Naturstoff erschöpft hat, frühestens jedoch nach dem Fördermaximum. Offensichtlich hat er es nicht oft geschafft, rechtzeitig nach Ersatzstoffen zu suchen/forschen oder Gewohnheiten und Traditionen zu ändern. Wir wissen, die meisten Hochkulturepochen mussten aus diesen Gründen ihre Existenz beenden. Das selbe Schicksal wird uns auch ereilen und es wird etwas Neues beginnen. Denn das was ist, wird künftig nicht sein (Meinhard Miegel). Laut Professor Miegel ist das der Gang der Dinge, eine Zwangsläufigkeit. Dies ist eines der Dinge, sagt Miegel, die man mit unbedingter Sicherheit sagen kann., so sicher, wie jedes organische Leben ein Anfang und ein Ende hat. Wer das begriffen hat, kann auch leichter loslassen.

      Nur dumm, dass der Neubeginn ,erstmals in der Menschheitsgeschichte, auf einem sich global veränderten Planeten (Bardi) entwickeln muss. Die meisten nutzbaren Mineralien sind dann erschöpft oder nicht mehr erreichbar, weil zu tief oder unter dem Meer oder gleichmäßig, also verdünnt auf dem Planeten oder in der Atmosphäre verteilt. Ach ja, die Artenvielfalt von Flora und Fauna hat auch in den letzten hundert Jahren stark gelitten.

      Also ein nicht einfacher Neustart, nach einem möglicherweise ungemütlichen Abstieg, wird das werden. Möglicherweise noch von uns erlebt, sicher von unseren Kindern zu gestalten. Nun, was zu tun ist, wissen wir. Am besten die Region stärken (regionalentwicklung.de) und, das wäre mein Vorschlag für den ersten Schritt: Schauen, dass es unsern direkten Nachbarn im Haus oder in der Straße gut geht.

      • Ert sagt:

        @Bruno Müller

        Diesmal leidet der Neubeginn aber noch unter anderen Problemen. Ich habe ja weiter unten schon die Situation um Wasser und Fisch verlinkt. Das ist aber nicht mal das größte Problem.

        Es gibt aktuell so um die 500 AKW. Die müssen alle noch Betüddelt, Stillgelegt, Rückgebaut und die Atomare Fracht irgendwo „hineingekippt“ werden. Für ein AKW dauert das schnell mal bis zu 50 Jahren nach Abschalten. Würde man jetzt sofort alle Abschalten und Rückbauen wollen, dann gäbe es dazu wohl die Kapazitäten und die Techniker nicht einmal.

        So denke ich das würde man international in die Ausbildung und Technik für Endlagerung und Rückbau investieren, alles sofort abschalten – der ganze Rückbau dennoch ca. 50 Jahre dauern würde. Einfach weil die MOX Brennstäbe zum Teil erst einmal transportfähig sein müssen.

        Hält unser komplexes System das noch aus? Hat es noch so viel „Überschuss“ um seine Sünden zu entsorgen? Um überhaupt im Sinne von Asimovs „Foundation“ das neuerstehen einer „gesunden“ Nachfolgezivilisation zu ermöglichen, die zumindest auf einfachem agrarischen Nivau leben kann?

        Ist muss dabei auch davon ausgegangen werden, das das was aktuell da ist im Niedergang quasi ‚verbraucht‘ wird. Gerade alle Eisenprodukte werden irreversibel verloren sein – durch Oxydation. Ähnlich sieht es mit vielen anderen Sachen aus.

      • ab.er sagt:

        Hallo,

        auch wenn die Steinzeit nicht deshalb zu Ende war, weil die Steine ausgegangen sind, das ist kein Hinweis darauf, wie es uns am Ende des Öls gehen wird.

        Ötzi hatte vor 5000 Jahren schon Kupferwerkzeuge und Steinwerkzeuge gleichzeitig nutzen können. Und der Übergang hat dann noch viele Jahr(-zehtne, -hunderte, -tausende) gedauert.

        Bei uns droht das Öl innerhalb von wenigen Jahrzehnten nicht mehr in der notwendigen Menge zur Verfügung zu stehen. Ich glaube, das ist in der Geschwindigkeit historisch einmalig.

        Und es ist überhaupt nichts sichtbar, was die Rolle des Öls in der notwendigen Menge und Verfügbarkeit übernehmen kann. Regenerative Energien sind zwar ganz nett, aber ich glaube nicht, dass es zu mehr reicht, als zum Abfedern des Niederganges. Dafür werden für die regenerativen Energien einfach zu große Mengen Rohstoffe, bei denen auch nicht sicher ist, ob sie in der Menge zur Verfügung stehen, benötigt.

  5. Michael Egloff sagt:

    Korrektur: doppelte Verneinung im letzten Beitrag bitte gedanklich streichen.

  6. Michael Egloff sagt:

    Übrigens mal ein anderes Beispiel (von vielen) für einen anderen kommenden Erkenntnisschock – diesmal sogar bezüglich eines (noch) ölreichen Landes.
    Die „Experten“ zollten in den letzten Jahren den Emiraten – speziell Kuwait – großes Lob, weil es mit dem starken Ausbau des touristischen Sektors sich angemessen auf die „Zeit nach dem Öl“ vorbereiten würde.

    Welch ein Bullshit!
    Etliche Jahre, bevor den Emiraten das Öl ausgeht, werden die unzähligen Kathedralen des Massenferntourismus nutzlos in der wieder vorrückenden Wüste stehen.
    Denn der Massenferntourismus aus den ölimportabjhängigen Hochverbrauchsländewrn wird als einer der ersten Wirtschaftsbereiche dem Peak Exportoil zum Opfer fallen. Klar, aus Saudi-Arabien und Katar werden dann noch Besucher kommen. Aber das wird bei Weitem nicht ausreichen, um die immer mehr ausufernde Infrastruktur für die Ferntouristen aus Europa, Nordamerika oder Asien auch nur zu 20% auszulasten. Die Errichtung und Unterhaltung der riesigen Torurismus-Infrastruktur verschlingt massenhaft Ressourcen, vor allem Öl, wird aber innerhalb von 15…20 Jahren zu 80% obsolet.

    Aber alle beten das Märchen vom rechtzeitigen Umsteuern der Emirate nach.

    • Ert sagt:

      @Michael Egloff

      Das ganze kommt sicher davon, das wir genug Leute haben die gar nicht denken, oder wie Peter Diamandis (X-Projects, Sigularity University) technologie-Utopisten sind – und meinen es gebe eine technische Lösung für alles.

      Hier mal ein TED-Video „In der Zukunft leben wir im Überfluss“ von Diamandis der aus das Buch „Abundance“ geschrieben hat: http://www.ted.com/talks/peter_diamandis_abundance_is_our_future.html

      Die Systemdynamiken die wir hier beschreiben gehen an Leuten wie Diamandis vollkommen vorbei. Schlimmer noch – er führt sein Publikum mit einer sehr undifferenzierten Betrachtungsweise und entsprechenden Beispielen (meiner Ansicht nach) in die Irre. Er ist zusätzlich der Meinung das 9 Milliarden Leute auf dem Planeten in 2035-45 alle ein gutes und auskömmlichen Leben führen können – alle Gesund, medizinisch versorgt und genug zu essen (in seinem Buch „Abundance“)!

  7. Michael Egloff sagt:

    Mist, schon wieder ein Fehler.
    „Kuwait“ muss durch „Dubai“ ersetzt werden.

  8. Florian Hoppe sagt:

    @Export Land Modell:

    Eine Ergänzung dazu ist ja Rockman’s „LOU Modell“.

    http://peakoilbarrel.com/locking-oil/

    Anderes Thema: Knapp 3 Monate nach dem Zugunglück von Lac-Megantic ist wieder ein Öl/Gas transportierender Zug in Kanada entgleist und explodiert.

    http://peakoil.com/enviroment/state-of-emergency-declared-as-another-oilgas-train-derails-in-canada
    http://www.reuters.com/article/2013/10/19/us-cnrailway-derailment-idUSBRE99I04820131019

    • Ert sagt:

      @Florian

      Der LOU Artikel von Rockman ist ja eine geniale Fundgrube – Danke, Danke, Danke!

      Das ganze ist summa-summarum einmal eine globale Übersicht über Chinas Aktivitäten Ihren zukünftigen Energiebedarf über langfristige Beteiligungen und Verträge zu sichern.

      Ein gutes Statement darin: „China is more interested in energy to fuel its economy than profits to enrich its oil giants. Chinese companies do not have to answer to shareholders, pay dividends or even generate profits.“

      Und genau damit sind die Chinesen uns überlegen! Da wo aktuell Goldman Sachs den westlichen Ölmultis rät weniger zu investieren um die Gewinne nicht zu belasten – haben wir mit der Denke schon im globalen Spiel verloren!

  9. Ert sagt:

    Wer einmal was erschütterndes Lesen will…. Peak-Fish und Peak-Clean Water, etc. ist definitiv erreicht und überschritten. Passt gut zu Bardis geplündertem Planeten

    Ein Erlebnisbericht eines Seglers der von Australien über Japan (Osaka) nach USA (San Francisco) gesegelt ist. Vergleich mit der selben Reise vor 10 Jahren.

    http://www.theherald.com.au/story/1848433/the-ocean-is-broken/?cs=12#

    Gruselig in mehrfacher Hinsicht – so das ich hier nicht mal einen Auszug reinsetzten kann, weil alles ist eines Auszuges wert.

  10. Michael Egloff sagt:

    Hallo Ert,
    das verhängnisvolle Dreieck aus Peak Water, Peak Soil und Peak Fish ist das verhängnisvollste Problemknäuel, dem sich die Menschheit gegenüber sieht.
    Natürlich wird sich dieses Problemfeld regional/national sehr unterschiedlich darstellen.
    Finnland und Schweden werden davon kaum betroffen sein, Indien, Bangladesch, Äthiopien oder Ägypten dagegen in zivilisationsgefährdendem Maße.

    Aus dem leitet sich für mich eine Schlussfolgerung ab: wir stehen vor einem Zeitalter der Völkerwanderung – von mehr als 10-facher Dimension wie die vor 1600 Jahren.
    Denn wenn z.B. Indien in 30 Jahren 1,6 Milliarden Menschen hat (520 EW auf 1 Quadratkilometer), aber das einst reichlichst in Anspruch genommene Tiefengrundwasser (gefördert mit über 20 Millionen Elektropumpen) weitgehend versiegt, dann können vielleicht maximal 800 Millionen Menschen ernährt werden. Gleichzeitig gibt dann der Weltagrarmarkt überhaupt nicht mehr diese Nahrungsmittelmengen her, um die gewaltige Lücke durch Importe schießen zu können.

    Was werden wohl die über 1 Milliarde Asiaten und die über 1 Milliarde Afrikaner machen, die in den nächsten 3…4 Jahrzehnten ihre physische Existenzgrundlage verlieren werden?

    Buchtipps:
    „Wenn die Flüsse versiegen“ von Fred Pearce,
    „Dreck“ von David Montgomery,
    „Fisch kaputt“ von Charles Clover.
    Das erstere ist hochspannend geschrieben und extrem faktenreich – wie alle Bücher von Pearce.
    Die anderen beiden sind ebenfalls faktenreich, aber verlangen beim Lesen eine gewisse Geduld durch eben diese Faktenfülle. Trotzdem: alle 3 lesenswert.
    Aber mit Pearce beginnen. (Interessant auch sein Buch „Das Wetter von morgen“)

    • Ert sagt:

      @Michael

      Danke für die Buchtips – ich frage mich nur, ob ich die noch lesen sollte. Das was ich aktuell schon weiß und die Systemdynamiken die ich verstehe – das ist schon gruselig genug für mein Wohlbefinden und meine Seele.

      Insbesondere das ich mich bis auf ein paar Internetforen nicht darüber austauschen kann – und diese Themen der absolute Einladungskiller sind – das alles ist zusätzlich deprimierend.

      Mit all diesem Wissen kann ich nur noch eines tun: Konsum und wirtschaftliche Aktivität wo es geht reduzieren oder vereinfachen – denn es gibt im aktuellen „industriellen“ Umfeld meiner Ansicht nach kein „nachhaltiges“ Wirtschaften.

      Die Thematik Völkerwanderung hatte ich dabei bisher noch kaum dem dem Radar – ist aber ja gerade wieder aktuell und ein riesiges Dilemma mit hochexplosivem Charakter.

      • Florian Hoppe sagt:

        @Ert: Der Reisebericht erinnert mich an ein Kapitel aus Jerod Diamonds „Kollaps“. Stichwort „Landschaftsvergesslichkeit“. (Seite 525)

        @China: Hier muß ich an Rubin und sein Kapitel über Dubai denken. Wie dort Benzin/Kerosin massiv subventioniert wird, damit es sogar in Kraftwerken zur Energieversorgung verbannt werden kann. Die Subventionen bezahlen natürlich die Kunden aus dem Westen. (Und wir wissen ja inzwischen, daß die Araber einen Ölpreis unter 100 USD nicht mehr zulassen werden.)

        @Singularität:

        Sagt dir übrigens Kim Stanley Robinson etwas?

        http://www.youtube.com/watch?v=RbzJfPFgA5U

        Minute 1:40. (Hab im Frühjahr Robinsons „2312“ gekauft. Finde es schade, daß die Mars Trilogy bis heute nicht neu aufgelegt worden ist und daß sein alternativer Geschichtsroman „The Years of Rice and Salt“ nie ins Deutsche übersetzt worden ist.)

      • Tom Schülke sagt:

        Hallo Ert.

        Geht mir auch so. Oft ertappe ich mich dabei dann doch mal lieber einen spannenden Science Fiction zu lesen oder doch lieber ans Windsurfen zu denken, als noch eine weitere Studie über das altbekannte zu schichten.

        Und ja… Diese Themen sind ein idealer Party Killer… Das macht ja unser Wohlfühlniveau kaputt.

  11. Michael Egloff sagt:

    Naja, als Partykiller betrachte ich das Sammeln zukunftsrelevanter Fakten nicht.
    Man muss nur begreifen, dass ALLES einen Zyklus von Wachstum, Blüte und Niedergang hat.
    Zu jeder Expansion gehört die nachfolgende Kontraktion. Mit naturgesetzlicher Notwendigkeit.
    Die Frage ist nur: wann und mit welchen Konsequenzen.
    Zum „Wann“: je länger ein Expansionszyklus aufrecht erhalten wird, desto stärker die nachfolgende Kontraktion.
    Es nutzt also letzten Endes garnichts, Wachstum so lange aufrecht erhalten zu wollen, bis wirklich garnichts mehr geht.
    Denn sollten wir uns wirklich wünschen, dass bezahlbares Öl noch 100 oder 200 Jahre in heutiger oder gar wachsender Menge zur Verfügung steht? Mit all den Konsequenzen, die jetzt schon infolge des Ölverbrauchs zu erkennen sind? Denn die Übernutzung natürlicher Basisressourcen und die Anreicherung petrochemischer Substanzen in der Biosphäre und von klimarelevanten Spurengasen in der Atmosphäre ist ja auch maßgeblich durch den „Ölsegen“ zustande gekommen und schreitet weiter voran, je länger der „Segen“ andauert.

    Ein „Weiter so“ für weitere viele Jahrzehnte wäre für mich eher der Partykiller. Dann soll doch lieber rechtzeitig Schluss sein mit den ölgetriebenen Exzessen, ehe wir die Bewohnbarkeit des Planeten für Menschen möglicherweise riskieren.

    Also: keine Angst vor dem kommenden Wachstumskollaps. Der ist absolut notwendig. Auch, wenn´s für diejenigen, in deren Lebensdauer dieser Kollaps fällt, schmerzhaft wird. Aber wir sind ja nicht auf die Welt gekommen, um von einem permanenten Rundum-Sorglos-Paket verwöhnt zu werden.

    • Ert sagt:

      „Also: keine Angst vor dem kommenden Wachstumskollaps. Der ist absolut notwendig. Auch, wenn´s für diejenigen, in deren Lebensdauer dieser Kollaps fällt, schmerzhaft wird.“

      „Wir“, denen das hier im Forum mehr- oder weniger klar ist, sind ja auch schon Mental mehr- oder weniger darauf vorbereitet. Die Freizeitshoppende DSDS-Mehrheit wird Ihre böse Überraschung erleben. Da platzen dann ganz, ganz viele Lebensentwürfe und Träume. Bin mal gespannt wer oder was der Buh-Mann sein darf.

  12. Florian Hoppe sagt:

    @Ert:

    http://www.jjahnke.net/kommentare4.html
    http://www.jjahnke.net/sfm.html

    Jahnke wirkt Flassbeck hauptsächlich vor in Sachen China einen blinden Fleck zu haben.

    Das mit der Übersichtlichkeit unterschreib ich allerdings. (Wobei Jahnke endlich nach Monaten seine alten Nachdenkseiten Kritiken, die ja tote Links waren, wieder gefixt hat. Immer auf web.archive.org zu gehen nervte.^^)

    • Ert sagt:

      @Florian

      Habe ich gelesen und auch gleich mal Jahnkes China Buch bestellt – war schon länger auf meiner Shoppingliste.

      Flassbeck habe ich aber in Bezug auf China noch nie auf dem Schirm gehabt. Als Stutzels (Saldenmechanik) Schüler versteht Flassbeck aber jedenfalls sehr genau was Geld ist und das ein Handels-Überschuss auch einen Handels-Unterschuss auf der anderen Seite braucht – und das unterscheidet Ihn schon sehr stark von fast allen anderen Ökonomen :-)

      • Florian Hoppe sagt:

        Übrigens, zum Thema Postwachstumsökonomie hätte ich auch noch das hier:

        http://postwachstum.net/2011/05/18/jenseits-des-wachstum-jenseits-des-tellerrands/

        Eine Replik zweier Attac Mitglieder zu mehreren Kommentaren von Albrecht Müller.

        Diese Replik, sowie die Artikel von Jahnke zu den Nachdenkseiten haben mich persönlich dazu bewogen, sie eher zu meiden. Müller und seine Leute sind imo. auf ihre Art ähnlich verbohrt, wie die Leute, die sie kritisieren und imo. zu Vergangenheits fixiert.

        Wie die Zukunft aussehen wird ist schwer vorauszusehen, wobei teilweise einige Autoren Utopischer/Distopischer werke teilweise erstaunlich weitsichtig waren.

        Bei den aktuellen Ereignissen in den USA und diversen Berichten zur Rea Party und der christlichen Rechten fiel mir ganz schnell ein berühmtes Buch von Margaret Atwood ein…

        (Persönlich fände ich ja eine Zukunft interessant, die teilweise wäre wie ich sie in der Jugendromanreihe „The Web“ gelesen habe…)

        • Ert sagt:

          Danke für den Link. Kein gutes Licht und Bild für Müller. Die Kritik an Müller hingegen ist sehr, sehr sauber.

          Aber ich erlebe es im Beruf ja nicht anders. Alleine die Frage was gerade das Ziel ist und warum wir das verfolgen sollen oder wollen… das ist oft wie ein Angriff auf das Selbstverständnis des Vortragenden. Dabei ist es nur eine einfach und sachliche Frage die der, der angeblich ein Ziel oder eine Motivation hat auch erläutern und begründen können sollte.

          Die Begründungen und Annahmen können immer noch (unwissentlich) auf fehlerhaften, unvollständigen oder falschen Annahmen beruhen – das zu analysieren oder zu diskutieren ist dann der zweite Schritt.

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