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Deutsch-Amerikanisch-Russische Freundschaft

Angela Merkel, die heimliche Präsidentin Europas, besuchte die USA. Es darf angenommen werden, dass es im Gespräch mit US-Präsident Obama nicht nur um die globale Überwachungsmaschinerie der NSA gegangen ist, sondern auch um den Ukraine-Konflikt. Ein Konflikt, in dem USA und Europa scheinbar auf derselben Seite stehen, bei dem jedoch unterschiedliche Interessen der beiden Mächte unübersehbar sind. Der Interessenskonflikt zeigt sich am deutlichsten dort, wo es um die Energieversorgung geht. Denn während die USA seit den ersten Fracking-Erfolgen ab 2005 mit steigender Öl- und Gasernte im eigenen Land rechnet, schrumpft Europas Öl- und Gasförderung seit 2004 und die Abhängigkeit gegenüber dem vermeindlichen "Gegner" Russland stieg und steigt weiter an.

Selbst auf den Ölmärkten hat sich diese Entwicklung derart niedergeschlagen, dass der Preis für Rohöl seit Anfang 2011 auseinanderklafft: In Nordamerika gilt seitdem ein dauerhaft niedriger Ölpreis als in Europa - die nordamerikanische Ölsorte WTI war zeitweise mit einem Preisabschlag von über 20 US$ im Vergleich zur europäischen Ölsorte BRENT zu kriegen:

Ölpreis

Den USA gelang es, auf diversen Wegen den Mythos zu streuen, dass das Land zum Selbstversorger mit Öl wird. Während Europas Selbstversorgungsgrad mit etwa 25% wieder auf dem Niveau von 1982 ist (Tendenz: schrumpfend), verbreitete die Internationale Energieagentur (IEA) medienwirksam vor zwei Jahren die Geschichte, die USA würden sich bald vom eigenen Territorium mit Öl versorgen. Noch heute transportieren selbst gut informierte Wissenschaftler und Politiker diese Geschichte, obwohl die US-eigene Energiestatistikbehörde (EIA) seit geraumer Zeit auf das Jahr 2016/2017 als neues Peak-Oil-Jahr für die USA hinweist. Von echter Selbstversorgung ist man dann immer noch 25% entfernt. Tendenz danach: Schrumpfend:

US-Oelfoerdung 2014-2040

Dennoch tat sich ein Zeitfenster auf, welches von 2005 bis 2017 reicht: Ein Zeitfenster, in welchem die USA ihren Selbstversorgungsgrad steigern und weniger abhängig von äußeren Importen sind. Ein Zeitfenster, welches Strategen nutzen konnten. (Sogar die Abkehr der USA vom arabischen Raum wurde zwischenzeitlich ernsthaft diskutiert.) Sofern man die USA als Imperium ansieht, welches durch militärische, ökonomische und kulturelle Hegemonie auftritt (wie es Daniele Ganser vertritt), muss man davon ausgehen, dass die Akteure des Imperiums das Zeitfenster zu nutzen wußten.

Mohssen Massarrat vertritt in einem Artikel der BLÄTTER die These, die USA würden als auf dem Dollar agierendes Imperium bewusst Gelegenheiten nutzen, aufkommende andere Währungen zur Verrechnung von Öllieferungen zu torpedieren und die eigene Stellung im globalen Machtgefüge durch Destabilisierung zu erhalten versuchen. In Bezug auf die Ukraine-Krise läßt sich feststellen, dass über Jahre große Summen in das Land geflossen sind, um neue politische Akteure zu unterstützen und hervorzubringen. Inzwischen ist die Ukraine auf dem Weg zu einem "Failed State" zu werden und ein Riss entstand zwischen Europa und Russland. Der NATO-Chef Rasmussen, von 2009 bis 2011 Ministerpräsident Dänemarks, meinte jüngst, Russland führe sich mehr auf wie ein Gegner denn als Partner - und verlangte Aufrüstung durch die europäischen NATO-Staaten. Glaube man einzelnen Kommentatoren ist es genau das, was die USA braucht: Militärisch einsatzfähige Verbündete in der NATO-Landschaft, die jene Lücken füllen können, die die USA durch einen verstärkten Rückzug aus dem arabischen Raum zurücklassen. Doch während der arabische Raum in Europa zwar als Problemfeld wahrgenommen wird aber dennoch als weit weg gilt, ist Russland sehr viel näher: Sowohl kulturell wie auch durch die enge Abhängigkeit für die europäische Energieversorgung. Ist die Ukraine also der Schalter, der die NATO-Staaten in der EU "endlich" wieder aufrüsten läßt?

Inwieweit diese Destabilisierung absichtlich oder durch Unkenntnis hervorgerufen wird, ist schwer auszumachen. Aber destabilisierend wirkt es zweifellos, wenn der US-Präsidentschaftskandidat John McCain kritisiert, Angela Merkel ließe sich zu sehr von der deutschen Industrie beeinflussen, statt einfach nur Politik zu machen. Solche Aussagen kann man nur dann reinen Gewissens tätigen, wenn einem die engen Bindungen zwischen Europa und Russland unbekannt sind. Nicht nur die Industrie sondern alle Europäer sind beim Stand der Dinge hochgradig abhängig von Russland. Eine Auseinandersetzung mit diesem wichtigen Energielieferanten kann sich niemand auf dem "alten Kontinent" wünschen. Doch zugleich ist es genau diese Abhängigkeit, die Russland inzwischen in unregelmäßigen Abständen in die Waagschale wirft, beispielsweise wenn im Wochentakt der SPIEGEL titelt:

Russland muss nicht explizit "Sanktionen verkünden", wie sie durch die NATO-Staaten verhängt wurden. Aus russischer Sicht reicht es vorerst aus, das Gas-Transit-Land Ukraine als instabil darzustellen (was keinesfalls gelogen sein dürfte) um klarzumachen, welch gefährlichen Kurs die EU fährt. Die russische Regierung kann es sich aufheben, explizit anzudrohen den Gas-Hahn nach Europa zu drosseln, bis dieses Argument wirklich nötig ist - allein die aufkochende Krise in der Ukraine reicht als Drohkulisse. Und wenn das Argument schrumpfender Erdgas-Lieferungen nicht ausreicht, ließe sich das Argument schrumpfender Öllieferungen noch hinterherschieben. Da über ein Drittel der hiesigen Öl- und Gasversorgung aus Russland kommt, wäre ein echter Konflikt mit diesem Land glatter europäischer Selbstmord. Da hilft es wenig, dass der Chef-Volkswirt der Deutschen Bank im Interview mit der WELT meint, Russlands Wirtschaft würde massiv überschätzt. Wer diskutiert denn in angemessener Intensität die Unterschätzung der europäischen Energie-Abhängigkeit?

Die Ukraine-Krise hat in Deutschland zumindest eines eines hervorgerufen: Massive Kritik am Medienbetrieb. Die geht so weit, dass in der Satire-Sendung DIE ANSTALT die moderierenden Satiriker hervorheben, in welchem transatlantischen Verein welcher Journalist oder Herausgeber welcher großen deutschen Zeitung sitzt:

Solche Sendungen sind keineswegs eine gute Werbung für seriösen Journalismus. Zweifellos wirkt diese Entwicklung ebenfalls destabilisierend: Das Vertrauen der Zeitungsleser schrumpft. Sie sehen sich inzwischen oftmals Russland näher als den USA, eine Entwicklung die spätestens mit den Anschlägen vom 11. September 2001 begann und ihren jüngsten Höhepunkt in den - schon vergessen? - Enthüllungen zur globalen Überwachungspraxis fand. Da wirkt es fast satirisch, dass der deutsche Verfassungsschutz vor "russischen Spionen" in Deutschland warnt, während Angela Merkel in den USA um ein No-Spy-Abkommen betteln darf. (Über das die Wirtschaftswoche schreibt: So lange Deutschland zu Russland hält gibt es kein No-Spy-Abkommen.)

Die aktuelle Diskussion in den deutschsprachigen Medien wirkt umso absurder, je mehr man die Frage nach den Energieflüssen zwischen Europa und Russland in Betracht zieht. Aus diesem Blickwinkel müßten beide Mächte an einer Entspannungspolitik interessiert sein, da die einen Öl und Gas und die anderen andere Wirtschaftsgüter benötigen. Doch der Riss, der sich auftut (und der möglicherweise durch einen Keil von dritter Seite geweitet wird), wird eher größer als kleiner. Und die Verwirrung wird umso größer, wenn Akteure wie Ex-Kanzler Gerhard Schröder mit Putin Geburtstag feiert, während die aktuelle deutsche Regierung aufgrund der engen Bande zu den USA eher Distanz übt.

Währenddessen orientiert sich Russland neu. Gemeinsam mit China wird ein Seemanöver im ostchinesischen Meer geplant, angeblich planen beide Länder gemeinsam einen Tiefseehafen an der Halbinsel Krim und Russland will eine Eurasische Wirtschaftsunion zum 1.1.2015 ausrufen. Zudem könnte noch im Mai ein Vertrag zwischen Russland und China über zusätzliche Gaslieferungen vereinbart werden (Gazprom: Power of Siberia). Aus Sicht des Imperiums USA wächst dort ein Gegenpol, der die eigene Machtbasis bedroht. Aus Sicht Europas wachsen dort neue Energie-Handelsstrukturen, die die eigene Energieversorgung bedrohen. Auf die Frage, wie diese Bedrohungen "eingefangen" werden sollten, haben die Regierenden in den USA und Europa offenbar ähnlich unterschiedliche Sichtweisen wie zum Irak-Krieg, als der damalige US-Außenminister Donald Rumsfeld 2003 Europa als "alten Kontinent" schmähte. Geodart Palm sah ihn deshalb als Geburtshelfer einer europäischen Identität während einer "tief greifenden Erosion der amerikanisch-europäischen Freundschaft".

Aprops "Freundschaft": Gelernte DDR-Bürger verbinden mit diesem Begriff immer auch eine ganz besondere Verbindung zwischen Russland und - nunja - der Kleinstadt Schwedt. Dort endet nämlich immer noch die Erdöl-Pipeline gleichen Namens, die schon zu Honeckers/Gorbatschows Zeiten Öl aus Russland gen Westen transportierte. Zu deutsch "Freundschaft", auf russisch: Дружба (sprich: Druschba). Ein Viertel des deutschen Rohöl-Bedarfs wird nah der polnischen Grenze verarbeitet, 95% des in Berlin zu kaufenden Treibstoffs stammen aus Schwedt. Der RBB hat der Pipeline, der Raffinerie und der Stadt angesichts der aktuellen Sanktionitis einen lesenswerten Beitrag gewidmet.

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22 Kommentare to “Deutsch-Amerikanisch-Russische Freundschaft”

  1. Stephan sagt:

    Aus einem Bauchgefühl heraus würde ich sagen, dass der Verlauf der Tight-Oil-Kurve in der obigen Grafik nach EIA-Daten viel zu optimistisch ist. Wenn man sich den Verlauf einer Tight-Oil-Bohrung anschaut, d.h. den rasanten Abfall innerhalb von drei Jahren, der bis zu 90%(!) betragen kann.

    Aber das wurde im Kommentarbereich Deines Artikels ja bereits ausreichend gewürdigt:
    http://www.peak-oil.com/2013/12/eia-us-oel-fracking-erreicht-seinen-peak-in-2016/

    Genauer hat das Ron Patterson in seinem Artikel vom letzten November gezeigt:

    Shale Oil Production and Decline

    For November they expect all wells in these fields to decline by 199,127 barrels per day. That is if no new wells were to come on line in December then production would decline from 3,726,097 mb/d to 3,526,970 mb/d.
    http://peakoilbarrel.com/shale-oil-production-decline/

    wo er, angesichts des Abfalls bei den schon bestehenden Bohrungen in den Feldern The Bakken, Eagle Ford, Haynesville, Marcellus, Niobrara und Permian (ca. 200.000 Barrel pro Tag im November 2013 weniger) davon ausgeht, dass Ende dieses Jahres dort der Peak, d.h. das Maximum an Ölförderung, erreicht wird.

    • Michael Egloff sagt:

      Ich stimme Deinem Bauchgefühl zu, Stephan.

      Richtig ist, dass die USA von den Verbesserungen bei den Technologien der Ölförderung derzeit profitieren (EOR, Verbesserungen beim Fracking, Bohrtechniken mit MRC, Verbesserung bei der Tiefseeförderung usw).

      Aber diese Verbesserungen sind JETZT wirksam. Graduelle Verbesserungen mag es immer noch geben, aber nicht solche, die die recovery rate noch einmal ähnlich stark nach oben treiben, wie in den letzten 20 Jahren.
      Wie sagte der Chefgeologe von Mittelplathe mal in einer TV-Doku sinngemäß: „Dank der Verbesserung der Fördertechnik wird mehr gefördert, als früher. Vor allem wird aber schneller gefördert.“
      Und in den USA wird gefördert, was die heutige Fördertechnologie nur hergibt. Und wo so fieberhaft und schnell gefördert wird, wird zwar der Mengenabfall deutlich nach hinten verschoben und im Falle der USA auch eine durchaus beachtliche zweite Mengenerhöhung realisiert, aber um den Preis eines späteren heftigeren Abfalls.
      Deshalb halte ich die EIA-Prognose ab Beginn der 20er Jahre für unrealistisch. Für die nächsten 5 Jahre mag der Prognosechart noch halbwegs stimmen. Ab den 20er Jahren halte ich nicht nur die Fracking-Ölfördermengen für zu optimistisch, sondern auch z.B. die im Chart fast gleichbleibende konventionelle Crude-Oil-Menge.

      • Norbert Rost sagt:

        Auch ich möchte euren Überlegungen zustimmen. Das Risiko, dass die Ölförderung in den USA letztlich bei weitem nicht den Prognosen entspricht, die die EIA in obige Grafik gegossen hat, ist groß.

        Für viele Leute „da draußen“ ist dieses „Detail“ aber erst in der zweiten Stufe relevant. Ich fände es ja schon sehr, sehr, sehr wichtig und sehr, sehr hilfreich, wenn anerkannt würde, dass die USA nicht zum Selbstversorger werden und dass 2017 ein Peak bevorsteht, der letztlich zum globalen Peak führen dürfte.

        Von dieser Anerkennung des Problems sind wir leider noch weit weg.

        • Frank Bell sagt:

          Sobald man in Europa mit dem Fracking anfängt – und man wird anfangen, denn dazu laufen bereits die Vorbereitungen, die Ukraine z.B. zeigt es – wird sich das Peak-Oil-Szenario deutlich in die Zukunft verschieben.

          Dann wird man noch mehr Probleme als heute haben, die Menschen zum Nachdenken über den jetzigen Zustand zu bewegen.

          :-(

  2. EcoDrive sagt:

    Um was geht es eigentlich beim ‚hypen‘ für das Fracking in Europa? Eher weniger ums Öl, dazu sind die Voraussetzungen nicht mit den USA zu vergleichen. Ich glaube nicht, dass sich das Peak-Oil-Szenario deutlich in die Zukunft verschieben wird. Schon gar nicht in Europa.

    Ich meine es geht ums Geld.

    – Seit längerer Zeit werden in Europa Investoren gesucht.
    – Politiker und Medien werben für das Fracking.
    – Mit der Ukraine steht dazu auch gleich der entsprechende ‚Angstmacher‘ zur Verfügung.

    In den USA wird mit dem Fracking-Peak 2016 gerechnet.
    – Die Big Majors sind teilweise ausgestiegen, bzw haben grossen Finanzielle Mittel abgeschrieben.
    – Die Frackingindustrie in den USA steht vor dem Peak, was auch bedeuteten kann, vor dem Konkurs.
    – Wie kommen die Investoren zu ihrem Geld?
    – Idee, man sucht in Europa Investoren und verschiebt die ganze Frackingindustrie nach Europa. Dazu wird das ganze medienwirksam aufgegleist (Obama).
    – Wenn in Europa dann gefrackt wird, müssen die Schulden bei den Investoren der Wallstreet natürlich zuerst getilgt werden…Bingo..

    – Was Europa dann bleibt ist ein einziges Desaster, finanziell und für die Umwelt.

    • Frank Bell sagt:

      Otto Normalverbraucher realisiert diese Zusammenhänge aber nicht.

      Sonst könnte z.B. die CDU im Europawahlkampf nicht mit „mehr Wachstum und Arbeitsplätze“ plakatieren – und stärkste Partei werden.

      Tatsache ist, dass die Menschen in Deutschland ja nicht einmal Demonstrationen gegen die Selbstbedienung durch Bankster („Bankenrettung“) auf die Reihe bekommen.

    • Michael Egloff sagt:

      Das scheint mir ganz hart an der Realität zu sein, was Du schreibst, EcoDrive.
      Es gab ja mal diesen geleakten Mailverkehr zwischen Verantwortlichen der Fracking-Firmen vor etwa 2 bis 3 Jahren. Die dort kommunizierten Inhalte vermittelten das Bild eines Kettenbriefsystems.
      Das funktioniert so lange, wie es noch deutlich ansteigende Rigzahlen gibt und somit einen prozentual überproportionalen Anteil an hochproduktiven Rigs in den besten Bereichen der Shales und so lange sich ständig neues Kapital aquirieren lässt.
      Je größer der Anteil der Rigs, die 3 Jahre und länger an einem Ort eingestzt sind und je größer der Anteil der Rigs, die nicht mehr in den produktivsten Bereichen der Shales fördern, um so schwieriger ist es, unter dem Strich Gewinne zu erwirtschaften.
      Außerdem wissen wir ja durch neuere Berichte, dass es eine kalte Enteignung der Aktionäre der Fracking-Juniors gibt durch quasi Verpfändung zukünftiger Fördermengen für frisches Kapital.
      Eas ist also keineswegs ausgeschlossen, dass es in 5 oder 10 jahren ganz plötzlich zum Zusammenbruch des Kettenbriefsystems kommt und somit zu einem sehr plötzlichen Einbruch der Fördermengen aus den Shales aus ökonomischen Gründen.

      Und was Europa angeht: von einer seriösen Evaluierung der förderbaren Mengen ist man in vielen Fällen wohl weit entfernt. So ist es nicht verwunderlich, dass es in Polen zu einer gravierenden Ansenkung der Mengenschätzungen gekommen ist, die sich wohl im Bereich von 95% Absenkung der ursprünglich angenommenen Mengen befindet.
      Im Falle Ukraine könnte sich auch bei ernsthafterer Evaluierung große Enttäuschung breit machen. Das Verkünden extrem optimistischer Zahlen hat ganz offensichtlich das Ziel, Investitionskapital anzulocken, um auch hier das Kettenbriefsystem in Gang zu setzen.

      • Roderik sagt:

        Anlässlich der Dotcom-Bubble las ich seinerzeit das Buch: Exit – Wie Risikokapital die Spielregeln der Wirtschaft verändert.
        Zitat: „Berichte über steigende Aktienkurse, über hohe Renditen am ersten Handelstag eines an die Börse gegangenen Unternehmens und über Unternehmer, die in wenigen Monaten oder Jahren reich geworden sind, führen dazu, dass immer mehr Geld in die Risikokapitalfinanzierung fließt. Das treibt die Börsenkurse von Wachstumsunternehmen nach oben, erhöht die Nachfrage nach Aktien von Unternehmen, die planen, an die Börse zu gehen, und führt dazu, dass immer mehr Geld in Risikokapitalfonds fließt. Der Börsenkurs von Wachstumsunternehmen geht nach oben. Die anziehenden Preise erhöhen für diejenigen, die bereits Anteile am Unternehmen halten, die Exit-Möglichkeiten. Gründer, Business Angels und Risikokapitalgeber finden für ihre Anteile interessierte Abnehmer. Die Spirale setzt sich fort, und es bildet sich ein Boom am Kapitalmarkt aus. Der Effekt ist: Eine sich immer schneller drehende Risikokapitalspirale lässt die Frage nach dem langfristigen ökonomischen Erfolg eines Investments zunehmend als irrelevant erscheinen, weil das nachströmende Risikokapital dazu führt, dass Investoren, die früher in ein Unternehmen investiert haben, ihre Anteile schnell versilbern können. In einer Risikokapitalspirale haben Unternehmensanteile vielleicht schon sieben oder acht Mal die Investoren gewechselt, bevor sich das Unternehmen als profitabel erweisen muss.“ (Stefan Kühl: Exit, S.82)

        Der Begriff „Risikokapitalspirale“ ist nichts weiter als ein Synonym für Kettenbrief.

        Hier nun drei Gründe, warum das Geschehen in den USA eher nichts mit solidem Wirtschaften zu tun haben könnte

        1) Man sollte meinen, dass in einem neuen Ölboom die grossen Firmen, die den Markt beherrschen, die Nase vorn haben. Sie haben Geld, sie haben Beziehungen, Wissenschaftler und Know-how. Aber – falls ich es richtig sehe – wird der Fracking-Markt von kleinen Firmen dominiert, als wollten die Grossen kein Geld verdienen. Irgendwie seltsam, oder nicht? Wenn man aber die Exit-Strategie im Auge hat und nicht mit, sondern an einer Firma verdienen will, leuchtet ein, dass man dafür besser eine kleine Firma nimmt, die neu und damit schlechter zu beurteilen, folglich volatiler ist, als einen Ölgigangten wie sagen wir mal Exxon. Bei einer kleinen Firma ist der Kurs leichter zu beeinflussen. Und man muss natürlich nicht das Tafelsilber verkaufen, nur weil man ein wenig Geld verdienen will.

        2) Fokussiert man auf die Exit-Strategie, müsste man einen Medienhype erzeugen. Dies ist hier wohl unzweifelhaft geschehen. Obwohl die USA weit von einer Position als Netto-Erdölexporteur entfernt sind, wurde dies bereits öffentlich behauptet, bzw. für die nahe Zukunft in Aussicht gestellt.

        3) Wäre Fracking eine Lizenz zum Geld drucken, würde kein Mensch seine Anteile, die er in einer frühen Phase gezeichnet hat, verkaufen wollen. Wir sehen aber im Internet – Norbert hat dankenswerter weise schon früher darauf verwiesen – dass Geldschneider wie „Goldman Sachs“ öffentlich kostenlos einige Firmen, die im Fracking-Boom ganz vorne stehen, als „most undervalued stocks“ anpreisen (http://www.cnbc.com/id/100946609). Zeigt sich Goldman Sachs hier als wahrer „business angel“ und will freundlicherweise Geld an Zeitgenossen verschenken?

        Die Housing-Bubble lief nach dem gleichen Muster ab. Die Initiatoren gewinnen, die Nachzügler und in diesem Fall auch die Staaten zahlen zwangsweise drauf.

        Heute kommt nun die Meldung, dass die Europäer in Nordamerika Shalegas einkaufen wollen.

        • Patrick sagt:

          Vielen Dank für diesen guten Kommentar, Roderik.

          So wie es beschrieben wurde, macht es wohl Sinn. Ich frage mich nur, warum diejenigen, die Kapital anlegen, immer und immer wieder auf die gleiche Masche hereinfallen?
          Jüngstes Beispiel war ja der Fall PROKON!

          • Michael Egloff sagt:

            Hallo Patrick,
            weil Gier Gehirn schlägt.
            Denn jedes mal weiß man ja: dieses mal ist alles anders.
            Und man selbst ist ja ohnehin viel schlauer, als die anderen Börsenheinis.

  3. Michael Egloff sagt:

    Neue Zahlen aus den USA:
    die Rohölimporte lagen im März gemittelt bei 7,259 mb/d, gut 0,3 mb/d weniger als im Vormonat, aber 0,3 mehr als im Vorjahresmonat.
    Die Zahlen für die Importmengen befinden sich also derzeit eher in einer Seitwärtsbewegung, nach mehreren Jahren beachtlicher Rückgänge der Importmengen.
    Immer noch sind die USA der weltweit größte Ölimporteur, wenngleich China aufholt.
    Die US-Rohölfördermenge steig noch an, aber mit verringerter Dynamik, auf immerhin 8,033 mb/d im März.
    Gegenüber dem Februar gab es nur eine marginale Erhöhung (ca. 0,03 mb/d Anstieg), gegenüber dem Vorjahresmonat aber immerhin noch eine Steigerung um 0,9 mb/d.

    Die US-Erdgasimporte steigen in den letzten 3 Monaten wieder fortlaufend an, um zuletzt + 32,6% gegenüber dem Vorjahresmonat. Zwar steigt die US-Gasförderung mit verminderter Dynamik weiter an, der Erdgasverbrauch nahm aber zuletzt stärker zu.
    Inwieweit das mit dem kalten Winter in den USA zusammenhängt, wird man abwarten müssen. Allerdings hat mit Sicherheit der geringe US-Gaspreis einen Anreiz gesetzt, verstärkt auf Erdgas zur Energiegewinnung zu setzen. Außerdem werden die sehr stark entleerten Gasspeicher in den Sommermonaten wieder aufgefüllt werden müssen, so dass wohl auch in dern nächsten Monaten die Gasimporte höher sein dürften als in den entsprechenden Vorjahresmonaten (meine Vermutung).

    Quelle für die Zahlen: Querschüsse.de, auf Basis der offiziellen US-Daten.

  4. Patrick sagt:

    Heute gibt es auch einen Bericht auf den NachDenkSeiten zu den kolportierten Ersatzlieferanten für russisches Erdgas:

    http://www.nachdenkseiten.de/?p=21650

    • Roderik sagt:

      Habe ich auch gerade gesehen. Mit einigen Aussagen von Herrn Berger habe ich aber meine Probleme – z.B. “ dass Fracking-Gas – wenn man einmal die Folgekosten ignoriert – zwar vor Ort sehr preisgünstig ist“. Die Zeche zahlt aber nicht allein der europäische Verbraucher.

      Viel besser finde ich dieses kleine Quiz:
      http://ourfiniteworld.com/2014/03/31/the-absurdity-of-us-natural-gas-exports/

      „The catch–and the reason for all of the natural gas exports–is that most shale gas producers cannot produce natural gas at recent price levels. They need much higher price levels in order to make money on natural gas.“
      +
      „The reason for all of the exports is too pump up the prices shale gas producers can get for their gas. This comes partly by engineering higher US prices (by shipping an excessive portion overseas) and partly by trying to take advantage of higher prices in Europe and Japan.“

      Tatsächlich werden wohl auch die US-Amerikaner zur Kasse gebeten.

  5. EcoDrive sagt:

    Gerade habe ich im Radio vernommen, dass Putin dem Schweizer Bundespräsidenten D.Burkhalter zugesichert haben soll, die Truppen von der ukrainischen Grenze abzuziehen.
    Burkhalter war heute im Kremel als Vertreter der OSZE, deren Präsidentschaft die Schweiz derzeit inne hat.

    http://www.aargauerzeitung.ch/ausland/wie-didier-burkhalter-in-moskau-frieden-stiften-will-127951448

    Interessant ist, dass es vorgängig ein Kontakt Steinmeier – Burkhalter gab.

    Wenn das zutrifft, dürfte dies einigen Leuten, die Öl ins Feuer gegossen haben, ganz schön Wind aus den Segeln nehmen.

  6. Norbert Rost sagt:

    Es kommt Bewegung in die Verhandlungen. Jetzt zeigt sich langsam, wie Russland sein Erdgas künftig als politische Handlungsmasse zu nutzen gedenkt:
    http://derstandard.at/1399462396793/Moskau-bietet-Gasrabatt-fuer-Pipelinebau

    Demnach bietet Russland der Ukraine einen Preis-Rabatt auf Gaslieferungen an, wenn
    * Kiew darum bittet (Unterwerfungsgeste!)
    * und beginnt, seine Schulden zu tilgen.

    In den Verhandlungen mit der EU fordert Russland die South-Stream-Pipeline (durchs Schwarze Meer an der Krim vorbei: http://de.wikipedia.org/wiki/South_Stream) aus Regelungen der EU herauszunehmen, wonach Leitungsbetreiber und Gaslieferanten getrennt werden müssen – ein Ansatz, der in Deutschland auch für Strom und Stromnetze gilt.

    Da die Ukraine, die EU und Russland am selben Verhandlungstisch sitzen, ist der Rabatt an die Ukraine ein Tauschgeschäft gegen mehr russischen Einfluss in den Gasnetzen nach Europa…

    • Norbert Rost sagt:

      Claudia Kemfert in der Tagesschau zu einer möglichen „Energieunion Europa“:
      https://www.tagesschau.de/multimedia/video/video1391832.html

      Kernforderungen: Gleicher Gaspreis in ganz Europa. Sinkende Unabhängigkeit von fossilen Energieträgern. Flüssiggas.

      • Michael Egloff sagt:

        Es ist unglaublich, was diese „Energieexpertin“ immer wieder von sich gibt.
        Da spricht sie z.B. von einem „Weltmarktpreis für Erdgas“ den alle bezahlen sollten. So ein Schwachsinn. Diesen „Weltmarktpreis“ gibt es nicht. Europa hat wesentlich höhere Gaspreise als Nordamerika, und die Gaspreise in Ost- und Südasien sind wiederum merklich höher als in Europa. Die Frau kennt sich offenbar mit der Spezifik der Preisbildung bei Erdgas nicht aus und auch den Unterschied zum Ölpreis, der wesentlich weniger differiert, weil Öl eine völlig andere Distributionsspezifik als Gas hat.

        Und dann die immer wiederkehrende Mär von nordamerikanischen Gasexporten nach Europa, den auch diese Expertin „mittel- bis langfrsitig“ aufwärmt.
        Nicht berücksichtigend, dass die kanadische Gasexportmenge seit 10 Jahren signifikant absinkt (mittlerweile fast eine Halbierung) und dass die USA nach einer Phase der Gasimportmengenreduzierung zuletzt wieder einen erhöhten Importbedarf bei Gas haben.

        Ist das Unwissen bei Frau Kempfert, oder bewusste Falschinformation mit dem Zweck der Beruhigung der Menschen?

        • Norbert Rost sagt:

          @Michael: Na was soll sie denn sagen? Dass wir ein Grundsatzproblem mit der Gasversorgung haben? Dann sucht sich die Tagesschau demnächst einen anderen „Experten“, der konstruktivere Vorschläge hat. Das ganze dauert ja nur 2 Minuten und Antworten müssen schnell und flüssig kommen. Zeit zum Nachdenken ist bei diesem TV-Format doch nicht vorhanden.

        • Patrick sagt:

          In der Regel gehören ja die Aussagen von Frau Kemfert eher zu den vernünftigen. Gerade wenn man bedenkt, was da ansonsten so substanzloses in die Mikrophone gesprochen wird.

          Aber ich sehe das auch wie Michael. Wenn sie eine Expertin ist, dann muss sie auch belastbare Aussagen machen.

          @Roderik:
          Dem Jens Berger muss man es vermutlich nachsehen, dass er keine Energieexperte ist und sicherlich nicht so stark im Detail ist wie die meisten hier.
          Da ist natürlich Gail Tverberg die bessere Adresse.
          Das hat sie mit dem o.g. Beitrag gezeigt.

          Letztlich kommen aber praktisch beide zum gleichen Ergebnis: US-Gasexport nach Europa in nennenswertem Umfang ist eine Illusion, vor allem wenn es eine langfristige Alternative zu konventionellem russischen Gas darstellen soll.

          Aus US-Sicht des üblichen geopolitischen Geschachers würde man natürlich zwei Fliegen mit einer Klatsche schlagen:
          – heimische Gaspreise stabilisieren (das freut die Fracking-Firmen und Wall Street)
          – die Energieabhängigkeit der EU von Russland verringern

          Aber das wird wohl nichts werden.

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