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Fracking für die Freiheit: Danke, Herr Fleischhauer!

Endlich sagt mal jemand in einem großen Leitmedium die unmißverständlichen Worte:

Es ist nicht besonders klug, sich von jemandem abhängig zu machen, den man für einen Despoten hält.

Danke, Herr Fleischhauer, dass Sie die Energiesituation Europas und Deutschlands (und Dresdens) mal so auf den Punkt bringen! Wir sind abhängig von russischen Öl- und Gaslieferungen und das schränkt unsere Handlungsmöglichkeiten auf dem politischen Parkett stark ein. Jederzeit kann uns der Hahn abgedreht werden. Und wir sollten uns, sagen Sie, besser nicht darauf verlassen, dass Putin von dieser Abhängigkeit keinen Gebrauch macht:

Putins Waffe ist unsere Energieabhängigkeit. Fast 40 Prozent der Erdgas-Importe beziehen wir aus dem Land, das wir jetzt gerne mit Strafandrohungen vom Schurkenstaat in eine gemäßigte Diktatur zurückverwandeln möchten. Bislang hieß es immer, die Russen würden nie wagen, uns das Gas zu sperren, weil sie sich einen Lieferstopp nicht erlauben könnten. Darauf wird man sich in Zukunft nicht mehr verlassen wollen.

Sie sagen es! Wir sollten uns nicht mehr darauf verlassen, dass uns die Grundlage unserer Energieversorgung entzogen wird. Da sind wir uns absolut einig!

Nun, nur Ihre Schlußfolgerung erscheint mir seltsam. "Fracking für die Freiheit"?

Um es erstmal nur zahlenmäßig grob zu überschlagen:

  • in Deutschland wurden 2012 etwa 90 Milliarden Kubikmeter Erdgas verbraucht
  • die technisch gewinnbare Erdgasmenge per Schiefergasförderung schätzt die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe auf 0,7 bis 2,3 Billionen Kubikmeter (vorausgesetzt, es hat sich niemand verrechnet, so wie in Polen)
  • von unkonventionell förderbarem Erdgas liegt also das 8- bis 25-fache des deutschen Verbrauchs im deutschen Boden

Oder anders: Wenn man Un-Abhängigkeit konsequent denkt, müßte der Versuch unternommen werden, die eigene Gasförderung an den eigenen Gasverbrauch anzupassen. Den aktuellen Jahresverbrauch würde Fracking also (bei statischer Denkweise) 8 bis 25 Jahre lang decken - ja nachdem, wieviel Gas man letztlich wirklich finden würde. Bei allem Optimismus, sind dies doch recht überschaubare Zeiträume - kann man daraus ableiten, dass Fracking zu mehr Freiheit führt? Herr Fleischhauer: Müßten wir nicht im gleichen Aufruf auffordern, eine Energiewende derart einzuleiten, dass der Gasverbrauch sinkt? Denn wenn man Un-Abhängigkeit konsequent denkt, müßte doch der Versuch unternommen werden, den eigenen Gasverbrauch an die eigene Gasförderung anzupassen...

Fracking birgt diverse Risiken, die längst nicht nur auf der Umwelt-Seite liegen. Es ist löblich, dass Sie sich persönlich bereiterklären, für die Aufbereitung des Fracking-Fluids ihren Magen bereitzustellen. 2 bis 3 Gläser des Zeugs pro Tag und ein wenig Übelkeit sollten es uns wert sein, das Abwasserproblem zu lösen. Ignorieren wir mal mit bestem Willen, dass in dem gebrauchten Fracking-Fluid nicht nur jene Stoffe drin sind, die unsere Chemieingenieure bewusst hineingemischt haben, sondern auch Stoffe, die aus der Erdkruste mit ausgespült werden, darunter radioaktive Stoffe. Mit heldenhaftem Einsatz lösen wir dieses Problem in Magensäure auf.

Fracking birgt ja auch in ökonomischer Hinsicht Probleme. Der stark gesunkene Erdgaspreis in den USA ist zweifellos auf stark gestiegenen Förderoutput durch Fracking zurückzuführen. Allerdings führte das steigende Gasangebot auch zu einem steigenden Gasverbrauch:

us-gasfoerderung-und-gasverbrauch

Die Grafik zeigt einerseits den historischen Gasförderverlauf in der USA, der, genau wie die Ölförderung, um 1970 seinen Fördergipfel (Peak Gas) erreichte. Allerlei technologische Weiterentwicklungen und Neufunde lang gelang es, die Gasförderung bei etwas unter 20 Billionen Kubikfuss Jahresförderung zu stabilisierung. Ab 2005, nach der Änderung der Umweltauflagen unter der Regierung George W. Bush (ohne Rücknahme unter Barack Obama), kam die Fracking-Technologie stärker zum Einsatz und ließ die Gasförderung sogar über das Fördermaximum von 1970 hinaus steigen. Da der Output der Technologie aber schwer steuerbar ist, sanken mit der zunehmenden Förderung die Preise und dadurch stieg der Gasverbrauch an. Haben die USA also an Unabhängigkeit gewonnen? Marginal: Denn so wie mehr Gas gefördert wurde stieg auch der Gasverbrauch an. Beides befindet sich heute auf extremen Niveaus (=Fallhöhen!), doch die gesunkenen Gaspreise machen der Gasindustrie große Probleme, denn Fracking ist nicht wirtschaftlich. In die Bilanzen so manches Energiekonzerns hat die Fracking-Blase schon einige Löcher gerissen: Exxon-Chef Rex Tillerson, der sich grade gerichtlich gegen Fracking-Vorbereitungen nahe seines Grundstücks wehrt, sagte schon 2012 dem WallStreetJournal, seine Firma verlöre durch Fracking ihr letztes Hemd. Auch die anderen Öl- und Gasriesen spüren Druck auf ihre Bilanzen, obwohl die Ölpreise historische Höchstwerte verzeichnen.

Nun hat die Öl- und Gasförderung per Fracking aber so ihre Besonderheit: Jede Bohrung startet mit den höchsten Erträgen am ersten Tag. Von Tag zu Tag, von Woche zu Woche, von Monat zu Monat und Jahr zu Jahr nimmt der Output, den eine gefrackte Bohrung bringt, relativ stark ab. Während bei konventioneller Förderung die Fördermaxima erst zur Lebensmitte der Felder erreicht werden und die Fördermengen danach meist um 4 bis 6% pro Jahr sinken, schrumft die Gas- und Ölförderung beim Einsatz der Fracking-Technologie um 4 bis 6% pro Monat ab dem ersten Tag. Daraus ergibt sich ein gar übler Zwang: Wer einmal mit Fracking anfängt und seine Lebensweise auf diesen Stoff baut und sogar darauf abzielt, die Förderergebnisse auf ein bedeutsames Niveau zu steigern, der muss dauerhaft "nachfracken", um das einmal erreichte Versorgungsniveau zu halten. In der Fachdiskussion um diese Themenfelder wird vom "red queen effect" gesprochen und Bezug genommen auf die Ansage der Rote Königin an Alice, als diese ins Wunderland kommt:

Hierzulande musst du so schnell rennen, wie du kannst, wenn du am gleichen Fleck bleiben willst.

Wer einmal Fracking-Erträge in ein Energieversorgungssystem integriert, muss seine Aktivitäten stark beschleunigen, um die stark abfallenden Fördererträge dieser Technologie auszugleichen. Für jede gesetzte Bohrung muss also mehr als eine neue gesetzt werden, um neben der Ausweitung der Fördermenge auch den Förderabfall der alten Bohrungen auszugleichen. Wer sich hineinbegibt in diese Technologie wird also zwanghaft weitermachen müssen, wie ein Junkie nach dem ersten Schuss.

Folgende schematische Darstellung aus einem Foliensatz von Werner Zittel summiert die Erträge einzelner Bohrungen und zeigt, dass

  • ein Fördermaximum recht schnell erreicht werden kann (weil die Kurve aufgrund der enormen Förderabfallraten nach oben recht schnell abflacht) und
  • ein Abbruch des Fracking-Einsatzes zu einem extremen Absturz der Fördermenge führt:

Fracking-Gas-Szenario, Zittel

Klingt das nach mehr Freiheit, Herr Fleischhauer? Abhängigkeit gegenüber Gazprom tauschen in zwanghaftes Bohren? Abhängigkeit vom "Despoten Putin" tauschen in Abhängigkeit vom "Despoten Schiefergas"?

Hinzu kommt jene Problematik, die nun endlich mehr öffentliche Diskussion bekommen könnte: Nämlich dass Energierohstoffe im Boden unnütz sind, sondern die Fördergeschwindigkeit darüber bestimmt, mit welcher Geschwindigkeit wir Öl und Gas verbrauchen können. In keinem Fall wird Fracking in Deutschland jene Mengen vollständig ausgleichen können, die wir täglich aus Russland beziehen. (Eine zu erwartende Förderkurve über die Jahre könnte sicherlich die BGR erstellen, fragen Sie dort mal an, Herr Fleischhauer!) Jede Energiequelle, die Russland (ohne weitere Energiewendeaktivitäten) ersetzen soll, muss pro Tag also jenen Energieertrag bereitstellen, der bislang über die Pipelines aus dem Osten kommt. Doch dazu ist die Fracking-Technologie viel zu kleinteilig, Europa zu dicht besiedelt und An- und Abtransport per LKW (weil sich Pipelines nicht lohnen) viel zu aufwändig. Russland als Gaslieferant aus dem Energiemix allein per Fracking zu verbannen, ist völlig unrealistisch, quasi Gutmenschentraumdenken, Herr Fleischhauer. Ein Tropfen auf den heißen Stein wäre Fracking, ein Bausteinchen mit Risiken für unser Grundwasser und mit hohem Streitpotential. Statt Freiheit wäre es das Eintauschen einer Abhängigkeit gegen eine andere, ein Tausch von geopolitischen Risiken mit Umweltrisiken bei gleichzeitig überschaubarem Ergebnis für das, worum es eigentlich geht:

Es warm zu haben in unseren Wohnungen, Elektrizität nutzen zu können und die gewerbliche Wirtschaft mit Prozessenergie zu versorgen.

Und selbst wenn Fracking ersetzen könnte, was Russland an Erdgas nach Deutschland liefert: Unsere Ölabhängigkeit von Russland ist noch ein gutes Stückchen größer, zumal daran unser Transportsystem hängt. Doch zu erwartende Ölerträge per Fracking in Europa sind eher kleiner (in den USA wird das neue Ölfördermaximum trotz Frackings für 2016 erwartet!). Herr Fleischhauer: Brauchen wir also nicht eine grundlegend andere Herangehensweisen an die Weiterentwicklung unserer Energieversorgung?

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22 Kommentare to “Fracking für die Freiheit: Danke, Herr Fleischhauer!”

  1. Florian Hoppe sagt:

    Sehr guter Artikel. Des Weiteren sollte man dem Herrn Fleischhauer auch diesen aktuellen Technology Review Artikel vors Gesicht knallen. :)

    http://www.heise.de/tr/artikel/Meinung-Billige-Energie-macht-bequem-2127843.html

  2. Ert sagt:

    Wow – wollte gerade einen Link einstellen und sehe das Norbert wieder aktiv war – um so besser passt der Link.

    KenFM im Gespräch mit Historiker Dr. Daniele Ganser (Teil 1: Ressourcenkriege, Peak-Oil, Imperium USA) – https://www.youtube.com/watch?v=Jyj-ofBUILw

    Da gehts ganz stark um die Geopolitik hinter dem Öl – so sagt Herr Ganser auch das das, wer die Rohstoffflüsse kontrolliert, auch andere Wirtschaftspartner kontrolliert. Dies aber ganz stark mit Hinblick auf die USA. Denn ein starkes und geeintes Europa oder sogar Eurasien ist eine geopolitische Bedrohung der Macht der USA – so Ganser mit Verweis u.a. auf Brzezinski’s Buch ‚Grand Chessboard‘.

    Hier auch noch einmal die ARTE-Doku: „Es geht und ging immer nur um Öl“http://www.youtube.com/watch?v=YLeIRCgZCtc in der auch sehr viel im Historischen Kontext aufgearbeitet wird.

  3. Michael Egloff sagt:

    Deutschland fördert derzeit 14% seines Gasbedarfs selbst – Tendenz ständig weiter sinkend. In 20 Jahren werden wir nahe der Null-Linie angekommen sein bei unserer konventionellen Gasförderung.

    Wenn wir also mit maximalen Fracking-Aktivitäten im sehr dicht besiedelten NRW und im mäßig dicht besiedelten Niedersachsen beginnen würden, wäre der Anteil der deutschen Förderung in 10 Jahren etwa so hoch wie heute und in 20 Jahren TROTZ Frackings wahrscheilich geringer als heute.
    Sich von irgendjemandem unabhängiger machen zu können ist also eine Fehlannahme.

    Dazu kommt: der Anteil der Gasimporte aus Großbritannien wird schon in diesem Jahrzehnt deutlich zurückgehen, und die Importe aus Norwegen und den Niederlanden werden ab den 20er Jahren mit großer Wahrscheinlichkeit schrumpfen.
    Wir werden also immer abhängiger werden von Russland und anderen nichteuropäischen Lieferanten.
    Selbst dann, wenn wir mit der Umweltmatzerei beginnen würden.

    Das sind wohl alles Fakten, die Herrn Fleischhauer nicht bekannt sind.
    Zu dumm, wenn man über ein Thema schreibt, über das man keine detaillierten Informationen hat. Aber das ist ja heutzutage üblich.

  4. Ert sagt:

    @Norbert

    Alles was Du schreibst ist richtig – aber es ist schon schlimm das in den Medien für ein „Agendasetting“ gemacht wird.

    Das was in der Ukraine veranstaltet wird richtet sich massiv gegen Russische – letztendlich aber auch europäische Interessen. Das die Ukrainer nichts davon haben werden sollte klar sein, wenn man auf die Historie von IWF, Weltbank und auch der Spur der US-Aussenpolitik schaut. Auf Ganser und die Arte-Doku hatte ich schon verlinkt – interessierte finden mehr und ich will das hier nicht zu einem (Geo-)Politikforum machen.

    Was ich nicht auf den Schirm bekomme ist, was unsere ganzen Industriellen machen – das was da aktuell abgeht ist neben einer Gefahr für ganz Europa u.a. auch eine starke Gefahr für das Industrie-Exportabhängige und Energie-Importabhängige Deutschland. Oder spielt das hier eine Rolle, was der ehemalige Amerikakoordinator Weidenfeld unter der Regierung Schröder letztens bei Beckman gesagt hatte: http://www.freitag.de/autoren/palaisdestuileries/nebenbei-bemerkt ?

    Ich bin insgesamt stark irritiert. IFO Chef Sinn redet von neuen AKWs, die Regierung will die Energiewende zurückfahren, das in der Ukraine wird angefacht, die deutsche Industrie schweigt, die Medien desinformieren mehr als Sie informieren – und die Zeit rennt davon.

    • Norbert Rost sagt:

      @Ert: Was du „Agendasetting“ meinst ist oft das Nachdenken von Leuten, die beim Schreiben denken. Daher bin ich Fleischhauer tatsächlich dankbar: Er formuliert Bedenken hinsichtlich der Abhängigkeit, die bislang kaum jemand in solchen Positionen öffentlich formuliert. Dass er damit auch seinen Glauben an den technologischen Fortschritt formuliert, kann ihm niemand krumm nehmen: Jeder hat halt so seinen Glauben…

      Damit aus dem öffentlichen Nachdenken aber keine unverrückbare Agenda wird, müssen andere Stimmen hörbar sein! Gemäß der in diesem Universum geltenden Grundregel Aktio=Reaktio ruft Fleischhauers Schlußfolgerung Gegenreden hervor. So wie meine. Damit die Nachdenker in den Redaktionen, die ja Multiplikatorwirkungsmacht haben, nicht glauben, sie hätten „richtig gedacht“, müssen sie andere Sichtweisen kennenlernen. Noch ist dafür Gelegenheit: Schreib denen, die du des Agendasettings verdächtigst, doch bitte, wie du die Sache siehst. Wie sonst sollen sie mit anderen Sichtweisen konfrontiert werden?

      Die Zeit rennt ja schon seit Jahren davon. Jedes Schrittchen in eine resilientere Energieversorgung betrachte ich als Gewinn. Sinn und Oettinger sind doch genauso planlos, sie halten sich (und ihre Sichten) damit über Wasser, indem sie wichtige Details ausblenden (wie den Fakt, dass Atomstrom nicht in die Fahrzeugflotte passt). Diese Sichten müssen sie aber hören, damit sie zu neuen Sichten kommen können. Und da bin ich Fleischhauer dankbar, dass er in seiner gewohnt geradlinigen Weise Position bezieht, denn das liefert die Gelegenheit für alle anderen, es ihm gleich zu tun.

      • Ert sagt:

        @Nabend Norbert

        Mit Agendasetting meinte ich das hier das setzten von Themenschwerpunkten mit denen eine Fremd- bzw. vorbestimmte Meinung verbreitet/zementiert werden soll, die abseits der wissenschaftlichen Daten und Fakten steht bzw. mit denen Menschen mit Vorsatz (und unterschwellig) eine Meinung einmassiert werden soll – die Ihnen in gar keiner Weise nützt oder gut tut.

        Alleine die Aussage „Frackingflüssigkeit besteht zu 90% aus Wasser“ – und deswegen könne man da schon ein paar Gläschen von trinken.. ohne Kommentar.

        Auch das mit dem „Gas“ als Putins „Waffe“… überall wird die ganze Diskussion stark militarisiert – ich achte da ganz fein auf die Wortwahl und die Begriffe die verwendet werden.

        Dann gerade in der Welt: „Zurück zur Wehrpflicht!“: http://www.welt.de/debatte/kommentare/article125852641/Russlands-Vorgehen-zeigt-zurueck-zur-Wehrpflicht.html#disqus_thread und Israel führt die Wehrpflicht für die orthodoxen wieder ein. Die „Agendasetztenden“ Medien schießen aus vollen Rohren. Wie das geht und die Meinung „gemacht“ wird – zeigt u.a. Chomsky auf in seinem Buch und der Doku: Manufacturing Consent – https://archive.org/details/manufacturing_consent

        Die Schnelligkeit mit der das gerade abläuft macht mir wirklich fast schon Angst. Wie locker die Raketen und Drohnen sitzen habe wir in den letzten Jahre gesehen – nur war das immer weit weg. Nun ist es auch weit Weg – aber nur für die USA, welche mal wieder die Regie führen dürften.

        • Stephan sagt:

          „Auch das mit dem “Gas” als Putins “Waffe”… überall wird die ganze Diskussion stark militarisiert – ich achte da ganz fein auf die Wortwahl und die Begriffe die verwendet werden.“

          Dazu ein Interview mit der langjährigen Russland-Korrespondentin für die ARD, Gabriele Krone-Schmalz, von vor gut zwei Jahren:

          02.01.12
          Gabriele Krone-Schmalz
          „Der Kalte Krieg ist längst nicht zu Ende“
          Die frühere ARD-Korrespondentin Gabriele Krone-Schmalz über den Untergang der Sowjetunion, Gorbatschow als tragische Figur und unser Russland-Bild. Von Marc Reichwein

          Welt Online : Ist das Russland-Bild des Westens weiterhin typisch westlich?
          Krone-Schmalz : Ich will niemandem etwas vorwerfen oder böse Absicht unterstellen. Ich glaube tatsächlich, dass vieles einfach unterläuft, weil uns die Raster nach wie vor prägen. Eine fatale Mischung aus Relikten aus dem Kalten Krieg, Agenda-Setting und politischer Korrektheit.
          http://www.welt.de/kultur/article13785702/Der-Kalte-Krieg-ist-laengst-nicht-zu-Ende.html

          „Israel führt die Wehrpflicht für die orthodoxen wieder ein.“

          Gab es für die denn jemals eine Wehrpflicht? Ich hatte gedacht, dass die Orthodoxen wohlweißlich vor allem wegen ihrer jungen Frauen und dem Wissen über die Zustände in der Zahal (israelische Armee) bezüglich sexueller Gewalt jegliche Beteiligung ihrer Kinder am Wehrdienst verweigern. Da wird es wahrscheinlich eher die aktuelle Regierung zerreißen bevor die Orthodoxen ihre Meinung ändern, was ich in dem Fall gut finde.

  5. Florian Hoppe sagt:

    @Norbert: Tut mir leid. ich habe mich leider etwas hinreissen lassen. Ich habe SPON schon seit einer Weile von meiner Nachrichtenliste gestrichen, weils einfach nicht mehr lesbar ist.

    @Ert: Lustigerweise hat Brzezinski afaik diese Stratagie vor einigen Jahren als gescheitert betrachtet, auch weil die USA sie ziemlich halbherzig bzw. dillentantisch umgesetzt hat.

  6. Jörg sagt:

    Interessant ist, was Herr Fleischhauer am Ende seines Artikels schreibt: „Nur Träumer (oder Mitglieder der grünen Bundestagsfraktion) können glauben, dass sich ein Industrieland wie Deutschland auf absehbare Zeit mit Sonne und Wind betreiben lässt. Aber vielleicht geht es ja genau darum: Die Verwandlung Deutschlands in eine postindustrielle Gesellschaft.“

    Hier wird mit Ängsten gespielt, die eine anstehende Transformation betreffen. Die postindustrielle Gesellschaft als Damoklesschwert eines drohenden Abstiegs zurück in die energetische Steinzeit.

    Schon Hermann Scheer hat seinerzeit die „Macht des Bestehenden“ als das unverrückbare Welt- und Leitbild der fossilen und atomaren Energieversorgung beschrieben. Was wir vor uns haben ist demnach vor allem ein Strukturkonflikt. Ein Konflikt zwischen konträren Energiesystemen.

    Die Vorstellung einer postindustriellen Gesellschaft, die ohne fossile Energiequellen auskommt, ist unter dem gegebenen, sozial-integrierten Wachstumsparadigma schlichtweg angsterzeugend. Und genauso wird sie instrumentalisiert!

    „Wenn man einmal so weit ist, braucht man in der Tat weder Gas, noch Kohle oder Atomkraft.“ sagt der Herr Fleischhauer.

    Ja, wenn wir schon soweit wären, dann würden wir in freieren Gesellschaft leben. Dies wollen wir aber scheinbar nicht. Wir leben weiter sehr gern über unsere Verhältnisse…

  7. […] In einem Kommentar auf Spiegel Online wird vorgeschlagen, auf gefracktes Schiefergas in Deutschland zu setzen, um damit die Abhängigkeit von russischen Gasimporten zu entschärfen. Ein naheliegender Reflex, der aber an der Wirklichkeit der Gasmärkte völlig vorbeigeht. Es gibt nun mal Themen, da reicht es nicht, eben kurz auf Google zu recherchieren und dann zum großen energiepolitischen Wurf auszuholen. Eine erste Replik findet sich bei Peak-oil.com. […]

  8. Ert sagt:

    Ja, wenn wir schon soweit wären, dann würden wir in freieren Gesellschaft leben. Dies wollen wir aber scheinbar nicht. Wir leben weiter sehr gern über unsere Verhältnisse…

    Jeder kann alleine anfangen unter seinen Verhältnissen zu leben…..

    Würden nur 10 Millionen Deutsch dieses machen, dann würde dies schon ein gigantischer Beitrag sein – und die Industrie und Politik zwingen darauf zu reagieren.

    Allerdings kann ich mir vorstellen, das die Reaktion zuerst nicht das sein wird, was wir uns vorstellen….

  9. Roderik sagt:

    Jan Fleischhauer schreibt: „Es ist müßig, darüber zu streiten, wie wir da hinein geraten sind.“
    Das ist genau die Art von Realitätsverweigerung, die uns an den Ort, an dem wir nun sind, geführt hat.
    Wir können nicht mehr frei entscheiden, weil wir die Energiestoffe, mit denen wir unseren industriellen Aufstieg und unsere Stellung in der Welt befeuerten, verbrannt haben. Die Abhängigkeit von Russland ist keine rationale Entscheidung nach dem Motto, wo kauften wir unser Erdöl/ Erdgas lieber – in Norwegen oder Russland – sondern ein Prozess, an dessen Ende wir nur noch bei dem kaufen können, der noch was hat.
    In diese Zwangslage brachte uns eine nicht nachhaltige Wirtschafts- und Energiepolitik, die auf der ökonomischen Erkenntnis beruhte: „Je mehr wir verbrauchen, desto mehr werden wir haben“. Diese Erkenntnis zu propagieren, war/ist ein Leitmotiv unserer Medien – einschließlich Spiegel.
    Wenn wir tatsächlich fossile Energieträger durch regenerative Energietechniken ersetzen wollen(?), müssen wir die gesamte Industrie neu erfinden. Dieses Deutschland wird dann ein anderes sein, als das heutige. Ob das gelingt, weiß ich nicht.
    Aber zu behaupten, „Fracking“oder gar „Atomkraft“ seien Plan B, dass ist Schülerzeitungsniveau. Fracking ist nur „alter Wein in neuen Schläuchen“. Fleischhauer will keine Veränderung, weil er die alten Geschäftsmodelle verteidigt. Das sind die Interessen des fossilen Geldes – des Kapitals.
    Auch die zweite Variante dieses Weges, nämlich auf LNG zu setzen (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/erdgas-aus-russland-wie-deutschland-die-abhaengigkeit-reduzieren-kann-a-957112.html), löst das Problem nicht wirklich. Mal abgesehen von der kostspieligen Energiestruktur, die man aufbauen müsste: Was unterscheidet den „Schurkenstaat“ Russland von so lupenreinen Demokratien wie: Aserbeidschan, Kasachstan, Katar, Algerien etc.? Ihre Vorliebe für Menschenrechte und Demokratie oder ihre Willfährigkeit gegenüber dem Westen?

    • Norbert Rost sagt:

      @Roderik: Danke für diese klaren Worte. Ich kann mich dir da absolut anschließen!

    • Ert sagt:

      @Roderick

      Auch absolute Zustimmung.

      Das Problem ist, das auch Leute wie H.W. Sinn weiter in den alten Paradigmen (Wachstum) denken – und z.B. in der Atomkraft eine Lösung sehen.

      So hat H. Scheer schon 1999 in ‚Solare Weltwirtschaft‘ formuliert: „Der vielfältige und ständig steigende Bedarf an den fossilen und metallischen Weltressourcen ist der einzige zwingende Grund, warum die Volkswirtschaften autarkieunfähig geworden sind“ – So spricht gerade dies für den Aufbau von möglichst lokalen und erneuerbaren Ressourcenketten – vordringlich im energetischen Sektor.

      Ein zweiter wichtiger Punkt ist die Einspaarung – mit dem Austausch der energetischen Basis sehe ich nicht das wir den aktuellen Status-Quo des Verbrauchs einfach so weiter betreiben können. Letztendlich wird es hier über den Preis gehen – ein Schock im Preis hilft aber auch keinem weiter, weil sich dann Verbrauchsmuster, Investitionen, etc. nicht graduell anpassen können.

      Aber genau damit kann das aktuelle Kapital und können die aktuellen Denkweisen nicht umgehen. Nach allem was ich derzeit lese wird sich in den nächsten 10 Jahren so viel im energetischen Sektor tun – das es viele Geschäftsmodelle kippen wird.

      Shopping-Center auf der grünen Wiese – die nur mit dem PKW zu erreichen sind, aktuelle Automobilkonzepte, 50km/Tag Pendeln zur Arbeit mit dem Kfz, alter Hausbestand mit wenig thermischen Einsparpotential – werden in dieser Form wohl schon in 10 Jahren Auslaufmodelle sein.

      • Michael Egloff sagt:

        Auch ich gebe Roderik recht – auch seinem Fragezeichen in dem Satz „Wenn wir tatsächlich fossile Energieträger durch regenerative Energietechniken ersetzen wollen(?)…“

        Nun bin ich ja als jemand, der die Spätfolgen und die Endlichkeit des atomar-fossilen Energiesystems im Blick hat, schon gezwungenermaßen ein Fan der erneuerbaren Energie. Ansonsten würde ich mich ja berechtigterweise zum Gespött der Leute machen.

        Aber zwingt mich diese in der Tat alternativlose Sympathie für die Eneuerbaren Energien dazu, die Realität zu verleugnen, wenn sie nicht nach meiner Vorstellung richtet? Dann wäre ich ein Ideologe, ebenfalls wert, den Gespött der Leute auf mich zu ziehen.

        Was sind nun die Realitäten, die sich meiner Vorstellung widersetzen?

        1. die Solarenergie in Deutschland ist gerade dabei, sich in der Zubaugeschwindigkeit zu halbieren. Vermutlich auf Sicht der nächsten Jahre werden wir nicht mehr an die Zubaugrößen der Jahre herankommen. Ich vermute etwa 3 GW installierter PV-Leistung pro Jahr bis 2020.
        Und ab den 20er Jahren werden wir einen zunehmend größeren Anteil des Zubaus alleine für den Ersatz alter PV-Anlagen benötigen. Da kommt dann per Saldo immer weniger dazu.
        Bezogen auf die Gesamtenergiemenge, die in Deutschland verbraucht wird (also nicht nur Strom), dümpelt die Solarenergie irgendwo bei 2% rum. Fast noch homöopathisch.

        Dann die Windenergie. Auch hier gilt: ab den 20er Jahren wird ein zunehmender Anteil des Windenergiezubaus für den Ersatz der Anlagen herhalten müssen, die an das Ende der Laufzeit kommen. Auch da wird der saldierte Nettoneuzubau dann immer geringer werden.
        Und: große Windenergieanlagen sind auf ölbetriebene Transport- und Montagetechnik angewiesen. Also sehe ich für die Windenergie ab den 30er…40er Jahren ff noch so keine rechte Zukunft.

        Wasserkraft: die energetisch nutzbaren Flussabschnitte werden in Deutschland schon zu ca. 75% genutzt. Auch daher kommt die Rettung nicht.

        Bioenergie: ist ähnlich wie die Windkraft ölbasiert. Denn nur eine hochmechanisierte Landwirtschaft kann die energetisch verwendete Biomasse zusätzlich zur Ernährung verfügbar machen. Außerdem würde ein weiterer starker Ausbau der Biomasseanwendung zu energetischen Zwecken Böden und Grundwasser zusätzlich strapazieren.

        Geothermie: darauf hatte ich früher meine größten Hoffnungen gesetzt. Die heutige Realität belehrt mich eines besseren.

        Mir scheint, wir sollten uns von der Illusion trennen, die Erneuerbaren könnten – zumal in der Kürze der Zeit – unser Energieproblem halbwegs lösen . Mir fällt diese Einsicht sehr schwer. Denn nichts wäre mir lieber, als mich diesbezüglich zu irren.

        Trotzdem müssen wir auf dem Gebiet der EE natürlich alles tun, was möglich und sinnvoll ist. Auch wenn es uns teurer kommen würde.

        Das Fragezeichen im eingangs zitierten Satz hat also sein volle Berechtigung.

  10. […] Anstrengungen. In der öffentlichen Diskussion um die künftige Energieversorgung wird immer wieder Fracking genannt. In seinem Vortrag bei der SWISSECS nahm Dr. Steffen Bukold die durch Fracking […]

  11. […] Save the Date: 27. Mai 2014, Hamburg: "Fracking für die Freiheit?" Diskussion mit Jan Fleischhauer. […]

  12. […] im März Jan Fleischhauer in seinem "Schwarzen Kanal" auf SPIEGEL ONLINE. Ich antwortete: Danke, Herr Fleischhauer! Meine Antwort auf seine Überlegungen führten dazu, dass Paul Nellen mit dem […]

  13. […] PFI-Mitglied Norbert Rost antwortete ihm daraufhin mit einem ironischen, aber sachlich fundierten: Danke, Herr Fleischhauer! Rosts Antwort auf Fleischhauers Überlegungen führten dazu, dass Paul Nellen mit dem […]

  14. […] In einem Kommentar von Jan Fleischhauer auf Spiegel Online wird vorgeschlagen, auf gefracktes Schiefergas in Deutschland zu setzen, um damit die Abhängigkeit von russischen Gasimporten zu entschärfen. Ein naheliegender Reflex, der jedoch auf umwelt- und energiepolitische Widerstände stößt. Eine erste Replik fand sich bei Peak-oil.com. […]

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