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CEP frackt an der Ostsee, Gazprom übernimmt deutsche Gasspeicher

Nachdem der Ukraine-Russland-EU-Krim-Konflikt die Abhängigkeiten zwischen dem Energielieferanten im Osten und dem Energiestaubsauger im Westen sichtbar macht (DIE WELT: So abhängig ist Europa wirklich von russischem Gas), werden Forderungen nach mehr Un-Abhängigkeit laut. Im fossilen Denken verhaftet wird der Ruf nach Fracking lauter. In diese Debatte hinein kommen zwei Meldungen:

  • Die Firma Central European Petroleum (CEP) hat eine Aufsuchungserlaubnis in Mecklenburg-Vorpommern erwirkt, die ihr gestattet, eine alte DDR-Ölbohrung mit Fracking-Technologie zu bearbeiten. Im Amtsdeutsch: "...in einer Tiefe von etwa 2.700 Metern die Durchlässigkeit des 20 Meter mächtigen Zielhorizonts (Zechsteinkarbonat) zu erhöhen und die anschließende Testförderung" durchzuführen. Gefrackt wird demnächst also bei Barth, direkt am Bodden vor der Halbinsel Zingst. Kritische Beobachter sind nicht begeistert und liefern noch ein paar Detailsinformationen.
  • DIE WELT berichtet, dass Gazprom und Wintershall ein Tauschgeschäft vornehmen wollen. Für eine 25%-Beteiligung am Urengoi-Erdgasfeld in Westsibirien zugunsten Wintershall soll Gazprom Anteile an der deutschen Gasspeicher-Infrastruktur erhalten, darunter den größten westeuropäischen Erdgasspeicher in Rehden bei Bremen. Eine Frage ans Wirtschaftsministerium, wie die Bundesregierung diese Abgabe von strategisch-kritischer Infrastruktur bewertet, blieb bislang unbeantwortet. Die Grünen fordern, das Geschäft zu verhindern.

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Russland-Krise: Wieso eine Energiewende der einzige Ausweg ist

Die Krise zwischen der EU, der Ukraine und Russland lenkt (endlich, aber viel zu spät!) die Aufmerksamkeit auf die Versorgungsfrage mit Öl und Gas. Kaum ist ein Konflikt zwischen dem Hauptlieferanten von Öl und Gas nach Europa sichtbar an die Oberfläche getreten, wird die Abhängigkeit sichtbar. In der WELT führt dies zu einem Artikel von Florian Eder und Daniel Wetzel, die unter dem Titel "Warum weltweit keine Energiequelle sicher ist" die Frage stellen:

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Russlands Einnahmen aus Öl- und Gasexporten

Steffen Bukold von EnergyComment hat die Exporterlöse Russlands für Öl und Gas kalkuliert. Die sichtbaren Zahlen sind ein interessanter Aspekt, um die künftige Entwicklung möglicher Sanktionen im Zuge der Krim-Krise zu diskutieren:

Zu sehen ist, dass die Einnahmen als Ölexporten ein Vielfaches der Einnahmen aus Gasexporten ausmachen. Sichtbar ist auch, wie extrem diese Einnahmen im Zuge der Preissteigerungen seit 2004 gestiegen sind: Sie haben sich analog zum Ölpreis fast vervierfacht. Diese Einnahmen stellen für die russischen Ölexporteure, die überwiegend Staatskonzerne mit Anteilen reicher Oligarchen sind, enorme wirtschaftliche Handlungsoptionen dar. Binnen weniger als 10 Jahren können über 290 Milliarden US$ statt 58 Milliarden US$ (in 2004) verfügt werden und entsprechend große Anteile der Wirtschaftsleistung jener Volkswirtschaften vereinnahmt werden, in die diese Dollars zurückfließen. Bukold zeigt in einer zweiten Grafik, dass die Rüstungsausgaben des russischen Staates ebenfalls zunahmen, wenngleich nicht in diesem Maße.

Einerseits zeigen diese imposanten Zahlen, dass Russland ein Eigeninteresse hat, den Rest der Welt zu diesen Preisen weiterhin mit Öl und Gas zu versorgen. Andererseits deutet auch Bukold an: Ein zwischenzeitlicher Ausfall der Gasversorgung könnte Russland weit weniger finanziell schädigen, so lange die Ölpreise hoch bleiben. Die Zurückhaltung so mancher europäischer Politiker bei der Forderung nach harten Sanktionen im Zuge der Ukraine-/Krim-Krise läßt vermuten, dass die Energieabhängigkeit nun so manchem deutlicher vor Augen steht.

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Offtopic: Für Telepolis: Neuverschuldung Null. Wer nimmt Schäubles Schulden auf?

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Deutschlands Öllieferländer 2013 vor dem Konflikt-Hintergrund Ukraine/Russland

Nachdem in einem russischsprachigen Forum ein User namens "pik" auf den Artikel Deutschlands Lieferländer 2012 vom Sommer 2013 verwiesen und eine Diskussion ausgelöst hat und nachdem im SPIEGEL Krimticker zu lesen ist, dass zwar die Gasversorgung in und durch die Ukraine weiterhin problemlos verläuft, aber Gazprom Preiserhöhungen für Gaslieferungen ab dem 2. Quartal prüft, habe ich die Öl- und Gaslieferländer Deutschlands anhand von BAFA-Daten nochmal angeschaut. Für die Öllieferungen hat das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle für 2013 vorerst vorläufige Daten veröffentlicht, für Erdgas liegen die Daten bislang nur bis 2012 vor:

Öl-Lieferländer-Deutschland-2013

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“Der geplünderte Planet” – Reflektionen über den Bericht von Ugo Bardi an den Club of Rome

„Die Welt kann praktisch ohne natürliche Ressourcen auskommen“
(Robert Solow, Träger des “Wirtschaftsnobelpreises“)

„Die Anzeichen verdichten sich, dass es letztlich wohl die Energie und ihre Verfügbarkeit sein wird,
die uns Grenzen setzt“
(E. U. von Weizsäcker, Mitglied im IRP)

Das System „Gaia“

Die Vielfalt dessen, was unter der Erdoberfläche verborgen liegt, war den Menschen lange Zeit ein Mysterium. Logisch scheint es daher, dass Ugo Bardi seinen Bericht an den „Club of Rome“ (CoR), „Der geplünderte Planet – Die Zukunft des Menschen im Zeitalter schwindender Ressourcen“ mit einem Kapitel über die „Lebendigkeit“ der Erdsysteme beginnt. Der Begriff „Gaia“, ist ein Konzept, das unter anderem auf den Biologen und Ökosystemforscher James Lovelock zurückgeht. Bardi wählt ihn, um den globalen Rahmen als Einstieg in seine Ausführungen aufzuspannen. Dabei kann „Gaia“ als eine recht wage Vorstellung des „lebenden“ Systems des Planeten Erde gelten. Die Verzahnung der Kreisläufe einer vernetzten Ökosphäre jenes monumentalen Ausmaßes ist niemand in der Lage allumfassend zu beschreiben. Trotzdem lohnt der Blick auf „Gaia“, denn die ersichtlich negativen Phänomene eines anthropogenen Eingriffs sind kaum wiederlegbar.

Bardi hebt darauf an, dass der unheilvolle Eingriff des Menschen in jenes irdische Ökosystem untrennbar mit der neuzeitlich aufgekommenen Bergbauindustrie verbunden ist. Dabei geht für ihn jenes „Minenfieber“ auch mit dem Kahlschlag der knappen Ressourcen an Holz sowie mit der zunehmenden Nutzung und Verschmutzung des Wassers einher. Die Ausbeutung der Bodenschätze im industriellen Rahmen, ist für Bardi vor allem der großtechnischen Maschinennutzung, der wissenschaftlichen Exploration sowie der kommerziellen, chemischen Aufbereitung der Stoffe geschuldet.

Warum ist der Blick auf das Ökosystem Erde, der einzig sinnvolle Rahmen, die neuzeitlichen „Plünderungen“ der mineralischen Bodenschätze zu durchleuchten? Für Bardi, beginnt Verantwortung mit der Darlegung grundlegender Kreisläufe und Rückkopplungsprinzipien des metabolischen Systems Erde, wobei die komplexen Funktionsweisen für den Menschen weit davon entfernt sind, steuerbar oder berechenbar zu sein. Als fundamental stellt sich dabei heraus, dass alle explorierten, mineralischen Ablagerungen in der Erdkruste des Planeten, aus menschlichen Zeithorizonten betrachtet, nicht regenerierbar sind. Ihr Abbau sollte daher ein Mindestverständnis von Endlichkeit, Generationengerechtigkeit sowie ein vorsorgendes Maß an „Eingriffswissen“ beinhalten. An solch beschränkenden Tugenden mangelt es einer auf kurzfristigen Gewinn geeichten Rohstoffindustrie jedoch sehr stark. Im Auftakt seines Werkes schreibt Bardi unmissverständlich:

Die Minen, die wir heute ausbeuten, könnte man mit Fug und Recht ‚Gaias Gaben‘ nennen. Sie sind dem Menschen allerdings nur ein einziges Mal geschenkt worden… []. Die Phase des vom Menschen betrieben Bergbaus ist eine eindrucksvolle jedoch recht kurze Episode in der geologischen Geschichte des Planeten. Keines der Mineralien, die wir so großzügig überall fein verteilt haben, wird sich in einem Zeitraum der Größenordnung, die wir als menschliche Zivilisation als verbleibende Lebenszeit erwarten können, von neuem bilden…

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Studie: Peak Oil – Herausforderung für Thüringen

Am 05.02.2014 wurde die von der Landtagsfraktion Bündnis90/Die Grünen im Thüringer Landtag beauftragte Studie "Peak Oil - Herausforderung für Thüringen" in Erfurt vorgestellt. Die Studie ist insbesondere für Bewohner Thüringens interessant. Doch auch Nicht-Thüringer können sich anhand der Studie ein Bild machen, welche Bereiche in einem Bundesland von Peak-Oil-Dynamiken betroffen sein können. Als Beispiel sei die hohe Pendlerquote benannt, die in Thüringen herrscht.

Die Studie an dieser Stelle wiederzugeben ist wenig sinnvoll. Daher soll nur ein einzelner Ausschnitt gewählt werden. Die folgende tabellarische Gegenüberstellung wurde inspiriert durch den 2. Entwurf des Thüringer Landesentwicklungsplans (LEP 2025), der relativ häufig die Endlichkeit der Rohstoffe als Argument für nachhaltigere Entwicklungswege heranzieht. Allerdings trifft der Plan letztlich die Besonderheiten der Peak-Problematik nicht ausreichend. Daher habe ich mir erlaubt, mal die Konnotationen, die Untertöne und damit verbundenen Suggestionen der beiden Konzepte "endliche Rohstoffe" und "begrenzte Fördergeschwindigkeiten" gegenüberzustellen. Je nachdem, ob man einen sozioökonomischen Organismus wie Thüringen aus dem Blickwinkel betrachtet "die Rohstoffe sind endlich" oder aus dem Blickwinkel "es gibt begrenzte Rohstoff-Fördergeschwindigkeiten" schwingen andere Untertöne mit, die letztlich zu anderen Haltungen dem Problem gegenüber führen.

Die Tabelle ist der Studie auf Seite 43 entnommen, im Kapitel über den Landesentwicklungsplan Thüringens:

Endlichkeit der Rohstoffe

Begrenzte Fördergeschwindigkeiten (Peak-Problem)

Probleme tauchen erst auf, wenn das Ende der Rohstoffe erreicht ist.

Probleme tauchen schon bei Annäherung an das Fördermaximum auf

Es bleibt viel Zeit bis zur Problemlösung (teilweise mehr als 100 Jahre).

Es bleibt sehr viel weniger Zeit bis zur Problemlösung. Akute Probleme können auftauchen.

Die Probleme tauchen dann abrupt auf.

Die Probleme entwickeln sich schleichend schon im Vorfeld.

Bis dahin werden wir technische Lösungen gefunden haben.

Sich auf ungewisse neue technische Lösungen zu verlassen kann gefährlich sein.

Nach dem Ende der Rohstoffe haben wir ein System, das funktioniert. Punkt.

Der Transformationsprozess ist ungewiss, auch weil die Probleme mit dem Überschreiten des Fördermaximums stärker werden.

Wir müssen nur das Energiesystem umbauen.

Wir müssen auch Umbauten an den Systemen vorsehen, die mit dem Energiesystem verbunden sind.

Wir können bis dahin mit den bekannten Paradigmen weiterarbeiten.

Wir müssen prüfen, ob unsere historisch erfahrenen Paradigmen noch gültig und hilfreich sind.

Wir haben es mit einem linearen Problem zu tun.

Wir haben es mit einem non-linearen Problem zu tun.

Tabelle 2: Unterschiedliche Suggestionen der und Schlussfolgerungen aus den Konzepten „Endlichkeit der Rohstoffe“ und „begrenzte Fördergeschwindigkeiten“

Studie: Peak Oil - Herausforderungen für Thüringen

Um die Diskussion über die Problemstellungen rund um Peak Oil anzuregen, freut mich eine weite Verteilung und konstruktive Diskussion der Studie und ihrer Inhalte.


Pressereaktionen:

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Die andere Seite des Peaks: Italiens Kollaps des Öl- und Gasverbrauchs

 

Ölverbrauch Italien

Italiens Peak Oil ist angekommen: Aus dem Blickwinkel des Ölkonsums sind wir zurück in 1967. Alle Daten in diesem Artikel stammen aus dem BP statistical review bis 2012, sowie aus verschiedenen Quellen für die 2013er Zahlen

Manchmal sieht Peak Oil wie ein intellektuelles Spiel aus, das Menschen weiterspielen indem sie debattieren, ob er erreicht wurde oder nicht. Doch der Punkt mit dem Öl ist nicht, wieviel davon irgendwo gefördert wurde, sondern wieviel man sich leisten kann, um es zu benutzen. Zumindest für Italien ist das Maximum des Ölverbrauchs bereits eingetreten, wie man in obiger Darstellung sehen kann. Es ist eindrucksvoll: Der Verbrauch ging um mehr als 30% binnen 10 Jahren zurück. Heute sind wir wieder beim Niveau von 1967. In 1967 war die italienische Bevölkerung 50 Millionen Menschen groß, gut 10 Millionen weniger als heute. Wir haben die andere Seite des Peaks tatsächlich erreicht und wir sehen kein Ende des Abstiegs. (mehr …)

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Shell im Umbau: Schwimmende Gasfabrik geplant

Der Ölkonzern Shell macht derzeit mit verschiedenen Meldungen auf sich aufmerksam:

Sieht so der Umbau eines Ölkonzerns in Zeiten des globalen Ölfördermaximums aus? (mehr …)

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Die Lira-Krise der Türkei und Peak Oil

Von 4,5 auf 10% hat die türkische Zentralbank den Leitzins in einem einzigen Schritt angehoben. Sie stemmt sich damit gegen den Kapitalabfluss aus dem Land, der in den vergangenen Wochen den Wechselkurs zwischen türkischer Lira und US-Dollar stark verändert hat. Kostete 1 US$ den Lira-Besitzer bis September vergangenen Jahres weniger als 2 Lira, so verteuerte sich der US$ bis Januar 2014 auf fast 2,50 Lira.

Die plötzliche Medienberichterstattung erinnert an Indien: Im August 2013, also kurz bevor auch die türkische Lira an Wert verlor, waren die Medien voll von Berichten über den Kursverfall der indischen Rupie. Eine Analyse der Ölförderung-/Ölimport-Situation Indiens ergab: Die in den vergangenen Jahren stark gestiegenen Ölpreise führten dazu, dass die indische Wirtschaft ein Drittel seiner Exporterlöse direkt wieder für den Import von Öl ausgeben musste. Da Import-Export-Aktivitäten eines Landes immer dann mit Wechselkurs-Veränderungen einhergehen, wenn die Auslandsgeschäfte nicht mit der inländischen Währung abgewickelt werden können, liegt der Verdacht nahe: Auch die Türkei hat ein Ölproblem.

Wie untenstehendes Diagramm zeigt, verbraucht die Türkei wesentlich mehr Öl, als im Land gefördert wird. Der Selbstversorgungsgrad 2012 lag unter 10%: Über 600.000 Barrel werden seit 1996 täglich verkonsumiert (rote Kurve, linke Achse), während die Ölförderung ihr Maximum 1991 mit 81.000 Barrel Tagesförderung überschritt und 2012 bei niedrigen 56.000 Barrel lag (blaue Kurve, linke Achse):

Ölförderung, Ölverbrauch und Ölimportkosten Türkei

Die "Lücke" zwischen den beiden Kurven ist, was das Land importieren muss: Über 90% des Bedarfs.

Auch wenn die Kalkulation nicht korrekt ist, weil die Türkei auch größere Mengen raffinierte Treibstoffe (Benzin/Diesel/Kerosin) und nicht nur Rohöl importiert, zeigt die vereinfachte Rechnung dennoch das Problem: Die Importkosten für die Treib- und Heizstoffe explodierten mit dem Ölpreisanstieg von 2004 (gelbe Kurve, rechte Achse). 2011 und 2012 (und vermutlich auch 2013, die Zahlen liegen noch nicht vollständig vor) kostete der Ölimport jährlich über 25 Milliarden - zu zahlen in US-Dollar. Die Verfünffachung der Kosten binnen etwa 10 Jahren bei nahezu gleichbleibendem Ölverbrauch ist eine extreme Belastung.

Oberflächlich scheint das seit 3 Jahren relativ stabile globale Ölpreisniveau von 100 US$ pro Barrel keine Probleme zu machen. Das gilt aber offenbar nur für die Lebenswirklichkeit in Deutschland. Aus globalökonomischer Perspektive zeigt das Beispiel der Türkei (und Indiens) sehr anschaulich: Inzwischen müssen alle Ölimportländer seit 3 Jahren extrem hohe Kosten schultern, während eine Verringerung des Ölbedarfs offenbar nicht so einfach möglich ist.

Doch die systemische Reaktion ist bereits sichtbar, auch wenn sie mit Verzögerung einsetzt: Der Absturz des Lira-Wertes wird Öl für Lira-Besitzer noch teurer machen, als der in US$ gemessene Ölpreisanstieg. Zum Dollar-Anstieg seit 2004 multipliziert sich nun die Währungsabwertung hinzu. Dieser Wertverfall der Währung ist aus Ölgesichtspunkten nichts anderes, als die Einpreisung der Importabhängigkeit. Während der Petro-Dollar weiterhin den Vorzug genießt, Öl quasi "innerhalb des Währungsraumes handeln zu können" und damit keine Wechselkursrisiken "Öl zu Dollar" bestehen, hat jede andere Währung das Problem, ein Doppel-Risiko aushalten zu müssen: "Währung zu Dollar zu Öl". Die zweite Komponente des Risikos schlägt sich nun, nach dreijähriger Hochölpreis-Phase in den Wechselkursen nieder.

Öl wird für viele Türken teurer werden. Zwei mögliche Auswege gibt es daraus:

a) Die Ölnachfrage im Land sinkt, was die Transportleistung des Transportsektors schrumpft und damit auf Arbeitsteilung und Wirtschaftsdynamik rückwirkt - Ergebnis: Wirtschaftskrise.

b) Die türkische Wirtschaft schwingt sich zu einem Export-Schub auf, der die Ölimportkosten relativiert und den Wechselkurs dämpft.

Punkt b) ist in einer Welt unwahrscheinlich, in der die Mehrzahl der Länder dieselben Probleme hat: Als Netto-Ölimporteure suchen sie nach Strategien, mehr zu exportieren. In einer globalen Binnenwirtschaft ruft jedoch der Export des einen Wirtschaftsraums immer einen Import in einen anderen Wirtschaftsraum hervor. Es können schlicht nicht alle Länder Exportüberschüsse erwirtschaften, ohne dass andere Länder zugleich Exportunterschüsse/Importüberschüsse "erleiden". Der Rückgang der Ölnachfrage in der Türkei ist damit wahrscheinlich. Dieser wird in der Türkei als Krise wahrgenommen und es bleibt zu hoffen, dass die Krise als Transformationsprozess hin zu einer ölunabhängigeren Wirtschaftsweise genutzt wird.

Als Fazit muss gezogen werden: In historischen Maßstäben gemessen befinden wir uns bereits am Gipfel der globalen Ölförderung. Das US-Fracking liefert Peanuts im Vergleich zum weltweiten Ölverbrauch von über 80 Millionen Fass Öl am Tag - und sein Peak ist ebenfalls absehbar. Noch geht zwar die globale Ölfördermenge nicht (in den Statistiken) sichtbar zurück, aber das Preisniveau sorgt dafür, dass die Nachfrage sich bereits an den künftigen Abschwung der Förderkurve anpasst. (Die ersten Peak-Demand-Diskussionen kommen bereits auf, auch wenn der Unterton dieses Begriffs bislang ist: Die Nachfrage nach Öl geht "freiwillig" zurück, nicht etwa wegen nachfragesenkenden Krisenerscheinungen.)

Zuerst betroffen sind jene Länder, die hohe Ölimportquoten bei schwacher Exportwirtschaft kombinieren. Das mag auf den ersten Blick gut für Bewohner des exportstarken Deutschlands klingen, doch das stimmt nicht. Die deutsche Wirtschaft ist nur deshalb so exportstark, weil andere Länder so exportschwach/importstark sind. Mit 9% Importanteil am türkischen Gesamtimport ist die deutsche Wirtschaft auf Platz 2 der türkischen Lieferanten. Da die Lira-Krise den Import für Türken verteuert, wird die türkische Währungskrise auch Rückwirkungen auf den Exportweltmeister Deutschland haben. Wenn die Türkei ihre Importe zurückschraubt, weil sie durch den Währungsabsturz zu teuer werden, schrumpfen mit einiger Wahrscheinlichkeit auch die Exporte Deutschlands in das Land. Es sei denn, die deutsche Wirtschaft liefert Produkte, die den Transformationsprozess hin zu einer postfossilen Wirtschaft ermöglichen.

Größter Importeur in die Türkei war laut CIA-Factbook übrigens Russland. Wir dürfen raten, was die Russen insbesondere liefern...

PS: Die bei der EIA abrufbaren Monats-Daten zur Ölförderung in der Türkei liefern seit Januar 2011 übrigens ein seltsames Bild: Alle Zahlen enden auf 896 und es ändert sich nur der Tausender-Bereich zwischen 54 und 59, also sowas wie: 54.896, 58.896, 55.896. Wie "echt" diese Daten wirklich sind, dürfte wohl erst in ein paar Jahren sichtbar werden, wenn die türkischen Behörden ordentliche Statistiken liefern oder die EIA Zahlen ordentlich einpflegt. Türkischsprachige Leser können gern versuchen, mal auf den offiziellen Seiten der türkischen Behörden Daten zu bekommen...

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BGR-Energiestudie 2013: Zwischen gigantischen fossilen Ressourcen und nahender Ölknappheit

Unsere Lebensweise stützt sich auf fossile Energierohstoffe. Für Deutschland beobachtet die "Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe" (BGR) mit Sitz in Hannover die Versorgungslage mit diesen Rohstoffen. Seit 1976 über 17 mal und seit 2004 jährlich erstellte die Behörde eine Energiestudie mit dem Untertitel "Reserven, Ressourcen und Verfügbarkeit von Energierohstoffen". Darin wird erläutert, wie sich die aktuelle Versorgungslage aus geologischer Sicht entwickelt. Die diesjährige Studie leitet mit dem Satz ein:

"Ein globales Maximum der Erdölproduktion, auch bekannt als „Peak Oil“, rückt näher."

In erster Linie dienen die jährlichen Analysen der Beratung des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie (BMWi), kurz: Dem Wirtschaftsministerium. Seit dem Mitgliederentscheid der SPD ist klar, dass dieses Ministerium in der kommenden Regierungsperiode vom SPD-Chef Sigmar Gabriel geleitet wird und dass die Energiepolitik des Landes ebenfalls in diesem Ministerium konzentriert wird. Die neue BGR-Studie enthält also Fundamental-Informationen für dieses Ressort und wird dort hoffentlich intensiv diskutiert. (mehr …)

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