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Auswirkungen des EU-Gasstresstests auf Sachsen? Unbedenklich!

2014 war „Jahr Eins“ des Ukraine-Krieges. Am 16. März fand das umstrittene Referendum auf der Krim statt, nach welchem die Halbinsel dem russischen Territorium zugeschlagen wurde. Weil die Ukraine Transit-Land für russisches Gas und Öl in die EU ist und weil die EU und Russland über die Entwicklung (in) der Ukraine in Widerstreit liegen, wurde erstmals die Energieversorgungssicherheit Europas in größerem Maße öffentlich diskutiert. Am 27. Juni beschloss die EU-Kommission, einen sogenannten „Gasstresstest“ durchzuführen um herauszuarbeiten, wie anfällig die europäische Gasversorgung bei einem Gas-Boykott aus dem Osten wäre. Für diesen Stresstest holte sich die EU-Kommission offenbar Zuarbeit von den nationalen Behörden ein. Aus der internen Regierungsanalyse, die die Bundesregierung unter dem grünen Energiestaatssekretär Rainer Braake erstellte, schlußfolgerte SPIEGEL ONLINE: „Russischer Gasboykott träfe Deutschland hart“. Veröffentlicht wurden die Ergebnisse des Gasstresstests am 16. Oktober und die zugehörige Pressemitteilung beinhaltete die Aufforderung:

Staatliche Eingriffe sollten auf regionaler Ebene sorgfältig vorbereitet
und nur vorgenommen werden, wenn dies notwendig ist.
http://europa.eu/rapid/press-release_IP-14-1162_de.htm

Die Beamten der EU als Nationalstaaten-Bund wissen sehr wohl zu unterscheiden, ob sie die nationale oder die regionale Ebene ansprechen. Obige Formulierung adressiert offensichtlich eine Ebene unterhalb der nationalstaatlichen Ebene. In Deutschland dürften daher die Bundesländer zu den Adressaten dieser Mitteilung gehören. Daher liegt es nahe, die jeweiligen Landesregierungen zu fragen, was sie tun, um den von der EU vorgelegten Stresstest mit echten Handlungen zu untermauern. 5 Fragen, die mich am meisten interessieren, sandte ich daraufhin an zwei Landtagsabgeordnete unterschiedlicher Fraktionen im Sächsischen Landtag und bat darum, diese Fragen als „Kleine Anfrage“ einzureichen. Dr. Gerd Lippold, energiepolitischer Sprecher der Landtagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen fragte daher am 6. Januar 2015:

Auf Basis des Gas-Stresstests empfiehlt die EU-Kommission,
staatliche Eingriffe auf regionaler Ebene sorgfältig vorzubereiten:

  • Welche Eingriffe bereitet die Staatsregierung vor und wie erfolgt diese Vorbereitung?
  • Welche Wirkungen eines russischen Gas-Boykotts auf sächsische Unternehmen und Haushalte werden erwartet?
  • Welche Empfehlungen an Haushalte, Unternehmen, Kraftwerksbetreiber und Kommunalverwaltungen gibt die Staatsregierung auf Basis der Stresstest-Ergebnisse und der vorzubereitenden Eingriffe?
  • Welche Änderungen an der Energiestrategie der Landesregierung ergeben sich?
  • Inwieweit hält die Landesregierung es angesichts der hohen Ölabhängigkeit gegenüber Russland für notwendig, Stresstests hinsichtlich eines Ölboykott-Szenarios durchzuführen?

 

Die vollständig ausgeschöpfte Frist zur Beantwortung dieser „Kleinen Anfrage“ endete am 6. Februar. Das Original-Dokument des Sächsischen Wirtschaftsministeriums ist im Parlamentsdokumentationssystem des Sächsischen Landtags abrufbar. Ich empfehle erst das 3seitige Dokument und danach die folgende Beurteilung zu lesen:

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Kehrtwende am Ölmarkt?

Die große Gefahr für die Ölversorgung der Zukunft besteht darin, dass der Ölpreis durch Marktübertreibungen aus einem Stabilitätskorridor ausbricht, dessen Untergrenze die Minimalkosten für die Ölförderung darstellt und dessen Obergrenze die Tragbarkeitskosten für die Volkswirtschaften ist. Kostet Öl weniger als das, was für die Bereitstellung künftiger Ölförderung notwendig ist, werden Investitionen in Ölförderung verschoben oder gar beiseite gelegt. Die daraufhin entstehende Zukunftsknappheit hebt den Ölpreis später wieder an und hebt ihn damit wieder in den Stabilitätskorridor. Allerdings liegt in der Verschiebung der Investition schon ein möglicher Keim für die Übertreibung nach oben: Denn fehlt künftiges Öl zum Marktgleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage kann es aufgrund des hohen Zeitaufwands für Ölprojekte nicht eben von einem Monat zum nächsten verfügbar gemacht werden. Kostet Öl mehr, als für die Konsumten tragbar ist, müssen sie ihre Arbeitsweise so umstellen, dass sie auf den zu teuren Stoff verzichten, was aber für viele Geschäftsmodelle bedeutet, dass ihnen die Funktionsgrundlage fehlt. Pleiten sind die Folge und damit wirtschaftliche Verwerfungen. Die darauf entstehende Nachfragesenkung senkt auch den Ölpreis später wieder ab und senkt ihn zurück in den Stabilitätskorridor. Allerdings liegt in einer dauerhaft rückgehenden Ölnachfrage schon ein möglicher Keim für die Übertreibung nach unten: Denn ist ein Ölüberschuss zum Marktgleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage vorhanden, kann dieser aufgrund einer dauerhaften Nachfragezerstörung nur durch ein Stilllegen von Ölförderprojekten abgebaut werden. Ein Ölpreis, der nach unten aus dem Stabilitätskorridor ausbricht ist ein mächtiges Signal, genau dies zu tun: Ölförderprojekte stilllegen. Das Preisrisiko in einem Peak-Oil-Umfeld besteht also darin, dass der Ölpreis in enormen Schwankungen immer über den Stabilitätskorridor hinauspendelt und mit jeder Übertreibung in die eine Richtung die Grundlage für die Übertreibung in die andere Richtung legt. Planungssicherheit geht verloren und damit Vertrauen sowohl in die Ölversorgung als Geschäft wie auch in ein stabiles wirtschaftliches Umfeld.

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Ölmacht Saudi Arabien: Ölgeld, Ölmonarchie und der Tod des Königs

Spätestens mit der Entscheidung des OPEC-Kartells im Herbst 2014, die Ölfördermengen nicht untereinander abzustimmen, fällt Saudi Arabiens neue Macht ins Auge. Die Sand-und-Öl-Monarchie am Persischen Golf hat sich geweigert, die große Last innerhalb der OPEC zu tragen und die übliche Rolle des Swing-Producers einzunehmen und für eine Stabilisierung des Ölpreises die eigene Ölförderung zu drosseln. Vielmehr hat man signalisiert: Liebe andere Kartell-Mitglieder Iran, Irak, Venezuela und liebe Nicht-Kartell-Mitglieder wie Russland: Drosselt selbst, wir Saudis sind nicht bereit auf Erlöse zu verzichten, wenn ihr es nicht auch tut. Das Ergebnis ist ein Ölpreiseinbruch ohnegleichen. Derzeit kosten WTI- und Brent-Öl etwas weniger als 50 US$ pro Barrel. Dieses Preisniveau bedroht die künftige Ölförderung, weil diverse, in Entwicklung befindliche Ölförderprojekte auf Basis eines doppelt so hohen Preisniveaus kalkuliert worden sind und den Projektverantwortlichen die Wirtschaftlichkeit der Projekte um die Ohren fliegen könnte. Unsicherheit ist das Ergebnis. Der große Ölförderausrüster Schlumberger hat in diesen Tagen 9000 Entlassungen angekündigt, der Konkurrent Halliburton hatte schon im Dezember 1000 Entlassungen angekündigt und die Firmen erwarten, dass es damit nicht erledigt ist. Shell entläßt 10% seiner 3000 Beschäftigten im Ölsand-Geschäft in Kanada. Saudi Aramco, der saudische Ölkonzern selbst, stoppte ein 2-Milliarden-Raffinerie-Projekt in Ras Tanura, baut aber sein Downstream-Geschäft weiter aus (Ölverarbeitung und Vertrieb Richtung Endkunde).

Öl: Ein Blick in die Daten

Folgendes Diagramm zeigt die saudische Ölförderung (blau) sowie den inländischen Ölverbrauch. (mehr …)

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Ölpreis: Kaufkraftgewinne, Steuerverluste, Projekt- und Finanzsystemrisiken und Saudi Arabiens neue Macht

Zum aktuellen Ölpreisabsturz wurde bereits viel gesagt und geschrieben. Die Wirkungen werden an mindestens vier Fronten sichtbar:

  • in den Ölimportländern sinken die Ölkosten und es wird Kaufkraft bei den Ölverbrauchern frei, die anderweitig einsetzbar ist. In Europa führt diese Tatsache dazu, dass der Ölpreiseinbruch als Konjunkturpaket gefeiert wird.
  • in den Ölexportländern sinken die Exporterlöse. Dies strapaziert die wirtschaftliche Situation der Ölförderer und der Staatshaushalte, denn die meisten Ölkonzerne sind im Staatseigentum und führen ihre Erlöse in irgendeiner Form in den Staatshaushalt ab. Schrumpfende Ölpreise führen zu schrumpfenden Staatseinnahmen, beim aktuellen Ölpreis gerät der Haushalt von immer mehr Staaten ins Defizit.
  • die Finanzierung von Ölförderprojekten steht in Frage. Dies betrifft sowohl die niegelnagelneue Fracking-Industrie in den USA, die Ölsand-Industrie in Kanada wie auch einen großen Teil von Offshore-Projekten weltweit, die unter der Annahme höherer Ölpreise als 50 US$ geplant und projektiert wurden. Der Ölpreisabsturz untergräbt nicht nur die Wirtschaftlichkeit bereits laufender und geplanter Projekte, er untergräbt auch das langfristigere Vertrauen von Investoren und Projektumsetzern in ein angemessenes Preisniveau. Zerohedge meldet die Insolvenz der ersten im Fracking engagierten Firma WBH Energy LB und listet weitere Firmen mit anfälligem Schulden-Gewinn-Verhältnis auf (Diese Liste führt eine Firma namens Cheniere Energy Partners LB an, die 44 mal soviel Schulden hat, wie sie als Jahresgewinn verzeichnet.)
  • das Ölpreisniveau vergrößert die systemischen Risiken für das weiterhin angeschlagene Finanzsystem, weil viele Ölförderer kreditfinanziert agieren und wechselseitige Absicherungsgeschäfte Finanzjongleure in Gefahr bringen. Wenn kreditfinanzierte Firmen ausfallen, müssen die Kreditgeber ihre Kredite abschreiben, was in dem labilen Finanzumfeld zu Kettenreaktionen führen kann, bei denen letztlich (man kennt das ja schon) die auflaufenden faulen Kredite durch "Schuldenpakete" wieder auf den Staatshaushalten lasten könnten.

Die Rentabilitätsschwäche der Förderfirmen wird Übernahmen und einen Konzentrationsprozess im US-Fracking-Geschäft vorantreiben sowie die Fracking-Aktivitäten bremsen. Mittelfristig ist ein Rückgang der US-Ölförderung wahrscheinlich, weil die Zahl der wirtschaftlich betreibbaren Förderstellen schrumpft. Schaut man sich an, wie schnell die US-Ölförderung in den vergangenen 10 Jahren angestiegen ist und kombiniert man dieses Bild mit dem Wissen um die rasanten Förderabfälle in den Fracking-Bohrungen, so wird deutlich, dass ein Abbremsen der Fracking-Aktivitäten schnell auch die US-Ölförderung wieder in Richtung des 2005er Niveau schieben kann.

us-oelfoerderung-2000-2014

Ein Jojo-Effekt ist zu befürchten: Während der Fracking-Erfolg seit 2005 die Ölnachfrage der USA auf dem internationalen Ölexportmarkt so stark schrumpfte, dass derzeit ein Überangebot auf dem Weltmarkt diesen rasanten Preiseinbruch hervorruft, so könnte ein Schrumpfen des Frackings die US-Importe ebenso schnell wieder ansteigen lassen. Genauso schnell, wie der Ölpreis einbrach, könnte er dann wieder anziehen; mit dem Ergebnis, dass die Unsicherheit bezüglich der zukünftigen Preisentwicklung eher zunimmt: Gibt es künftig nun niedrige oder hohe Ölpreise? Lohnt sich ein Investment in die Ausbeutung von Öl oder tut es das nicht? Offensichtlich hat der Ölpreis einen Stabilitätskorridor nach unten verlassen. Das Ergebnis ist Unsicherheit.

Unsicherheit statt Planungssicherheit torpediert die von der Internationalen Energieagentur erhofften Investitionsmengen in die globale Ölförderung, die aber notwendig sind, um das heutige Förderniveau aufrecht zu erhalten. Der rasante, vorerst als kurzfristiges Phänomen wahrgenommene Ölpreisabsturz manifestiert auf längere Sicht das Fördermaximum. Die Unsicherheiten bezüglich künftiger wirtschaftlicher Rahmenbedingungen könnten Geld aus dem Ölgeschäft fernhalten und damit zu einer sich selbst verstärkenden Abwärtspirale führen, wie sie Gail Tverberg in ihrer wenig ermutigenden Grafik darstellt:

Interessant in dem Zusammenhang ist die neuzubewertende Stellung Saudi Arabiens. Die Saudis haben das Ölkartell OPEC auflaufen lassen und signalisiert, dass sie nicht mehr als alleiniger Swing-Producer auftreten werden. In der Vergangenheit dämpfte Saudi Aramco zu große Preisausschläge dadurch, dass bei zu starkem Preisanstieg die Ölförderung auch kurzfristig gesteigert und bei zu großen Preisabschlag die Ölförderung gedrosselt wurde. Saudi Arabien hat für den Ölmarkt das bereitgestellt, was Betreiber von Stromnetzen "Regelenergie" nennen. Wo die Netzbetreiber die Frequenz des Stromnetzes in einem engen Frequenzkorridor um 50 Hz herum fahren, fuhr Saudi Arabien die Weltölversorgung von 2011 bis 2014 in einem engen Preiskorridor um 110 US$ herum. Der exorbitante US-Fracking-Erfolg hat saudisches Öl aus Nordamerika verdrängt: Man versorgt sich dort wieder in größerem Maße selbst, der US-Importrückgang zwingt die Scheichs dazu, ihr Öl anderswo zu verkaufen. Mit dem faktischen Aufkündigen des OPEC-Kartells und dem Rückzieher als Stabilisator für die Weltölversorgung zeigt die saudische Königsfamilie ihre (neue) Macht: An ihnen hängt eine stabile Ölversorgung und ein stabiler Ölpreis, sie können diesen bei Bedarf so stark drücken, dass eine Marktbereinigung (im Sinne aus dem Spiel fallender Ölfirmen und Ölfördergebiete) die Folge ist, sie können ihn aber auch zweifellos stark anziehen lassen - wobei ein Realität gewordener Beweis für diese Macht noch aussteht. Auch wenn jetzt ein einzelner saudischer Prinz (von denen es wohl 8000 bis 12000 gibt) sagt, man würde einen Ölpreis von 100 US$ nie wieder sehen, ist das kein Grund zu reiner Freude. Denn der Ölpreis ist eben längst nicht nur ein Kostenfaktor für Ölverbraucher, sondern auch der Investitionstreiber für Ölversorger. Hinzu kommt eine unsichere Zukunft für das mächtigste Ölland auf dem Planeten: Der 90jährige König Abdullah wurde zum Jahreswechsel mit akuter Atemnot ins Krankenhaus eingeliefert. Seine Tage sind gezählt. Machtkämpfe innerhalb des mächtigsten Öllandes stehen aufgrund fragiler Nachfolgeregelungen vor der Tür. Keineswegs bedeutet diese Situation Sicherheit für Annahmen über die künftige Ölstrategie des arabischen Staats.

Weiteres:

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Ölpreisverfall: Billionen-Risiko und kollabierende Nordseeölindustrie

Goldman Sachs hat 400 zukünftige Großprojekte zur Ölförderung untersucht, ob diese bei einem Ölpreis von 70 US$ noch profitabel sind. Weniger als ein Drittel dieser Projekte sind noch profitabel, Projekte im Gesamtwert von 930 Milliarden US$ sind es nicht mehr. Mithin besteht das Risiko, dass diese Investments mehr kosten als ihre Ölförderung einbringt. Diese Projekte stehen für eine Ölförderung 7,5 Millionen Barrel Öl pro Tag im Jahr 2025. Ihr Platzen würde also eine enorme Menge Zukunftsöl vom Markt nehmen.

Hinzu kommt, dass der aktuelle Ölpreis schon 10 Dollar unter der Analyse-Grenze von Goldman Sachs liegt und somit noch mehr Projekte betroffen wären. Auch sind die Tight-Oil und Schiefergas-Gebiete in den USA noch nicht in diese Analyse einbezogen - vermutlich weil sie aus vielen kleinen Projekte bestehen und nicht als ein Großes. Die Gerüchte, der Fracking-Boom der USA basiere auf inzwischen faulen Krediten, halten sich hartnäckig und könnten, die Vorstufe zu einer neuen Finanzkrise darstellen. Bloomberg zitiert den Energieminister der Vereinigten Arabischen Emirate damit, dass die OPEC erst eingreifen würde, wenn der Ölpreis unter 40 US$ sinkt.

Für 2015 stehen laut Bloomberg in den Ölfirmen Investitionsentscheidungen für 800 Projekte in Höhe von 500 Milliarden US$ an. Das aktuelle Preisniveau dürfte starken Einfluss darauf haben, ob die Entscheidungen zugunsten oder zuungunsten der Projekte ausfallen. Je länger das aktuelle Ölpreisniveau anhalte, umso mehr der "Zombie-Projekte" würden aufs Abstellgleis geschoben und damit könnte der anschließende Ölpreis-Anstieg umso rasanter ausfallen, warnt Bloomberg.

Dazu passt ein Bericht der BBC, nach welchem in der Nordsee beim aktuellen Ölpreis kein einziges neues Ölförderprojekt mehr profitabel wäre. Die Budgets in den aktiven Firmen würden für 2015 zurückgefahren, Personal entlassen, Projekte stillgelegt. ConocoPhillips entlässt in Großbritannien 230 von 1650 Arbeitern und kündigt eine Kürzung des Investitionskapitals um 20% für 2015 an. Goldman Sachs zufolge wäre eine Kürzung von 30% der Investitionsbudgets quer durch die Branche denkbar. Der Nordsee-Förderer Apache kürzt das Gehalt der Mitarbeiter ab 1. Januar um 10%.

Die Entwicklung widerspricht völlig den Szenarien der Internationalen Energieagentur, wonach in den kommenden Jahren jährlich 900 Milliarden US$ in neue Öl- und Gas-Investments gesteckt werden müßten, um das Förderniveau aufrecht zu erhalten. Allerdings hat die IEA auch schon andere prophetische Aussagen gemacht, so 2011, als sie vor einer Ölkrise ab 2015 warnte, wenn nicht genügend Investitionen fließen würden. Die Situation in der Nordsee bedroht zudem die sowieso schon wacklige europäische Ölversorgung. Der europäische Selbstversorgungsgrad mit Öl schrumpfte 2013 auf 26,5% auf das Niveau von 1982. Seitdem die Nordsee-Förderung 1996 ihren Peak erreichte schrumpft Europas Ölförderung seit 2002 um 4 bis 7% pro Jahr. Der Ölpreisverfall könnte die Entwicklung beschleunigen.

Jeden, der sich auch nur ein wenig mit Marktmechanismen auskennt, sollte dieser extreme Preiseinbruch beunruhigen.
Manche Ökonomen, die nun über das tolle “Konjunkturprogramm” und den Sieg über Öl-Oligarchen und Scheichs jubeln, kommen mir vor wie manche Urlauber in den Weihnachtsferien 2004 auf Phuket, die sich darüber freuten, wie herrlich breit plötzlich der Strand wurde und wie die Fische auf dem freigelegten Meeresgrund zappelten…
Ein Kommentator

Leider haben Politik, Behörden und die meisten Unternehmen diese Entwicklung weiterhin auf der leichten Schulter, obwohl sich hier ein Doppelrisiko aus Finanz- und Energiekrise auftürmt. Eine Peak-Oil-Strategie wird in den meisten Institutionen weiterhin nicht oder nicht angemessen diskutiert.

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Ölpreisschwäche entwertet Währungen von Ölexportländern

Die aktuelle Ölpreisschwäche entwertet reihenweise den Wert der Währungen von Ölexportländern gegenüber Euro und Dollar. Russlands Rubel ist schon seit dem Ukraine-Krieg und den westlichen Sanktionen im freien Fall: Zahlte ein Rubel-Besitzer 2013 noch zwischen 40 und 44 Rubel pro Euro, muss er aktuell 80 Rubel hinlegen. Diese Entwicklung wird weitgehend medial breitgetreten, bislang aber unterbelichtet ist, dass auch die Währungen vieler anderer Ölexporteure sich stark gegenüber Euro und Dollar abwerten. Insbesondere die Norwegische Krone sackt grade ab: Anfang 2013 mussten 7,3 Kronen für 1 Euro bezahlt werden, zwischen 8,1 und 8,5 Kronen waren es im laufenden Jahr bis die OPEC-Entscheidung den Ölpreis absacken zu lassen die Währung plötzlich auf 9,3 Kronen entwertete. Auch Nigerias Naira sackt ab: Gegenüber dem US-Dollar von 160 im Sommer auf heute 180 Naira pro US$. Wenngleich vergleichsweise dezent, aber doch sichtbar, verliert auch der kanadische Dollar gegenüber dem US$ seit Sommer an Wert: Als Öl noch für 100 US$ zu verkaufen war, bekam man einen US$ für 1,06 Kanada-Dollar, heute sind es schon fast 1,17 - Tendenz sinkend.

Bei den Ölexportländern sticht Saudi-Arabien mit einem ganz besonderen Muster heraus: Auch wenn sich der Riyal-Kurs nur geringfügigst von 3,7505 auf 3,7534 verändert hat, ist diese Entwicklung dennoch beachtlich, denn sie zeigt, dass die saudische Währung aus der langfristigen Stabilität zum US$ vorsichtig ausbricht. Seit mehr als 15 Jahren hält die saudische Zentralbank die eigene Währung in einem konstanten Verhältnis von 1:3,75 zum US-Dollar, derzeit weicht dieses Muster vorsichtig davon ab.

Auch wenn noch unklar ist, was diese Entwicklung bedeutet, läßt sich doch eines feststellen: Die Wirtschaft der ölexportierenden Länder ist in jedem Fall von den Exporterlösen abhängig und ein Schrumpfen dieser Erlöse durch sinkende Ölpreise schrumpft den Währungswert mit. Wohin der plötzliche Preisverfall, der laut Analysten das ganze Jahr 2015 anhalten könnte führt und was dies für die Devisenmärkte und die betreffenden Länder bedeutet, ist noch unklar. Sicher scheint: Der Ölpreisverfall wirkt sich als tektonische Verschiebung auch in der Währungswelt aus. Ausgang? Ungewiss.

PS: Das Ölförderland Norwegen steht übrigens vor einem Überwachungsskandal besonderer Güte...

PPS (18.12.2014): Die Schweizer Notenbank senkt bezugnehmend auf die Währungsturbulenzen die Zinsen im CHF-Währungsraum unter Null Prozent...

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Ölpreisschock: US-Fracking-Aktivitäten brechen um 40% ein

Der seit Juni anhaltende Ölpreis-Einbruch, der jüngst durch das Nicht-Eingreifen der OPEC verstärkt und manifestiert wurde, hat in den USA bereits zu einem Zurückfahren der Fracking-Aktivitäten geführt. Wie Reuters bezugnehmend auf Drilling Info Inc berichtet, sank die Zahl neuer Bohrungen von 7227 in Oktober auf 4520 im November - ein Rückgang um 40% binnen eines Monats. Zwar sind dabei auch witterungsbedingte Rückgänge enthalten, offensichtlich wird der starke Rückgang aber auch von einer zurückgehenden Investitionsneigung getrieben.

Wie Leser dieser Webseite wissen, ist die Besonderheit von Fracking-Ergebnissen in einer stark veränderten Förderkurve abzulesen. Demnach wird in den ersten Tagen die höchste Fördergeschwindigkeit erzielt, die dann stark absinkt:

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Um eine dauerhafte Öl- oder Gasernte zu erzielen, müssen alte Bohrungen darum regelmäßig durch neue Bohrungen ersetzt werden. Passiert dies nicht, würde die Gesamtförderung ähnlich schnell zurückschrumpfen wie die Erntemengen einer einzelnen Bohrung. Da bei wachsendem Gesamtoutput deshalb auch die Zahl der Ersatzbohrungen mitwachsen muss, ergibt sich daraus der "Red-Queen-Effekt": Die rote Königin erklärt Alice im Wunderland, dass sie dort immer schneller laufen müsse, nur um am gleichen Fleck zu bleiben. Bezogen auf Fracking besagt dieser Effekt: Wächst die Zahl der Bohrungen nicht mehr angemessen, schrumpft die Öl- und Gasernte recht schnell zusammen.

Da im Öl- und Gasförderprozess verzögernde Faktoren enthalten sind, wie die Ölernte also nicht sofort spürbar abnehmen, aber vermutlich in den kommenden Monaten und dann braucht das System wieder Zeit, um die Bohrungsaktivität wieder anzufahren. Die Folgen des Ölpreisschocks sind also schon sichtbar: Die USA werden ihre Ölförderung in 2015 vermutlich nicht mehr steigern können, möglicherweise geht die Ölförderung bereits zurück.

Das allerdings bedeutet mit großer Wahrscheinlichkeit das Erreichen des globalen Ölfördergipfels. Denn nur Nordamerika trugen in den Jahren seit 2005 überhaupt eine Steigerung der globalen Ölförderung bei. Ohne Berücksichtigung der USA und Kanada ist die Welt bereits seit 9 Jahren auf dem Ölfördergipfel:

welt-oelforderung-bis-2013

Der Ölpreisschock entzieht dem US-Fracking offenbar die ökonomische Grundlage; und der Welt den letzten verbliebenen Wachstumstreiber der Ölversorgung.

Weitergehend:

Rückblick:

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Russland: Steuerpläne ziehen russischen Peak Oil vor

Am Dienstag, parallel zu einem ergebnislosen Treffen von Russland, Venezuela, Saudi-Arabien und Mexiko in Wien, unterzeichnete der russische Präsident Putin ein Gesetz zur Änderung der Steuer- und Zollbestimmungen für Erdöl und Ölprodukte. Das Gesetz wurde seit längerem diskutiert und hat großen Widerstand aus den Reihen der großen Ölfirmen hervorgerufen - sogar von Rosnefts Chef Igor Setchin, der Putin sehr nahe stehen soll. Im Ergebnis senkt der russische Staat die Ausfuhrzölle auf Öl und Ölprodukte, während er zugleich die Steuern auf gefördertes Erdöl anhebt. Laut Reuters steigt die sogenannte "mineral extraction tax" (MET) von derzeit 493 Rubel pro Tonne auf 765 Rubel in 2015, 856 in 2016 und 918 in 2017. Die sinkenden Ausfuhrzölle auf Rohöl und Ölprodukte sollen einen Anreiz zum Export setzen und durch ihre Staffelung dazu beitragen, dass die Raffinerieindustrie in Russland wächst. OilPrice.com verweist darauf, dass die Konzentration an Raffinerie-Firmen dadurch weiter zunehmen könnte, da kleine Firmen durch die absehbar steigenden Beschaffungskosten unwirtschaftlicher arbeiten werden. (mehr …)

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Trifft Russland Venezuela auf dem Weg zu einer zweiten OPEC?

Am 16. Juni hielt der (aus Libyen stammende) OPEC-Generalsekretär Abdalla S. El-Badri auf dem 21. Welt-Petroleum-Kongress in Moskau eine bemerkenswerte Eröffnungsrede, in der er die Stabilität der Ölmärkte als gemeinsames Ziel aller versammelten Akteure beschwor: Ölverbraucher wie Ölproduzenten, OPEC-Mitglieder und Nicht-OPEC-Mitglieder, auch das von Gastgeber Russland. Er sagte:

Unser Augenmerk sollte darauf liegen, Marktstabilität beizubehalten. Das war zentral für die OPEC-Entscheidung der letzten Woche, die OPEC-Ölförderung auf dem Niveau von 30 Millionen Barrel täglich zu belassen. Das ist, was vom Markt benötigt wird. Wir sehen heute einen ausgeglichenen und stabilen Ölmarkt.

Und wenn wir auf die Marktindikatoren schauen, erwarten wir dies auch für den Rest von 2014. Es gibt ein gleichbleibendes Nachfragewachstum und genug Angebot es zu decken; sowohl mit Vorräten wie auch freien Förderkapazitäten auf komfortablem Niveau.

Stabilität ist zentral für alles, was wir tun. Es ist das Anliegen, das uns alle verbindet. Und dies wird am besten erreicht, wenn alle Interessentsgruppen einander besser verstehen durch verstärkten Dialog und Kooperation. Ich bin sicher, dies wird sich im Laufe der Kongresswoche zeigen.

Wenige Tage nach dieser Rede begann der jüngste Ölpreiskollaps, der den Ölpreis von damals 115 US$ binnen 5 Monaten auf unter 80 US$ fallen ließ.

Irgendwas passt nicht zusammen.

Lücken im Kartell

Der deutsche Staat hält sich ein Bundeskartellamt, zu dessen Aufgaben es gehört, das Kartellverbot hierzulande durchzusetzen:

Koordinieren Wettbewerber untereinander ihr Verhalten auf einem Markt, um dadurch den Wettbewerb einzuschränken oder auszuschalten, spricht man von einem Kartell. [...] Kartellabsprachen führen regelmäßig zu überhöhten Preisen bei sinkender Produktqualität.

Die OPEC ist ein offen geführtes Kartell: Jeder weiß, dass es existiert und dass seine Mitglieder das Ziel verfolgen, möglichst hohe Erlöse für sich durch Koordination der Ölförderung einzustreichen. Zudem hat dieses Kartell globale Bedeutung, erkennbar am gehandelten Stoff (Öl), der weltweit benötigt wird, aber auch daran, dass nicht einzelne Firmen, sondern mehrere Staaten ihre Interessen in diesem Gremium vertreten. Derzeit sind dies die Gründungsmitglieder von 1960 Irak, Iran, Saudi Arabien, Kuwait und Venezuela, sowie Katar, Libyen, Algerien, Nigeria, Angola, Equador und die Vereinigten Arabischen Emirate. Den größten Erfolg hatte das Kartell in den 1970ern, als es die ersten zwei großen Ölkrisen dadurch auslöste, dass es seinen Marktanteil von 55% zu passablen Preissteigerungen anbot.

Allerdings zeigt die Geschichte wie auch die aktuelle Situation, dass keineswegs alle OPEC-Mitglieder in jedem Fall dieselben Interessen teilen. Man erinnere sich nur an den Überfall von Saddam Husseins Irak auf den Nachbarstaat Kuwait anno 1990 oder den aktuell laufenden Stellvertreterkrieg zwischen dem sunnitisch dominierten Saudi-Arabien und dem schiitisch dominierten Iran in Syrien. Jeweils standen und stehen sich Länder feindlich gegenüber, die als OPEC-Mitglieder gemeinsame Sache machen.

Lücken in der US-Weltverschwörung

Der aktuelle Medien-Konsens besteht weitgehend darin, dass der Ölpreisverfall durch Saudi-Arabien ausgelöst wird. Wahlweise versucht das Land dadurch seine Marktanteile zu sichern oder politischen Einfluss auf andere Länder zu nehmen. Dem US-Fracking-Erfolg wird die zweite Komponente zugeschrieben, doch ist auch hier die Interessenlage alles andere als eindeutig: Einerseits bringt der niedrige Ölpreis dem ölsüchtigen US-Konsumenten Spielraum in die Brieftasche, andererseits torpediert der Ölpreis das Geschäftsmodell der Fracking-Firmen und beschädigt so auf Dauer die frisch gewonnenen Eigenversorgungsmöglichkeiten der USA. Dies gilt jedenfalls dann, wenn die oftmals berichteten Förderkosten von 60-80 US$ pro Barrel für das US-Fracking stimmen. Fraglich ist hierbei jedoch, wie das tatsächliche Interesse Saudi-Arabiens aussieht. Denn regelmäßig gilt die ultraorthodoxe Monarchie als enger Verbündeter der USA - klingt es daher logisch, dass ausgerechnet die Saudis die US-Fracking-Industrie mit einer teuren Preiskampagne angreifen wollen?

Doch der Ölpreis hat auch außerhalb von rein wirtschaftlichen Fragen Relevanz: Er wird sehr schnell politisch. Einerseits setzt der Ölpreiskollaps mindestens drei globale Konkurrenten der USA unter Druck: Venezuela, Iran und Russland. Russland läßt verlauten, dass es vermutet, dass der Ölpreiseinbruch auf eine Kooperation von Saudi-Arabien und den USA zurückgeht. Andererseits treibt dieser Druck die betroffenen Länder dazu, sich nach neuen Kooperationen umzuschauen. Was wäre denn, wenn Russland Mitglied der OPEC würde und seine Preisinteressen gemeinsam mit anderen ölexportierenden Staaten durchsetzen würde? Immerhin denkt man laut Russlands Energieminister Alexander Novak in Russland über eine Kürzung der Ölförderung nach. Oder wenn Russland eine "zweite OPEC" begründet und sich mit einzelnen Ländern über Förderquoten verständigt? Sollten solche Kooperationen gelingen, entstünde möglicherweise ein Konstrukt, das dem us-amerikanischen Lifestyle nicht gerade zuträglich ist.

Doch genau dafür gibt es Signale, die ihren vorläufigen Höhepunkt in der kommenden Woche finden könnten, denn am Donnerstag, den 27.11.2014 trifft sich erneut die OPEC in Wien - mit Russland ganz in der Nähe.

Öldiplomatie in vollem Gange

Venezuela, Russland und Iran sind aufgrund ihrer großen Abhängigkeit von Verkaufserlösen die großen Verlierer des aktuellen Ölpreiseinbruchs. Die diplomatischen Bemühungen laufen daher bereits vor dem OPEC-Treffen auf Hochtouren. Bloomberg berichtet, dass Venezuelas Präsident Nicolas Maduro sich um Kooperation mit Nicht-OPEC-Mitgliedern bemüht. Der venezuelanische Außenminister traf deshalb sechs Energieminister, darunter den russischen Energieminister Alexander Novak. Ein weiteres Treffen dieser Art ist kommenden Dienstag angesetzt, zwei Tage bevor die OPEC zu ihrem Treffen zusammenkommt. Und es wurde auf Drängen von Venezuela von Caracas nach Wien verlegt, so dass alle wichtigen Akteure sich in derselben Woche in der österreichischen Hauptstadt einfinden.

Ganz offenbar ist die Öldiplomatie in vollem Gange. Venezuela scheint nach Kooperationspartnern außerhalb der OPEC zu suchen, um beim OPEC-Treffen mit vergrößerter Macht seine Position deutlich zu machen. Und die kann aus Venezuelas Sicht nur lauten: Ölförderung drosseln, um den Ölpreis über die (inzwischen) gewohnten 100-US$-Grenze zu heben. Diesen Wunsch dürfte auch Russland teilen, welches zur Stabilisierung des Staatshaushalts eher 120 als 100 US$ braucht (siehe: Telepolis: Warum der Benzinpreis nicht sinken darf). Auch Igor Setchin, Chef von Rosneft und Vertrauter Putins, wird Wien besuchen.

Signale einer engeren Kooperation zwischen Russland und dem Kartell gab es beispielsweise auch 2011. Katars Ölminister hätte Russland gern in der OPEC gesehen, auch wenn er die Chance dafür gering einschätzte. Auch Saudi-Arabien hat über den damaligen Geheimdienstchef Bandar bin Sultan Russland im Sommer 2013 wohl eine OPEC-Mitgliedschaft angeboten. Allerdings wurde das damalige Zusammentreffen von Bandar und Putin sehr seltsam kommentiert. Von einem "Geheimdeal" war die Rede, der Preis- und Mengenabsprachen zur Ölförderung vorsah. Nichts, was die US-Politik gern sehen würde. Die Meldung wurde damals aus russischen Quellen lanciert und bekommt einen schalen Beigeschmack, wenn man sie damit verbindet, dass Bandar bin Sultan im April 2014 der Geheimdienstposten entzogen wurde. Hauptzweck des Gesprächs zwischen Bandar und Putin war zu diese Zeitpunkt wohl, die Unterstützung Russlands für den syrischen Staatschef Assad zu kappen. Zum Zeitpunkt des Treffens stellte sich Russland demonstrativ an die Seite Assads, der als letzter Verbündeter aus postsowjetischen Zeiten im arabischen Raum übriggeblieben ist. Letztlich scheiterte an Russlands Haltung ein konsequentes Vorgehen der USA gegen die syrische Staatsmacht, mit dem Effekt, dass Syrien heute in Teilen an die ISIS-Extremisten gefallen ist und sich zu einem "failed state" mit einem Flüchtlingsproblem entwickelte, das inzwischen bis nach Deutschland reicht.

Öl, Geld und Politik: Russland unter Druck

Der Preisverfall setzt Russland massiv unter Druck. Gut möglich, dass eine abgestimmte saudi-amerikanische Ölpolitik den Preisverfall hervorrief, mit dem Russland gefügig gemacht werden soll. Wenn Putin Assad fallen läßt und sich von Sanktionen und drohenden Finanz- und Wirtschaftsproblemen auch bezüglich der Ukraine verhandlungsbereit zeigt, könnte der Ölpreis sich vielleicht schneller erholen, als man denkt. Aus politischen, nicht aus wirtschaftlichen Gründen. Allerdings könnte die aktuelle Situation auch zu neuen, ungewohnten Konstellationen führen. Wenn der weltgröße Ölexporteur Saudi-Arabien mit dem weltgrößten Ölverbraucher USA gemeinsame Sache macht und die Interessen der anderen OPEC-Mitglieder hintergeht, könnte es (mal wieder) zu hitzigen Diskussionen in Wien führen. Wenn parallel Russland mit unzufriedenen OPEC-Mitgliedern Kooperationsgespräche führt, könnten neue Allianzen entstehen. Politik ist manchmal ein überraschungsreiches Geschäft.

Es wäre interessant zu wissen, was im Juni auf dem Welt-Petroleum-Kongress in Moskau hinter den Kulissen besprochen worden ist.

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Lobbyismus + Kopenhagener Erklärung: Europas Geologen fordern Wissenschaftlichkeit

Bei einem Treffen der Direktoren der Europäischen Geologischen Dienste der Nordatlantikgruppe (NAG) im September in Kopenhagen entstand ein gemeinsamer Text, die "Kopenhagener Erklärung". Darin äußern die Direktoren ihre Sorge über "irreführende Medienmeldungen über die Erkundung und Gewinnung von mineralischen und Energie-Rohstoffen" und verweisen auf die Möglichkeit, dass die geologischen Dienste von den Regierungen übergangen werde und so die Chance vermindert wird, "objektiv und interessensneutral über Abschätzungen von Schiefergas- und anderen Georessourcen zu informieren".

Auf Nachfrage bei der Bundesagentur für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR), was Anlass für diese Erklärung gewesen sei, schrieb man mir:

Die Direktoren der Geologischen Dienste sind besorgt über irreführende Medienmeldungen über die Erkundung und Gewinnung von mineralischen und Energie-Rohstoffen. Häufig werden wissenschaftliche Ergebnisse und Schlussfolgerungen bei der Berichterstattung ignoriert. Dies kann, wenn verschiedene Meldungen nicht reflektiert werden, durchaus zu nachteiligen Entscheidungen für die Gesellschaft führen.

Ein Beispiel für eine „irreführende Berichterstattung“ ist der Film Gasland. In diesem preisgekrönten Dokumentarfilm von Josh Fox wird ein brennender Wasserhahn gezeigt. Dieser Wasserhahn wird in Verbindung mit der Förderung von Erdgas durch die Fracking-Technologie gesetzt. Dieser Zusammenhang besteht jedoch nicht. Das hat mittlerweile auch der Regisseur zugegeben. Unter folgendem Link finden Sie die Dokumentation „FrackNation“. Sie beleuchtet diese und andere Falschdarstellungen. Auch die NDR-Sendung „Angst vor Fracking“ (Panorama 3- Die Reporter) verdeutlicht die Problematik und zeigt, welche Folgen falsche Darstellungen und Wahrnehmungen erzeugen können.

Das BGR verweist in seiner Antwort zudem auf die Diskussion mit dem Umweltbundesamt (UBA). Im öffentlichen Diskussionsprozess um die Fracking-Frage haben beide Bundesbehörden in den vergangenen Jahren teils unterschiedliche Schlußfolgerungen aus ihren Erkenntnissprozessen gezogen.

Es ist zu begrüßen, dass die BGR und die verbundenen europäischen Geologischen Dienste auf ihre Kompetenz hinweisen und Lobby-Kampagnen Fachwissen entgegensetzen. Jüngst verwies die Organisation Lobbycontrol auf eine Veröffentlichung der New York Times, der ein Mitschnitt eines Vortrags des US-Lobbyisten Rick Berman zugespielt wurde. Dieser riet Vertretern der Öl- und Gasindustrie im Juni 2014 zu "schmutzigen" Lobbymethoden in der Bekämpfung ihrer Gegner und stellte zugleich eine Kampagne namens "Big Green Radicals” seiner PR-Agentur vor.

Lobbyismus und Einflussnahme ist im milliardenschweren Öl- und Gasgeschäft keine Seltenheit. Im Februar 2013 lobbyierten deutsche Öl- und Gasfirmen für Fracking per Briefkampagne bei den deutschen IHK. Der Matt-Damon-Film "Promised Land", der die Auseinandersetzung von Landkäufern im Auftrag einer Fracking-Firma und den Bewohnern einer US-Kleinstadt thematisiert, wurde wegen der Unterstützung durch einen Filmfonds des weltdrittgrößten Ölexporteurs Vereinigte Arabische Emirate kritisiert. Auch ihn könnte man als Lobbyarbeit ansehen, insbesondere da er nur wenig handfest das Fracking selbst thematisiert, sondern eher die durchaus fragwürdigen Geschäftsmethoden der Ölindustrie ins Licht rückt.

Lobbyarbeit im Sinne eines gezielten Einflusses auf die öffentliche Meinung und Entscheidungsträger ist in einer offenen Gesellschaft kaum vermeidbar. Für den interessierten Bürger ist die durch unlautere Methoden angerichtete Verwirrung (statt der Suche nach möglichst objektiven Abwägungen) jedoch mindestens abschreckend. Im ungleichen Kampf der Budgets haben Industrievertreter meist den längeren Arm gegenüber nichtmonetär ausgerichteten Umweltorganisationen. Unklar ist, inwieweit irreführende Medienberichterstattung durch Dummheit oder Absicht zustande kommt, so wie im heutigen Handelsblatt-Artikel zum Thema Fracking, in dem wieder zu lesen ist:

Die USA haben den Schritt gewagt und sich von Energieimporten weitgehend unabhängig gemacht.

Eine Aussage, für die die Direktoren der Europäischen Geologischen Dienste der Nordatlantikgruppe sicherlich zur Richtigstellung bereit wären: Aber danach hat das Handelsblatt den im Artikel zitierten BGR-Präsidenten Hans-Joachim Kümpel offenbar nicht gefragt. Trotz Fracking importieren die USA immer noch 4,7 Millionen Barrel Erdöl täglich. Das ist zwar fast eine Halbierung binnen 5 Jahren, und dennoch (nach China) das zweitgrößte Importvolumen eines einzelnen Landes.

 

Lesetip:

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