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Ölpreisverfall: Billionen-Risiko und kollabierende Nordseeölindustrie

Goldman Sachs hat 400 zukünftige Großprojekte zur Ölförderung untersucht, ob diese bei einem Ölpreis von 70 US$ noch profitabel sind. Weniger als ein Drittel dieser Projekte sind noch profitabel, Projekte im Gesamtwert von 930 Milliarden US$ sind es nicht mehr. Mithin besteht das Risiko, dass diese Investments mehr kosten als ihre Ölförderung einbringt. Diese Projekte stehen für eine Ölförderung 7,5 Millionen Barrel Öl pro Tag im Jahr 2025. Ihr Platzen würde also eine enorme Menge Zukunftsöl vom Markt nehmen.

Hinzu kommt, dass der aktuelle Ölpreis schon 10 Dollar unter der Analyse-Grenze von Goldman Sachs liegt und somit noch mehr Projekte betroffen wären. Auch sind die Tight-Oil und Schiefergas-Gebiete in den USA noch nicht in diese Analyse einbezogen - vermutlich weil sie aus vielen kleinen Projekte bestehen und nicht als ein Großes. Die Gerüchte, der Fracking-Boom der USA basiere auf inzwischen faulen Krediten, halten sich hartnäckig und könnten, die Vorstufe zu einer neuen Finanzkrise darstellen. Bloomberg zitiert den Energieminister der Vereinigten Arabischen Emirate damit, dass die OPEC erst eingreifen würde, wenn der Ölpreis unter 40 US$ sinkt.

Für 2015 stehen laut Bloomberg in den Ölfirmen Investitionsentscheidungen für 800 Projekte in Höhe von 500 Milliarden US$ an. Das aktuelle Preisniveau dürfte starken Einfluss darauf haben, ob die Entscheidungen zugunsten oder zuungunsten der Projekte ausfallen. Je länger das aktuelle Ölpreisniveau anhalte, umso mehr der "Zombie-Projekte" würden aufs Abstellgleis geschoben und damit könnte der anschließende Ölpreis-Anstieg umso rasanter ausfallen, warnt Bloomberg.

Dazu passt ein Bericht der BBC, nach welchem in der Nordsee beim aktuellen Ölpreis kein einziges neues Ölförderprojekt mehr profitabel wäre. Die Budgets in den aktiven Firmen würden für 2015 zurückgefahren, Personal entlassen, Projekte stillgelegt. ConocoPhillips entlässt in Großbritannien 230 von 1650 Arbeitern und kündigt eine Kürzung des Investitionskapitals um 20% für 2015 an. Goldman Sachs zufolge wäre eine Kürzung von 30% der Investitionsbudgets quer durch die Branche denkbar. Der Nordsee-Förderer Apache kürzt das Gehalt der Mitarbeiter ab 1. Januar um 10%.

Die Entwicklung widerspricht völlig den Szenarien der Internationalen Energieagentur, wonach in den kommenden Jahren jährlich 900 Milliarden US$ in neue Öl- und Gas-Investments gesteckt werden müßten, um das Förderniveau aufrecht zu erhalten. Allerdings hat die IEA auch schon andere prophetische Aussagen gemacht, so 2011, als sie vor einer Ölkrise ab 2015 warnte, wenn nicht genügend Investitionen fließen würden. Die Situation in der Nordsee bedroht zudem die sowieso schon wacklige europäische Ölversorgung. Der europäische Selbstversorgungsgrad mit Öl schrumpfte 2013 auf 26,5% auf das Niveau von 1982. Seitdem die Nordsee-Förderung 1996 ihren Peak erreichte schrumpft Europas Ölförderung seit 2002 um 4 bis 7% pro Jahr. Der Ölpreisverfall könnte die Entwicklung beschleunigen.

Jeden, der sich auch nur ein wenig mit Marktmechanismen auskennt, sollte dieser extreme Preiseinbruch beunruhigen.
Manche Ökonomen, die nun über das tolle “Konjunkturprogramm” und den Sieg über Öl-Oligarchen und Scheichs jubeln, kommen mir vor wie manche Urlauber in den Weihnachtsferien 2004 auf Phuket, die sich darüber freuten, wie herrlich breit plötzlich der Strand wurde und wie die Fische auf dem freigelegten Meeresgrund zappelten…
Ein Kommentator

Leider haben Politik, Behörden und die meisten Unternehmen diese Entwicklung weiterhin auf der leichten Schulter, obwohl sich hier ein Doppelrisiko aus Finanz- und Energiekrise auftürmt. Eine Peak-Oil-Strategie wird in den meisten Institutionen weiterhin nicht oder nicht angemessen diskutiert.

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Ölpreisschock: US-Fracking-Aktivitäten brechen um 40% ein

Der seit Juni anhaltende Ölpreis-Einbruch, der jüngst durch das Nicht-Eingreifen der OPEC verstärkt und manifestiert wurde, hat in den USA bereits zu einem Zurückfahren der Fracking-Aktivitäten geführt. Wie Reuters bezugnehmend auf Drilling Info Inc berichtet, sank die Zahl neuer Bohrungen von 7227 in Oktober auf 4520 im November - ein Rückgang um 40% binnen eines Monats. Zwar sind dabei auch witterungsbedingte Rückgänge enthalten, offensichtlich wird der starke Rückgang aber auch von einer zurückgehenden Investitionsneigung getrieben.

Wie Leser dieser Webseite wissen, ist die Besonderheit von Fracking-Ergebnissen in einer stark veränderten Förderkurve abzulesen. Demnach wird in den ersten Tagen die höchste Fördergeschwindigkeit erzielt, die dann stark absinkt:

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Um eine dauerhafte Öl- oder Gasernte zu erzielen, müssen alte Bohrungen darum regelmäßig durch neue Bohrungen ersetzt werden. Passiert dies nicht, würde die Gesamtförderung ähnlich schnell zurückschrumpfen wie die Erntemengen einer einzelnen Bohrung. Da bei wachsendem Gesamtoutput deshalb auch die Zahl der Ersatzbohrungen mitwachsen muss, ergibt sich daraus der "Red-Queen-Effekt": Die rote Königin erklärt Alice im Wunderland, dass sie dort immer schneller laufen müsse, nur um am gleichen Fleck zu bleiben. Bezogen auf Fracking besagt dieser Effekt: Wächst die Zahl der Bohrungen nicht mehr angemessen, schrumpft die Öl- und Gasernte recht schnell zusammen.

Da im Öl- und Gasförderprozess verzögernde Faktoren enthalten sind, wie die Ölernte also nicht sofort spürbar abnehmen, aber vermutlich in den kommenden Monaten und dann braucht das System wieder Zeit, um die Bohrungsaktivität wieder anzufahren. Die Folgen des Ölpreisschocks sind also schon sichtbar: Die USA werden ihre Ölförderung in 2015 vermutlich nicht mehr steigern können, möglicherweise geht die Ölförderung bereits zurück.

Das allerdings bedeutet mit großer Wahrscheinlichkeit das Erreichen des globalen Ölfördergipfels. Denn nur Nordamerika trugen in den Jahren seit 2005 überhaupt eine Steigerung der globalen Ölförderung bei. Ohne Berücksichtigung der USA und Kanada ist die Welt bereits seit 9 Jahren auf dem Ölfördergipfel:

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Der Ölpreisschock entzieht dem US-Fracking offenbar die ökonomische Grundlage; und der Welt den letzten verbliebenen Wachstumstreiber der Ölversorgung.

Weitergehend:

Rückblick:

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Rosneft-Chef Setchin: Welt-Organisationen sind wenig wirksam; Ölpreisziel bei 60 US$

In einem ausführlichen Interview mit der WELT stellt der Igor Setchin, Chef des größten russischen Ölkonzerns Rosneft, den globalen Organisationen für Energie und Handel ein sehr schlechtes Zeugnis aus:

Man muss eingestehen, dass die bestehenden Branchenstrukturen wie die Internationale Energieagentur oder das Sekretariat der Energiecharta leider ihre Funktion nicht erfüllt haben. Sie haben keine Vorschläge, Empfehlungen oder Mechanismen ausgearbeitet, um Spannungen auf dem Energiemarkt zu beseitigen. Schon fünf Monate lang fällt der Ölpreis.

Der aktuelle Preisverfall, dem das zerstrittene OPEC-Kartell nicht durch Förderkürzungen entgegen treten will, würde laut Setchin den Ölpreis in 2015 auf 60 US$ senken. Für das laufende Geschäft sei Rosneft dennoch ausreichend gewappnet, auch wenn Setchin dann Investitionen "in gewisse teure Projekte verschieben" muss. Laut Setschin hat der aktuelle Ölpreisverfall auf Russland weniger Auswirkungen als die Sanktionen im Zuge des Ukraine-Krieges, bei der russischen Energiekonzernen der Zugang zum westlichen Kapitalmarkt und zu westlicher Technologie erschwert ist.

Setchin äußert sich verwundert darüber, warum die Welthandelsorganisation WTO nicht im aktuellen Konflikt eingeschaltet wird, immerhin handelt es sich um ein Preisdumping, welches bei anderen Gelegenheiten die WTO auf den Plan rief. Die Eigeninteressen jedes Landes respektierend schlägt der Rosneft-Chef die Bildung eines "Rates für den Ölmarkt" vor:

Ich denke, erfolgreiche Aussicht haben nicht die Kartellorganisationen, sondern die Schaffung eines Rates für den Markt, wobei sowohl Ölproduzenten wie auch -konsumenten involviert sein müssten. Dann könnten Koordinationen stattfinden, man könnte ein genaues Verständnis des Ausgleichs zwischen Verbrauch und Produktion bekommen.

Dieser Vorschlag könnte im Zusammenhang mit einem absehbaren Ölförderrückgang und starken Ölpreisschwankungen zu einer konzertierten und koordinierten Aktivität der Weltgesellschaft führen. Statt den Rückgang der Ölförderung in einigen Jahren unkontrolliert ablaufen zu lassen, könnte eine Abstimmung der Ölförderer und der Ölverbraucher größere Verwerfungen vermeiden helfen. Gefragt, was die Ursache für den aktuellen drastischen Preisverfall sei, antwortet der Ölkonzernchef:

Ein gewisses Überangebot. Auch haben die USA aufgehört, den Dollar-Kurs stabil zu halten, was laut unseren Experten für 40 Prozent des Ölpreisverfalls verantwortlich ist. Ein dritter Faktor betrifft den regionalen Markt in den USA – und zwar die Fördersteigerung bei Shale-Öl. Diese Förderung wird weiter steigen. Aber praktisch alle Experten sind sich einig, dass von 2017 bis 2025 die höchste Fördermenge erreicht ist. Nach 2025 beginnt sie zu sinken – und zwar wegen der Ressourcenbasis, soweit sie uns heute bekannt ist. Im Moment verstärkt die US-Förderung den Preisverfall, künftig aber wird die zurückgehende Produktion den Preis treiben.

Offenbar hat Rosneft bereits am Dienstag eine homöopathische Fördersenkung um 25.000 Barrel pro Tag verkündet. Im WELT-Interview verweist Setschin darauf, dass es technisch möglich sei, die russische Förderung um weitere 200.000 bis 300.000 Barrel täglich zu senken. Einen Einfluss auf den globalen Ölpreis dürfte dies kaum haben, als Signal an die pipelinegebundenen Ölkunden Russlands darf es dennoch verstanden werden.

Weiterlesen:

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Presseschau November 2014

Lange Schreib-Pausen deuten darauf hin, dass ja eigentlich alles gesagt ist.

Neuigkeiten:

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Auferstehung einer Meldung II: Focus Money entdeckt Australiens Saudi Arabien

Medienkritik wird seit der Ukraine-Krise lauter. Ein Glanzstück schlechten journalistischen Handwerks liefert FOCUS MONEY. Unter dem Titel Ein "neues Saudi Arabien": Das Märchen vom Ende des Ölbooms liefert ein anonymer Autor "die Wahrheit" über Peak Oil und die weltweite Ölversorgung:

Angeblich geht die Ölförderung schon seit 1970 stetig zurück. Doch die Wahrheit sieht anders aus. Für Panikmache besteht kein Grund. FOCUS-MONEY erklärt, warum die Ölvorräte gehen noch lange nicht zur Neige gehen.

Als Argument dafür, dass Diskussionen um Peak Oil nichts anderes als Panikmache seien, werden die Fracking-Erfolge in den USA seit 2005 herangezogen und als einziger Chart ebenfalls die US-Ölförderung gezeigt. Der Niedergang der europäischen Ölförderung seit 2002, die Stagnation der Weltölförderung außerhalb Nordamerikas seit 2005, die Vervielfachung des Ölpreises seit 2003 und viele weitere bedenkenswerte Risiken rund um die Ölfrage werden nicht angesprochen. Stattdessen darf der anonyme Autor die abiotische Entstehung von Erdöl suggieren und dies mit dem kindischen Verweis auf "Dinosaurier" als fossile Quelle begründen:

Bemerkenswert aber war, dass Hubbert von der Annahme ausging, Öl sei ein fossilier Brennstoff, eine biologische Substanz aus Überresten von Dinosauriern, Algen, Bäumen und anderen Lebensformen aus der Zeit vor 500 Millionen Jahren. So unwissenschaftlich der Öl-Mann die Theorie des fossilen Ursprungs untermauerte, so unprofessionell schien seine Schätzung der verbleibenden (förderbaren) Ölreserven in den USA.

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Gegenläufig: Siemens steigt ins Fracking ein, Familie Rockefeller steigt aus

675.000 Menschen gingen gestern in New York, Kathmandu, Berlin, Delhi, Paris und anderen Städten auf die Straße, um für den Ausstieg aus dem fossilen Zeitalter zu demonstrieren. Ein neuer "Klimagipfel" soll auf politischer Ebene die Frage klären, wie wir binnen 30 Jahren die Umwandlung von Kohlenwasserstoffen in Kohlendioxid auf Null fahren - das ist die Zielstellung, die im SPIEGEL formuliert wird, um das Ziel einer 2-Grad-Begrenzung der globalen Durchschnittstemperaturen einzuhalten. Um 5% pro Jahr müßten die Emissionen an CO2 (und damit der Verbrauch von Kohle, Öl und Gas) pro Jahr sinken, um das zu erreichen. 6 bis 7% sind es derzeit, um die die europäische Ölförderung jährlich schrumpft. Der Ölverbrauch sinkt bislang bei weitem nicht so schnell.

Unter der Überschrift "Siemens will am Fracking verdienen" berichtet N-TV von der Übernahme des us-amerikanischen Kompressoren- und Turbinen-Herstellers Dresser-Rand. 6 Milliarden US-Dollar investiert der neue Siemens-Chef Joe Kaeser in den Maschinenbauer, der Siemens den Zugang zur Öl- und Gasbranche sichern soll. Außerdem verpflichtet Siemens die Shell-Managerin Lisa Davis und verlegt den Sitz der Energiesparte ins Herz des Öl-Staates Texas: Nach Houston. Bemerkenswert ist, dass N-TV den Artikel mit einem Verweis auf die Nicht-Nachhaltigkeit der Siemens-Strategie enden läßt:

Doch nachhaltig ist der Fracking-Boom kaum: Schon jetzt gehen durch das Überangebot in den USA die Gaspreise in den Keller. Im Jahr 2030 wird die US-Ölproduktion ihren Zenit wieder überschritten haben, schätzt die IEA.

Während Siemens einsteigt, steigt die Rockefeller-Familie aus: Sie tritt der Divestment-Bewegung bei, die Investments aus der fossilen Energietechnik abzieht. Zwar sind die paar hundert Millionen US-Dollar, die der Familien-Fonds verwaltet im Vergleich zum Billionengeschäft mit Öl, Gas und Kohle gering, aber die symbolische Botschaft ist doch bemerkenswert. Schließlich war es Öl, das John D. Rockefeller zum damals reichsten Mann der Welt machte. Symbolträchtig zudem der Zeitpunkt: Parallel zu weltweiten Klimaschutzdemonstrationen und einem außerordentlichen Klimagipfel dürfte der Schritt Gehör finden.

Parallel aber läuft das Business-as-usual weiter. Hohe Ölpreise machen alte Lagerstätten wieder wirtschaftlich. Beglückter Leidtragender: Das Allgäu. Dort gibt es jetzt neue Probebohrungen.

(Dank an Inez & Frank)

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Gazprom drosselt Gaslieferungen in die EU. Rianovosti spricht von “Sanktionskrieg”

Heute sollen neue EU/US-Sanktionen gegen Russland in Kraft treten und seit Wochenbeginn sind die Gaszuflüsse nach Polen geschrumpft. Inzwischen melden auch die Slowakei und Österreich einen Abfall des Drucks in den Gasleitungen aus Osten. Bislang war unklar, an welcher Stelle die Gaslieferungen geschrumpft werden: Gazprom meldet "Der Export nach Polen läuft ohne irgendwelche Änderungen – in den gleichen Mengen wie auch an den vorangegangenen Tagen – 23 Millionen Kubikmeter pro Tag". Diese Formulierung vom gestrigen 11.09.2014 läßt im Unklaren, auf welche "vorangegangenen Tage" sich die Aussage zitiert. Der RIANOVOSTI-Artikel bemerkt zugleich eine vertragliche Spitzfindigkeit: Nicht die Vertragsmenge, sondern die "angefragte Liefermenge" sei unterschritten worden, so Gazprom. Möglicherweise gibt es vertraglich vereinbarte Mindestmengen, die zur Lieferung anstehen und eine Klausel, die darüber hinausgehende Lieferungen erlaubt. Gazproms Formulierung belegt nun, dass der Konzern die von polnischer Seite angefragten Liefermengen schrumpft. "Dienst nach Vorschrift" nennt man das hierzulande, wenn sich jemand streng an die Vorgaben seines Auftraggebers hält - in diesem Fall an die vertraglich vereinbarten Mengen.

Wahrscheinlich ist, dass die russische Politik den Gaskonzern zur psychologischen Kriegsführung nutzt und die heute von EU/USA erweiterten Sanktionen durch diese mehrfach angekündigte Gasdrosselung entgegentritt. Kurzfristig wird diese Entwicklung nicht zu Engpässen bei der europäischen Gasversorgung führen: Laut GIE sind die europäischen Speicher zu 89,98% gefüllt (Deutschland: 91,5%, Österreich: 94,5%), nur die ebenfalls aufgeführten ukrainischen Speicher sind nur zur Hälfte voll. Das SPIEGEL-ONLINE-Krisenszenario (unten im Artikel) erwartet im Fall eines vollstädigen Gasboykotts sofortige Engpässe in Finnland, nach 3 Monaten auch in Polen und der Türkei und nach 6 Monaten auch im Baltikum, im deutschsprachigen Europa und auf dem Balkan. Von dieser Entwicklung sind wir noch weit entfernt, aber die Sanktionsspirale dreht sich weiter.

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RIANOVOSTI hat dieser Spirale einen griffigen Namen gegeben: Die Rede ist nun von einem Sanktionskrieg. Diverse Artikel auf der Plattform lassen Akteure zu Wort kommen, die die EU/US-Sanktionen als gesetzwidrig und unwirksam darstellen. Und die Grundlagen für eine weitere Verschärfung werden bereits angedeutet: Zitiert wird ein EU-Beamter, der Journalisten gegenüber sagte, der Gassektor werde nicht von weiteren Sanktionen betroffen sein, sondern: "Im Energiebereich wird der Erdölsektor von diesen Maßnahmen betroffen".

Weitere Informationen:

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Peak Oil, Peak Sand, Peak Güterwaggon

Fracking hebt die Nachfrage nach Sand in den USA: Da in jedes Bohrloch tonnenweise Sand gespült wird, um die aufgesprengten Risse offen zu halten. Das Wall Street Journal berichtet, dass der Sandbedarf für Fracking von 2011 bis 2014 sich auf über 40 Millionen Tonnen verdoppelt haben dürfte und 2015 50 Millionen Tonnen betragen soll. Das freut die Sandverkäufer, die allein bis zum Jahresende nochmal mit Preissteigerungen zwischen 5 und 10% rechnen.

Die Firma Pioneer Natural Ressources hat seit einigen Wochen die Erlaubnis, leichtes Fracking-Öl erstmals seit 30 Jahren wieder aus den USA zu exportieren. Die Firma will herausgefunden haben, dass mit mehr Sand im Bohrloch die Ausbeute um bis zu 30% steigen läßt. Die Technik mit noch mehr Sand soll nun bei noch mehr Bohrlöchern eingesetzt werden.

Dieser vom Öl-Boom ausgelöste Sand-Boom zeigt jedoch bereits seine Grenzen. Angeblich liegt die Nachfrage um ein Viertel höher als das Sand-Angebot. Neue Sand-Gruben sollen den Bedarf decken, doch zeigt der WSJ-Artikel die Nebenwirkungen: Sand wird bekanntlich auch zur Glasherstellung benutzt und die Glaser müssen höhere Preise akzeptieren, was letztlich Glasprodukte verteuern wird. Die Gegenbewegungen zum Peak Oil in den USA sorgen also für steigende Preise in vernetzten Branchen. Steigende Preise sind auch im Gütertransport zu erwarten. Der Chef der Firma Preferred Sands meint es könnte schwierig werden, ausreichend viele Güterwaggons für den Transport verfügbar zu machen.

Die Gegenbewegung zum Peak Oil zeigt also seine Nebenwirkungen in der Glasindustrie und im Gütertransport. Steigende Preise freuen zwar die Aktienspekulanten, für die das Wall Street Journal den einen oder anderen Tip bereithält, wer allerdings Glas zukauft oder mit den Sand- und Öltransporteuren um Waggonkapazitäten konkurrieren muss, bekommt die steigenden Kosten ebenfalls zu spüren.

Anderes:

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Algen als Kerosin-Ersatz: Zum Stand der Forschung

Die Deutsche Presse-Agentur (dpa) hat den Zeitungen einen Artikel von Elke Silberer angeboten. Überschrift: "Algen sind das Kerosin der Zukunft". Zur Erinnerung: Kerosin ist der erdölbasierte Treibstoff für Flugzeuge. Er wird in Deutschland im Gegensatz zu Benzin (65,45 Cent pro Liter) und Diesel (47,04 Cent pro Liter) nicht besteuert. Bereits heute ist Kerosin und damit die gesamte Luftfahrtbranche also hochsubventioniert. Preisschwankungen am Rohölmarkt schlagen mangels puffernden Steuern auch regelmäßig auf die Wirtschaftlichkeit der Fluglinien durch.

Die dpa-Journalistin hat ein Forschungszentrum in Jülich besucht, wo aus tausenden Algenarten die wirtschaftlichste gesucht wird: Sie soll möglichst schnell wachsen und möglichst hohe Fett-/Öl-Anteile beinhalten. Die Hoffnung der Forscher: Da Algen im gleichen Zeitraum sieben- bis zehnmal mehr Biomasse heranwachsen lassen als Landpflanzen, erhofft man sich hohe Erträge. Allerdings ist der Stand der Forschung der, dass der aus Algen hergestellte Treibstoff fünf- bis zehnmal so teuer sei wie der heute aus Öl hergestellte. Dabei bleibt der dpa-Artikel ungenau: Er sagt nicht, ob diese Zahl sich auf den Ölpreis bezieht, auf den Herstellungspreis von Kerosin oder auf den durch spürbare Steuersätze teureren Endverkaufspreis von Benzin oder Diesel. So oder so sagt ein fünf- bis zehnfacher Preis aber, dass dieser Weg keiner ist, der von heute auf morgen mal eben Erdöl-Kerosin aus dem Flugverkehr verdrängen kann. Ein fünf- bis zehnmal so hoher Treibstoffpreis für Fluglinien würde nicht nur die Ticketpreise massiv erhöhen, sondern auch so manchen Flug und weitere Flughäfen unwirtschaftlich machen. Mit dem Regionalflughafen Zweibrücken bei Saarbrücken geht dieser Tage grade der nächste Kleinflughafen in die Abwicklung, mit dem Berliner Giga-Projekt BER wird derzeit ja möglicherweise ein gigantisches Infrastrukturgrab ausgehoben. Eine Verfünffachung der Treibstoffkosten würde die Kapazitäten des BER als völlig überdimensioniert dastehen lassen.

Doch nicht nur die Kostenfrage ist in dem dpa-Artikel im Nebensatz versteckt. Auch die Mengenproblematik: Das Jülicher Forschungsprojekt erprobt die Algen-Zucht auf 1500 Quadratmetern und ist damit offenbar das größte europäische Projekt dieser Art. Ein Flugzeug könnte mit der auf dieser Fläche geernteten Jahresmenge grade mal 6 Minuten lang fliegen, sagt der dpa-Artikel. Zum Vergleich: Greenpeace kalkulierte 1997 für einen Flug Frankfurt-New York 78.000 Kilogramm benötigten Treibstoff. Der Flug dauert heute etwa 8 Stunden und 20 Minuten, insgesamt also 500 Minuten, also das 83fache der Jülicher Jahresernte. Demnach müßte man 12,5 Hektar (125.000 qm) ein Jahr lang mit Algenanbau belegen, um einen Flug Frankfurt-New York zu ermöglichen. Und dies eben nicht in einer Freiland-Variante, sondern in laborähnlich aufwändiger Umgebung. Der schlechte Wirkungsgrad der Verbrennungstechnologie läßt grüßen.

Obwohl der Artikel letztlich Vergleiche wie den 6-Minuten-Flugzeit-pro-Jahresernte bringt, wird dem Leser durch die Überschrift suggeriert, Algen würden jenes Kerosin herstellen, mit denen er seinen Urlaubsflug in der Zukunft antreten wird. Dabei sind die zu erwartenden Mengen bei den zu erwartenden Kosten ein krasser Unterschied zur heutigen Situation. Warum man diese aufwändige Forschung trotzdem macht und warum die Bundesbehörden 5,7 Millionen Euro Fördermittel in solch ein Projekt stecken, erklärt der Artikel ebenfalls nicht. Sollten sie es tun, um damit "alternative Kraftstoffe mit besserer CO2-Bilanz in Verkehr zu bringen" (Zitat dpa), so ist das verdammt viel Geld für eine naive Schnapsidee. Ehrlich wäre der Artikel dann, wenn er klarstellt: Wir wissen nicht, womit wir in 20 Jahren unsere Flugzeuge betanken sollen. Und wenn uns da nicht bald was Bahnbrechendes einfällt, wird der extrem energieaufwändige Flugverkehr wohl zu großen Teilen zum Erliegen kommen. Was es bedeutet, wenn Gesellschaften sich auf die ständige Verfügbarkeit internationaler Flugverbindungen verlassen, erleben derzeit die Israelis hautnah. Ulrike Putz schreibt für SPIEGEL ONLINE von einem immensen wirtschaftlichen Schaden, der durch die gekappten Flüge nach Tel Aviv zu erwarten sei.

Nachtrag:

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CDU-Außenpolitiker Polenz fordert Öl-Embargo gegen Russland

Der CDU-Außenpolitiker Ruprecht Polenz wird in der WELT mit der Aussage zitiert:

"Ein Öl-Embargo, das die EU gegen Russland verhängt, wäre eine wirksame Sanktion. Ein solches Embargo würde Russland treffen."

Ein solches Embargo würde jedoch nicht nur Russland hart treffen, sondern ganz Europa. Leider hat Ruprecht Polenz nicht mitgeteilt, wie er die Mengen zu ersetzen gedenkt, die sowohl Deutschland wie auch die gesamte Europäische Union aus Russland beziehen. Etwa ein Drittel des Ölbedarfs stammen aus Russland. Russland ist zudem der zweitgrößte Ölexporteur der Welt mit etwa 4,7 Millionen Barrel täglich und mit über 10 Millionen Barrel täglich der drittgrößte Ölförderer der Welt. Oder glaubt er, Europa könne mal eben auf ein Drittel seiner Ölzuflüsse verzichten?

Öl-Lieferländer-Deutschland-2013

Ein europäisch-amerikanisches Ölembargo gegen Russland hätte extreme Auswirkungen. Kurzfristig würde der Ölpreis explodieren, weil Europa die benötigten Öl-Mengen anderswo in der Welt einkaufen müßte. Da dies praktisch unmöglich ist, würden zudem die verfügbaren Ölmengen schrumpfen, spätestens wenn die strategische Reserve von 90 Tagesrationen in Deutschland aufgebraucht ist. Langfristig würde Russland seine Exportrichtung noch drastischer umorientieren und noch stärker den asiatischen Markt zu Lasten des europäischen Markts beliefern. Europa würde seinen wichtigsten Lieferanten für Treibstoffe verlieren und müßte künftig sehr viel höhere Preise im immer engeren Ölmarkt zahlen.

Ruprecht Polenz kann diese Forderung nicht ernst meinen. Entweder hat er sich als Außenpolitiker mit den Energie-Verflechtungen des eigenen Landes, in dem er "Politik macht" nicht befasst, oder er sieht es als seine Aufgabe, extreme Positionen im USA-EU-Russland-Konflikt gucken zu lassen, anhand derer die "gegnerische Seite" ablesen kann, was im politischen Kontext in Europa noch so angedacht werden kann. Die Stimme von Polenz hat Gewicht: Er war laut wikipedia im Jahr 2000 Generalsekretär der CDU, ist Präsident der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde und von 2005 bis 2013 Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag! Der Jurist war außerdem 10 Jahre lang Präsident der Deutschen Atlantischen Gesellschaft, einem Verein, der im Sinne der NATO Öffentlichkeitsarbeit betreibt. Eigentlich würde man von solch erfahrenen Persönlichkeiten erwarten, dass sie nicht nur über Osteuropa kundig sind, sondern auch über die eigene Verletzlichkeit gegenüber einer Drosselung von Öl- und Gaszuflüssen. Ob der Außenpolitiker die Peak-Oil-Studie der Bundeswehr gelesen hat oder den Peak-Oil-Bericht von Studenten über seine Heimatstadt Münster?

(Dank an Frank)

Nachtrag:

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